Die Meister des Kirchen- und Kloster-Neubaus, soweit bekannt
von bis
1687 1687
1687 1687
1688 1690
1688 1689
1688
1692 1693
1714 1729
1716 1723
1720 1725
1720 1720
1730 1732
1730 1732
1730 1734
1734 1757
1738 1739
1751 1752
1751 1761
1760 1761


Ehemalige Benediktinerabtei St. Georgen in Villingen

Geschichte

Abtei St. Georgen im Schwarzwald
1083 stiften zwei Adelige aus dem Bodenseeraum Güter und Land für ein Benediktinerkloster in Wald, dem heutigen Königseggwald bei Ostrach in Oberschwaben. Es soll dem hl. Georg gewidmet werden. Sie übertragen die Stiftung dem Reformabt Wilhelm von Hirsau. Dieser lässt das Kloster aber nicht am beabsichtigten Ort, sondern im zwei Tagesreisen westlich gelegenen Schwarzwald im Quellgebiet der Brigach errichten. Der Gründungskonvent aus Hirsau trifft 1084 hier ein. 1086 wird das Hirsauer Priorat selbständige Abtei. Im 12. Jahrhundert entwickelt sich St. Georgen, wie das Kloster nun genannt wird, zu einem der bedeutendsten Klöster der Hirsauer Reformprägung im Südwesten des Alten Reichs. Die mittelalterliche Blüte ist schon im 14. Jahrhundert beendet. Die württembergische Reformation mit der Okkupation der Klosterherrschaft durch Herzog Ulrich führt 1536 zur Flucht der 21 Konventualen zu ihrem schon vorher nach Rottweil geflüchteten Abt. 1548 ziehen sie in ihren Klosterpfleghof der nahen vorderösterreichischen Stadt Villingen. St. Georgen bleibt nach dem Dreissigjährigen Krieg württembergisch. Zwar spricht das Reichskammergericht 1630 die Herrschaft erneut dem Abt in Villingen zu. Dieser Entscheid hat aber eine erneute Einnahme durch Württemberg und anschliessend bis 1634 die völlige Zerstörung des Klosters und des Klosterortes durch Villinger Militär zur Folge. Im Friedenschluss wird St. Georgen Württemberg überlassen. Heute erinnert nur der Ortsname noch an die Abtei.

Die Benediktiner von St. Georgen in Villingen
Nach dem Friedensschluss 1648 und dem endgültigen Verlust ihrer württembergischen Besitzungen und des Klosters St. Georgen verbleiben die Benediktiner in Villingen. Die Stadt, seit 1326 habsburgisch, zählt nach dem Dreissigjährigen Krieg weniger als 2000 Einwohner.[1] Die Zähringergründung des 12. Jahrhunderts hat mit dem Übergang an Habsburg ihre Privilegien verloren und ist nun vorderösterreichische Landstadt. Ihre ovale Stadtgestalt, durch zwei sich ausserhalb der Mitte kreuzenden Marktstrassen gevierteilt, hat sich seit der Gründung unverändert erhalten. Im nördlichen Viertel mit dem Münster liegt an der westlichen Stadtmauer der Klosterpfleghof von St. Georgen, in dem sich die noch verbliebenen Konventualen mit dem Abt aufhalten. Schon vor dem Dreissigjährigen Krieg baut Abt Michael I. Gaisser[2] südlich des Klosterpfleghofes und der angebauten Kapelle ein neues Konventgebäude mit Bibliothek, das aber 1637 brennt.
Zur Zeit des Dreissigjährigen Krieges regiert mit Georg II. Michael Gaisser bis 1655 eine aussergewöhnliche Persönlichkeit.[3] Schon 1627 führt er die Abtei in die Oberschwäbische Benediktinerkongregation.[4] 1652 folgt zudem der Eintritt in die 1617 gegründete Salzburger Benediktiner-Konföderation, welche die Universität Salzburg als eigene Bildungsstätte betreibt.[5] Der tatkräftige Abt setzt damit wichtige Grundlagen für eine neue Zukunft der Abtei in Villingen.
Vom Wirken seines 1655 gewählten Nachfolgers Michael Kederer[6] ist bisher ebenso wenig wie über die Wirtschaftsgeschichte der Benediktinerabtei Villingen in den vier Jahrzehnten nach dem Dreissigjährigen Krieg bekannt.[7]
Der 1661–1685 regierende Abt Johann Franz Scherer[8] lässt 1663 die südlich am Klosterpfleghof angebaute Kapelle von 1487 erweitern, ihr einen Turm mit Zwiebelhaube verpassen und das 1637 abgebrannte Konventgebäude des Abtes Michael I. bis 1666 wieder dreigeschossig aufbauen.[9]

Bauverlauf des Kirchenneubaus

Rohbau 1688–1719
1685–1690 regiert mit Georg III. Gaisser ein weiterer Abt aus Ingoldingen.[10] Er ist ein Freund des französischen Benediktiner-Gelehrten Jean Mabillon und selbst auch Schriftsteller. Er ist Initiant des barocken Kloster- und Kirchenneubaus und erreicht 1686 beim Stadtrat die Überlassung des wenig bebauten Geländes südlich des wiederaufgebauten Konventhauses. Für die Planung zieht er im März 1687 mit dem Franziskanerbruder Kilian Stauffer einen hervorragenden Würzburger Planer bei.[11] Abt Georg III. wendet sich auch an den Bruderabt Johann Martin in Zwiefalten, um den «Aedilis» P. Columban Summerberger für eine Zweitplanung nach Villingen zu beordern.[12] Weil aber schon im Juni 1687 der Vorarlberger Baumeister Michael Thumb[13] für zwei Tage Gast des Abtes ist, dürfte Summerberger eher als Vermittler des vor kurzem noch in Zwiefalten tätigen Baumeisters gewirkt haben. Thumb erstellt in diesen zwei Tagen nebst der Beratung auch Planskizzen, sicher aber keine ausführungsreife Planung. Weder von Michael Thumb noch von Kilian Stauffer sind Pläne erhalten. Abt Georg III. organisiert noch im gleichen Jahr das Baumaterial und kann am 5. Mai 1688 den Grundstein zur neuen Klosterkirche durch Abt Roman von St. Blasien legen lassen. Die Kirche wird aber nicht durch Michael Thumb gebaut. Der Palier Petrus Haimb aus Rorschach,[14] von Abt Georg III. «meus architectus» genannt, ist kein Vorarlberger, was die Leitung durch Michael Thumb ausschliesst. Auch wird Thumb nach dem Kurzbesuch im Diarium des Abtes nicht mehr erwähnt. Weiterhin holt der Abt, offenbar selbst mitplanend, den Rat weiterer Planer ein. Mehrfach bemüht er den Altarbauer Johannes Pöllandt, der 1688/89 im Kloster Amtenhausen den Hochaltar erstellt.[15] Ein weiterer gewichtiger Ratgeber hält sich 1688 drei Tage bei Abt Georg III. auf. Es ist der Jesuitenbaumeister Franz Demess, der zu dieser Zeit im Kolleg von Freiburg im Breisgau am Bau der Jesuitenkirche tätig ist.[16] Er fertigt für den bereits begonnenen Villinger Kirchenneubau mehrere Pläne.
Abt Georg stirbt am 2. September 1690 im Alter von 51 Jahren.
Sein Kirchenbau ist zu diesem Zeitpunkt erst auf Traufhöhe gediehen. Der Nachfolger Michael III. Glückher[17] regiert 43 Jahre. Noch im September 1690 schliesst er den Akkord für den Dachstuhl, den ein einheimischer Zimmermeister im Frühjahr 1691 aufrichtet. Dann stockt der Bau wegen Geldmangel erneut. Die Giebelfassade wird 1693 durch den Steinmetz Gervasi Bechteler aus Radolfzell errichtet. Dann bleibt die Baustelle erneut verwaist, diesmal bis 1714 wegen des Spanischen Erbfolgekrieges. Ab 1716 folgt der Gewölbeeinbau mit Tuffsteinen[18] aus einem Steinbruch bei Rottweil. Bis zur Rohbau-Fertigstellung nach über 30 Jahren Bauzeit im Jahre 1719 sind nun erstmals Vorarlberger Bauleute und Stuckateure tätig.[19]

Ausbau und Ausstattung
Die Ausstattung bis zur Einweihung
Sechs Jahre später, am 24. Oktober 1725 kann die Kirche eingeweiht werden. Vorgängig sorgt  Abt Michael III. für die erste Altarausstattung. Den Auftrag für den Hochaltar erteilt er 1720 den beiden einheimischen Bildhauern Schupp.[20] Das Altarblatt mit der Darstellung des Abendmahls lässt er bei seinem Bruder Johann Georg Glückher[21] anfertigen.
1723 erstellen die Vorarlberger Brüder Rudolf und Johann Ober, welche schon 1716–1719 im Innenraum tätig sind, den Marien- und Josephsaltar in Stuckmarmor. Auch die Altäre des hl. Johannes Baptist und des hl. Laurentius werden von diesen Vorarlbergern in Stuckmarmor gefertigt.[22] Die Maler der vier Altarblätter bleiben ungenannt.
An der Einweihung stehen damit der neue Hochaltar, vier neue Seitenaltäre, aber auch die beiden Seitenaltäre des hl. Gregor von Armenien[23] und des Ordensgründers Benedikt aus der alten Kirche, die seit 1669 zwei «Heilige Leiber» der Katakombenheiligen Gregorius und Benedictus auf der Mensa tragen.[24]
Von diesen sieben Altarretabeln mit ihren Altarblättern ist heute nichts mehr vorhanden. Vier verschwinden nach 1823, drei (Hochaltar, Gregorius- und Benediktusaltar) werden in den 1730er-Jahren neu gebaut.

