Rottenbuch

Ehemaliges Augustiner-Chorherrenstift und Stiftskirche Mariä Geburt

Landschaft    
AppianOberbayern
  Rottenbuch liegt auf einem Plateau über dem tief eingeschnittenen Lauf der Ammer. Der Fluss hat seinen Ursprung bei Ettal. Vor dem Hohenpeissenberg, kurz nach Rottenbuch, knickt die Ammer nach Osten ab. Bei Polling setzt sie ihre alte Richtung fort und erreicht bei Diessen den Ammersee. Ettal, Polling und Diessen sind bekannte Klosterorte. Zu ihnen zählt das nur zwei Wegstunden von Rottenbuch entfernte Kloster Steingaden mit der Wieskirche oder das über den Hohenpeissenberg in fünf Wegstunden erreichbare Kloster Wessobrunn. Rottenbuch liegt in der Mitte des Weges von Ettal nach Wessobrunn, und damit im Zentrum des «Pfaffenwinkels», wie die oberbayerische Klosterlandschaft zwischen den weiteren Klöstern Füssen und Benediktbeuern gerne bezeichnet wird. Rottenbuch und Ettal liegen als einzige der sieben oben erwähnten Klöster im Bistum Freising. Alle andern sind dem Bistum Augsburg zugehörig.[1]
In Tafel XXIIII der «Bairische Landtaflen» von Philipp Apian (1568) ist die Landschaft des «Pfaffenwinkels» in erstaunlicher Genauigkeit erfasst. Hier der Ausschnitt vom Lech bis zur Loisach.
Quelle: Bayerische Landesbibliothek.
 


Das Kloster 1073–1700

Reformkloster im Hochmittelalter, Niedergang im Spätmittelalter
Rottenbuch ist eine Gründung der schwäbischen Welfen.[2] 1073 stattet der erste welfische Bayernherzog Welf und seine zweite Gemahlin Judith von Flandern die schon bestehende kleine klösterliche Rodungssiedlung «Raitenbuch» mit Gütern aus. Bischof Altmann von Passau verstärkt die Gemeinschaft mit Augustiner-Chorherren aus Sankt Nikola. Mit der frühen Durchsetzung der gregorianischen Reformen wird Rottenbuch Modellkloster. Im Investiturstreit zwischen Kaiser Heinrich IV. und Papst Gregor VII. steht Rottenbuch dauerhaft auf der päpstlichen Seite. Das Chorherrenstift wird deshalb 1090 mit der «Libertas Romana» unter den Schutz Roms genommen, nachdem der welfische Klostergründer vorgängig auf seine grundherrlichen Rechte verzichtet hat. Rottenbuch kann mit Berchtesgaden (1102), Baumburg (1107) und Diessen (1114) weitere Chorherrenstifte besiedeln.

RottenbuchVergleich   Zwischen 1085 und 1125 wird auch der Bau der grossen romanischen Basilika mit Querschiff vermutet, die im Grundriss der heutigen Kirche weiterlebt. Die Verwandtschaft mit dem romanischen Welfenmünster von Weingarten, das ähnlich der zweiten Kirche von Hirsau gebaut wird, ist gross. Dies ist nicht erstaunlich, denn Weingarten wird 1124 vom Sohn des Stifters von Rottenbuch begonnen.[3] Nur der freistehende Glockenturm in Rottenbuch weicht von den Hirsauer Vorbildern mit ihren meist zweitürmigen Westfronten ab.
   

Das Patrozinium der neuen Rottenbucher Stiftskirche ist wieder Mariä Geburt, nun ergänzt mit den Nebenpatronen Peter und Paul.
Wichtig ist um 1140 die Erhebung Rottenbuchs durch den Freisinger Bischof Otto zum Archidiakonat für den Ammergau und für Werdenfels.[4] 1191 wird der Staufenkaiser Friedrich I. Barbarossa als Erbe der Welfen Schutzherr von Rottenbuch. Sein Neffe Friedrich II. erhebt Rottenbuch 1222 in die Reichsunmittelbarkeit.
Sie währt nur bis 1329. Kaiser Ludwig der Bayer, ein Wittelsbacher, unterstützt das durch Brände und Misswirtschaft gebeutelte Kloster, erklärt Rottenbuch aber gleichzeitig als landsässig. Die Wittelsbacher Herrscher dulden schon früh keine eigenständigen Stifte in ihrem Einflussbereich. Seither ist auch die engere Klosterherrschaft eine bayerische Hofmark. Der Verlust der Reichsunmittelbarkeit ist nur einer der vielen Rückschläge im Spätmittelalter. Zweimal brennt im 14. Jahrhundert das Kloster ab. Grund für den wirtschaftlichen Niedergang dürfte aber, wie bei den meisten Chorherrenstiften dieser Zeit, die Anspruchshaltung der Chorherren und nicht die üblichen Brände und Überfälle sein.

Festigung im 15. und 16. Jahrhundert
Noch 1413 plündern Tiroler Truppen während des Österreichischen Krieges die Meierhöfe des Klosters. Ein weiteres Unglück ist der Einsturz des Glockenturms 1417. Mit der Einführung der Reform von Raudnitz, die in Bayern vom Kloster Indersdorf ausgeht, setzt Propst Johannes Segenschmid[5] das Zeichen für einen Neubeginn. Diese Reform bedeutet für die Chorherren das Ende des Privateigentums und des Pfründenwesens. Gleichzeitig setzt in Rottenbuch ein baulicher Neubeginn ein. Während seiner 41-jährigen Regierung baut Propst Georg Neumair[6] den Turm wieder auf, errichtet den Westflügel mit der Prälatur und baut den Maierhof neu. Der initiative Propst beginnt auch mit dem Umbau der romanischen Stiftskirche zum spätgotischen Bauwerk. Die spätere Barockisierung ändert nur den Innenraum. Auch die Pfarrkirche St. Ulrich, die im Kirchhof steht, lässt er spätgotisch umbauen. Erst sein Nachfolger kann 1477 die beiden Kirchen einweihen, dann setzt die Bautätigkeit bis in das letzte Drittel des 16. Jahrhunderts aus, obwohl vorzügliche Pröpste regieren. Grund für den langen Unterbruch sind die Bauern- und Reformationswirren. Sie enden für Rottenbuch, ausser grossen finanziellen Belastungen bei gleichzeitig schwindenden Einnahmen, glimpflich. Propst Wolfgang Perkhofer[7] setzt 1600 die Bautätigkeit fort. Er erreicht auch die Inkorporierung der Marienwallfahrt auf dem Hohenpeissenberg, die im beginnenden Barock einen gewaltigen Aufschwung nimmt.[8] Er ist guter Ökonom, kauft Weingüter im Südtirol und kann gleichzeitig die Schulden abbauen. Allerdings bemängeln herzogliche und bischöfliche Kommissionen nach seinem Tod gravierende Mängel der klösterlichen Disziplin. Ihre Forderungen illustrieren die Abhängigkeit des landsässigen Chorherrenstifts vom Landesherrn. Sie führen auch sofort zu Unruhen bei den Hofmarkleuten und im Kloster, denen die zwei nachfolgenden Pröpste nicht gewachsen sind. Erst der 1627  gewählte Propst Michael Piscator (Fischer)[9] kann die Ruhe wiederherstellen.

Aufschwung nach dem Dreissigjährigen Krieg
Propst Michael Piscator führt Rottenbuch durch den Dreissigjährigen Krieg. Bei den Schwedeneinfällen 1632 und 1646/48 müssen die Chorherren zwar in sichere Klöster flüchten, das Kloster wird aber nicht gebrandschatzt. Trotz hoher Sterblichkeit in der Untertanenschaft wegen der den Krieg begleitenden Pest stellt sich nach Friedensschluss im Kloster schnell wieder Normalität ein. Propst Augustin Obrist,[10] der 1663–1690 regiert, kann nicht nur den Konvent um fast das Doppelte auf 40 Mitglieder vergrössern, er erreicht auch die erneute Schuldenfreiheit des Klosters, dies trotz der Käufe der Hofmark Amberg bei Buchloe (1667) und der Grundherrschaft des kaiserlichen Lehens Schwabmühlhausen (1682).

RottenbuchErtl   RottenbuchVorzustand
Rottenbuch von Norden. Stich von Anton Wilhelm Ertl im «Chur=baierischen Altlas» Band 2, Seite 61, Nürnberg 1705. Die Kirche mit dem Zwiebelhelm ist das «Altenmünster». Ertl stellt die Stiftsgebäude des 17. Jahrhunderts mit vier Stockwerken dar.
Bildquelle: Bayerische Staatsbibliothek.
  Rottenbuch vor 1701 in einer Vogelschau aus Südwesten, mit dem Hohenpeissenberg im Hintergrund. Stich von Michael Wening, der als Vergleich zu den geplanten Neubauten gemäss dem Idealplan dient.
Bildquelle: Bayerische Staatsbibliothek

Erster eigentlicher Barockprälat von Rottenbuch ist der von 1690–1700 regierende Propst Gilbert Gast,[11] der in seiner kurzen Regierungszeit wichtige Marksteine für das kommende 18. Jahrhundert setzt. Er erreicht schon 1694 die Aufnahme Rottenbuchs in die Lateranische Kongregation.[12] 1699 wird er Mitglied der Reichsritterschaft, nachdem er die reichsunmittelbare Herrschaft Osterzell bei Kaufbeuern erwerben kann. Sie liegt, wie Obermeitingen (1433) und Schwabmühlhausen (1682), jenseits des Lechs und damit ausserhalb des Einflussbereichs Bayerns. Er beschäftigt sich auch intensiv mit einem Klosterneubau und zieht dazu den Baumeister Antonio Riva bei,[13] den er 1697 als seinen Klosterbaumeister bezeugt. Riva ist wahrscheinlich schon 1694 in Rottenbuch tätig. Er dürfte Verfasser des bekannten Idealplans des neuen Klosters sein, den Michael Wening 1701 veröffentlicht. Nur das freistehende Lustgartengebäude im Prälatengarten, das im Erdgeschoss eine «Sala terrena» und im Obergeschoss Saalräume und Gästeappartements aufweist,[14] sowie der Gästebau des westlichen Prälaturflügels können bis 1700 gebaut werden, dann stirbt der verdienstvolle Propst Gilbert mit 56 Jahren.

RottenbuchWening
Die Vogelschauansicht von Michael Wening zeigt das Kloster aus Südwesten in einer Idealansicht. Im Hintergrund ist der Hohenpeissenberg sichtbar. Der Wappenschild des Propstes Gilbert Geist (geflügeltes Herz) zeigt, dass der Idealplan während seiner Regierung von 1690–1700 entstanden ist. Grundlage ist eine Planung von Antonio Riva. Die Ausführung ab 1750 durch Joseph Schmuzer folgt noch weitgehend dieser Planung, legt aber die Schaufront dank der (hier noch nicht enthaltenen) symmetrischen Ergänzung durch das Brauhaus nach Süden. Die Doppelturmfront fällt später weg.
Bildquelle: Historico-Topographica Descriptio. Das ist: Beschreibung, deß Churfürsten- und Hertzogthums Ober- und Nidern Bayrn. Band [1]: Das Renntambt München, 1701, Ausgabe 1750.

