Die Meister des Bauwerks
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Fr. Christoph Gessinger OSB (um 1650–1734) unbekannt ok   Baumeister-Architekt 1700   1710
Johann Capar Bagnato (1696–1757) Landau (Pfalz) Bagnato1   Ordensbaumeister 1729   1753
Francesco Pozzi (1704–1789) Castel San Pietro (Tessin) ok   Stuckateur 1729   1750
Joseph Ignaz Appiani (1706–1785) Porto Ceresio (Como) ok   Freskant 1758   1763
Franz Anton Bagnato (1731–1810) Altshausen Bagnato2   Ordensbaumeister 1763   1767

Altshausen

Ehemalige Landkommende des Deutschen Ordens

Der Deutsche Orden, ursprünglich eine Kreuzritterorden, hat nach grossen Gebietsverlusten während der Reformation nur noch im Südwesten des alten Reiches souveränen Besitz. Die Niederlassungen werden als Kommenden bezeichnet. Sie sind in Balleien (Provinzen) zusammengefasst und durch den Landkomtur geleitet. Im Gegensatz zu den Klöstern haben sich die Ritterorden weit von den ursprünglichen Idealen entfernt:  Die Kommenden dienen im 17./18. Jahrhundert ausschliesslich als angesehene und begehrte Versorgungsanstalten des kleinen und mittleren Adels. Der Sitz des Hochmeisters bleibt dem regierenden Hochadel reserviert und ist seit 1526 in Mergentheim.
Altshausen ist Sitz des Landkomturs der Ballei Elsass-Burgund. Ihm sind im 18. Jahrhundert die Kommenden von Mainau und Beuggen voll unterstellt, während er die Souveränität der Kommenden Freiburg im Breisgau, Waldstetten-Rohr und Hitzkirch mit Vorderösterreich und dem Stand Luzern teilen muss. Völlig unter französischer Souveränität liegen Ruoffach und Andlau, lediglich die Kommende Rixheim-Mülhausen ist noch teilsouverän. Faktisch besteht die Ballei, trotz des grossen Namens, zur Barockzeit noch aus neun Kommenden.

«Alter Bau» und «Neuer Bau»

Die Kommende ist bis zu den Umbauten des 18. Jahrhunderts eine wehrhafte, durch Wassergräben gesicherte Anlage mit mittelalterlichem Charakter. Nach starken Zerstörungen im Dreissigjährigen Krieg sind zwar nur noch zwei Flügel der ehemaligen geschlossenen Anlage wiederaufgebaut worden: Der heutigen im Innenhof stehende Nordflügel aus dem 15. Jahrhundert, «Alter Bau» genannt, und der ähnlich grosse Südflügel, als «Neuer Bau» 1655–1669 in Renaissancemanier errichtet. Dieser neue Flügel wird unter dem Landkomtur Franz Benedikt von Baden ab 1700 um mehr als das Doppelte nach Osten verlängert. Er beruft für die Planung und Ausführung den Benediktinerfrater und Liebhaberarchitekten Fr. Christoph Gessinger.[1] Gessinger verlängert den Südflügel in barocker Form mit zwei Eckrisaliten, welche nach dem Stich im Balleikalender um 1715 noch mit Kuppelhelmen bekrönt sind.[2]

Berufung Bagnatos

Johann Caspar Bagnato (1696–1757) wird 1729 von Landkomtur Franz Ignaz Anton Freiherr von Reinach vertraglich als Ordensbaumeister der Ballei verpflichtet. Die Besoldung beträgt 300 Reichsgulden im Jahr. Bagnato hat bereits 1727 ein Idealprojekt entworfen, das auch den Neubau der Kirche vorsieht. Lediglich der barockisierte Südwestflügel wird einbezogen. Dieses Projekt, es wird noch 1766 auf einer Intarsienarbeit dargestellt, ist Grundlage der Realisierungen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
1729 bis 1732 baut Bagnato das Marstallgebäude und das Torhaus mit den flankierenden Flügeln. 1733 bis 1736 erstellt er die Reitschule und Fruchtschütte. 1740 bis 1750 erbaut er vier dem Torbau vorgelagerten Beamtenhäuser. Sein Sohn Franz Ignaz Anton wird 1805 ein fünftes erstellen und 1774 die Orangerie bauen.
Die Stuckaturen der Bauten sind von Francesco Pozzi, der mit seinen Söhnen um 1750 auch die Ausstattung im des Südflügels erstellt.

Schlosskirche

Die Schlosskirche, die heutige Pfarrkirche St. Michael, ist eine gotische Pfeilerbasilika von 1413. Im Gesamtprojekt 1727 ist für die buchstäblich querstehende (weil geostete) Kirche der Ersatz durch einen Neubau vorgesehen. Aber 1748 schliesst Landkomtur Freiherr von Froberg einen Akkordvertrag mit Johann Caspar Bagnato für den Umbau der alten Kirche. Der frankophone Landkomtur ist aus familiären Gründen mehr am Ausbau der Kommende Rixheim im Elsass interessiert und will keine Mittel in das aufwändige Gesamtprojekt Altshausens investieren. Der Idealplan von 1727 ist damit begraben.
Bagnato erstellt anstelle des basilikalen Langhauses, unter Verwendung der Seitenschiffmauern, einen barocken Saal. Die Chorpartie wird vorerst belassen. Der Umbau dauert von 1749 bis 1750. Die Stuckaturen erstellt auch hier Francesco Pozzi. Die Deckenmalereien werden 1758 von Joseph Ignaz Appiani ausgeführt.
1763–1767 führt Franz Ignaz Anton Bagnato die Barockisierung der Chorpartie durch.