Die Chorerweiterung als Intermezzo
1728 beschliessen Abt und Konvent eine Chorvergrösserung. Anstelle des alten Abschlusses, dessen Ausbildung aber nicht überliefert ist,[25] fügt der Baumeister Jodok Beer[26] gleichzeitig mit dem Neubau des Westflügels (dazu unten mehr) ein weiteres Joch an und schliesst mit einer flachen, die Stadtmauer einbeziehenden Apsis. Für diese Erweiterung muss der Hochaltar von 1720/21 abgebrochen werden. Er wird in der 1733/34 vom Kloster neu gebauten Pfarrkirche von Furtwangen im Schwarzwald wieder aufgestellt, wo er 1857 verbrennt. Für eine Abtei in dauernden Geldnöten ist der Vorgang erstaunlich, lässt sich aber mit der Lage des Turmes erklären. Dieser ist in seinen Untergeschossen schon 1690 erstellt und lässt wenig Spielraum für eine freie Altarraumgestaltung, sodass die Erweiterung verständlich wird.

Der neue Hochaltar
Ein nun erforderlicher neuer Hochaltar wird bis 1732 fertiggestellt. Das Säulenretabel überlebt das Jahr 1823, weil es in Stuckmarmor angefertigt ist. Treuherzig schreiben die damaligen Inventar-Schätzer: «Altar kann nicht abgebrochen werden, hat daher in dieser Hinsicht keinen Wert». Auch zwei «Gipsfiguren, verdorben» können «ohne weitere Beschädigungen nicht abgebrochen werden». Den vergoldeten Tabernakel schätzen sie mit 30 Gulden. Ausgeführt wird das neue Retabel von Gaspare Mola aus Coldrerio mit dem Marmorierer Christoph Wild.[27] Der Entwurf zum Altar und das «Altarblatt», ein Freskogemälde der Kreuzigung an der Rückwand, werden als Werke der Malersippe Schilling aus Villingen beschrieben.[28] 1760 genügt das Aussehen des Hochaltars von 1732 nicht mehr. Der Bildhauer Joseph Anton Hops[29] gestaltet den bekrönenden Baldachin neu, indem er ihn stark erhöht, seitlich herunterfallen lässt und auch die Strahlenglorie mit dem Fenster im Mittelpunkt entsprechend vergrössert.

Die weitere Ausstattung nach 1733
1733 stirbt Abt Michael III. Glückher hochbetagt. Sein Nachfolger und letzter Bauabt ist Hieronymus Schuh aus Villingen.[30] In der Liste der Äbte wird er gerühmt, er habe Bildung und Schuldienst methodisch und mit Eifer gefördert, die Kirche und das neue Konventgebäude mit grossem Aufwand ausgestattet, den Kirchturm und ein neues Gymnasiumsgebäude errichtet, und der Kirche eine neue Orgel geschenkt.
Schon 1734 lässt er durch den Kunstschreiner Martin Hermann (Hörmann) aus Villingen[31] die beiden Retabel des Gregorius- und des Benediktus-Altars neu erstellen. Georg Samuel Schilling malt die Altarblätter, dasjenige des Gregoriusaltars ist aber nicht mit dem Altarpatron, sondern dem hl. Johann Nepomuk gewidmet. Er fasst auch beide Retabel, die als einzige Seitenaltäre  noch erhalten sind.
Auch der Johannesaltar und der Laurentiusaltar werden 1735 von Hermann neu gebaut.
1739 fertigt Hermann auch die beiden Chor-Nebenaltäre des Placidus und des Maurus, deren Altarblätter von Johann Georg Bergmüller und Franz Ludwig Hermann aber heute ebenso verschwunden sind wie die vier neuen Retabel.[32]
1738 liefert der Konstanzer Kunstschlosser Johann Jakob Hoffner das grosse Chorgitter.[33]
Im gleichen Jahr fertigt der Kunstschreiner Hermann die Chorstühle, welche heute, ihrer Bildhauerarbeiten allerdings erledigt, noch vorhanden sind.
1751 bestellt der Abt, beraten durch seinen Organisten und späterem Nachfolger Coelestin Wahl, bei Johann Andreas und Johann Daniel Silbermann in Strassburg[34] eine neue Orgel mit 23 Registern (III/P/23), die 1752 mit nun 26 Registern geliefert wird. Das Orgelgehäuse ist ein weiteres Werk von Martin Hermann, die Bildhauerarbeiten liefert Joseph Anton Hops. Der Orgelprospekt, dessen barockes Aussehen wegen der Zerstörung von 1812 in Karlsruhe unbekannt bleibt, ist seit 2002 durch eine freie Rekonstruktion in Anlehnung an Elsässer-Silbermann-Orgeln, aber mit der erhaltenen Original-Disposition ersetzt.
1756/60 liefert Hermann auch sieben neue Beichtstühle.
1757 tritt als Nachfolger von Abt Hieronymus der aus Ochsenhausen stammende Coelestin Wahl die Regierung an.[35] Auch er befasst sich noch mit neuen Ausstattungen.
1759 lässt er durch den Bildhauer Joseph Anton Hops die Kanzel anstelle derjenigen von 1726/29 neu anfertigen. Sie zählt zu den raren Ausstattungsstücken, welche 1823 nicht entfernt werden.
Die schon erwähnte Hochaltar-Umgestaltung von 1760/61 mit einem gleichzeitig gebauten neuen Kreuzaltar, beides Werke von Joseph Anton Hops, zählen zu einer umfassenden «grossen Reparation» des Innenraums, wofür Abt Coelestin dem aus Weiler im Allgäu gebürtigen Maler Johann Michael Schmadl[36] den Auftrag erteilt. Schmadl fasst zusätzlich zu den Altären im Chor auch Orgel, Kanzel, Galerien, Gurten und Pilaster für 2600 Gulden.
Die Ausstattungsarbeiten der Kirche sind damit beendet. Am Chorbogen sind beidseits der Wappenschilde in einem Chronostichon mit 1688 und 1759 der Beginn und das Ende der Bauarbeiten festgehalten.[37]

Bau der Konventflügel, des Gymnasiums und des Turms

Neubau der Konventgebäude
Gleichzeitig mit der Verlängerung des Kirchenchors nach Westen schliesst Abt Michael III. auch die Lücke zwischen altem Konvent-Nordflügel und Kirche, wie sie schon 1688 geplant ist. Baumeister Jodok Beer beginnt den Bau 1728, der 1729 aufgerichtet werden kann. Er baut ihn viergeschossig und verbindet ihn mit dem alten dreigeschossigen Nordflügel von 1600/66. Dieser wird um ein Geschoss aufgestockt und in der Fassadengestalt dem neuen Flügel angeglichen. In den Repräsentationsräumen stuckiert, vor allem im Nordflügel, wieder Gaspare Mola aus Coldrerio.

Neubau des Gymnasiums
Noch unter dem Abt Hieronymus Schuh wird 1747–1749 ein schon lange geplantes Gebäude für das Gymnasium errichtet. Das langgestreckte, dreigeschossige Gebäude liegt an der zur östlichen Kirchenfront gegenüberliegenden Strassenseite (früher an der Benediktinergasse, heute an der Schulgasse 6). Diese Lage-Klarstellung ist notwendig, weil das Schulgebäude der Benediktiner in Villingen konsequent mit den beiden Klosterflügeln nördlich der Kirche verwechselt wird.[38] Zur Benediktinerzeit sind im Gymnasiumsbau vier Schulzimmer und ein grosser Theatersaal untergebracht. Der Kulissenfund 2004 in einem nahen Dachstuhl muss damit zusammenhängen. «Den Zugang zu dem Gebäude eröffnet ein Barockportal von rotem Sandstein. Über dem Rundbogentor ist eine Kartusche mit schwarzem Schild und schon 1890 unleserlich gewordener Inschrift. Zu beiden Seiten des Portals ist je ein Wappen, das eine des Stifts, das andere des Erbauers Hieronymus Schue.» schreibt Paul Revellio.

Turmneubau
Als letztes Bauwerk lässt Abt Hieronymus Schuh den Glockenturm vollenden, der schon 1690 auf Traufhöhe, aber nicht über Dach gewachsen ist. Er erteilt 1755 einem einheimischen Steinmetz und Maurermeister den Auftrag zur Weiterführung des Turm-Bauwerks nach einem vorhandenen Riss. Er baut die neuen Obergeschosse mit Hausteinen von rotem Buntsandstein aus einem Steinbruch nördlich der Stadt. Der Zeichner des Risses wird nicht genannt. Nur der Entwurf der Turmbekrönung wird dem Maler Johann Martin Hermann zugeschrieben, der auf der Heimreise von Ottobeuren den Turm von Ochsenhausen zum Vorbild nimmt. Die Ausgaben für den Turm, alle Eigenleistungen des Klosters und der Frondienstpflichtigen nicht eingerechnet, betragen für den Bau 6618 Gulden. Nochmals in ähnlicher Grössenordnung ist das Geläut mit sieben Glocken und das Uhrwerk.

Säkularisation, Zerstörungen und Wiederbelebungen

Die Säkularisation 1806
In einem ungeheuren Rechtsbruch wird im Reichsdeputationshauptschluss von 1803 aller Besitz der Klöster, Stifte und Hochstifte an die beteiligten deutschen Fürsten verteilt. Ihm folgt eine unauslöschliche kulturelle Barbarei. Sie trifft Villingen zusammen mit den vorderösterreichischen Klöstern erst 1806. Der Besitz dieser Klöster wird auf die drei süddeutschen Herrscher von Napoleons Gnaden aufgeteilt. Die 26 Benediktiner von Villingen unter ihrem Abt Anselm Schababerle haben das Pech, vorerst in den Besitz des württembergischen Königs zu kommen. Seine Beamten machen ihrem üblen Ruf alle Ehre. Sie beginnen sofort mit dem Transport des beweglichen Gutes nach Stuttgart oder versteigern es gleich an Ort, den Wein sinnigerweise in der Kirche. Aber schon im Juli 1806 fällt Villingen an das neugegründete Grossherzogtum Baden. Etwas sorgfältiger in der vorangängigen Schatzung, aber in der Sache ebenso rücksichtslos wie die Württemberger, wird das als wertvoll betrachtete Inventar nach Karlsruhe und Freiburg verfrachtet.