 

Baugeschichte 1700–1770

Propst Patritius Oswald 1700–1740
Der 1700-1740 regierende Propst Patritius Oswald[15] kann wegen des Spanischen Erbfolgekrieges, der 1702–1704 auch Rottenbuch hart trifft, den begonnenen Klosterneubau nicht weiterführen. Nach 1710 beginnt er vorerst mit einer neuen Altarausstattung der Stiftskirche. Davon bleiben nach dem anschliessenden Kirchenumbau nur der Stephanus-Altar im nördlichen Querhaus[16] und das Chorgestühl erhalten. Seine  Ausstattungsmassnahmen zeigen, dass ein Neubau der Stiftskirche für ihn keine Option mehr darstellt.[17]
Aber erst 1737 fasst er den Entschluss zur völligen Neugestaltung der Kirche. Er erteilt dem Wessobrunner Baumeister und Stuckateur Joseph Schmuzer[18] den Auftrag zur Umgestaltung. Zusammen mit seinem Sohn Franz Xaver Schmuzer[19] baut der Baumeister bis 1738 Chor und Querschiff um. Schon 1737 malt Matthäus Günther[20] die Deckenfresken. Aus dem gotischen Innenraum entsteht bis 1739 dank den Schmuzer-Stuckaturen der Wessobrunner Régence und den Freskenwerken von Matthäus Günther ein festlich-barocker Kirchenraum.

Propst Clemens Prasser 1740–1770
Fertigstellung der Stiftskirche
Der nachfolgende Propst Clemens Prasser[21] ist, wie schon sein Vorgänger, in den ersten Jahren mit einem neuen Krieg konfrontiert, der Rottenbuch vor allem durch Zwangsanleihen und Kontributionen belastet. Trotz dieser Belastungen beginnt er schon 1741 auch mit den Arbeiten im Langhaus. Die Bauarbeiten und die Stuckaturen sind jetzt selbständige Werke von Franz Xaver Schmuzer, der mit dem Langhaus von Rottenbuch einen der ersten sakralen Rokokoräume schafft. Im gleichen Jahr beginnt auch Matthäus Günther mit den Fresken im Langhaus. Stuckaturen und Fresken im Gewölbebereich und an den Hochwänden des Mittelschiffes sind Ende Oktober 1742 erstellt, das Gerüst ist entfernt. 1743 entsteht wegen des Krieges eine Zwangspause. Stuckateure und Maler arbeiten ausserhalb Bayerns, Schmuzer in Weingarten, Günther im Tirol und in Franken. Sie beenden ihre Arbeiten in den Seitenschiffen bis 1746. Ab 1743 lässt Propst Clemens auch die von Propst Patritius noch 1710 begonnene Altarausstattung vollständig erneuern. Nur der Stephanusaltar bleibt verschont. Bis 1752 erstellt der Bildhauer Franz Xaver Schmädl aus Weilheim[22] zusammen mit Kunstschreinern der Klosterwerkstätten sechs neue Seitenschiffaltäre, die Kanzel, das Prospektgehäuse der Orgel und den neuen Hochaltar. Erst 1758 baut Schmädl den Johannesaltar im südlichen Querhaus. Die Orgel, für die Schmädl die Bildhauerarbeiten des Prospektes fertigt, ist ein Werk des Orgelbauers Balthasar Freiwiss.[23] Er erstellt die Orgel (II/P 28) bis 1747.[24]
Der spätere Chronist Anselm Greinwald beziffert die Gesamtausgaben 1741–1757 für den Umbau des Langhaus und für die gesamte Neueinrichtung mit 15 288 Gulden.[25]

Der Klosterneubau 1750–1770
Das bauliche Hauptwerk von Propst Clemens Prasser bleibt der grosse Klosterneubau. Der Auftrag für die Planung an Joseph Schmuzer erfolgt schon in den 1740er-Jahren. Mit dem Neubau wird 1750 begonnen. Gleichzeitig lässt der Propst das schlossähnliche Bräuhaus und den Torbau neu errichten. Auch der Maierhof wird erweitert. Das Bräuhaus ist schon 1753 bereit. Die neuen Zellen im Ostflügel kann der Konvent 1758 beziehen. Erst 1770 kommen alle Arbeiten zum Abschluss. Während die Bauarbeiten der Kirche von den Chronisten des Klosters minutiös beschrieben sind, ist über den Neubau der eigentlichen Klosteranlage nichts bekannt. Schmuzer stirbt 1752. Als ausführender Baumeister der Anlage gilt Matthäus Bader aus Wessobrunn.[26] Franz Xaver ist 1758/59 als Stuckateur der Innenräume erwähnt. Die «Forschung» nennt einzig ansehnliche Gesamtkosten von 170 000 Gulden für alle Neubauten im Klosterareal. Zu den ihnen zählen die Klostergebäude, das Brauhaus, das Torhaus und die Erweiterung des Maierhofs. Eine glaubwürdige Zusammenstellung der genannten Gesamtsumme ist allerdings nicht vorhanden.
Weil die Klostergebäude schon 1811 auf Abbruch verkauft werden, sind wir einzig durch das 1759 erstellte Gemälde der Anlage und durch einen Lageplan von 1803 über ihr Aussehen informiert. Allerdings ist im Gemälde die Doppelturmfront noch enthalten, deren Bau nach 1770 fallengelassen wird.

Staatliche Bevormundung und Säkularisation

Die letzten drei Jahrzehnte Rottenbuchs
Mit dem Tod von Clemens Prasser endet die Barockzeit in Rottenbuch. Im gleichen Jahr wird das Rokoko in Sakralräumen durch ein kurfürstliches Mandat verboten. Eine «edle Simplizität» ist die neue Forderung. Aber nicht nur in Baufragen wird die staatliche Bevormundung der Klöster stärker. Schon seit Kurfürst Max II. Emanuel verstärken sich die Versuche, die maroden Staatfinanzen durch Zugriffe auf das Eigentum der Kirche zu sanieren. Sein Neffe, Kurfürst Max III. Joseph nutzt angesichts der riesigen Staatschulden jede Gelegenheit, um für den notwendigen Schuldenabbau auch die Finanzen der Klöster zu schröpfen. 1768 leitet er mit der Neuordnung des Geistlichen Rates die kommende Säkularisation in Kurbayern bereits ein.[27] Weder von den Fürstbischöfen noch von der Kurie in Rom dürfen die Klöster Hilfe erwarten. Im Gegenteil: Für die Aufhebung des Jesuitenordens 1774 machen Kirche und Fürstbischöfe mit den Fürsten gemeinsame Sache. Zwar wehren sich auch die Fürstbischöfe 1770 gegen die kurfürstlichen Mandate, aber nur in eigenem Interesse und in Konfrontation mit München. Für Rottenbuch heisst dies, dass dem neuen Propst Guarin Buchner[28] bis 1772 die Einsetzung verweigert wird. Als dieser im gleichen Jahr stirbt, dauert es wieder Jahre, bis sich Freising und München einigen können. 1775 wird Ambrosius Mösner[29] gewählt. Er ist ein Wissenschaftler der Aufklärung und langjährig betriebswirtschaftlich tätig. In Rottenbuch sorgt er für ein neues geistiges Leben, setzt sich für die Ausbildung seiner Konventualen und für die Schulbildung der Untertanen ein.[30] Auf dem Hohenpeissenberg richtet er ein meteorologisches Observatorium ein. Er ist auch er einzige Propst der letzten Jahrzehnte, der nochmals kleinere Bauvorhaben in der Klosterherrschaft wagt. In Rottenbuch lässt er 1780/81 die mächtige Kuppelhaube auf den Kirchturm aufsetzen, erstellt den dreigeschossigen Westvorbau der Stiftskirche und baut die St. Veits-Kapelle bei der alten Pfarrkirche.
Der letzte Propst Herkulan Schwaiger[31] kann nur noch den Untergang Rottenbuchs miterleben. Durch die Koalitionskriege beschleunigt, endet 1803 mit der Säkularisation aller Klöster und Fürstbistümer auch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation.

Säkularisationsfolgen
1803 wächst das bayerische Kurfürstentum durch die Einverleibung der Hochstifte, aller Reichsklöster und durch die Mediatisierung der kleineren Fürstentümer auf die doppelte Grösse an. Der Kurfürst führt im gleichen Jahr auch die generalstabsmässig vorbereitete Inbesitznahme des Vermögens und der Herrschaft aller Klöster im neuen Bayern durch, sofern er dies in Altbayern nicht schon 1802 durchgezogen hat. Rottenbuch teilt 1803 das Schicksal dieser über 300 Klöster. Von den anderen Chorherrenstiften Altbayerns unterscheidet es sich durch seine grosse Kapitalkraft am Anfang des 19. Jahrhunderts. Die staatliche Beschlagnahmung und Aufhebung von 1803 führen hier vorerst zu schweren sozialen Einbrüchen. 111 Dienstleute des Klosters verlieren ihre Arbeit. Der Propst und 39 Chorherren[32] erhalten staatliche Pensionen oder wechseln in Pfarrstellen.

Gebäudeschickale nach der Säkularisation
Auch das Schicksal der Klostergebäude unterscheidet sich nicht von anderen Klöstern, die sich nach 1803 unter bayerischer Herrschaft befinden. Vom gänzlichen Abbruch wie die Abteien Münsterschwarzach, Langheim, Fultenbach oder Wessobrunn bleibt Rottenbuch zwar verschont. Die Stiftskirche wird neue Pfarrkirche und bleibt vom Abbruch verschont. An ihrer Stelle werden das Altenmünster und die alte Pfarr- und Taufkirche St. Ulrich an Einheimische auf Abbruch verkauft. Mehr Mühe bekundet der Aufhebungskommissar mit den Wirtschaftsbauten. Nur das Brauhaus findet schon 1803 einen Käufer.[33] Erst 1804 können die restlichen Gebäude für 21 000 Gulden und der Grund für 15 280 Gulden verkauft werden. Käufer sind die Brüder Meyer aus dem schweizerischen Aarau. Sie kaufen für 120 000 Gulden, dem Höchstangebot, gleich die drei ehemaligen Klöster Rottenbuch, Polling und Steingaden. Trotz der Kriege des mit Napoleon verbündeten Bayerns gegen Österreich wagen sie den Versuch, im Pfaffenwinkel eine Vorzeige-Landwirtschaft aufzubauen. 1814 wird Hieronymus Meyer,[34] einer der Brüder, für seine Verdienste um die bayerische Landwirtschaft von König Max I. Joseph in den Adelsstand erhoben. Die leeren Klostergebäude dienen als Kriegslazarett und werden für die Seidenbandfabrikation eingerichtet. Die Krise dieser Industrie führt aber 1811 zum Erliegen der Fabrikation. In diesem Jahr verkauft der ältere Bruder Johann Rudolf Meyer alle Klostergebäude. Der Hauptbau geht an einen einheimischen Maurer. Als dieser 1814 stirbt, hinterlässt er einen «Überrest des ehemaligen Klosters, soviel davon noch nicht abgebrochen ist», der dann durch den Gemeindeobmann von Rottenbuch erworben wird.
Soweit ist der Vorgang in Rottenbuch identisch mit den Gebäudeabbrüchen aller bayerischen Klöster, deren Konventgebäude keiner Neunutzung zugeführt werden können. Der Abbruch ist die Regel. Er trifft sogar wertvolle Barockkirchen in kurzfristig von Bayern besetzten Gebieten, wie die Mehrerau bei Bregenz.
Für die Historiker Rottenbuchs[35] ist aber nicht der Staat, sondern sind «eigennützige Fremdlinge» und «ausländische Lumpen», wie die Brüder Meyer 1812 von der bayerischen Klosterspezialkommission genannt werden, verantwortlich für den Rottenbucher Klosterabbruch. Dass im benachbarten Wessobrunn zur gleichen Zeit nicht nur das von Joseph Schmuzer erbaute Kloster, sondern auch die Stiftskirche abgebrochen wird, scheint den gleichen Historikern nicht nennenswert.