19. und 20. Jahrhundert

1806 fällt der Besitz an Württemberg. Mit den adeligen Deutschrittern verfährt der neue König bei der Beschlagnahmung konzilianter als mit den oberschwäbischen Klöstern, die im Gegensatz zu den Deutschrittern doch immerhin wichtigste Bildungs- und Wissenschaftsleistungen vorweisen können. Obwohl der König die Kommende 1810 als Privateigentum erwirbt, lässt er den Komturen (der letzte stirbt 1834) ihren Wohnsitz im Schloss. Mit der Geistlichkeit der aufgehobenen Klöster kennt der König diese Rücksicht allerdings nicht, ihnen fehlt der bei den Komturen vorhandene Adelsnachweis.
Mit dem Ende des Königreiches Württemberg nimmt der für die Thronfolge vorgesehene Herzog Albrecht 1919 in Altshausen Wohnsitz. Eine Familie des Hauses Württemberg wohnt noch heute im Südwestflügel der ehemaligen Kommende.
Pius Bieri 2009

Benutzte Einzeldarstellungen:

Gubler, Hans Martin: Johann Caspar Bagnato, Sigmaringen 1985.                 
Matthey, Werner von: Die Kunstdenkmäler des Kreises Saulgau. Stuttgart und Berlin 1938.

Anmerkungen:
[1] Frater Christoph Gessinger (um 1650–1734) ist begnadeter Architekt und beweist mit dem fast gleichzeitigen Bau der Residenz in Meersburg sein Können. Die Baudaten für den Südflügel werden nur bei Gubler (siehe Literatur) korrekt dargestellt.

[2] Die Datierung des Stiches von J.G. Seitter ist nur bei Gubler (siehe Literatur) mit «um 1710–1715» richtig angegeben.



AltshausenOrgel   <
Das Gehäuse der Rokokoorgel zeigt das Wappen des Landkomturs Beat Conrad Philipp Friedrich Reuttner von Weyl (reg. 1775–1803) mit dem Datum 1774. Das Werk mit 38 Registern, ursprünglich von Johann Michael Bühler aus Konstanz, wird 1977 von Reiser Orgelbau neu gebaut.



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Das heute museal in einem Neubau aufgestellte Heilige Grab ist ein 1763 gefertigter Kulisseneinbau, der am Ende der Karwoche in der Kirche aufgebaut wird. Es wird noch im 20. Jahrhundert aufgestellt, bis 1955 die «Heilige Ritenkongregation» die Aufstellung aller Heiligen Gräber verbietet. Eine alte volkstümliche Barocktradition wird damit von römischen Prälaten beendet.

Siehe auch
Wikipedia / Heiliges Grab zu Altshausen.
Bildquelle Wikipedia by author Andreas Praefcke

 

  Ehemalige Landkommende des Deutschen Ordens in Altshausen  
  Altshausen2  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Altshausen
Ravensburg D
Deutscher Orden, Herrschaft Altshausen
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Konstanz   1700
Bauherr und Bauträger
     Franz Benedikt Freiherr von Baden
     (reg. 1689–1707).
Reinach Franz Anton Ignaz Freiherr von Reinach
     (reg. 1727–1735).
     Philipp Jos. Anton Eusebius Graf von      Froberg (reg. 1736–1757)
 
 
  Ausschnitt aus dem Lageplan der ehemaligen Landkommende mit den Gebäudeetappierungen und den nicht verwirklichten Flügeln. > Vergrössern.   pdf  
   
Altshausen1
Das östliche Torgebäude, vom Innenhof gesehen. Bildquelle: Andreas Praefcke in Wikipedia.  
   
Altshausen1715
Der Südwestflügel des Schlosses wird 1710–1715 von Frater Christoph Gessinger gebaut. Die barocken Helme über den Eckrisaliten sind heute gestutzt.
Bild: Stich nach 1715. Quelle: Wikipedia.
 
Altshausen1727
Der Hofschreiner und Ebenist Franz Joseph Denner (1734–1811) fertigt 1766 eine Vogelschauansicht der Kommende als Holzintarsie. Vorbild ist der Idealplan von Johann Caspar Bagnato (1727).
Original im Württembergischen Landesmuseum.
 
Altshausen3
Wie auf der Vogelschauansicht dargestellt, flankieren Beamtenhäuser den Torplatz im Südosten der ehemaligen Kommende.  
AltshausenKirche
1743–1753 baut Johann Caspar Bagnato die gotische Kirche St. Michael um. Ein Neubau gemäss dem Idealprojekt ist, wahrscheinlich wegen mangelnder Geldmittel, damit nicht mehr möglich.  
AltshausenWappen
Am Chorbogen der Kirche stuckiert Francesco Pozzi 1750 die Herrschaftswappen. In der Mitte ist das Wappen des Hochmeisters und Kölner Kurfürsten Clemens August von Bayern (reg. 1723–1761) zu sehen. Es ist links flankiert vom Ordenswappen und rechts vom Wappen des Landkomturs Philipp Joseph Anton Eusebius von Froberg (reg. 1736–1757.  
AltshausenHlGrab