Die Zerstörungen
1806 führen die württembergischen Beamten vor allem die Kostbarkeiten von hohem materiellen Wert nach Stuttgart. Auch alle Gemälde in den Klosterräumlichkeiten verschwinden. Als im September die Beamten des Grossherzogs von Baden den Platz übernehmen, sind alle Räume mit Ausnahme der Bibliothek leergeräumt. Die weitere Räumung besorgen nun badische Beamte. Die als wertvoll erachteten Bücher der Bibliothek kommen nach Freiburg und Karlsruhe, die meisten werden verschleudert. Der Grossherzog schenkt die Silbermann-Orgel zusammen mit einem Teil der Kirchenglocken der evangelischen Stadtkirche von Karlsruhe, wo die Orgel in einem neuen Prospektgehäuse des Architekten Friedrich Weinbrenner Aufstellung findet, aber 1944 zerstört wird.
Mit der gleichzeitigen Aufhebung des Gymnasiums, seit 1777 «Lyzeum», ist es ein rundes Jahrhundert nicht mehr möglich, in der näheren Region die Berechtigung zum Studium an einer Universität zu erlangen.
1826 erwirbt die Stadt die beiden Konventflügel, die sich in einem stark verwahrlosten Zustand befinden und baut sie zum Schulhaus um. Daher kommt auch die hartnäckige Verwechslung der Klostergebäude mit dem Klostergymnasium.
Das eigentliche, gegenüberliegende Gymnasium mit dem Theatersaal wird 1850 zu einer Reiterkaserne des 7. preussischen Ulanenregiments umgebaut.
Die oben aufgelisteten Folgen der Säkularisation treffen die meisten süddeutschen Klöster. Vielfach wird das ganze Kloster, manchmal auch «nur» die Stiftskirche abgerissen.
Die Stiftskirche der Benediktiner in Villingen, inzwischen in Stadtbesitz, wird zwar nicht abgebrochen und dann vergessen, aber sie wird 1823 zum Salzlager der neuen Salinen von Dürrheim bestimmt.
Nun beginnt der letzte Akt kultureller Barbarei im ehemaligen Kloster. Die schon 1806 geplünderte Kirche wird nun vollständig ausgeräumt. Nur die Kanzel und der Stuckmarmor-Hochaltar verbleiben im ehemaligen Sakralraum, weil ihr Abbruch und Transport zu viele Schwierigkeiten bereiten. Die wertvollen Eisengitter und selbst die Bodenplatten werden zum Materialwert versteigert. Alle noch im Langhaus befindlichen Altäre werden abgebaut. Nach der Räumung ist im Langhaus nur noch die Kanzel vorhanden.

Die Altarlandschaft zur Barockzeit und die 1806–1826 entfernten neun Altäre
Lage Altar Altarblatt (Maler, Schätzwert in Gulden) Veränderung 1826

Anmerkung: Die 1826 ins Münster verlegten drei bis vier Altäre (LH1 und LH3) werden vielleicht schon 1851 bei der neugotischen Purifizierung zerstört. Sie sind dort nicht mehr vorhanden.

Wiederbelebungen und Sanierungen im 20. Jahrhundert
Die ehemalige Klosterkirche
Die ehemalige Klosterkirche dient 1832–1852 als Salzlager. Dann nutzt sie die Stadt für unterschiedliche Bedürfnisse, ab 1887 vermehrt für Konzerte und Sängerfeste. 1900 wird eine erste Renovation durchgeführt. 1902 wird sie wieder für Gottesdienste genutzt. Weil die Stadt 1911 für grössere Unterhaltsarbeiten nicht mehr aufkommen will, bietet sie die Kirche zum Verkauf an. Ein Bieterwettbewerb zwischen der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde endet  mit dem Zuschlag an die Katholiken. 1971 können die beiden Altäre, der «Gregorius»-Altar mit dem Bild des Johann Nepomuk und der Benediktusaltar wieder zurückerworben werden. Ihre heutige Aufstellung entspricht aber nicht der alten, paarweise angeordneten Lage. Renovationen finden 1963/64 (mit Entfernung der Wandfassung Schmadl von 1760!), 1975/77 und 1995 statt.

Die ehemaligen Konventflügel, seit 1826 Realschule
Die seit 1826 mehrfach für Schulzwecke umgebauten beiden Klosterflügel hätten eine Beachtung durch Bauforscher verdient. Heute fehlt jeder Hinweis auf diese Veränderungen. Sie müssen, wie an den Fenstern ablesbar ist, in grösserem Umfang Ende des 19. Jahrhunderts stattgefunden haben.



Die Architektur der ehemaligen Klosterkirche

Vorarlberger Bauwerk?
Wenn heute die Benediktinerkirche St. Georg allgemein als Vorarlberger Bauwerk bezeichnet wird, ist dies nur die halbe Wahrheit. Einzig der Konvent-Westflügel kann mit Sicherheit dem Vorarlberger Jodok Beer zugeschrieben werden. Für die Kirche ist weder der Entwerfer noch der ausführende Baumeister verbürgt. Der heutige Irrglaube, dass ein wichtiges Gebäude der Barockzeit auf einem einzigen Entwurf eines bekannten Baumeisters beruhen müsse, befeuert auch in Villingen die Historiker. Selbst der Entwurf für die Fassade von 1693 wird Michael Thumb zugeschrieben. Dies ist wenig wahrscheinlich, denn 1687 und 1688 treffen mehrere gewichtige Planer beratend bei Abt Georg III. Gaisser in Villingen ein. Ob dieser dann an Bauleiter Haimb, von ihm als Architekten bezeichnet, einen Entwurf von Michal Thumb als Grundlage überreicht, ist zwar möglich, aber nicht gesichert. Der Neubau wird aber weder von Thumb geleitet, noch werden in den ersten Baujahren Vorarlberger am Bau genannt. Man muss also von der damals üblichen Kollektivplanung ausgehen, bei der Abt Georg III. eine entscheidende Rolle gespielt haben dürfte.[39]

Typologie
Der Bautypus der Villinger Benediktinerkirche ist eine Wandpfeilerhalle mit Seitenemporen. Zwei Kirchen, es sind Wandpfeilerhallen ohne Emporen, stehen am Anfang dieser Bauweise. Die beiden Jesuitenkirchen in Dillingen (1610–1617) und in Eichstätt (1617–1620) sind die ersten einschiffigen barocken Wandpfeilerhallen eines Typus, der durch seine Einfachheit einleuchtet und im deutschen Sprachgebiet die basilikale Wandpfeilerkirche nach dem Vorbild der römischen Kirche Il Gesù zunehmend ablöst.[40]
Die neue Bauweise kann als Saal oder Halle mit innenliegenden, raumhohen und weit vorstehenden Wandpfeilern beschrieben werden, die mit massiven Quertonnen verbunden sind und den Gewölbeschub der weitgespannten Längstonne nach unten leiten. Das tektonische Schema der beiden ersten Wandpfeilersäle bleibt noch bis zum Höhepunkt dieser Bauweise, der Benediktinerkirche von Zwiefalten völlig unverändert.
Nach dem Dreissigjährigen Krieg findet diese rationelle Bauweise nördlich der Alpen eine weite Verbreitung. Bei Klosterkirchen werden jetzt auch Seitenemporen eingefügt. Eine frühe Wandpfeiler-Emporenhalle ist die Klosterkirche von Gars am Inn (1657–1662). Im nebenstehenden Vergleich einiger Wandpfeiler-Emporenhallen, gebaut im Gebiet des Bistums Konstanz in den gleichen Jahren wie Villingen, sind auch die Querschnitte von Gars, Villingen und Disentis eingefügt. Der Bautypus der Wandpfeiler-Emporenhalle wird mit der zweiten Vorarlberger-Generation nach 1700 zum Markenzeichen der Baumeister aus dem Bregenzerwald. Ihre Grundrisse grösserer Klosterkirchen, fast immer auch mit Doppeltürmen, zeichnen sich in der Regel durch ein verbreitertes Joch mit zurückgesetzten Seitenemporen vor dem immer stark eingezogenen Chor aus. In Ellwangen und Obermarchtal ist dieses Joch sogar auskragend. Diese Merkmale fehlen der Villinger Benediktinerkirche. Sie hat weder ein verbreitertes Joch mit zurückgesetzten Emporen noch einen betont eingezogenen Chor. Sie wirkt wie die späte Schwester von Gars am Inn. Wenig deutet auf eine Planung durch einen Vorarlberger hin.

Die Architektur
Der Baukörper
Die nach Westen orientierte Kirche erhebt sich (vor 1728) über einen blockhaften Grundriss von 43 Meter Länge, 21 Meter Breite und einer Traufhöhe von 13 Meter.
Eine Folge von sieben Wandpfeilerjochen prägt den ursprünglichen Innenraum. Die Tiefe der Wandpfeiler beträgt im Langhaus 3,0 Meter, im Chor 3,6 Meter. Diese geringe Differenz ist für den Besucher auf den ersten Blick nicht ersichtlich. Leicht zurückgesetzte Seitenemporen auf 7,30 Meter Höhe sind über korbbogigen Arkaden in die Wandpfeiler-Abseiten eingebaut. Im Erdgeschoss sind sie als geschlossene, tonnengewölbte Kapellenräume ausgestaltet. Die Seitenemporen sind mit Balustraden versehen. Sie laufen auf gleicher Höhe durch und verleihen zusammen mit den auf gleicher Höhe liegenden Kapitellen dem Innenraum einen kräftigen Horizontalzug. Der geringe Choreinzug trägt zur perspektivisch täuschenden Tiefenwirkung bei.
Die Raumgliederung erfolgt durch Pilaster an den Wandpfeilerköpfen und durch Gurtbögen im Tonnengewölbe. Die Pilasterkapitelle zeigen Régence-Ornamentik aus der Erbauungszeit.
Das südwestliche Chorjoch ist durch den Kirchturm belegt, der aussen um einen Meter vorspringt. Das Eingangsjoch ist als Emporenjoch ausgebildet.  Mit der Chorverlängerung von 1728 wird dieses starre Schema aufgebrochen, das zusätzliche Chorjoch enthält nun keine Seitenemporen mehr. Die Innenraumlänge beträgt seither rund 50 Meter.
Im Querschnitt, der seit 1890 veröffentlicht ist, kann die Tektonik des Wandpfeilersaals und auch das Dachwerk gut abgelesen werden. Die Längs- und Quertonnen setzen mit der Höhe von 10,4 Meter ab Fussboden des Langhauses relativ hoch an. Die Spannweite des Tonnengewölbes im Langhaus beträgt 12,6 Meter, die Scheitelhöhe 16,5 Meter. Die Vergleiche zeigen, wie sich der Innenraum von Wandpfeiler-Emporenhallen seit den ersten Anfängen zu inzwischen grosszügigen Verhältnissen entwickelt hat.[41]
Der Villinger-Innenraum ist mit beidseitigen Rundbogenfenstern im Erdgeschoss und auf der Emporengalerie sehr gut belichtet.
Leider fehlt ihm heute, mit Ausnahme der Pilasterkapitelle und der Chorbogen-Wappenkartuschen, jegliche Ornamentik der Erbauungszeit. Damit unterscheidet sich die Benediktinerkirche Villingen radikal von allen süddeutschen ehemaligen Klosterkirchen der hochbarocken Periode.