Siehe mehr zu den Vorgängen 1803–1814 unter dem Titel «Wer ist für den Abbruch der Klostergebäude von Rottenbuch verantwortlich?» im Einschub.

 

Beschrieb

Die Architektur der Stiftskirche

Vorgängerbauten
Die romanische Kirche
Die romanische Stiftskirche wird zwischen 1085 und 1125 gebaut. Weil ihre Grundmauern mit dem heutigen Bauwerk im Langhaus und im Querschiff übereinstimmen, kann sie rekonstruiert werden. Sie ist eine flachgedeckte Säulenbasilika mit einem dreischiffigen, apsidial geschlossenen Chor und liegt wie das Welfenmünster von Weingarten in der Hirsauer Bautradition.[36]

Die gotische Kirche
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wird die romanische Stiftskirche völlig umgebaut. Der 1419 eingestürzte Kirchturm ist 1439 wieder erstellt. Um 1455 erfolgt der Neubau des spätgotischen Chors, der nun dreiseitig freisteht und damit gut belichtet ist. Bis 1466 sind Chor und Querschiff mit Kreuzrippengewölben gedeckt. Anschliessend folgt der Umbau des Langhauses. Auch es erhält Kreuzrippengewölbe anstelle der Flachdecken.

Äussere Veränderungen 1737–1783
Joseph Schmuzer
Baumeister Joseph Schmuzer beginnt den Umbau 1737. Er belässt die Grundstruktur der gotischen Kirche. Die spätbarocken Forderungen nach mehr Licht erfüllt er im Langhaus mit einer originellen mittleren Verbreiterung der Hochgadenfenster, bei denen der Spitzbogen aussen noch sichtbar ist. Nur bei den vergrösserten Fenstern der Seitenschiffe ist die Gotik verschwunden. Für diese Fenster wird der südlich anschliessende Kreuzgang abgebrochen, um dann schmaler und weniger hoch neu errichtet zu werden. Bis zu diesem Zeitpunkt befinden sich am Kreuzgang die Katharina- und die Sebastianskapelle, die erst 1778 in den Westvorbau versetzt werden. Mit Ausnahme dieser wenigen Eingriffe bleibt der äussere gotische Eindruck der Stiftskirche unverändert.[37]
Für die noch immer recht einfache und einer Bettelordenskirche gleichende Westfront ist allerdings eine Veränderung vorgesehen. Schmuzer plant eine Doppelturmfront mit konkaver Vorwölbung der zurückliegenden Mittelschiff-Fassade.[38] Offenbar ist der Entwurf von Antonio Riva, den Michael Wening 1701 in seinem Stich darstellt, im Stift noch immer präsent. Die Fassade ist derart noch in der bekannten Vogelschau-Ansicht von 1759 dargestellt. Sie wird aber nie ausgeführt.

Turmumbau und Westvorbau
Der mächtige mittelalterliche Turm bleibt weiterhin Kirchturm. Klosterbaumeister Franz Joseph Bader[39] baut ihn 1781–1783 um. Er reduziert die sechs gotischen Geschosse auf drei und ersetzt das Käsbissendach durch einen überdimensionierten eingeschnürten Kuppelhelm.
Anstelle der nicht ausgeführten Doppelturmfront baut Bader 1776-1777 einen  dreigeschossigen Kapellen-Vorhallen-Vorbau mit konkaver Fassade vor die gotische Westfassade. Über der im Grundriss ovalen Vorhalle werden die Katharina- und die Sebastianskapelle aus dem 1737 zerstörten Kreuzgang gelegt. Dieses den Eingangsbereich und die Westfassade dominierende Bauwerk mit hochovalen Fensteröffnungen dürfte der unbefangene heutige Betrachter als Bauwerk der Barockzeit auffassen. Diese Irreführung ist gewollt, denn die Fassade ist tatsächlich ein neobarocker Eingriff von 1961.[40]

Die Umgestaltung des Innenraums 1737–1745

Die neue Innenraumgestalt
Baumeister Joseph Schmuzer steht 1737 vor der Aufgabe, das spätgotische Innere der Stiftskirche der spätbarocken Raumauffassung anzupassen. Er löst dies in erster Linie als Stuckateur und nicht als Baumeister. Mit minimalen, aussen kaum sichtbaren baulichen Eingriffen erfüllt er die Forderung nach mehr Licht. Mit der Entfernung der gotischen Kreuzrippen wandelt er die Gewölbe im Chor, in den Querhäusern und im Langhaus zu Stichkappentonnen um. Die Vierung formt er mit der Entfernung der Kreuzrippen zu einer runden Flachkuppel. Eine kräftige Vergrösserung der Mittelschiffpfeiler und der Gurtbögen gegen die Seitenschiffe mittels eckig gebrochener Pilaster prägt die Tektonik des Langhauses, das jetzt mit einer verstärkten Pilaster- und Bogengliederung zur Vierung abschliesst. Diese trennt Schmuzer mit halbhohen Wänden von den Querarmen und bindet sie mit dem Chor zusammen. Mit wenigen Ergänzungen deutet er damit den gotischen Innenraum barock um.  

Das Stuckkleid
Joseph Schmuzer und sein Sohn Franz Xaver Schmuzer erstellen die Stuckaturen im Chor und im Querhaus 1737 und 1738,[41] im Mittelschiff des Langhauses 1741–1742, in den Seitenschiffen 1744. Sie beenden die Arbeiten im Emporen-Turmbereich 1745. In der ersten Phase arbeitet Franz Xaver noch nach Entwürfen des Vaters. Das Langhaus kann dann als alleiniges Werk von Franz Xaver Schmuzer betrachtet werden. In Rottenbuch erstellen die beiden Schmuzer eine der bedeutendsten Stuckaturen der Rokokozeit. Im Chor und Querhaus fehlt zwar die asymmetrische Rocaille noch. Sie ist auch im zweiten wichtigen Werk dieser Jahre, der Stiftskirche von Diessen,[42] noch nicht präsent. Erst die Stuckaturen im Langhaus von Rottenbuch bedeuten den völligen Durchbruch zum Rokoko. Wände und Gewölbe werden jetzt von einem überschäumenden, raumbeherrschenden Stuck beherrscht, der aber die Bildwerke nicht zurückdrängt. Schmuzer hat im Chor und im Mittelschiff je zwei Gewölbejoche für das Hauptbild zusammengezogen, die übrigen folgen der alten Jochteilung. Die in die Bildflächen eingreifenden Kartuschen, auch das Übergreifen des Bildes in die Gewölbeumgebung etwa beim Kuppelfresko, zeigen eine fruchtbare gleichzeitige Arbeit von Franz Xaver Schmuzer und Matthäus Günther.

Matthäus Günther
Er malt 1737 die Deckenfresken im Chor (Maria als Himmelskönigin), in der Vierungskuppel (Glorie des hl. Augustinus) und in den Querschiffsarmen (Szenen aus der Augustinus-Vita), sowie 16 begleitende Kartuschen. 1741 und 1742 arbeitet Günther erneut in Rottenbuch. Er malt fünf Gewölbefresken mit sechs Kartuschen im Mittelschiff des Langhauses und zwölf Wandbilder an den Hochgaden. Diese Fresken im Langhaus haben ebenfalls das Leben des hl. Augustus zum Thema. 1744 und 1746 vollendet er seine Arbeit mit vier Deckenbildern in den Seitenschiffen (Szenen mit dem hl. Benno, der Kreuzauffindung, dem hl. Korbinian und des Papstes Clemens), dem Fresko unter der Empore (Vertreibung der Händler aus dem Tempel), sowie einer Arbeit in der 1803 zerstörten Josephskapelle. Zur Lage der Deckenbilder siehe den Grundrissplan.[43] Insgesamt sind heute noch 14 grosse Deckenfresken, 12 Wandfresken und 22 Camaïeu-Kartuschen von Matthias Günther zu sehen.

Ausstattung
Hochaltar
Der Weilheimer Bildhauer Franz Xaver Schmädl ist 1749–1751 Schöpfer des Hochaltars. Das sechsäulige Retabel auf hoher Sockelzone ist dem Chorabschluss entsprechend konvex gebaut. Das mittlere Säulenpaar greift in den Chorraum vor, das äussere steht frei vor den beiden dahinterliegenden Chorfenstern. Die Sockelzone setzt sich beidseits fort und nimmt zwei Durchgänge zur 1804 abgebrochenen Sakristei auf. Auf den seitlichen Abschlusspostamenten dieses Sockels stehen die beiden Apostelfürsten. Reich ist der baldachinartige Auszug gestaltet, in dem Gottvater im mystischen Gegenlicht sitzt. Er schaut nach unten, wo anstelle des Altarblattes in einer Gloriole das Marienkind schwebt und als himmlisches Geschenk von der Figurengruppe der Eltern Joachim und Anna empfangen wird. Deutlich wird mit diesem Altar das Patrozinium verbildlicht.
Dem Rottenbucher Hochaltar ist die Abkunft vom Diessener Hochaltar anzumerken.[44] Dies ist nicht verwunderlich, denn Schmädl hat 1738 nachweislich in Diessen mitgewirkt. Zudem wirken beide Holzaltäre dank vorzüglicher Fassmaler wie Stuckmarmoraltäre.

Seitenaltäre, Kanzel
Franz Xaver Schmädl ist auch Bildhauer und Entwerfer der restlichen Altarausstattung. Mit Ausnahme des Stephanusaltars[4] von 1716 im nördlichen Querhausarm stammen damit alle Altäre von ihm. Erhalten sind heute nur noch vier Seitenaltäre im Langhaus.[46] Sie wirken erstaunlich homogen, obwohl sie im 19. Jahrhundert durch Einbau von Figuralplastiken aus abgebrochenen Altären verändert werden.
Auch die Rokokokanzel ist ein Werk des Bildhauerhauers Schmädl. Auf der Weltkugel über dem Schalldeckel hält ein Engel die Gesetzestafeln, begleitet von den Evangelisten Markus und Matthäus. Ihnen entsprechen am Korb die Evangelisten Johannes und Lukas. Die gegenüber der Kanzel angebrachte Statue des hl. Johann Nepomuk könnte ein Beitrag des 19. Jahrhunderts sein, obwohl dies bayerische Kunsthistoriker vehement verneinen.[47]

Chorgestühl
Wo in den Beschreibungen der Stiftskirche das Chorgestühl überhaupt erwähnt ist, wird es als «verschwunden» beschrieben.[48] Tatsächlich ist das heute sichtbare Gestühl aber im Wesentlichen das furnierte Nussbaumgestühl von 1713, das 1738 wieder verwendet wird, seit 1886 aber verkleinert und verändert aufgestellt ist.[49] Damals wird es mit Einfügung von Bildtafeln aus dem abgebrochenen Kapitelsaal neu zusammengestellt. Zwei Eckstallen-Unterteile des alten Chorgestühls von 1629 sind museal hinzugefügt.

