Exkurs

Sind die Brüder Asam auch Architekten?

AsamCDamian   AsamEgid   Cosmas Damian Asam Pictor et Architectus[1]


So lautet die Signatur im Fresko des Kuppelgewölbes in Weltenburg. Ob Cosmas Damian Asam sich wirklich mit dem Zusatz «Architectus» anstelle der Jahreszahl 1721 verwirklicht, ist umstritten. Dies, weil die Jahreszahl heute ausserhalb der Signaturkartusche zu finden ist und der Zusatz «Architectus» seltsam gedrängt geschrieben ist. Vielleicht steht bis zu einer der frühen Freskenrestaurationen die Jahreszahl 1721 anstelle des Wortes Architectus.[2] Die Zweifel werden nicht kleiner, wenn man in Betracht zieht, dass sich sonst keiner der beiden Brüder Asam je als Architekt bezeichnet, weder in Signaturen noch in schriftlichen Dokumenten.
Selbstporträt von Cosmas Damian und Porträt von Egid Quirin Asam, beide um 1725 gemalt. Originale im Diözesanmuseum Freising.
Bildquelle: Ausstellungskataloge, überarbeitet.
Derart werden sie erst von Chronisten bezeichnet, Cosmas Damian für Weltenburg erstmals durch Abt Maurus Kammermacher 1762 und nochmals Anfang des 19. Jahrhunderts von Abt Benedikt Werner. Sein Bruder Egid Quirin wird 1721 in Rohr vom Chronisten als derjenige bezeichnet, «(d)er das Gebäu führte». Beim dritten und letzten Bauwerk, der Johann-Nepomuk- oder Asamkirche in München, würde diese für Rohr noch falsche Benennung sogar zutreffen. Tatsächlich ist Egid Quirin der vielseitigere Künstler als sein Bruder. Die Wahrnehmungen der am Baugeschehen unbeteiligten Personen sind allerdings im 18. Jahrhundert wie noch heute abweichend von den tatsächlichen Planungsvorgängen und ihrer Umsetzung in ein gebautes Werk. Vor allem die Kunstwissenschaft bevorzugt immer grosse Namen.[3] So sind aufgrund der Signatur in Weltenburg und der Nennung als Bauleiter in Rohr Cosmas Damian Asam und Egid Quirin seither nicht nur wirklich grossartige Innenraumgestalter, sondern auch die Baumeister-Architekten der beiden Kirchenbauwerke.

«Architectus ist ein Baumeister»
Dies schreibt noch 1788 Johann Ferdinand Roth in seinem Lexikon. Die Bezeichnung Architekt für den Planer und Leiter eines Bauwerks setzt sich im deutschen Sprachraum erst im späten 18. Jahrhundert durch. Der Baumeister, lateinisch architectus, ist zur Zeit der Brüder Asam für die von ihm geplanten Bauwerke technisch und kostenmässig verantwortlich, auch bei Gebäudeentwürfen von Künstlern oder Bauherren. Im architektonischen Standardwerk «De architectura libri decem» verurteilt der Verfasser Vitruvius die Trennung zwischen dem planenden und ausführenden Baumeister, wie sie in Italien und Frankreich schon im 16. Jahrhundert üblich ist.[4] Die Bezeichnung des Entwerfers als Architekten ist deshalb auch bei den lateinisch gebildeten Klosterchronisten im deutschsprachigen Raum keine Seltenheit. Bei Malern und Bildhauern, die sich als reine Entwerfer von Teilen des Bauwerks oder als Bauplaner betätigen, ist dies sogar üblich. Denn Künstler- Maler oder Bildhauerarchitekten als Baumeister im Sinne Vitruvs zu bezeichnen, ist sogar den barocken Zeitgenossen suspekt. Auch Cosmas Damian ist in Weltenburg nicht Architekt im Sinne des vitruvianischen Baumeisters, ebensowenig wie Egid Quirin Asam in Rohr. Sie wären mit ihrer Ausbildung als Maler und Bildhauer nicht in der Lage, eine Baustelle zu leiten und die Verantwortung für die Einhaltung der Regeln der Baukunst zu übernehmen. Dies schmälert nichts an ihrem architektonischen Gespür für Rauminszenierungen. Ihre Nennung als Baumeister oder als alleinige Architekten der jeweiligen beiden Sakralbauwerke in Weltenburg und Rohr ist aber falsch.