Dachstuhl
Weil das Gewölbe des Langhauses drei Meter in den Dachstuhl ragt, handelt es sich in Villingen um ein offenes Dachwerk. Der Zimmermeister, der den Dachstuhl um 1691 aufrichtet, baut diesen zweigeschossig. Das untere Geschoss ist ein stehender Stuhl und überbrückt die Längstonne. Darüber ist ein liegender Kehlbalkenstuhl mit Hängesäule angebracht. Diagonalstreben dienen als Schubsicherung.

Fassade
Die nach Osten gerichtete Fassade wird sechs Jahre nach den Besuchen von Kilian Stauffer und Michael Thumb, und fünf Jahre nach dem Besuch von Franz Demess gebaut. Von keinem dieser erwähnten Planer dürfte sie entworfen worden sein, denn jeder von ihnen hätte im Giebelfeld die Achsteilung der unteren dreiachsigen Fassade beachtet. Dem Entwerfer sind vielleicht die Fassaden römischer Kirchen aus dem 1683 erschienenen Werk Rossis bekannt, nur setzt er das Vorbild völlig laienhaft um.[42] Ist vielleicht Abt Georg III. selbst ihr Entwerfer? Oder ist es der als Ausführender genannte Steinmetz? Die sehr breite, offenbar auf die innere Tragstruktur bezogene Mittelachse der Fassade ist mit einem Segmentgiebel bekrönt. Ihm ist, entgegen allen Regeln der Baukunst, ein schmales Giebelgeschoss mit Frontispiz und seitlichen Volutenabschwüngen direkt aufgesetzt. Keiner der erwähnten Planer hätte einen derartigen Regelverstoss und auch das viel zu breite Mittelfeld toleriert. Allerdings ist die Fassade durch ihre Lage an der Gasse gegenüber dem ehemaligen Benediktinergymnasium nur in seitlicher Perspektive erfassbar, die hier beanstandete Architekturgliederung verliert deshalb an Wichtigkeit.

Turm
Der in den Obergeschossen erst 1755 gebaute Glockenturm ist bis zur Kreuzbekrönung knapp 50 Meter hoch. Er dominiert noch heute das nordwestliche Viertel der Altstadt von Villingen. Der Turmunterbau ist viergeschossig. Die untersten zwei Geschosse bis zur Traufhöhe der Kirche bestehen schon seit dem Kirchenneubau. Zwei weitere, in Haustein gearbeitete und nun mit Eckpilaster toskanischer Ordnung versehene Geschosse tragen in 20 Meter Höhe einen auskragenden und umlaufenden Umgang. Das darüberliegende weitere Glockengeschoss ist im Grundriss durch Eckausrundung einem Oktogon angenähert, um mit den dadurch zusammengerückten Pilastern einen schlankeren Baukörper vorzustellen. Die Kompositkapitelle dieser Pilaster enthalten Muschelwerk. Die Schallöffnungen der beiden oberen Geschossen zeigen konkave oder konvexe Eckausbildungen. Die Turmbekrönung besteht aus einer hohen welschen Haube mit Laterne. Das oberste Turmgeschoss und die Haube scheinen vom Glockenturm des Klosters Ochsenhausen inspiriert zu sein.[43]

Kirchenraum und Ausstattung
Den Kirchen-Innenraum zur Barockzeit können wir uns heute nicht mehr vorstellen. Er wird gerne mit dem heutigen nüchternen Raumkleid gleichgesetzt, obwohl spätbarocke Klosterkirchen nie ohne Stuckkleid und selten ohne Deckenfresken verbleiben. Ist Villingen wirklich die grosse Ausnahme?
Die aussagekräftige Beschreibung eines Durchreisenden im Jahre 1782 relativiert die heutigen Lobeshymnen auf den barocken Innenraum als «überwältigendes Raumerlebnis».
Es lohnt sich, die Eindrücke des Johann Gottlieb Kahlert aus Breslau zu lesen, um dann vielleicht zu sehen, dass mit dem heutigen Forschungsstand der barocke Innenraum nicht beschrieben werden kann.[44]

Gehe zum Schreiben eines Durcheisenden im Jahre 1782

Zur Gesamtanlage

Ein Klosterneubau der Barockzeit ist immer auch eine städtebauliche Gesamtleistung. Die Anlage hätte einen Beschrieb verdient. Nur ist dieser nicht möglich, denn der Gebäudekomplex der ehemaligen Benediktinerabtei, zu dem die Kirche, die beiden Klosterflügel, der nördlich liegende ehemalige Pfleghof und das Gymnasiumsgebäude zählen, entzieht sich mangels Bauforschung[45] einer gemeinsamen Beschreibung.

Pius Bieri 2025


Literatur zur Baugeschichte der Abtei St. Georgen in Villingen

Kraus, Franz Xaver (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler des Grossherzogthums Baden, zweiter Band, die Kunstdenkmäler des Kreises Villingen. Freiburg i. Br. 1890.
Roder, Christian: das Benediktinerkloster St. Georgen zu Villingen (1648–1806), in: Freiburger Diözesan-Archiv N. F. Sechster Band , Seite 40–76. Freiburg i. Br. 1905.
Revellio, Paul: geschichte des Benediktinerstifts St. Georgen in Villingen, in: Schriften des Vereins für Geschichte und Naturgeschichte der Baar und der angrenzBauenden Landesteile. XXIII Heft, Donaueschingen 1954.
Preiser, Hermann: Das Schicksal der Villinger Benediktinerkirche nach der Säkularisation bis zum Verkauf durch die Stadt an die katholische Kirchengemeinde im Jahre 1912, in: GHV 1991-92.
Fuchs, Josef: Die Restaurierung der Villinger «Benediktinerkirche» St. Georg, der Sakristei und «Praelatur» zum «Tausendjährigen» 1999, in: GHV 1995-96.
Ehnes, Dieter: Die Benediktinerkirche in Villingen und die Studienkirche in Dillingen, in: GHV 1999-2000.
 
Web
Benediktinerkirche (Villingen) in: https://de.wikipedia.org/wiki/Benediktinerkirche_(Villingen).
Geschichts- und Heimatverein Villingen e. V. (GHV), digitales Archiv in: https://ghv-archiv.de/


Anmerkungen

[1] Villingen zählt vor den Pestzügen des 14. Jahrhunderts um die 3000 Einwohner. Nach dem Dreissigjährigen Krieg erreicht die Stadt 1699 wieder die Zahl von 2000 Einwohner. 1816 nennt das Lexikon des Grossherzogtums Baden 593 Häuser und 2898 Seelen.

[2] Michael I. Gaisser aus Ingoldingen, Abt 1595–1606. Im Äbtekatalog wird er als geistreicher Mann und vorzüglicher Ökonom beschrieben. Er baut um 1600 das neue Konventhaus.

[3] Georg II. Michael Gaisser (1595–1655) aus Ingoldingen. Sein Onkel Michael I. Gaisser ist in Villingen Abt und nimmt den neunjährigen Neffen 1604 in die Klosterschule auf. Er studiert nach seiner Profess 1609–1613 in Dillingen, 1614 in Freiburg und 1615 in Ingolstadt. 1619 feiert er Primiz. 1621 ist er Prior im Kloster Amtenhausen. Abt in Villingen ist er 1627–1655. Am Wahlakt 1627 nehmen nur fünf Konventualen teil. Seine Tagebücher der Jahre 1621–1655 sind eine beeindruckende Quelle über die regionalen Verhältnisse während der Kriegsjahre. Informationen über seinen Konvent sucht man darin aber vergeblich. Nach dem Brand des «Konventhauses» 1627 ist in Bezug auf einen Wiederaufbau nur zu vernehmen, dass er bei Visitationen dazu aufgefordert werde, aber immer auf dessen Unmöglichkeit wegen fehlender Einnahmen hinweise.  

[4] Zur 1603 gegründeten Oberschwäbischen Kongregation zählen die Gründungsmitglieder Weingarten, Petershausen, Ochsenhausen, Zwiefalten, Wiblingen, Mehrerau und Isny. Bis 1640 werden auch die Schwarzwaldklöster St. Peter, St. Georgen und St. Trudpert aufgenommen. Unter vorderösterreichischem Druck müssen 1782 die Abteien Wiblingen, Mehrerau, St. Georgen, St. Trudpert und St. Peter ausscheiden und eine eigene Kongregation von Österreichs Gnaden bilden. Die Kongregationen der Benediktiner sind auf gegenseitige Hilfe und Unabhängigkeit ausgerichtet. Sie schalten den Einfluss der Bischöfe aus, indem der Vaterabt die Visitationen selbst durchführt. Diese Selbstbestimmung wird aber von Österreich 1782 nicht mehr akzeptiert.

[5] Der Beitrag von St. Georgen in Villingen ist allerdings bildungsmässig sehr gering und finanziell völlig unbedeutend.