Orgel
Von der Freiwiss-Orgel von 1747 hat nur der Prospekt überlebt.[50] Das Werk wird schon 1783 verändert und 1963, nach mehrfachen weiteren Eingriffen im 19. Jahrhundert, neu gebaut. Die Bildhauerarbeiten des Rokokoprospektes werden Franz Xaver Schmädl zugeschrieben. Der neunachsige Orgelprospekt von Balthasar Freiwiss nimmt in seiner Höhenentwicklung Rücksicht auf das grosse  Fenster der ehemaligen Westfassade, das von den zwei Haupttürmen gerahmt ist.[51] Ein Kronpositiv steht frei im Fensterlicht auf einem verbindenden Bogen.[52] Das für die Traktur realistischer platzierte Brüstungspositiv ist dreiachsig. 

 

Die Architektur der verschwundenen Klosteranlage

Vor dem grossen Klosterneubau

Michael Wening veröffentlicht 1701, zusammen mit dem Idealentwurf des Klosterneubaus, in einem zweiten Stich den damals aktuellen Gebäudezustand. Vergleicht man das Vorgängerkloster mit der Vogelschauansicht im Gemälde von 1759, bei der nur die Doppelturmfront später nicht verwirklicht wird, kann man die grossen Veränderungen der Gebäudelandschaft im 18. Jahrhundert erfassen.

Joseph Schmuzer
Joseph Schmuzer ist erfahrener Klosterbaumeister. 1708–1728 baut er die grosse Klosteranlage von Wessobrunn. Seit 1730 ist er auch am Klosterneubau von Weingarten tätig. Zehn Jahre vor den Planungen für Rottenbuch hält er sich in Ottobeuren auf, wo er sich mit mehreren Projekten für die Klosterkirche bewirbt. Der dort vollendetet Klosterneubau ist ihm vertraut. Der Grundriss von Rottenbuch zeigt deshalb erstaunliche Ähnlichkeiten mit der östlichen Hälfte der Klosterflügel von Ottobeuren. Nicht nur die Raumanordnungen sind identisch, auch die architektonische Erscheinung und selbst die Massverhältnisse sind es.[53]
Der Klosterneubau von Joseph Schmuzer in Rottenbuch ist eine dreigeschossige Zweihofanlage im Rechteck von 120 Meter Länge und 70 Meter Tiefe. Wie in Ottobeuren befinden sich Refektorium und Bibliothek im Querflügel, die Konventräume der Klausur im Ostflügel und die Prälatur im westlichen Flügel. Leider fehlt jegliche Plandokumentation der ehemaligen Klostergebäude im Zustand vor dem Abbruch.[54] Die Gestalt der Gesamtanlage nach dem Geometerplan von 1803 und die überlieferten Gebäudenutzungen zur Klosterzeit sind deshalb im Lageplan in der vorliegenden Webseite erfasst.

Schaufront im Süden
Grundlage der Neuplanung bildet das in den 1690er-Jahren entstandene Projekt von Antonio Riva, wie es Wening 1701 publiziert. Davon ist ein grösserer Teil des Westflügels ausgeführt. Während aber Riva in seiner Planung die Schaufront des neuen Klosters mit der Doppelturmfront nach Westen orientiert, legt Schmuzer Wert auf die Zugangsfassade. Denn die Lage des Klosters erlaubt keinen Zugang aus Westen, dieser erfolgt ausschliesslich aus Süden. Deshalb legt Schmuzer die Schau- und Empfangsfront nach Süden. Er erreicht dies mit der Einbindung und Aufwertung eines Ökonomiegebäudes. Rechts des Torhauses legt er das Bräuhaus, gibt diesem das Erscheinungsbild des links gelegenen Kloster-Südflügels und schafft so eine symmetrische, 180 Meter lange Empfangsfront. Deutlich ist diese Symmetrie auf dem Lageplan und im Gemälde von 1759 zu sehen.

Der Klosterhof und die geplante Doppelturmfassade der Kirche
Nach dem Durchschreiten des Haupttors gelangt der Besucher der Klosterzeit auf den südlichen Klosterhof. Er wird damals seitlich von der 120 Meter langen Westfassade des Prälaturflügels, im Norden von der quergestellten alten Pfarrkirche sowie vom weiter zurückliegenden Glockenturm der Stiftskirche, links aber von einem Barockgarten begrenzt. Dieser eingefasste und mit Gartenpavillons flankierte Garten liegt in der Achse des Kloster-Haupteingangs. Der freie Glockenturm der Stiftskirche ist keineswegs so wichtig wie heute, weil die dreigeschossige Westfront des Klosters den Platz dominiert, völlig anders als die heutige lockere zweigeschossige Überbauung der Moderne.
Als verbleibender Rest der alten Platzsituation nach der Enge zwischen Glockenturm und Friedhof ist heute der nördliche Klosterhof trotz Teilabbrüchen der südlichen Gebäudebegrenzung noch immer erhalten. Der ehemalige nördliche Ökonomiehof ist mit einer zweigeschossigen Bebauung gefasst, im Osten vom Seminarflügel, im Westen vom «Spital» und im Norden vom Bauhof.
Dass auch Schmuzer für diese lange Westfassade eine zweitürmige Westfront der Kirche plant, kann nur mit der gewünschten Fernwirkung erklärt werden. Denn vom südlichen Klosterplatz her gesehen hätten die Türme wenig Wirkung entfalten können. Der Bau einer Doppelturmfront, wie sie 1759 noch dargestellt ist, wird aber nach 1770 nicht mehr weiterverfolgt.

Klosterwappen

Rotbuche anstelle Buchenrodung
Das Klosterwappen von Rottenbuch ist auf den Ort und nicht auf den Stifter bezogen. Der Klosternamen ist ursprünglich Raitenpuch geschrieben und heisst eigentlich Rodung im Buchenwald. Als Rotbuche missverstanden, nutzen bereits die Pröpste des Mittelalters ein redendes Wappen, das in Silber eine bewurzelte siebenblätterige rote Buche zeigt. Derart ist es heute wieder das Gemeindewappen. In der Renaissancezeit und vor allem im Barock gehen heraldische Grundsätze vergessen. Aus der roten stilisierten Buche wird eine ausgewachsene naturalistische Buche, die meistens auf einem Dreiberg steht. Sie wird jetzt als Emblem verstanden und kann zu künstlerischen Interpretationen führen, die in Kombination und Farbe mit der Heraldik wenig gemein haben und die, wie in der Wappenkartusche von Propst Clemens Prasser am Vierungsjoch der Stiftskirche, weit weg von heraldischen Vorgaben liegen können.[55]

Pius Bieri 2020


Literatur

Dischinger, Gabriele: Johann und Joseph Schmuzer. Sigmaringen 1977.
Vollmer, Eva Christina: Franz Xaver Schmuzer. Sigmaringen 1979.
Stutzer, Dietmar: Klöster als Arbeitsgeber um 1800. Göttingen 1986.
Pörnbacher, Johann: Das Kloster Rottenbuch zwischen Barock und Aufklärung (1740–1803).
München 1999.
Mois, Jakob: Die Stiftskirche Rottenbuch. Rottenbuch 2000.
Paula, Georg und Berg-Hobohm, Stefanie: Denkmäler in Bayern. Landkreis Weilheim-Schongau, Bd.1 und Bd.2, München 2003.
Wartena, Sybe: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. Dissertation, LMU München, 2005.
Genner, Peter: Nach dem Ende der Klosterherrschaft – Schweizer Revolutionäre im Pfaffenwinkel., in: Jahrbuch des Historischen Vereins Schongau, Seite 69–193. Schongau 2013.

Web

Virtueller Rundgang durch den Kirchenraum, eine sehenswerte Webseite zum Verständnis der Rokokokirche, unter
https://panorama.erzbistum-muenchen.de/PV-Rottenbuch/mariae-geburt.html

Anmerkungen:

[1] Die Grafschaft Werdenfels mit Partenkirchen und Mittenwald bildet, zusammen mit dem Landstreifen entlang der Isar bis vor München, das kleine Hochstift Freising. Mit dieser Werdenfelser Grafschaft ist der in das Augsburger Bistum bis zum Hohenpeissenberg einschneidende Freisinger Zipfel verbunden. Siehe dazu die Bistumskarte.

[2] Die Welfen sind im 9. und 10. Jahrhundert mit zwei Linien vertreten. Die burgundische Linie begründet das Königreich Hochburgund mit den Städten Besançon, Lausanne und Genf. Ihr Hauskloster ist St. Maurice. Die Linie stirbt 1032 aus. Aus der schwäbischen Linie mit dem Stammsitz Altdorf (heute Weingarten), deren letzte Vertreterin Kunigunde von Altdorf um 1035 Alberto Azzo d'Este heiratet, geht die jüngere Linie der Welfen hervor. Der Sohn Kunigundes und Albertos, Welf IV. (*um 1040 †1101), ist als Welf I. 1070–1077 und 1096–1101 Herzog von Bayern. Die Eheleute Welf IV. und Judith von Flandern sind Stifter von Rottenbuch, aber auch der Benediktiner-Reichsabtei Weingarten, dem eigentlichen Hauskloster der Welfen. 1167 gehen die welfischen Hausgüter durch Erbvertrag an den Staufer Friedrich I. Barbarossa. Als 1191 der Stifter von Steingaden, der Markgraf von Tuszien und Herzog von Spoleto Welf VI. stirbt, kommt Friedrich I. Barbarossa deshalb in den Besitz des Ammer-Lech-Gebietes. Welf VI. wird in dem von ihm gegründeten Kloster Steingaden begraben.

[3] Weingarten wird vom Welfen Heinrich IX. (um 1074–1126), Herzog von Bayern 1120-1126, im Jahr 1124 begonnen. Das Langhaus dieses schwäbischen Welfenmünsters ist sechs Meter länger und drei Meter breiter als das Langhaus von Rottenbuch. Weingarten übernimmt damit präzis die Masse von Hirsau (1091 geweiht), während Rottenbuch mit der 1103 geweihten Stiftskirche des Hirsauer-Reformklosters Allerheiligen Schaffhausen übereinstimmt. Die Doppelturmfront wird nur in Weingarten ausgeführt, in Rottenbuch dient wie in Wessobrunn ein Wehrturm als Glockenturm.

[4] Der Titel des erblichen Archidiakons (Archidiaconus natus) verbleibt den Pröpsten bis 1803. Als Vertreter des Bischofs sind sie zur Barockzeit für die Bauvorhaben auch ausserhalb der Klosterherrschaft wichtige Partner, etwa in Garmisch oder Mittenwald.

[5] Johannes II. Segenschmid aus Augsburg regiert 1421–1431. Weitere Lebensdaten sind nicht bekannt. Er baut den Süd-und Ostflügel der Konventanlage mit Refektorium und Dormitorium, sowie einem Fraterstock neu.

[6] Georg Neumair, dessen Herkunft und Lebensdaten unbekannt sind, regiert 1431–1472. Das Todesdatum auf der erhaltenen Grabplatte ist allerdings 1471. Ihm und seinen Nachfolgern werden am Basler Konzil 1442/46 die Führung der Pontifikalien (Mitra mit Inful, Stab und Brustkreuz) verliehen.

[7] Wolfgang Perkhofer (1551–1611) vermutlich aus Partenkirchen, Propst 1582–1611. Er baut 1600 die Rochuskirche auf dem Pestfriedhof und lässt um 1608 das «Altenmünster», die im 11. Jahrhundert erbaute Vorgängerkirche der romanischen Basilika, um den Ostchor erweitern und umbauen.

[8] Rottenbuch ist seit jeher Grundbesitzer auf dem Hohenpeissenberg. Die zuständige Pfarrgemeinde ist bis 1608 Peiting. 1514 bauen Bauern mit Unterstützung des Bayernherzogs und des Freisinger Bischofs die erste Kapelle und ahnen kaum, welch bedeutende Wallfahrt sich daraus entwickelt.