Maler und Bildhauer als Architekten
Die grossen römischen Baumeister Carlo Maderno, Gianlorenzo Bernini und Francesco Borromini entstammen wie Egid Quirin Asam dem Bildhauerhandwerk. Wie Cosmas Damian Asam ist Pietro da Cortona Maler, prägt aber gleichzeitig die römische Barockarchitektur. Auch der für das Architekturverständnis der Brüder Asam entscheidende Andrea Pozzo stammt aus dem Malerhandwerk. Eine Tätigkeit der Asam als Baumeister würde deshalb kaum besondere Beachtung verdienen, wenn sie wie die oben erwähnten Baumeister die Architektur im Sinne von Vitruv als eigenständige Gattung verständen. Sie verstehen aber Sakralbauten nicht, wie dies bis zu ihrem Auftreten üblich ist, als arbeitsteilige Aufgabe zwischen Baumeister, Stuckateur, Bildhauer und Freskanten, «sondern – jenseits damals gängiger Berufs- und Fachgrenzen – als Synthese aller Künste, bei der die malerischen, bildhaften, atmosphärischen Werte zunehmend die tektonischen, struktiven, körperhaften Qualitäten verdrängen».[5] Sie bauen Bildräume, lösen die Architektur auf. Ähnlich planen ihre Wessobrunner Zeitgenossen, die Brüder Johann Baptist und Dominikus Zimmermann. Auch sie stammen aus dem Stuckateur- und Malerhandwerk. Zu den Brüdern Asam besteht aber der entscheidende Unterschied, dass Dominikus Zimmermann auch die Verantwortung als Baumeister übernimmt, etwa in Siessen, in Steinhausen oder bei der Wieskirche.
Es gilt deshalb, von der alten Überzeugung der Kunsthistoriker abzurücken, die Brüder Asam seien die eigentlichen Baumeister-Architekten der Kirchen in Rohr und Weltenburg, auch wenn sie entscheidend deren Innenräume geprägt haben.
Dass sie als Asam-Räume bezeichnet werden, ist eine populäre, und angesichts der grossen Leistung der Asam-Werkstatt auch vertretbare Aussage. Selbst die Kunstgeschichte verdrängt aber gerne, dass die geistlichen Auftraggeber einen barocken Sakralraum viel entscheidender als die Künstler prägen und sie beachtet die übliche Kollektivplanung, die auch zum Ergebnis von Rohr und Weltenburg führt, meist nicht.

Pius Bieri 2019

Literatur
Stalla, Robert: Cosmas Damian Asam und Egid Quirin Asam. Der Maler und Bildhauer als Architekt, in: Architekt und / versus Baumeister. Die Frage nach dem Meister. Zürich 2009.

Egger, Hans Christian: Die Pfarr- und Abteikirche St. Georg in Weltenburg und ihre Baugeschichte. Eine Neuinterpretation. Dissertation Wien 2010.

Anmerkungen

[1] Die lateinischen Bezeichnungen pictor, architectus für Maler und Architekt sind in der Signatur grossgeschrieben.

[2] Vergleiche die einleuchtende Fotomontage in der Dissertation Egger (2010).

[3] Fünf Beispiele für die Bevorzugung grosser Künstlernamen:
1.   Das Stadtpalais Kaunitz-Liechtenstein in Wien wird 1691-1692 von Enrico Zucalli nach eigener Planung im Rohbau erstellt. Dann übernimmt Domenico Martinelli die Leitung. Für Wiener Kunsthistoriker ist nicht der ursprüngliche Planer, sondern der in Wien bekanntere Martinelli Architekt des Palais.
2.   Balthasar Neumann wird in Würzburg als Architekt der Würzburger Residenz bezeichnet, obwohl er im Planungskollektiv von 1729–1738 nur zweiter Planer ist. Maximilian von Welsch (Mainz) und Lucas von Hildebrandt (Wien) als Hauptplaner der Residenz werden kaum genannt. Wie in Wien wird hier eine Lokalgrösse bei der Namensnennung bevorzugt.
3.   Joseph Greissing ist Planer und ausführender Baumeister vieler wichtiger Bauten der Region Würzburg, so unter anderen der berühmten Neumünsterfassade (1710), des Klosters Ebrach (1715) und vieler Kirchen mit wegweisenden Einturmfassaden. Noch lange wollen viele Kunsthistoriker diese Werke Greissing nicht zuschreiben und suchen nach bekannteren Namen wie Johann Dientzenhofer (Neumünster) oder Balthasar Neumann (Ebrach, Kirche von Steinbach). Hier liegt der Grund in der abwertenden kunsthistorischen Einreihung Greissings als Zimmermann und nicht als Baumeister-Architekt.
4.   In Zwiefalten wird 1750–1753 durch den Bildhauer Johann Joseph Christian und den Baumeister Schneider die Westfassade der Klosterkirche gebaut. Obwohl keine Dokumente auf den Baumeister Johann Michal Fischer hinweisen, der schon 1746 Zwiefalten verlässt, und obwohl die Fischer-Biografin Gabriele Dischinger das Werk ausschliesslich Christian zuordnet, wird noch von Bernhard Schütz (2000) die Fassade als Meisterwerk Fischers bezeichnet. 
5.   Ein moderner Fall, bei dem die eigentlichen Planer verschwiegen werden, um mit einem grossen Namen zu glänzen, ist das Corbusierhaus in Berlin. Le Corbusier entwirft 1956 für Berlin eine «Unité d'habitation». Sie wird zwar gebaut, aber ohne jeden Respekt vor den Plänen und den Intentionen des grossen Architekten. Trotz seiner klaren Distanzierung vom übel geänderten Bau wird Corbusier heute als Architekt des Berliner «Corbusierhauses» bezeichnet.

[4] Vitruv verurteilt in seinem Traktat «De architectura libri decem» die Trennung zwischen einem planenden und einem ausführenden Baumeister. Er nennt den Fachmann, der das Gebäude plant, für die Einhaltung der Regeln der Baukunst verantwortlich ist und das Werk auch erstellt «architectus», im Plural «architecti». Während diese Berufsbezeichnung in den deutschen Ausgaben des Traktates vom 16. bis zum 19. Jahrhundert als Baumeister übersetzt ist, wird der rein ausführende Baumeister selbst in den lateinischen Ländern nie als Architekt bezeichnet. Er wird im deutschen Sprachraum Maurermeister genannt, dieser heisst französisch: Maître maçon (maîte bâttiseur, maître constructeur), und italienisch: Capomastro, capomaestro, capomastro muratore.

[5] Robert Stalla 2009.