[6] Von Michael Kederer (1613–1661) ist nur bekannt, dass er 1631 in Dillingen das Studium beginnt und 1655 als Propst von St. Marx im Elsass zum Abt in Villingen gewählt wird (St. Marx bei Gueberschwir ist bis 1654 Propstei von St. Georgen). Er stirbt bereits 1661 mit 48 Jahren an einem Schlaganfall.

[7] Eine eigentliche Forschung zur Abtei St. Georgen in Villingen ist leider nicht vorhanden. Es gibt kaum eine Benediktinerabtei, über die derart wenig bekannt ist, obwohl Archivquellen vorhanden wären (siehe Mone 1848). Es fehlen auch alle Professlisten.

[8] Johann Franz Scherer (1613–1685) aus Villingen, Abt 1655–1685. Er ist Verfasser einer (offenbar nicht durchforschten) Klosterchronik.

[9] Dieses Konventhaus von 1663/66 wird 1890 von Kraus in den «Kunstdenkmäler» von Petra Wichmann in Dehio 1997 ohne Nennung des Planers oder Baumeisters als der heutige Nordflügel beschrieben. Das um 1600 gebaute, 1637 abgebrannte und erst 1666 wieder aufgebaute Konventhaus steht zwar an der Stelle des Nordflügels, ist aber in allen Dokumenten des 17. Jahrhunderts eindeutig dreigeschossig dargestellt und beschrieben, mit ungefähr 8 oder 9 Fensterachsen auch kürzer als der heutige viergeschossige, mit der Kirchenfront bündige Flügel. Siehe dazu auch die Skizze von Barnabas Säger (um 1727). Die Informationen der Kunsthistoriker und Kunsthistorikerinnen lassen das Publikum glauben, der heutige viergeschossige Schulbau mit den Riesenfenstern sei ein Bauwerk des 17. Jahrhunderts!

[10] Georg Wilhelm Gaisser (1639–1690) aus Ingoldingen, Neffe des Abtes Georg II., der ihn in Villingen unterrichten lässt. Profess 1656. Sein Studienweg ist nicht erforscht. Seit 1679 unterhält er einen Briefwechsel mit dem Pariser Mauristen Jean Mabillon, der ihn 1683 in Villingen besucht. 1685 wird er als Georg III. zum Abt gewählt und stirbt schon 1690.

[11] Br. Kilian Stauffer OFM (um 1659–1729) aus Beromünster. Er tritt 1679 in Würzburg in den Franziskanerorden ein. Er ist Altarbauer und Bildhauer, auch Stuckmarmorierer und betätigt sich als Ordensbaumeister. In dieser Funktion wirkt er auch in seiner Schweizer Heimat (Bremgarten 1687/88, Freiburg 1692). In Würzburg ist er 1710 im Entwurfskollektiv für die berühmte Fassade der Neumünster-Kirche vertreten. Zugeschrieben wird ihm auch die Fassade der Wallfahrtskirche Fährbrück (mit Antonio Petrini).

[12] P. Columban Summerberger (1629–1690), 1646 Profess in Zwiefalten, ist Aedilis (Bauverantwortlicher) und Granarius. Von P. Columban sind keine Werke als Planer oder Baumeister bekannt.

[13] Michael Thumb (1640–1690) aus Au oder Bezau im Bregenzerwald, Baumeister. Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/Thumb_Michael.html. Seine Nennung als Erbauer der Benediktinerkirche ist ärgerlich. So schreibt Friedrich Jacobs im Dehio: «1688 beginnt Michael Thumb die Klosterkirche», der Kunstführer meldet die Kirche gleich als «Werk von Michael Beer und Michael Thumb». Die Fixierung auf Michael Thumb ist nicht nur in seiner zweitägigen Besprechung in Villingen, sondern auch im Zusammenhang mit seinem gleichzeitigen Kirchenneubau in Obermarchtal 1686–1701 zu sehen. Was aber Historikern entgeht, ist die Tatsache, dass die Kirche Obermarchtal einer Planung des Jesuitenbaumeisters Br. Heinrich Mayer zu verdanken ist. Michael Thumb hat den Bau anschliessend ausgeführt. Zu Obermarchtal siehe www.sueddeutscher-barock.ch/Obermarchtal_Kirche.html.

[14] Peter Haimb (1636–1706) aus Rorschach. Maurermeister. Er baut auch für die Fürstabtei St. Gallen, so in Rorschach (1660/66 Pfarrkirchen-Umbau, 1690/94 Turm) und in Mörschwil (Pfarrkirchen-Neubau 1699/1704). Die Ausführung des Neubaus in Villingen bis 1690 durch Haimb als Baumeister («Architectus») dürfte gesichert sein.

[15] Johann Pöllandt (um 1631–1721) aus Rottenbuch. Bildhauer, Stuckateur und Altarbauer. Siehe zu ihm den Wikipedia-Beitrag. In der Kirche der Benediktinerinnenabtei Amtenhausen bei Ingoldingen, einem dem Kloster St. Georgen unterstellten Frauenkonvent, erstellt er 1688 den Hochaltar (heute in der Kirche St. Sylvester von Emmingen bei Tuttlingen). In Amtenhausen legt seine Tochter in diesen Jahren Profess ab.

[16] P. Johann Franz Demess SJ (1633–1695) aus Zug. Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/Demess_Franz.html. Er ist an der Jesuitenkirche Solothurn beteiligt, baut das dortige Kolleg, ist bis 1680 in Arlesheim am Bau der Domkirche tätig und leitet ab 1686 den Bau der Jesuitenkirche in Freiburg. Die Jesuitenkirche in Solothurn und diejenige von Freiburg sind klassische Wandpfeilerhallen.

[17] Michael III. Glückher oder Glyckher aus Rottweil, Profess in Villingen 1674, Abt 1690–1733. Obwohl Abt Michael 43 Jahre regiert und die Anlage des Klosters fertigstellt, ist bisher weder sein Geburtsjahr, noch seine Schulung oder seine weitere Tätigkeit erforscht worden. Äbte und ihr Wirken interessieren Lokalhistoriker offenbar nicht. Weil sein berühmter Bruder Johann Georg 1653 geboren ist, und 1674 das Professjahr des Abtes ist, dürfte er um 1656 geboren sein.

[18] So Revellio 1954, was sicher zutrifft. Trotzdem wird das Gewölbe (Stärke 22–25 cm, die Gurtbögen bis 50 cm) seit Kraus 1890 bis heute, auch nach 1954, als Backsteingewölbe beschrieben.

[19] Folgende Vorarlberger, alle aus Au im Bregenzerwald werden 1717 und 1718 genannt:
Rudolf Ober (1672–1730) als Palier und Stuckateur, sein Bruder Kaspar Ober (*1674) als Maurer, Johann Ober, Leopold Moosbrugger (*1662) und Johann Moosbrugger. Als Schöpfer der beiden Stuckmarmor-Retabel des Marien- und Josephsaltars (1723) ist Rudolf Ober wahrscheinlich auch der Stuckateur der Régence-Kapitelle.

[20] Joseph Anton Schupp oder Tschupp (1664–1729) und Sohn Johann Ignatius Schupp (1692–1748), aus Villingen (dortig auch «Lilienwirt» oder «Ilgenwirt»). Joseph Anton ist 1709/10 in Rheinau tätig, wo er die Fassadenfiguren, das Fintans-Hochgrab in Kalkstein, das Pendant des Orgelpositivs in Nussbaum, den Grabstein der Kyburger und 14 Figuren zum Chorgestühl erstellt. Für die Benediktinerkirche Villingen liefern sie 1720/21 den ersten Hochaltar und 1726/29 die erste Kanzel (beide nicht erhalten), auch die das Chordach bekrönende Statue Mariens mit Kind (1723). Die weiteren vier Steinfiguren auf dem Dach sind Werke des Vaters Johannes Schupp (1631–1699). Die 1693 erstellten Statuen sind heute Repliken. Joseph Anton Schupp wird bei den Villinger Chronisten nach seinem zweiten Vornamen Antoni genannt, vielleicht in Abgrenzung eines weiteren Bildhauers aus der Familie, des Joseph Pelagius Schupp (1713–1748), dessen Witwe Katharina Schilling 1749 den Bildhauer Joseph Anton Hops heiratet. Zu diesem unten mehr.

[21] Johann Georg Glückher oder Glyckher (1653–1731) aus Rottweil. Maler, Schüler von Johann Christoph Storer in Konstanz, Entwerfer von Augsburger Thesenblättern. Er ist der ältere Bruder des Abtes Michael III. Das Villinger Altarblatt mit dem Abendmahl und auch das Oberblatt mit dem Engelsturz sind nicht erhalten.

[22] Siehe auch Anmerkung 19. Rudolf Ober (1672–1730) aus Au im Bregenzerwald wird von Franz Dieth und Norbert Lieb in «Die Vorarlberger Barockbaumeister zusammen mit seinem Bruder Kaspar Ober (geb. 1674) für gleichzeitige Arbeiten im Villinger Münster genannt. Rudolf Ober stirbt 1730 in Villingen. Sein Johannesaltar wird 1735 durch einen neuen Holzaltar mit Fassung ersetzt. Beim Abbruch 1823 wird er deshalb nicht als «Gipsmarmor»-Altar, sondern als «Altar von Tannenholz 25 Gulden, das Gemälde 8 Gulden» beschrieben.

[23] Das Altarblatt mit dem Martyrium des hl. Gregor (Revellio 1954).

[24] Zwei weitere «Heilige Leiber» kommen von Rom, kostbar von den Benediktinerinnen in Amtenhausen gekleidet, noch 1711 in die Benediktinerkirche Villingen. Es sind die Katakombenheiligen Theodora und Coelestina. Alle vier Katakombenheiligen sind Geschenke des Johanniter-Komturs Franz von Sonnenberg . Der Erwerb von «Heiligen Leibern» ist ein Phänomen des barocken 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Allein in der katholischen Schweiz liegen zwei weitere «Heilige Leiber» des Gregorius und gleich acht «Heilige Leiber» des Benediktus auf Altären.