[9] Michael Piscator oder Fischer (1591–1663) aus Polling, Propst CanA in Rottenbuch 1627–1663.

[10] Augustin Obrist (1621–1690) aus Landsberg. Propst CanA in Rottenbuch 1663–1690. Er ist in Rottenbuch mit dem Bau des grossen, südöstlich an das Klostergeviert anschliessende Frater-, Studien- und Krankengebäude auch als Bauherr tätig.

[11] Gilbert Gast (1644–1700) aus Kaufbeuern. Propst CanA und Lateranischer Abt in Rottenbuch 1690–1700. Er hat in seiner Regierungszeit für die Planung des Kirchenneubaus in Steindorf (bei Mering) vermutlich auch Kontakt mit dem Baumeister Giovanni Antonio Viscardi, einem Landsmann von Antonio Riva, was die alleinige Planung der Klosteranlage durch Riva doch etwas relativiert.

[12] Die Kongregation der Lateranischen oder Lateranensischen Augustiner-Chorherren hat den Ursprung im römischen Stift San Giovanni in Laterano. Die bayerischen Chorherrenstifte bemühen sich Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts alle um den Anschluss an die in Italien im 17. Jahrhundert weitverbreitete Kongregation. Die lateranische oder lateranensische Chorherren-Kongregation stellt im Gegensatz zur 1684 gegründeten bayerischen Benediktinerkongregation keinen Verbund der Stifte dar. Grund zum Anschluss dürfte eher der Titel des «Abbas Lateranensis» sein, den nun alle Pröpste Rottenbuchs führen können.

[13] Antonio Riva (um 1645/50) aus Roveredo in Graubünden. Er ist von 1684-1693 Baumeister der Klosteranlage von Tegernsee und baut 1694 auch in Indersdorf. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.

[14] Es wird bereits 1750 wieder abgebrochen. Zu diesem Bau siehe den Wening-Stich von 1701.

[15] Patritius Oswald CanA (1658–1740) aus Häusern bei Benediktbeuern. Studium in Weyarn. Primiz 1685. Propst, auch Lateranischer Abt der Augustiner-Chorherrenpropstei Rottenbuch 1700–1740. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.

[16] Der Stephanus-Altar im nördlichen Querhaus wird 1716 nach einem Riss des Karmeliterfraters Dominicus Loiper aus Schongau erstellt. Das Altarblatt liefert Mathias Pusjäger (1654–1734) aus Rottenbuch, Maler in Meran.

[17] Die Planung von Riva ist nur auf dem Wening-Stich 1701 überliefert. Die Stiftskirche wird dort ohne Querschiff dargestellt, was aber auch dem Programmcharakter der Idealansicht und nicht unbedingt ein von Jakob Mois (2000) befürchteter Umbau wie bei der Stiftskirche Tegernsee «mit ihrem fremdartig schweren und kühlen Prunk» bedeuten muss. Zum Umbau in Tegernsee (1684–1693) siehe die Dokumentation in dieser Webseite.

[18] Joseph Schmuzer (1683–1752) aus Wessobrunn, Baumeister und Stuckateur. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.

[19] Franz Xaver Schmuzer (1713–1775) aus Wessobrunn, Sohn von Franz Schmuzer, Stuckateur des Rokoko. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.

[20] Matthäus Günther (1705–1788) aus Tritschengreith am Hohenpeissenberg, seit 1731 Maler in Augsburg. Er malt in Rottenbuch vom 11. August bis 19. November 1737; 1738 vom 19. April bis zum 6. Mai; 1741 vom 28. August bis zum 3. Oktober; 1742 vom 25. August bis 22. Oktober; 1744 vom 15. September bis 27. Oktober. Erst 1746 malt er das Fresko unter der Empore. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.

[21] Clemens Prasser CanA (1703–1770). Propst in Rottenbuch 1740–1770. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.

[22] Franz Xaver Schmädl (1705–1777) aus Oberstdorf, seit 1732 Bildhauer in Weilheim. 1735 erhält er von Propst Patritius Oswald den Auftrag für die Altäre in Oberammergau, wo Clemens Prasser Pfarrherr und Bauherrenvertreter ist. Er wird zum führenden Rokokobildhauer im Pfaffenwinkel. Er wird 1738 auch in Diessen als Altarbauer genannt, und könnte Geselle des Altarbauers und Bildhauers Johann Joachim Dietrich (1690–1753) sein. Schmädl ist 1756/62 auch als Bildhauer des Hochaltars von Fürstenfeld belegt, der nach einem Entwurf von Egid Quirin Asam ausgeführt wird.

[23] Balthasar Freiwiss (1710–1783) aus Aitrang. Orgelbauer. Er ist wahrscheinlich Schüler von Joseph Gabler. Nur wenige weitere Werke sind von ihm bekannt: Sein Hauptwerk ist Irsee II/P 31 (1757), 1759 folgt Oberammergau und 1760 der Hohenpeissenberg.

[24] Die Disposition der Orgel in Rottenbuch stammt von Pater Meinrad Spiess aus Irsee. Die Kosten für die Rottenbucher Hauptorgel (28 Register) betragen 1682 Gulden, diejenige von Irsee (30 Register) kostet  3134 Gulden. Quellen für Disposition, Registerzahl und Gesamtkosten: Hermann Fischer und Theodor Wohnhaus in «Das Reichsstift Irsee», Weissenhorn 1981.

[25] Die Gesamtkosten von 15 288 Gulden scheinen niedrig, sie dürften den Eigenaufwand (Klosterwerkstätten, Fuhrleistungen) nicht enthalten. Die nachprüfbaren Jahresrechnungen 1741, 1742, 1744 und 1745 ergeben, mit Klosterleistungen, 6294 Gulden, was die Gesamtsumme aber eher bestätigt. Der Beizug junger und noch wenig bekannter Künstler der Region muss dafür verantwortlich sein.
Instruktiv ist dafür der Vergleich der Kosten des berühmten Venezianers Tiepolo in Würzburg mit dem Rottenbucher Freskanten Matthias Günther. Gianbattista Tiepolo wird 1752 für das Fresko im Treppenhaus der Würzburger Residenz mit 15 000 Gulden (rheinisch?) entschädigt, für das 1750 ausgeführte Fresko im Kaisersaal erhält er 10 000 Gulden (rheinisch). Matthäus Günther erhält für alle Fresken in den Gewölben und an den Wänden der Stiftskirche Rottenbuch 1600 Gulden. Anzumerken ist einzig, dass auch die Zahlungen an Günther einem damaligen 16-fachen Jahreseinkommen eines Handwerker-Meisters entsprechen.

[26] Matthäus Bader (1703–1776) aus Haid bei Wessobrunn. Palier von Joseph Schmuzer bis 1752.

[27] 1768 wird der aufklärerische Peter von Osterwald erster Direktor des Geistlichen Rates in München. Die nun folgenden Klostermandate schränken die geistlichen Einrichtungen in Kurbayern mehr und mehr ein. Schon 1764 hat ein 38 Jahre dauernder Finanztransfer der kurbayrischen Klöster zum hochverschuldeten Staat begonnen, der 1802 mit der völligen Enteignung des Klosterbesitzes das Ziel erreicht.

[28] Guarin Buchner (1717–1770) aus Schongau. Profess 1727. Studium 1739–1742 in Ingolstadt. Propst 1770–1772, aber bischöfliche Anerkennung erst 1772.

[29] Ambrosius Mösner oder Mesner (1721-1798) aus Prachtsried am Auerberg. Er ist Lateinschüler in Wessobrunn und studiert bei den Jesuiten in Augsburg. Er tritt 1741 in Rottenbuch ein, feiert 1747 Primiz , ist 1752 Professor für Philosophie in Rottenbuch, 1755 Vikar in Steindorf und 1759 Administrator in Osterzell, seit 1772 Kastner. 1775–1798 ist er Propst in Rottenbuch.

[30] Die kostenlose «Normalschule» für die 110 bis 120 Kinder der Hofmark befindet sich im Torgebäude. Die Schule  beginnt um 7 Uhr mit einer Messe, der Unterricht dauert mit zwei Stunden Mittagspause von  8 bis 15 Uhr. Die Lateinschule befindet sich im Seminartrakt, dem langen und noch heute bestehenden Flügel nördlich der Kirche. Hier befindet sich auch das Klosterseminar.

[31] Herculan Schwaiger (1756–1830) aus Wimpes bei Böbing, Propst 1798–1803.

[32] Zahl gemäss Dietmar Stutzer 1986.

[33] Das Brauhaus geht für 15 600 Gulden an einen Joseph Wörmann. Diese Summe findet Johann Pörnbacher (1999) «für dieses prächtige Bauwerk zu niedrig, das viel eher einem Schloss als einem Nutzgebäude gleicht, aber im Verhältnis doch mehr als für das wesentlich grössere Klostergebäude». Der Vergleich zeigt, wie selbst der sonst korrekt recherchierende Autor über Gebäudeschätzungen nach Ertragswert nicht informiert ist und Äpfel mit Birnen vergleicht. Kein Gebäude wird 1803 aufgrund seiner architektonischen Erscheinung verkauft, nur der Ertragswert oder (seltener, wie bei Banz oder Theres) die schöne Lage zählt. Zudem sind alle staatlichen Verkaufsschätzungen 1802 viel zu optimistisch, weil 1803 gleichzeitig eine Unmenge Klosterbesitz auf den Markt geworfen wird.

[34] Hieronymus Meyer und sein Bruder Johann Rudolf sind auch die ersten Bezwinger eines Viertausenders der Schweizer Alpen. 1811 besteigen sie die 4158 m hohe Jungfrau im Berner Oberland. Kurzfristig wird die Jungfrau im Volksmund so zur Madame Meyer.

[35] Es sind nebst den Historikern Jakob Mois und Johann Pörnbacher (siehe Literatur) weitere neun bayerische Historiker, die der Autor Peter Genner im lesenswerten Beitrag «Nach dem Ende der Klosterherrschaft – Schweizer Revolutionäre im Pfaffenwinkel» namentlich nennt, welche die «Fake News» des 19. Jahrhunderts noch im 21. Jahrhundert unkritisch übernehmen. Selbst in neuen baugeschichtlichen Publikationen wie «Denkmäler in Bayern, Landkreis Weilheim-Schongau» (2003) wird der Abbruch 1811–1814 noch immer auf Grund dieser Historikeraussagen des 19. Jahrhunderts mit 1804–1807 datiert.

[36] Weingarten wird vom Welfen Heinrich IX. (um 1074–1126), Herzog von Bayern 1120-1126, im Jahr 1124 begonnen. Weingarten übernimmt präzis die Masse von Hirsau (1091 geweiht), während Rottenbuch in Gestalt und Ausmass mit der 1103 geweihten Stiftskirche des Hirsauer Reformklosters Allerheiligen Schaffhausen übereinstimmt. Die Doppelturmfront wird nur in Weingarten ausgeführt, in Rottenbuch dient wie in Wessobrunn ein Wehrturm als Glockenturm. Siehe dazu den Planvergleich mit den noch bestehenden, gleichzeitig gebauten romanischen Stiftskirchen der Hirsauer Reformklöster in Schaffhausen und in Hamersleben. Die Verwandtschaft mit der Hirsauer Kirche in Hamersleben erstaunt nicht, denn dem Chorherrenstift steht 1116 der Rottenbucher Sigismund als Propst vor.