[25] Vielleicht ist der Abschluss entsprechend der von Christian Thumb (dem Bruder von Michael Thumb) gebauten Prioratskirche Hofen gerade gebaut. Zu Hofen: www.sueddeutscher-barock.ch/Hofen.html. Der Vergleich der gleichzeitigen Chorlösung von Hofen zeigt auch die Schwierigkeit einer vernünftigen Grundrisslösung des Altarraums und Chors in Villingen ohne die dann 1728 begonnene Erweiterung.

[26] Jodok Beer (1676–1750) aus Au im Bregenzerwald. Lehre bei Franz II Beer von Bleichten, Abschluss 1696. Er heiratet 1706 Maria Hummel und wird in Villingen als Maurermeister und «Schwertwirt» ansässig. 1711 baut er hier das im Spanischen Erbfolgekrieg zerstörte Franziskanerkloster wieder auf. 1728/29 ist er Baumeister des West- und Nordflügels der Benediktinerabtei Villingen. Für die gleichzeitige Chorerweiterung ist zwar kein Baumeister erwähnt, sie kann aber mit Sicherheit Beer zugeschrieben werden. Für den Neubau könnte er schon 1714 gewirkt haben (Lieb/Dieth 1960). 1737/38 baut er die Kirche von Lauterbach im Schwarzwald (1894 zerstört).

[27] Gaspare Mola (1684–1749) aus Coldrerio im Tessin. Er arbeitet noch bis 1729 am Innenraum-Umbau der Stiftskirche von Ochsenhausen, die eines seiner Hauptwerke ist. 1730 bis 1732 dürfte er in der Benediktinerabtei Villingen (Chor und Konventflügel) gearbeitet haben. Von seinen plastischen Arbeiten sind noch die beiden auf dem Säulengebälk des Hochaltars sitzenden Apostelfürsten und Relikte im nördlichen Konventflügel erhalten. Über den am Altar mit ihm als Marmorierer zusammenarbeitenden Christoph Wild ist nichts bekannt. Zu Mola siehe www.sueddeutscher-barock.ch/Mola_Gaspare.html.

[28] (Johann) Heinrich Schilling ist Stammvater der Malersippe Schilling aus Villingen. Seine Lebensdaten werden in der Wikipedia (im Beitrag Joseph Ignaz Schilling) mit 1657–1751 angegeben. Er wird von Revellio (1954) als Entwerfer des Hochaltars genannt. Eva Zimmermann (Barock in Baden-Württemberg, 1981) nennt dagegen den Sohn Johann Anton Schilling (1694–1734) als Entwerfer. Der zweite Sohn Georg Samuel Schilling (1695/1700–1757) ist am Hochaltar ebenfalls beteiligt und malt mehrere Altarblätter für die Benediktinerkirche, so auch die beiden noch erhaltenen Blätter des Gregorius- und des Benediktusaltars. Im Eingangsbereich hängt museal sein 1738 gemaltes Hochaltarblatt der Liebfrauenkirche («Münster» Villingen). Am bekanntesten ist der in München tätige dritte Sohn Joseph Ignaz Schilling (1702–1773). Revellio (1954) nennt ihn als denjenigen Maler, der 1761 das vergrösserte Altarblatt-Fresko neu malt. Zu ihm siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Joseph_Ignaz_Schilling.

[29] Joseph Anton Hops (1720–1761) aus Mietingen bei Biberach, Bildhauer. 1749 heiratet er die Witwe des Villinger Bildhauers Joseph Pelagius Schupp (Anm. 19). Damit wird Hops zum Leiter einer alteingesessenen Bildhauerwerkstatt, die in Villingen ohne Konkurrenz bleibt. Hops ist Schüler (nicht Lehrling!) von Johann Joseph Christian in Riedlingen, dessen ältester Sohn, der spätere Abt von St. Trudpert, Trauzeuge bei der Heirat 1749 ist. In der Benediktinerkirche Villingen arbeitet er 1751 an der Orgelornamentik, erstellt 1759 die neue Kanzel und verändert 1760/61 den Baldachin-Oberbau des Hochaltars. Die wichtigsten auswärtigen Arbeiten befinden sich in der Abteikirche Muri im Aargau (1750). Zu ihm siehe auch https://de.wikipedia.org/wiki/Josef_Anton_Hops.

[30] Hieronymus Schuh oder Schue (1689–1757) aus Villingen. Profess 1709. Professor der Philosophie und Theologie. Abt in Villingen 1733–1757.

[31] Johann Martin Hermann (1700–1782) aus Villingen, Kunstschreiner und Bildhauer. Hermann (oder Hörmann) ist vielleicht der gesuchteste Kunstschreiner des Rokoko in Schwaben. Seine Hauptwerke sind die Chorgestühle von Zwiefalten und Ottobeuren in Zusammenarbeit mit Johann Joseph Christian. Für die Benediktinerkirche Villingen baut er 1734 den Gregorius- und Benediktus-Altar, 1738/39 die Chorbestuhlung und die beiden Altäre des hl. Maurus und des hl. Placidus im neuen Chor, 1751 das Orgelgehäuse, 1756/57 die Beichtstühle. Er ist auch Entwerfer der neuen Turmobergeschosse mit der Kuppel.

[32] Die beiden neuen Chornebenaltäre mit den wertvollen Gemälden (Revellio s. 79) sind in der Schätzungsliste von 1823 nicht mehr enthalten, sie müssen also schon vorher entfernt worden sein.

[33] Johann Jakob Hofner oder Hoffner (1710–1790) aus Konstanz,
siehe www.sueddeutscher-barock.ch/Hofner_Johann_Jakob.html. Um die Pracht dieses Chorgitters zu verstehen, muss man das gleichzeitig erstellte Gitter in der Klosterkirche St. Ulrich und Afra von Kreuzlingen besichtigen.

[34] Johann Andreas Silbermann (1712–1783) und sein Bruder Johann Daniel Silbermann (1717–1766) aus Strassburg. Rechtsrheinisch sind nur noch wenige Orgel-Prospekte dieser berühmten Orgelbauer-Brüder original erhalten. Sie stehen in Basel (Peterskirche 1770 und Predigerkirche 1767), in Arlesheim (Dom 1759) und in Ettenheimmünster (St. Landelin 1769). Mehrheitlich originales Pfeifenwerk ist nur noch in Arlesheim vorhanden. Im Elsass stehen mehrere Prospekte der beiden Brüder, so in Saint-Hippolyte, Strasbourg Saint-Thomas, Wasselonne, Saint-Quirin, Griesheim-sur-Souffel, Saint-Jean-Saverne, Soultz-Haut-Rhin, Colmar, Châtenois, Bouxwiller, Molsheim, Gries. Alle sind entsprechend der französischen Art nicht gefasst und in Naturholz belassen.
Zu Johann Andreas Silbermann siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Andreas_Silbermann, zu Johann Daniel Silbermann siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Johann_Daniel_Silbermann.

[35] Coelestin Wahl (1717–1780) aus Ochsenhausen. Profess 1734, Abt in Villingen 1757–1778.

[36] Johann Michael Schmadl oder Schmadel (Lebensdaten unbekannt) aus Weiler im bayerischen Allgäu, damals im vorderösterreichischen Oberamt Bregenz gelegen, deshalb die übliche Nennung «Schmadel aus Bregenz». Er ist als Fassmaler zwischen 1748 und 1778 tätig. Nach 1768 betreibt er eine Wollmanufaktur in Weiler.

[37] Die mittlere Rokokokartusche enthält drei Wappenschilde. Das mittlere dieser Schilde ist dasjenige der Abtei St. Georgen, die beiden äusseren Schilde sind geteilt und tragen die Wappen der Bauäbte. Im Schild, das vom Putto mit der rechten Hand gehalten wird, liegt unten das Wappen Schuh/Schue von Villingen. In der linken Hand hält das Putto das geteilte Wappen Glyckher von Rottweil und Wahl von Ochsenhausen. Der Totenkopf anstelle des fehlenden Wappens Gaissler ist nicht erklärbar.

[38] Man vergleiche die Fehlinfos der Wikipedia in Benediktinergymnasium_Villingen (abgerufen 1.11.25). Für derartige Veröffentlichungen tragen auch die vielen, meist interessant geschriebenen Artikel zum Benediktinergymnasium des GVH Villingen bei, die aber nicht ein einziges Mal einen Hinweis auf die Lage der Schule geben. Schulräume im Konvent-Westflügel sind nicht bekannt, hätten an dieser Stelle (am Zugang zu den Funktionen und dem Gebet in der Kirche) auch enorm gestört.

[39] Mehr zu diesem Thema siehe im Exkurs «Baumeister oder Architekt».

[40] Die Dillinger Jesuiten- oder Studienkirche ist ein Werk von Matthias Kager und Hans Alberthal. Mehr zur Dillinger Kirche siehe in dieser Webseite unter Dillingen_Jesuitenkirche.html. Mehr zum Typus der Wandpfeilerhalle siehe im Glossar dieser Webseite.

[41] In Villingen beträgt das Verhältnis der Breite des Langhaus-Hauptraumes zur Höhe 1:1,3. In Gars am Inn beträgt es noch 1:1,2. In Obermarchtal beträgt es bereits 1:1,35. In Hofen und in Disentis 1:1,43.

[42] Die Fassade der römischen Kirche S. Maria della Vittoria (in Rossi 1683) zeigt alle Elemente der Villinger Fassade. Der Hinweis an den Abt auf die römische Stichfolge könnte von Kilian Stauffer erfolgt sein, der einige Jahre später S. Maria della Vittoria und S. Marcello al Corso für die grossartige Neumünster-Fassade in Würzburg zum Vorbild nimmt.

[43] Paul Revellio schildert in der Baugeschichte der Kirche den Besuch des Entwerfers Martin Hermann in Ochsenhausen, wo dieser den Kirchturm skizziert und dem Abt zustellt. Der Glockenturm des Klosters Ochsenhausen wird 1698 um zwei Geschosse erhöht. Der Baumeister in Ochsenhausen ist nicht erforscht, aber wahrscheinlich handelt es sich um Michael Wiedemann, dem Onkel von Christian Wiedemann, der 1726/28 die dortige Stiftskirche umbaut. Hermann gibt den Villinger Obergeschossen mit den leichten Änderungen von Gebälk (mit Uhr), Eckausbildungen der Fenster und einem zusätzlichen Schwung der Welschen Haube eine spätbarocke Note.