[37] Die spätgotischen Fenster von Chor und Hochgaden sind zwar innen alle als Rundfenster gestaltet, aussen belässt aber Schmuzer die Spitzbögen. Nur zwei neue Fenster im Chor und je eines in den Querschiffen sind aussen als Barockfenster mit Rundbogen ablesbar.

[38] In den Bauakten des Erzbischöflichen Ordinariats-Archivs liegt ein entsprechender Entwurf.

[39] Franz Joseph Bader (1753–1809) aus Haid bei Wessobrunn, Sohn des Klosterbaumeisters Matthäus Bader. Er übernimmt in Rottenbuch die Stelle seines Vaters.

[40] Nach dem Verzicht auf eine barocke Westfront-Gestaltung hat die Fassade das Aussehen einer gotischen Bettelordenskirche. Der Vorhallen-Anbau von 1777 ist keineswegs ein klassizistischer Unglücksfall, auch wenn das Landbauamt Weilheim dies 1961 anders beurteilt. Der Eingriff der damaligen schöpferischen Denkmalpflege wird in den meisten Führern verschwiegen, nur bei Jakob Mois ist zu lesen, dass die neuen Fensterformen und das neue Portal dem Vorbau ein «kirchlicheres» Aussehen verschaffen sollte.

[41] Die durch den Klosterchronisten übermittelten Daten des Chorumbaus nennen: Beginn der Bauarbeiten im Frühjahr 1737, Beginn der Stuckarbeiten am 29. April 1737, Anwesenheit der Fassmaler und Vergolder vom Juli bis Oktober, Beginn Matthäus Günther im August 1737, Ausführung der Wandstuckaturen und -Fresken 1738.

[42] In der Stiftskirche Diessen erstellt 1736–1738 die Arbeitsgemeinschaft Feichtmayr-Üblher Stuck und Stuckmarmorarbeiten. Im Stuckkleid von Diessen ist mit Rollwerk, Kammrocaillen, Zungenkämmen, Zweigen und Schilfwedel das ganze Programm der noch symmetrischen Régence am Übergang zum Rokoko enthalten. In den Residenzbauten Münchens hat sich das Rokoko zu dieser Zeit schon durchgesetzt. Siehe dazu den Beitrag zur  Amalienburg (1734/37) von Cuvilliés und Zimmermann in dieser Webseite.

[43] Unbedingt sehenswert ist auch der virtuelle Rundgang unter
https://panorama.erzbistum-muenchen.de/PV-Rottenbuch/mariae-geburt.html

[44] Der Hochaltar in Diessen wird von Johann Joachim Albrecht 1738 erstellt. Er ist zwar fast doppelt so gross, öffnet sich weiter, ist aber im Aufbau (mit Ausnahme der Sockelzone) mit demjenigen in Rottenbuch sehr ähnlich.

[45] Der Stephanusaltar im nördlichen Querschiff ist der einzige erhaltene Altar der hochbarocken Altarausstattung des Propstes Patritius Oswald. Sein Altarblatt ist von Matthias Pusjäger 1716 signiert.

[46] Es sind folgende Altäre:
1. Augustinus-Altar (N/VI) mit Blatt von Franz Georg Hermann. Auf der Mensa spätgotische Muttergottes mit Kind aus dem verschwundenen Johannisaltar.
2. Kreuzaltar (S/VI) mit Blatt einer Kreuzabnahme nach Rubens.
3. Marienaltar, seit 1804 Josephsaltar (N/V). Das Blatt von Johann Anton Gumpp (jetzt im Nordquerhaus) wird 1804 durch die Josephsstatue aus dem gleichnamigen zerstörten Altar ersetzt. Auf der Mensa ein Glasschrein aus der 1804 abgebrochenen Pfarrkirche. Ein Putto mit Indianerfederschmuck fehlt heute.
4. Martinsaltar, seit 1804 Rochusaltar (S/V). Das Blatt von Matthias Pusjäger (1716, jetzt Nordquerhaus) wird 1807 durch eine Statuengruppe aus der abgebrochenen Rochuskapelle des Pestfriedhofs ersetzt.
Im Langhaus nicht mehr vorhanden sind:
Der grosse Johannisaltar (1758) des südlichen Querhauses und die Seitenaltäre St. Antonius und St. Michael. Sie  werden 1807 vom Rottenbucher Pfarrer nach Peiting verkauft. Auch alle «Heiligen Leiber» von Katakombenheiligen, die bisher auf den Seitenaltären ruhen, werden nach 1803 auf Druck der Aufhebungskommission verkauft.

[47] Rainer Schmid im Dehio (2006): «1733 von Martin Dirr begonnen und von Franz Xaver Schmädl vollendet». Jakob Mois schreibt 2000: «eines der frühesten Werke Schmädls». Die Pfeilerdraperie wird in «Denkmäler in Bayern» (2003) mit 1737 datiert. Keiner der Autoren geht auf die Frage ein, warum eine derart steife Figur erst nach 1745, zur Zeit des Rokoko, und zudem vor einem Hintergrund von 1737 aufgesetzten Régence-Grotesken angebracht wird. Zur Erinnerung: Das Langhaus ist 1737 noch gotisch, die Draperie kann frühestens 1742/44, nach Fertigstellung der Pfeiler, angebracht werden.

[48] Jakob Mois (2000) in «Die Stiftskirche Rottenbuch».

[49] Wartena, Sybe (2005): Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus. Dissertation, LMU München: Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften. Seite 572–574, Fotos 11_1_a/b und 19_12_a bis e.
Link für Geamtdownload: https://edoc.ub.uni-muenchen.de/7999/

[50] Zu Freiwiss und seiner Rottenbucher Orgel (Registerzahl bis 1783: 28!) siehe die Anmerkung 23.

[51] Das Fenster ist seit 1777, dem Bau des Kirchenvorbaus, blind.

[52] Die waghalsige Konstruktion dürfte mit mechanischer Traktur damals nicht bespielbar sein und deshalb Zierelement bedeuten.

[53] Auf diese Ähnlichkeit weist Gabriele Dischinger 1977 hin.

[54] Ausser einer Geometeraufnahme der Gesamtanlage von 1803 und einer Gebäudebeschreibung von 1803 sind weder von den bestehenden noch von den abgebrochenen Gebäuden Pläne des Altzustands vorhanden. Baupläne fehlen völlig. Planaufnahmen fehlen deshalb, weil schon 1803 das Interesse der Aufhebungskommission an einer Weiterverwendung der Anlage fehlt. Auch die bestehenden Gebäude und Gebäudereste sind inzwischen derart verändert, dass sich die ursprünglichen Grundrissnutzungen nicht mehr rekonstruieren lassen.

[55] Zum Beispiel die Wappenkartusche am Vierungsbogen. Matthäus Günther malt in bester Rokokomanier in Blau einen grünen Baum, der mit Marieninsignien und den Buchstaben des persönlichen Wappen-Wahlspruchs von Clemens Prasser versehen ist. Der unter dem  Baum liegende Stifterherzog hält auf seinem Schoss das Lamm aus dem Propstwappen.

 

Seitenschiff-Gewölbefresken
Die Deckenfresken in den Seitenschiffgewölben malt Matthias Günther im Herbst 1744.
Alle Fotos: GFreihalter in Wikipedia.

Helena   Benno   Clemens   Korbininan
10   Die Auffindung des Hl. Kreuzes durch die Kaiserin Helena.
11   Der hl. Benno als Landespatron, mit den Personifikationen der vier Rentämter Altbayerns und ihrer Wappen (München, Burghausen, Landshut, Straubing).
12   Der hl. Clemens, Namenspatron des Propstes, bei den gefangenen Christen in den Steinbrüchen des Cherones.
13   Der hl. Korbinian, Patron des Bistums Freising, erhält den Freisinger Domberg durch Herzog Grimoald geschenkt.

 

 