[44] Beschrieb in: Johann Ernst Fabris’s geographisches  Magazin, Band II, Heft 5/8, Dessau und Leipzig 1783. Der Bericht stammt von Johann Gottlieb Kahlert (1756–1831) aus Breslau. Der protestantische Theologe und spätere Hauslehrer des Fürsten Friedrich Ludwig zu Hohenlohe-Ingelfingen ist zu dieser Zeit Hofmeister bei der Familie Salis-Sewis in Graubünden.

[45] Nur die Baugeschichte der Kirche ist vor 70 Jahren von Paul Revellio kundig aufgearbeitet worden. Vom ehemaligen Pfleghof, dem heutigen Abt-Gaisser-Haus, sind Unterlagen der kürzlich erfolgten Renovation vorhanden. Aber weder zu den ehemaligen Konventflügeln noch zum ehemaligen Gymnasiumsbau ist auch nur der geringste Ansatz einer Bauforschung vorhanden.





























Ehemalige Benediktinerabtei mit Stiftskirche St. Georg in Villingen
Titelbild
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Villingen Vorderösterreich
Bistum (18. Jh.) Baubeginn
Konstanz
1688
Bauherr und Bauträger der Barockzeit
Abt OSB Johann Franz Scherer (reg. 1655–1685)
Abt OSB Georg III. Gaisser (reg. 1685–1690)
Abt OSB Michael III. Glückher (reg. 1690–1733)
Abt OSB Hieronymus Schuh  (reg. 1733–1757)
Innenraum der ehemaligen Benediktiner-Klosterkirche mit Blick zum Chor und dem Altarraum. Foto: Bieri 2025.
Westansicht
Westseite mit Chor und Turm nach Abbruch der Stadtmauer. Foto: Andreas Praefcke 2017.
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1607
Die Villinger Pirschgerichtskarte von 1607, gezeichnet von Anton Berin (1575–1624), ist nach Westen (oben) orientiert. Der Ausschnitt zeigt das Gebiet zwischen der Stadt Villingen (unten links) und dem Kloster St. Georgen (oben rechts) in einmaliger Detailgenauigkeit. Eingetragen sind auch Gewässer und Wege. Bei St. Georgen (das Kloster ist 1607 noch nicht zerstört) entspringt die Brigach, welcher beim Gropershof der Gropperbach und vor Villingen die Kirnach zufliesst. Ein Grossteil des ausgedehnten Waldgebietes ist noch heute erhalten.
Bildquelle: Tiroler Landesarchiv Innsbruck, Karte Nr. 294, aus Manfred Reinartz , Villingen-Schwenningen und Umgebung in alten Karten und Plänen.
1850
Die Stadt Villingen in: «Das Grossherzogthum Baden in malerischen Original-Ansichten» 1850. Aquatinta-Radierung als Stahlstich von Georg Michael Kurz, nach einer Vorlage von Konrad Corradi. Der Zeichner sitzt bei der südöstlich gelegenen Altstadtkirche (im Vordergrund des Gesamtbildes). Die turmreiche Stadt ist noch vollständig von der Stadtbefestigung umgeben. Ausserhalb der Mauern ist ein erstes grösseres Gebäude beim Niedertor entstanden.
Bildquelle: ETH-Bibliothek Zürich.
GoogleEarth
Die Anlage des ehemaligen Benediktinerklosters mit dem Benediktinergymnasium liegt im Nordosten der Altstadt von Villingen. Die Übersicht der Gebäude in einer Aufnahme von GoogleEarth 2019 ist hier anstelle des üblichen Lageplans mit der Situation vor 1806 eingefügt. Dieser ist der wegen der für das frühe 19. Jahrhundert fehlenden Stadtvermessung nicht rekonstruierbar. Anmerkung: Die an die Kirche südlich angeschlossenen Gebäude sind zur Klosterzeit noch nicht vorhanden. Für die Vergrösserung mit der Legende bitte anklicken.

Kirche und Kloster
Pläne und Aussenraum

GrRiss
Grundriss der ehemaligen Benediktinerkirche 1890. Die Chorerweiterung von 1728 reicht bis an die erst im 20. Jahrhundert abgebrochene Stadtmauer. Bildquelle: «Kunstdenkmäler des Kreises Villingen» 1890.
Schnitt
Querschnitt der ehemaligen Benediktinerkirche 1890, vorbildlich mit eingetragenem Dachstuhl und Vermassung. Bildquelle: «Kunstdenkmäler des Kreises Villingen» 1890
Fassade
Die Fassade der Kirche an der ehemaligen Benediktiner- und heutigen Schulgasse.
Foto: Bieri 2025.
InfoFassade
Plan von Fassade und Kirchturm auf einer städtischen Orientierungstafel. Foto: Harry Schneckenburger 2018.
Turm
Die Obergeschosse des Glockenturms, 1755 nach einer Planung von Johann Martin Hermann (Hörmann) gebaut. Foto: Wladyslaw Sojka 2012.
Hof
Die für Schulzwecke im 19. und 20. Jahrhundert stark veränderten ehemaligen Klosterflügel. Die Umfassungsmauer des Klosterhofs ist auf Gartenmauerhöhe abgetragen und der ehemalige Hof dient als Parkplatz. Foto: Bieri 2009..
vor1728
Die Skizze zeigt den Bauzustand zwischen 1719 und 1728. Die Kirche ist fertiggestellt. Das 1666 wieder hergestellte Konventhaus von 1600 ist dreigeschossig gezeichnet. Zwischen dem in der Skizze unrealistisch stark abgedrehten Pfleghof («Abt-Gaisser-Haus») ist der Kirchturm mit Zwiebelhaube zu sehen, ein Bau des Abtes Johann Franz Scherer von 1663 für die erweiterte Kapelle. Dieser Turm und die Kapelle werden um 1729 abgebrochen, die Skizze entspricht demnach der Situation vor 1728 und weist hohen Informationsgehalt aus.
Quelle: Revellio 1954 Seite 72b.
Der Kirchen-Innenraum
Innenraum
Der Innenraum wirkt mit der Hervorhebung der Tektonik sehr grosszügig, mit der Absenz von Stuckaturen aber auch sehr kühl. Weil der Chor nur unmerklich eingezogen ist (er beginnt beim Gurtbogen mit der Scheitelkartusche) wirkt der Innenraum zudem wie ein Einheitssaal mit Seitenemporen. Ist dies vielleicht der Grund, warum er als Konzertsaal wahrgenommen wird und die Konzertbestuhlung direkt vor den Hochaltar gesetzt wird? Auffallend ist auch das Fehlen von Altären der Südseite (links), bedingt nicht nur durch Säkularisationsverluste, sondern auch durch den zur Klosterzeit nicht vorhandenen Südeingang in der Mitte des Langhauses. Foto: Bieri 2025.
Nord
Der Wandpfeiler-Emporensaal von Chor und Langhaus mit Blick zur Nordseite. Hier kann dank der beiden geretteten Altären des Langhauses und dank dem wieder eingesetzten Chorgestühl die ehemalige Ausstattung nachempfunden werden. Foto: Bieri 2025.
Wappen
Die Rokoko-Kartuschen im Chorbogen sind eine golden gefasste Bildhauerarbeit von hoher Qualität. Die beiden seitlichen Kartuschen enthalten ein Chronostichon, die rot (fett) hervorgehobenen Buchstaben ergeben Jahreszahlen. «VIGIL ABBATVM CVRA VOVET DEVOTIONE PVRA» ergäbe MDCLXXXVIII oder 1688, «SOLI SIT DEO GLORIA IN SEMPITERNA SAECVLA» ergäbe eigentlich MDCCLX oder 1760, weil aber bei sempiterna das I fehlt: 1759.
Die mittlere Kartusche enthält drei Wappenschilde: Dasjenige der Abtei St. Georgen liegt in der Mitte. In den beiden äusseren, geteilten Schilden sind, etwas unkonventionell, je zwei Wappen von Bauäbten zu sehen. Im Schild, das vom Putto mit der rechten Hand gehalten wird, liegt unten das Wappen Schuh/Schue. In der linken Hand hält das Putto das geteilte Wappen Glyckher (oben) und Wahl. (unten). Der Totenkopf anstelle des fehlenden Wappens des Abtes Gaissler ist nicht erklärbar.
Foto: Bieri 2025.
Typologie
Vergleiche
Wandpfeilerhallen (oder -säle) mit oder ohne Emporen sind im Norden der Alpen um 1688 eine schon etablierte Bautypologie mit unzähligen Beispielen. Ab 1700 findet die Bauweise mit Wandpfeiler-Emporen durch die Vorarlberger Baumeister in Schwaben und der Schweiz Verbreitung. Die vergleichende obige Zusammenstellung zeigt aber, dass Villingen nicht in das sogenannte Vorarlberger-Schema eingereiht werden kann, welches in Obermarchtal sogar noch auf dem Entwurf (mit Modell) eines Jesuitenbaumeisters beruht. Die zweitägige Anwesenheit vom Michael Thumb in Villingen deutet einzig auf eine sichere Mitplanung des Vorarlbergers im Villinger Planungskollektiv hin.