Ehemaliges Augustiner-Chorherrenstift und Stiftskirche Mariä Geburt in Rottenbuch
RottenbuchA2
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Rottenbuch
Obernbayen D
Kurfürstentum Bayern
Bistum (18. Jh.) Baubeginn
Freising 1737 (1750)
Bauherr und Bauträger
      Propst CanA Gilbert Gast
      (reg. 1690–1700)
Oswald  Propst CanA Patritius Oswald
      (reg. 1700–1740)
Clemens  Propst CanA Clemens Prasser
      (reg. 1740–1770)
Rottenbuch aus Süden. Im Vordergrund der Ökonomiehof (15.–18. Jh.). Dahinter, vor dem Turm, das Brauhaus (1750/53). Foto: Gras-Ober 2012 in Wikipedia
RottenbuchA1
Westfassade und freistehender Glockenturm in einer Aufnahme von Fentriss in Wikipedia.
PDF11
RottenbuchLageplan
Lageplan des Klosters Rottenbuch mit dem Gebäudebestand um 1800. Nur die dunkel angelegten Bauteile sind erhalten. Für Vergrösserung und Legende bitte anklicken.
Rottenbuch1759
Rottenbuch in einer Vogelschau aus Südwesten. Das Gemälde ist 1759 ein Geburtstagsgeschenk für Propst Clemens Prasser. Es ist die seriöseste Darstellung der Klosterlandschaft in der Mitte des 18. Jahrhunderts. Die Gebäude können mit dem obigen Lageplan verglichen werden. Nur die Doppelturmfront ist eine zu dieser Zeit noch aktuelle Planung und wird nicht mehr gebaut. Gemälde im Pfarrhaus Rottenbuch. Quelle: Verlag H. Konrad Weissenhorn 1980.
RottenbuchModell
Das Klostermodell, hier aus Westen aufgenommen, zeigt ebenfalls eine korrekte Darstellung der Gebäudelandschaft und der Höfe vor den Abbrüchen nach 1803. Foto: Bieri 2015.
Noch erhaltenen Gebäude
Nummerierung gemäss Lageplan
RottenbuchTorhaus
13   Das Torgebäude von Aussen (Südansicht) mit dem Glockenturm im Hintergrund.
Foto: Rufus46 (2016) in Wikipedia.
RottenbuchA4
1c / 8   Der Glockenturm mit dem Helm von 1783 und dem ehemaligen Seminargebäude. Foto: Bieri 2015.
Rottenbuch A5
1b Der Eingangsvorbau der Stiftskirche von 1777. Er enthält in den Obergeschossen die Katharinenkapelle und die Sebastianskapelle. Foto: Rufus46 (2016) in Wikipedia.
RottenbuchA6
7e   Der Südostrisalit ist das einzige erhaltene, leider stark modernisierte Relikt der grossen Konvent-Zweihofanlage.
Foto: Gras-Ober 2012 in Wikipedia.
RottenbuchA7
13 / 12   Innenhofansicht des Torgebäudes und des Brauhaus-Nordrisalites, vor seiner 1960 erfolgten Modernisierung wegen des Umbaus zu einer Schule.
Ansichtskarte um 1940/50. Fotograf Paul Bomberger, Schongau.
RottenbuchA7
14  Die Ostfassade des Ökonomiehofs, mit der alten (einzigen) Zufahrt zum Kloster durch die Bögen der Südostecke.
Foto: Bieri 2015.
Die Stiftskirche
Grundriss
Grundriss der Stiftskirche mit eingetragenen Fresken. Für die Erläuterung der Bildthemen und für die Vergrösserung bitte anklicken.
RottenbuchInnen1
Das Mittelschiff, mit dem Rokokostuck von Franz Xaver Schmuzer und den Fresken von Matthäus Günther. Foto: Bieri 2015.
RottenbuchInnenNord
Die Nordwand des Mittelschiffs mit der Kanzel. Die Fresken sind der Augustinus-Vita gewidmet, wie das Bild der Taufe des Augustinus (W8) über der Kanzel.
Foto: Bieri 2015..
RottenbuchInnenSued
Durchblick auf die Südwand des Mittelschiffs mit dem Wandbild W5 (Predigt des Ambrosius in Mailand). Foto: Bieri 2015.
RottenbuchInnenSeitenschiff
Das nördliche Seitenschiff. Zu diesen Gewölbefresken siehe die Bildbeschreibungen am Schluss.
Foto: Bieri 2015.
RottenbuchInnenKanzel
1743 erstellt der Bildhauer Franz Xaver Schmädl die Rokokokanzel mit ihrer expressiven Figuralplastik. Foto: Bieri 2015.
RottenbuchInnenOrgel
Ein Meisterwerk Schmädls ist auch die Bildhauerarbeit der Orgel von 1747, die er zusammen mit dem innovativen Orgelbauer Balthasar Freiwiss baut. Freiwiss komponiert die Orgel um das damals noch offene Westfenster und setzt (ein kaum spielbares Kronwerk) auf die Bogenbrücke. Das Freiwiss-Werk ist heute nicht mehr erhalten.
Foto: Bieri 2015.
RottenbuchInnenChor
Die Querschiffe von Rottenbuch werden von Joseph Schmuzer 1737/39 zu Gunsten eines verlängerten Chorraums gegen die Vierung halbhoch geschlossen, im nördlichen Querarm entsteht die offene Stephanus-Kapelle, im südlichen Querarm steht bis 1807 der grosse Johannisaltar. Anmerkung: Der Stuckgrund ist erst seit 1961 derart rosa gefärbt. Foto: Bieri 2015.
Die Altäre
Von zehn Altären, bis 1804 im oder vom Kirchenraum zugänglich, sind heute nur noch sechs erhalten. Selbst diese sind teilweise umgestaltet. Sie sind nachfolgend beschrieben.
RottenbuchAltar1
Dem Rottenbucher Hochaltar ist die Abkunft vom Diessener Hochaltar anzumerken. Dies ist nicht verwunderlich, denn sein Erbauer Franz Xaver Schmädl hat 1738 nachweislich in Diessen mitgewirkt. Zudem wirken beide Holzaltäre dank vorzüglicher Fassmaler wie Stuckmarmoraltäre. Foto: Bieri 2015.
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Der Augustinus-Altar (Nord, 6. Joch), auch ein Werk von Schmädl, besitzt ein Altarblatt (1747) von Franz Georg Hermann. Das Bildthema: Der hl Augustinus erhält von den Personifikationen des Glaubens und der Kirche die Feder. Auf der Mensa (seit 1807) die spätgotische Muttergottes aus dem verkauften Johannisaltar. Foto: Bieri 2015.
RottenbuchAltar2Detail
Die spätgotische Muttergottes (1483) in einer Detailaufnahme. Ihr Rokokogehäuse stammt noch vom Johannesaltar.
Foto: Bieri 2015.
RottenbuchAltar3
Der Stephanusaltar im nördlichen Querschiff ist der einzige erhaltene Altar der hochbarocken Altarausstattung des Propstes Patritius Oswald. Das Altarblatt ist von Matthias Pusjäger 1716 signiert.
Foto: Bieri 2015.
RottenbuchAltar6
Der Heiligkreuzaltar (Süd, 6. Joch), ebenfalls von Schmädl, enthält das Altarblatt einer Kreuzabnahme nach Rubens. Seit 1804 befindet sich das Gnadenbild «Maria Trost» auf der Mensa.
Foto: (2016) Rufus46 in Wikipedia.
RottenbuchAltar4
Der Marienaltar (Nord, 5. Joch) ist seit 1804 Josephsaltar. Das ursprüngliche Altarblatt von Johann Anton Gumpp (jetzt im Nordquerhaus) ist  seither durch die Josephsstatue aus dem Altar der zerstörten Josephskapelle ersetzt. Auf der Mensa ein Glasschrein aus der 1804 abgebrochenen Pfarrkirche. Von der Figuralplastik fehlt heute ein Putto mit Indianerfederschmuck.
Foto: Bieri 2015.
RottenbuchAltar5
Der Martinsaltar (Süd, 5. Joch) wird 1807 Rochusaltar. Das alte Altarblatt von Matthias Pusjäger (1716, jetzt Nordquerhaus) wird damals durch eine Figurengruppe aus der abgebrochenen Rochuskapelle des Pestfriedhofs ersetzt.
Foto: Bieri 2015.
Fresken von Matthias Günther
Zur Lage der beschriebenen Decken- und Wandfresken siehe die Nummerierung im Grundrissplan.
Ergänzende Fotos sind in Wikimedia Commons abrufbar.
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2  Im zweiten Gewölbejoch des Mittelschiffs malt Günther die Kreuzvision des hl. Augustinus. Unten links signiert Günther «Mathe: Gindther Pinxit. 1742».
Foto: Bieri 2015.
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3  Das Hauptbild des Mittelschiffes ist von einer lebhaften Stucklandschaft umgeben. Erstmals ist hier auch die Rocaille in einem Sakralraum festzustellen. Bildthema ist der Tod des hl. Augustinus im Jahr 430, während der Belagerung von Hippo durch die Vandalen. Foto: Bieri 2015.
RottenbuchFresken3
4, 5  Im Bild des anschliessenden fünften Gewölbejochs ist das trauernde Volk um das Grab des Augustinus dargestellt. Im sechsten Gewölbejoch (unten) ist es die wunderbare Hebung des unversehrten Herzens aus dem Augustinusgrab.
Foto: Bieri 2015.
RottenbuchFresken1
6, 7  Vierung und Chor werden schon 1737 stuckiert. Gleichzeitig malt Matthäus Günther das Vierungsfresko. Der hl. Augustinus in der Glorie ist Mittelpunkt, unter ihm Vertreter der grossen Orden, welche an einem Tisch mit flammenden Herzen knien. Daneben fliegen Irrlehrer, vom Bannstrahl getroffen, sogar aus dem Bildrahmen.
Im Chorfresko ist die Huldigung der Himmelskönigin durch Personifikationen der vier Erdteile dargestellt.
Foto: Bieri 2015.


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Anhang

Wer ist für den Klosterabbruch in Rottenbuch verantwortlich?

Die Besitzer und Pächter von Rottenbuch seit 1804
Die Besitzer der ehemaligen Klostergüter von Rottenbuch sind 1804–1812 Johann Rudolf Meyer (I) aus Aarau in der Schweiz mit seinen beiden Söhne Johann Rudolf (II) und Hieronymus.[1] Sie kaufen nicht nur Rottenbuch, sondern auch Steingaden und Polling für 120 000 Gulden, dem damaligen Höchstangebot. Die Klostergründe von Rottenbuch und Steingaden verpachten sie 1805-1813 an Johann Felix Schoch, der als Führer der aufständischen Landbevölkerung gegen die Stadt Zürich nach der Niederlage 1804 aus der Schweiz fliehen muss.[2] Schoch wirtschaftet erfolgreich und erwirbt 1811 gemeinsam mit einem Einheimischen die «Klostergebäude»[3] in Rottenbuch. Während Schoch den Maierhof übernimmt, geht der Hauptbau des ehemaligen Klosters an den einheimischen Maurer Joseph Etti (Ettl?). Dieser bricht einen Grossteil der Gebäude bis 1814 ab. Im ebenfalls von ihm gekauften Kalkofen verwertet er einen Teil der Materialien. Nach seinem gewaltsamen Tod kauft Gemeindeobmann Alois Noll die übriggebliebenen Teile, während die landwirtschaftliche Pacht 1813 an den Münchener Kaufmann Karl von Hagen geht, der sich aber innert weniger Jahren verspekuliert.
1812 wird durch Familienvertrag Johann Rudolf (II) Meyer Eigentümer in Rottenbuch und Steingaden, während sein Bruder Hieronymus das ehemalige Kloster Polling übernimmt.
1815 verkauft Johann Rudolf (II) Meyer die Güter in Rottenbuch und Steingaden für 46 000 Gulden. Käufer ist der bayerische Staat. Johann Felix Schoch übernimmt erneut die Pacht in Rottenbuch, sein Sohn Johann Erhard wird Verwalter des neuen Militärfohlenhofs in Steingaden.
Im Gegensatz zu seinem Bruder Hieronymus, der in Polling wohnhaft bleibt, und der für seine Verdienste um die bayerische Landwirtschaft 1814 von König Max I. Joseph sogar in den Adelsstand erhoben wird, ist Johann Rudolf (II) eher eine abenteuerliche Person. Er wohnt seit 1807 wechselweise in Aarau oder in Konstanz, ist als Mineraloge und Physiker auch Verfasser einer Naturlehre und Professor an der Kantonsschule Aarau, wird dann aber 1822 in Karlsruhe wegen Falschmünzerei zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt. Er stirbt im Zuchthaus. Dieser tiefe Fall des einstigen Revolutionärs, Seidenbandunternehmers, Wissenschaftlers und Bergsteigers[4] führt zur «damnatio memoriae», der Verdammung seines Andenkens in seiner engeren Heimat.

Zustand der ehemaligen Klostergebäude von Rottenbuch 1803
Am 28. März 1803 besichtigt Joseph von Utzschneider[5] und Johann Samuel Gruner[6] das bereits zum Verkauf ausgeschriebene Kloster Rottenbuch. Der anwesende Chorherr Raimund Pertl vermerkt in seinem Tagebuch «Utzschneider mit einem Schweizer in Rottenbuch, um für diesen das ganze Gebäude zu kauffen. Er durchsah alles und entsetzte sich, dass alles so muthwillig und schadhaft ruiniert sey. Man sagt, er habe den H. Kommissär selbst holen lassen und ihm desswegen eine derbe Lection gelesen, indem diess der Wille der Regierung nie war, Gebäude so zu verderben, daß selbe nur mit Schaden könnten verkauft werden».
Am 1.Dezember 1803 schreibt Pertl: «Im Kloster selbst wird nun alles aus den Mäuern herausgerissen, was nur einen Kreuzer werth ist».Einheimische haben zu diesem Zeitpunkt die Altenmünsterkirche und die Kirche St. Rochus bereits auf Abbruch gekauft. Der Pfarrkirche St. Ulrich blüht dieses Schicksal erst, als im Oktober 1803 in München entgegen dem Vorschlag des Aufhebungskommissars und Landrichters von Schongau, Hofrat Franz Xaver Schönhammer, die Stiftskirche nicht zum Abbruch freigegeben wird.[7] Schönhammer empfiehlt auch den Hauptbau zum Abbruch, weil er für das Gebäude wegen seiner Grösse keine Verkaufsmöglichkeit sieht.

Seidenbandweberei in Rottenbuch 1805–1811
Mit dem Erwerb der drei ehemaligen Klöster Ende 1804 verbindet der Aarauer Fabrikant Meyer auch das Ziel, die Seidenbandweberei oder Posamenterei im Pfaffenwinkel einzuführen. Die Landwirtschaft verpachtet er 1805 an den sehr erfolgreichen Johann Felix Schoch. Der Beginn der Posamenterei ist hoffnungsvoll. 1805–1807 sind in Rottenbuch 41 Schweizer Einwanderer, meist Posamenter, tätig. Insgesamt kommen in die drei ehemaligen Klöster gegen 300 Schweizer Einwanderer als Arbeitskräfte, dies bei einer Gesamtbevölkerung von rund 800 Personen. Die Leitung der Fabrikation hat der ältere Sohn Johann Rudolf Meyer (II). Er meldet zwar positive Bilanzen, verschweigt aber die Rückkehr vieler Schweizer wegen der Kriegslage, noch mehr aber wegen der Abwerbung durch Seidenfabrikanten aus Basel. 1811 scheitert das Unternehmen, Johann Rudolf Meyer (II) verkauft die Gebäude in Rottenbuch und Steingaden und behält nur noch die Landwirtschaftsgüter bis 1815.

Schuldzuweisungen an ausländische Lumpen
Schnell folgen die Schuldzuweisungen, interessanterweise aber nicht wegen des Scheiterns der Industrieansiedlung, sondern wegen des nach 1811 erfolgten Abbruchs der ehemaligen Konventflügel. Bayerns Verantwortliche für die Vermögenssäkularisation der Klöster wollen Beweise für ihre Theorie, dass Fabriken der Landbevölkerung mehr nützen als Klöster, und keine gescheiterten Experimente. Die fast religiöse Verehrung ihres Königs Max I. Joseph, der als Kurfürst die Säkularisation seit 1799 zusammen mit dem Minister Montgelas vorbereitet, und sie mit Hilfe Napoleons 1802 und 1803 in seinem jetzt doppelt so grossen Bayern generalstabsmässig durchführt, lässt ihn nicht als Sündenbock darstellen, obwohl er für viele unverzeihliche Klosterabbrüche als regierender und anordnender Kurfürst direkt verantwortlich ist.[8] Seine staatsmännischen Leistungen für das neue Bayern scheinen keine Kritik zuzulassen. Erst als er auf dem Russlandfeldzug 1812 praktisch die ganze bayerische Armee verliert, kommen die Revisionisten in Bayern wieder zu Wort. Nicht den verehrten König oder seine ausführenden Beamten machen sie jetzt für die Sünden der Vermögenssäkularisation verantwortlich, sondern Ausländer. Der Minister Montgelas wird verteufelt und vom Monarchen 1817 fallengelassen. Nicht besser geht es den ausländischen und dazu noch andersgläubigen Brüdern Meyer. Schon 1807 schreibt das Landgericht Schongau an die Landesregierung «Die Gebr. M. haben gleich angefangen, die Gründe zu verkaufen, die Gebäude abzubrechen, alles Kupfer und Eisen da weg und aus dem Lande zu führen. Woraus zu ersehen, daß sie nicht einmal einen Gedanken gehabt, diese Realitäten zu behalten oder etwas anderes als Wucher zu treiben», was aufgrund der Tatsachen, dass des gleiche Landgericht noch 1802/1803 den Abbruch der ganzen Klosteranlage mit der Kirche empfiehlt, und dass 1807 noch keines der 1804 verkauften Gebäude abgebrochen ist, schon genug erstaunen müsste. 1807 wird auch eine Königliche Spezialklosterkommission ins Leben gerufen, die 1812 berichtet «Diese ausländischen Lumpen haben die schönen spottwohlfeil acquirierten Klöster ruiniert. Das kann man wenigstens von den Gebäuden sagen, die ganz das Bild der Zerstörung gewähren. Es ist vorbey und lässt sich nicht mehr ändern, denn das meiste geschah schon in den Jahren 1805–1807». Dass 1807 noch keines der 1804 erworbenen Gebäude abgebrochen ist und die Erfolge der Einwanderer für die Erneuerung der Viehzucht im Pfaffenwinkel nicht erwähnt werden, passt in dieses Bild. Im Gegenteil, nun werden die Schweizer sogar in der Landwirtschaft als Versager geschildert. So berichtet der ehemalige Chorherr Joseph Ignaz Egger 1831 «Die Colonisten und Seidenbandfabrikanten verliessen die Gegend aus Mangel des Unterhaltes, die Weintrauben zeitigten nicht, die guten Felder waren durch den ungeeigneten Kartoffelbau erschöpft. Endlich griff man aus Noth und Geldmangel die Gebäude an. Die kupfernen Kessel und Dachrinnen nebst der eisernen Blitzableitung wurden weggenommen, alles Metall und ganze Kreuzstöcke aus den Mauern gerissen, die Ziegel vom Dache abgetragen, die Kellheimer Schiefersteine vom Boden ausgehoben, und die noch stehenden Mauern auf Abbruch verkauft. Auf diese Art wurde eines der prächtigsten Gebäude, das erst seit sechzig Jahren von Grund aus neu angelegt worden, wieder zum Schutthaufen». Wie kommt es, dass ein gebildeter Mönch an einen Weinanbau in seiner Gegend glaubt und den blühenden Kartoffelanbau als gescheitert betrachtet? Zur Schilderung des ehemaligen Chorherrn setzt der Pfarrer von Böbing, Heinrich Wietlisbach im «Album Rottenbuchense» 1902 noch den Zusatz «Auf diese einem südländischen Volke des 5. Jahrhunderts eigene Art wurde eines der prächtigsten Gebäude, das erst 33 Jahre zuvor von Grund aus neu angelegt worden, zum kläglichen Trümmer- und Schutthaufen». Er vergleicht damit den Abbruch in Rottenbuch mit der Vandalenplünderung von Rom im Jahr 455.
Solche Darstellungen wären für die Periode der erwachenden katholischen Reaktion nach 1812 und des Kulturkampfes im späten 19. Jahrhundert noch als verständliche Übertreibungen zu verschmerzen. Dass aber eine ganze Reihe bayerischer Historiker noch bis in die allerneueste Zeit den Unsinn gedankenlos nachschreibt, ist bedenklich. Weil ich selbst, etwa bei der Darstellung der Wieskirche nach 1803, solchen «Forschungen» gefolgt bin, schreibe ich diesen Anhang, der ohne die seriöse Forschung von Peter Genner in Zürich nicht entstanden wäre.
Der Leser oder die Leserin mag auf Grund der obigen tatsächlichen Ereignisse in Rottenbuch von 1803–1811 selbst entscheiden, wer die Verantwortlichen für einen der vielen bayerischen Klosterabbrüche sind.
Pius Bieri 2020

Literatur

Genner, Peter: Nach dem Ende der Klosterherrschaft – Schweizer Revolutionäre im Pfaffenwinkel, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Schongau, Seite 69–193. Schongau 2013.
https://www.academia.edu/11997457/Nach_dem_Ende_der_Klosterherrschaft
Peter Genner, wohnhaft in Zürich, hat die Geschichte der schweizerischen Einwanderer aus Aarau derart ausführlich mit Quellen hinterlegt, dass man sich fragen muss, warum denn bayerische Historiker seit 100 Jahren nur Unsinn wiederholen.

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Anmerkungen:

[1] Der Seidenbandfabrikant Johann Rudolf Meyer (1739–1813) aus Aarau kauft 1804, zusammen mit den Söhnen Johann Rudolf Meyer (1768–1825) und Hieronymus Meyer (1769–1844) die Klostergüter Rottenbuch, Steingaden und Polling. Die Familie ist nach 1798 an der Helvetischen Revolution beteiligt. In ihrem Haus gehen nebst vielen Wissenschaftlern auch der bayerische Aufklärer Andreas Moser (1766–1806, Lehrer an der Erziehungsanstalt von Heinrich Pestalozzi) und der Preusse Heinrich Zschokke (1771–1848), der später in Aarau seine «Baierischen Geschichten» veröffentlicht, ein und aus.

[2] Johann Felix Schoch (1768–1817) aus Bäretswil im Zürcher Oberland. Er kann sich nach der Niederschlagung des Aufstandes, dem sogenannten Bockenkrieg, mit einem falschen Pass nach Bayern absetzen. Er führt in Steingaden mit grossem Erfolg neue Methoden der Landwirtschaft ein. Ein Sohn und vier Neffen sind später bayerische Generäle.

[1] Mit den «Klostergebäuden» ist die Gesamtheit aller Gebäude im ehemaligen Klosterareal, mit Ausnahme des schon 1803 verkauften Brauhauses der Sakralbauten gemeint. Von den drei Sakralbauten steht allerdings 1811 nur noch die ehemalige Stiftskirche, nachdem die alte Pfarrkirche und das «Altenmünster» bereits abgebrochen sind.

[4] Zusammen mit seinem Bruder Hieronymus besteigt er 1811 den ersten Viertausender in der Schweiz, die Jungfrau im Berner Oberland.

[5] Joseph von Utzschneider (1763–1840) hilft als einheimischer Unternehmer beim Erwerb der drei ehemaligen Klöster Rottenbuch, Steingaden und Polling. 1805 kauft er selbst Benediktbeuern und richtet dort zusammen mit Joseph von Fraunhofer eine optische Glashütte ein.

[6] Johann Samuel von Gruner (1766–1824) ist  Berner Patrizier, Kartograph und Geologe. Sein Besuch in Rottenbuch erfolgt auf Wunsch der Familie Meyer, mit der er befreundet ist. Er ist Gründer der Kantonsschule Aarau und schliesst sich 1805 den Brüdern Meyer in Bayern an, wo er 1814 bayerischer Offizier im Hauptmannsrang wird. Er gilt als eigentlicher Reformer der bayerischen Landwirtschaft, die damals noch stark extensiv bewirtschaftet wird. Er führt unter anderem die (heute zu intensiv verwendete) Gülle als Dünger in Bayern ein.

[7] Der Grund für die Verschonung der Stiftskirche ist unklar, vielleicht «ihrer vorzüglichen Bauart wegen», wie dies Jakob Mois schreibt, womit aber nur die gotische Grundstruktur und nicht der damals verachtete Rokoko-Innenraum gemeint sein kann.

[8] Max I. Joseph setzt sich weder als Kurfürst noch als König für den Erhalt bekannter barocken Klosterkirchen aufgrund ihres architektonischen oder historischen Wertes ein. Bei Rokokokirchen wäre dies für den im Klassizismus aufgewachsenen Monarchen ein Widerspruch in sich. Er sanktioniert Abbrüche wichtigster Stiftskirchen wie Münsterschwarzach, Fultenbach, Herrenchiemsee, Weihenstephan oder Wessobrunn. Dass der religiös gleichgültige Monarch die Kirche Rottenbuch gerettet haben soll, klingt deshalb ziemlich unglaubwürdig. Klosterkirchen werden nach 1803 nur dann nicht abgebrochen, wenn sie als Pfarrkirche dienen können und ihr (staatlicher) Unterhalt nicht zu aufwendig wird. Barocke Wallfahrtskirchen wie die Wies entgehen nur dank grossem Einsatz der Bevölkerung dem sicheren Abbruch. Klosteranlagen interessieren ihn und alle Verantwortlichen nur in ihrem Nutzwert. Zwar votiert er 1804 für die Umwandlung Rottenbuchs in ein oberbayerisches Aussterbekloster, lässt dann aber wegen der hohen Kosten diese Idee der «Krepieranstalt» (Görres) für ältere Mönche fallen. Klosteranlagen unter seiner Regierung werden im neuen Bayern immer dann an Private verkauft, wenn der Staat keine Verwendung (Schule, Gefängnis, Irrenanstalt) findet. Beispiele von auf Abbruch verkauften Klosteranlagen (siehe ihre Beschriebe in dieser Webseite): Elchingen, Fultenbach, Langheim, Münsterschwarzach. Im Pfaffenwinkel trifft dies nebst Rottenbuch (1811/14) die Klöster Wessobrunn (1811), Steingaden (1819) und Polling (1842).

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