Ausstattung heute
Hochaltar
Der Hochaltar bleibt 1826 als einziger Altar von der Räumungsaktion für das Salzlager verschont. Das Säulenretabel ist in Stuckmarmor gearbeitet und entsprechend der Apisrundung konkav zum Raum geöffnet. Der Sprenggiebel über dem Säulengebälk ist von einer goldenen Strahlengloriole bekrönt, die von einer roten Zeltdraperie mit Kronenaufsatz hinterfangen wird. Das Altarblatt mit der Kreuzaufrichtung Christi stammt von einem Mitglied der Malerfamilie Schilling, es soll ein Freskogemälde auf die hier flache Apsisrückwand sein.
Im Vordergrund steht der Zelebrationsaltar, der offenbar mit einem Antependium eines Rokokoaltars ausgestattet ist. Er verschwindet jeweils zu Gunsten von Anlässen für längere Zeit mirakulös unter einer Konzertbestuhlung. Fast scheint es, dass die Konzertnutzung der Kirche, wie schon vor 1900, an Wichtigkeit die Nutzung als Sakralraum schon heute übertroffen hat. Foto: Bieri 2009 (unterer Teil, mit Zelebrationsaltar) kombiniert mit Foto 2025 (oberer Teil)..
Nepomukaltar
Der «Gregorius»-Altar von 1734 trägt ein Altarblatt, das dem hl. Johannes Nepomuk gewidmet ist. Im Oberblatt ist die hl. Katharina und ein römischer Offizier mit Märtyrerpalme dargestellt. Er weist mit der Rechten nach unten. Es dürfte sich um den Katakombenheiligen Gregorius handeln, dessen «Heiliger Leib» bis 1823 noch auf der Altarmensa ruhte, und dem der Altar sein heutiges Patrozinium verdankt. Das schlichte Retabel und seine Blätter sind von hoher Qualität. Es scheint in Anlehnung an ein Stuckmarmorretabel gearbeitet. Ursprünglich als Pendant zum Benediktusaltar im gleichen Joch stehend, sind die beiden Altäre seit ihrer Zurückerwerbung 1971 hintereinander aufgestellt. Foto: Bieri 2025.
Benediktusaltar
Der Benediktusaltar, in der Qualität von Retabel und Blätter mit seinem Pendant (oben) identisch, trägt das Altarblatt mit der sehr guten Darstellung des Todes des hl. Benedikt im Kreise seiner Mitbrüder. Bereits tragen Engel seine Insignien in den Himmel. Im Oberblatt zieht ein Engel die Pfeile aus dem Körper des hl. Sebastians. Foto: Bieri 2025.
BalttNepomuk   BlattBenediktus

Die Altarblätter der beiden Altäre, 1734 von Georg Samuel Schilling gemalt, in einer Vergrösserung. Links der hl. Johannes Nepomuk, rechts der hl. Benedikt. Fotos: Bieri 2025.
Kanzel1

Kanzel2
Die Kanzel von 1759, 1826 zusammen mit dem Hochaltar von der Räumung verschont, ist ein Rokoko-Kunstwerk mit Bildhauerarbeiten von Joseph Anton Hops, wahrscheinlich in Zusammenarbeit mit dem Kunstschreiner Johann Martin Hermann (Hörmann) beide mit Werkstatt in Villingen. Oben die zum Chor gerichtete Seite mit dem Aufgang unten die nach hinten gerichtete Seite. Am Kanzelkorb werden Anker, Kelch und Kreuz von Putti gehalten, auf dem Schalldeckel tummeln sich weitere Putti.
Fotos: Bieri 2025.
Gestuehl
1738/39 fertigt der Kunstschreiner Johann Martin Hermann (Hörmann) das heute wieder im Chor stehende Gestühl mit beidseits je sieben Stallen in der Hinterreihe und zweimal drei Stallen in der Vorderreihe, insgesamt 26 Stallen. Die Dorsalwand ist durch die Zusammenfassung zweier mittlerer Felder rhythmisiert. Sie ist als Intarsienwand mit Bandelwerk-Füllungen in Maserfurnier gestaltet. Foto: Bieri 2009.
InnenWest
Der Innenraum Richtung Empore gesehen. Seit 2002 ist auf der Empore eine freie Rekonstruktion der ursprünglichen Silbermann-Orgel zu sehen. Foto: Bieri 2025.
Orgel
Die Silbermann-Orgel, wie sie heute in Villingen genannt wird, folgt in der Disposition der schon 1812 entfernten Orgel der Strassburger Orgelbauer, die dann in Karlsruhe einen neuen Prospekt erhält und schon 1904 neu gebaut wird. In Villingen ist Gaston Kern aus Strassburg Orgelbauer des neuen Instrumentes. Anstelle der Silbermann-Orgel mit 26 Registern hat die heutige Orgel 35 Register (III/P/35). Das Prospektgehäuse ist eine freie Rekonstruktion in Anlehnung an eine Silbermann-Orgel der Kirche von Guebwiller (III/P/27), heute in Wasselonne im Elsass. Der neue Orgelprospekt fügt sich harmonisch in den Raum ein, obwohl die damalige Orgel wahrscheinlich im Aufbau, sicher aber mit den Rocaillen des Bildhauers Joseph Anton Hops und der Fassung von Johann Michael Schmadl völlig anders als die heutige «Silbermann»-Orgel ausgesehen hat.
Foto: Bieri 2009.
In der Benediktinerkirche, aber aus dem Münster: Das ehemalige Hochaltarblatt.
Muenster
An der Südwand unter der Orgelempore hängt ein weiteres Altarblatt des Malers Georg Samuel Schilling. Er malt die Krönung Mariens 1738 für den neuen Hochaltar der Stadtkirche (Liebfrauenkirche oder Münster) von Villingen. Dieser wird anlässlich einer späten neugotischen Purifizierung von 1905 abgebrochen. Warum das wertvolle Blatt heute in der Benediktinerkirche hängt, ist ein Rätsel. Foto: Bieri 2025.


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Anhang I

Schreiben eines Reisenden vom J. 1782, in: Johann Ernst Fabris’s geographisches  Magazin, Band II, Heft 5:8, Dessau und Leipzig 1783.
Der Bericht stammt von Johann Gottlieb Kahlert (1756–1831) aus Breslau. Der protestantische Theologe und spätere Hauslehrer des Fürsten Friedrich Ludwig zu Hohenlohe-Ingelfingen ist zu dieser Zeit Hofmeister bei der Familie Salis-Sewis in Graubünden.
Er beschreibt vorerst den Rheinfall, dann Donaueschingen, in Villingen aber nur die Benediktinerkirche, um dann über Hornberg nach Offenburg und Strassburg zu gelangen.

«Nun fürte uns unsere Reiseroute auf Villingen, ein mittelmässiges Städtchen,[1] dessen Einwoner ganz katholisch sind. Die Strasen daselbst waren fast alle schnurgerade und ziemlichbreit, aber ser wenig bevölkert, so daß mann hier nur hin und wieder einen Menschen sah. Die Häuser sind hoch, haben aber von ausen gar kein schönes Ansehen.[2]
Kirchen hat mann ser viel alhier. Unter allen verdient vorzüglich die Benediktinerkirche genannt zu werden. Jhre innere Auszierung ist wirklich so prächtig, daß ich ausserordentlich überrascht wurde, in einem so kleinen Orte eine so schöne Kirche anzutreffen. Die Decke nebst den Wänden sind fresco mit vielem Geschmak gemalt, und haben besonders das vorzügliche, daß sie nicht, wie ich sonst in katholischen Kirchen meistenteils angetroffen habe, mit zu vielen Figuren geziert waren. Die meisten Altäre sind von Marmor, oder doch mit Gips auf Marmor=Art überkleidet, kurz, die Kirche gefiel mir so auserordentlich, daß ich mich gar nicht daraus entfernen konnte.
Unter allen Altären zog aber am meisten einer meine Aufmerksamkeit auf sich, der gleich beim Haupteingange rechter Hand befindlich war.[3] Nicht sowol in Rüksicht auf Kunst, als vielmer in Rüksicht seiner geschmakvollen Einrichtung verdient er Bewunderung. Es stelte derselbe eine Grotte vor, die von Tropfstein, Cristalldrusen und anderen bunten Steinen pilsenartig zusammen gesezt war. Das Hauptstük ist warscheinlich der heilige benedikt, oder sonst ein anderer von diesem Orden, der in einer Höle lebt, undvon einem Engel mit Speise versorgt wird. Rechter Hand sieht man verschiedene kleine Vertiefungen, einige Szenen der Leidensgeschichte, als z. B. Christus am Oelberge, die Verleugnung Petri u. s. w. Auf der andern Seite erblikt mann nichts als hohe schroffe einsame Felsenspitzen, über welche ein schmaler gefärlicher Fussteig zu einer auf der Höhe im Stralenglanz liegenden Stadt fürt, wozu nur einige wenige Pilgrimme hinauf kommen. In der Mitte über dem Hauptstük erblikt mann in Wolken die ausgebildete Erdkugel, hinter welcher die aufgehende Sonne hervorbricht. Ganz in der Deke erscheint das Auge der Almacht in unbeschreiblichem Glanze. Unterhalb des Altartisches ist das Grabmal Christi nagebracht, worinnen der Leichnam desselben sichtbar war. Da eben merere Lampen und Lichter branten, so kann ich Jhnen ganz und gar nicht sagen, welch einen bezaubernden Eindruck diese Grotte auf das Auge des Zuschauers machte, denn die Stralen der Lichter wurden überall von den an den Seiten hervorstehenden hellgschliffenen Cristallspizen so zurükgebrochen, daß man nichts als Edelsteine zu sehen glaubte. Wovon die Figuren eigentlich waren, kann ich nicht mit Gewisheit sagen, indem ich nicht nahe genug hinzu gehen konnte. Die Ueberschrift dieses Altares heist: IN NATURA ET GRATIA BIS ADMIRABILIS DEUS. Es soll bei diesem Benediktinerkloster auch eine ansenliche Bibliothek und Kunstkabinet sein; da ich mich aber nicht aufhalten konnte, so war es mir unmöglich, dieselbe in Augenschein zu nehmen».


Anmerkungen:

[1] Das «mittelmässige» ist hier nicht abwertend gemeint, sondern muss mit nicht besonders gross gelesen werden.

[2] Mit «schönem Aussehen» meint der Autor die klassische Regelmässigkeit städtischer Wohnbauten des 16.–18. Jahrhunderts. Ähnlich urteilt er auch über das mittelalterliche Colmar.

[3] Über diesen Altar heisst es schon in der Schatzung 1823: «Ein eisernes Gitter um den nun völlig ruinierten Ölberg». Auch in Kreuzlingen befindet sich ein Gitter des Schlossers Johann Jakob Hofer um den Ölberg, der in Villingen vielleicht ähnlich gebaut wird. Zum Ölberg in Kreuzlingen siehe https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Werke/h-r/Kreuzlingen.html.




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