Tiengen im 18. Jahrhundert
Tiengen ist im 18. Jahrhundert eine mit Ringmauern befestigte Kleinstadt von rund 1300 Einwohnern.[1] Das ehemalige Residenzschloss der Grafen von Sulz und die Stadtpfarrkirche dominieren durch ihre erhöhte Lage den Ort. Bis 1687 ist Tiengen unter den Grafen von Sulz auch Hauptort der Landgrafschaft Klettgau. Durch Erbfall gelangt die Herrschaft an das österreichische Fürstenhaus Schwarzenberg. Die in Wien residierenden Fürsten nutzten das Schloss in Tiengen als Verwaltungssitz. Mit der Mediation der Fürstentümer wird die Grafschaft 1806 zwar in das neue Grossherzogtum Baden integriert, aber erst 1812 durch das Grossherzogtum auch als Besitz erworben.
Nur eine knappe Wegstunde westlich von Tiengen liegt das damals vorderösterreichische Waldshut, eine von den Habsburgern am Hochrhein angelegte Stadt. Noch 1850 zeigt die Landkarte die beiden Städte in gleicher Grösse.[2]
Die alte Kirche und eine bewegte Vorplanungsphase
Die Pfarrkirche mit dem Patrozinium der Jungfrau Maria (s. Mariae Virginis, heute Mariä Himmelfahrt) steht seit jeher an der heutigen Stelle auf dem erhöhten Plateau hinter dem Schloss. 1577 erfolgt ein vollständiger Umbau der mittelalterlichen Kirche. Von ihr ist heute nur noch das untere, weiträumige Geschoss des alten Kirchturms erhalten, ehemals der Altarraum mit der 1631 darunter errichteten Gruft der Grafen von Sulz. Klagen wegen Baufälligkeit führen 1733 zur Berufung eines Baumeisters aus dem Bregenzerwald zur Abklärung von Baumassnahmen und deren Kosten.[3] Es dauert aber fast zwei Jahrzehnte, bis die Planungen für einen Kirchenneubau umgesetzt werden.
1740 tritt Joseph Adam von Schwarzenberg[4] mit 18 Jahren die Regierung an. Der in Wien und im böhmischen Krumau (Český Krumlov) residierende Fürst befiehlt 1747 die Planung für einen Neubau der Kirche, erwartet aber auch die Kostenbeteiligung des Klosters St. Blasien und des Stadtstaates Schaffhausen, der beiden wichtigen Zehntherren in Tiengen. Vorerst wird Johann Caspar Bagnato,[5] der zu dieser Zeit im nahen Klingnau für St. Blasien die Propstei baut, für die Projektierung beigezogen. 1750 lehnt der Fürst die Umbauvorschläge des Ordensbaumeisters als «eitel kostbahr Lustgebäu» ab, mit dem Bagnato offenbar nur dem Kloster St. Blasien dienen wolle. Die Ablehnung ist sicher dem inzwischen laufenden Prozess des Fürsten von Schwarzenberg gegen St. Blasien und Schaffhausen zu verdanken, die er wegen deren Kostenbeteiligung eingeleitet hat. Der Prozess mit Entscheiden in Konstanz, Rom und Mainz endet erst lange nach der Bauvollendung der Kirche, seine Kosten dürften mitverantwortlich für den Verzicht auf den geplanten Pfarrhausneubau sein.
Die abgelehnten Planungen Bagnatos sind nicht erhalten. Er scheidet spätestens 1751 aus. In diesem Jahr arbeitet der Vorarlberger Baumeister Johann Michael Beer von Bildstein[6] ein Neubauprojekt zur Baureife aus. Seine Planung ist erhalten.[7] Es ist eine Saalkirche mit drei breiten Jochen, das vorderste Joch ist querschiffähnlich ausgemuldet und überkuppelt. Es nimmt vier Altäre auf. Im bestehenden Turmunterbau steht der Hochaltar, unter dem Chorbogen ein Kreuzaltar. Die Kostenberechnungen Beers schwanken von 4938 Gulden bis 6802 Gulden. Auch er kann den Bau nicht ausführen und muss noch 1756 um eine bescheidene Entschädigung kämpfen.[8]
1752 kommt als neuer Baumeister der Vorarlberger Peter Thumb[9] ins Spiel. Er wird vom Fürsten aufgefordert, einen Kostenvoranschlag für massive Gewölbe anstelle der Gipslatten-Leichtgewölbe im Projekt von Johann Michael Beer zu erstellen. Wahrscheinlicher als die schon vorher geplante Ausführung des Beer-Projektes durch Thumb, wie dies sein Biograf Hans Martin Gubler vermutet, ist eine Intrige des einheimischen Kastenamtverwalters und Geometers Johann Ulrich Würthemberger, der sein eigenes, sehr bescheidenes Projekt[10] als Gegenvorschlag zum Projekt Beer an den in Krumau residierenden Fürsten liefert.
Thumb erkennt schnell die Unmöglichkeit, das Projekt Beer mit Massivgewölben zu erstellen. Er selbst hat mehrere vorangehende Saalkirchen wie die Pfarrkirche Hilzingen und die Wallfahrtskirche Birnau zwar ebenfalls mit flachen Gipslatten-Leichtgewölben erstellt, was damals vor allem von den Malern geschätzt wird. Er ergreift nun die Gelegenheit, Ende 1752 ein eigenes Projekt mit Massivgewölben zu präsentieren, welches Kastenamtverwalter Würthemberger in einer Umzeichnung wieder nach Krumau zur Begutachtung sendet. Thumb erhält umgehend den Zuschlag.
| Der Bauherr | ||
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Die lange und bewegte Vorplanungsperiode für die Stadtpfarrkirche Tiengen ist für eine Pfarrkirche der Barockzeit ungewöhnlich. Ihre Dauer hängt mit der fernen Bauherrschaft zusammen. Als der österreichische Fürst Joseph Adam von Schwarzenberg 1740 die Regierung seiner grossen böhmischen und fränkischen Herrschaften und den kleineren Herrschaften im Südwesten des Reiches antritt, sind schon sieben Jahre seit den ersten Bauüberlegungen vergangen. Kurz nach dem Regierungsantritt muss der junge Fürst den Einfall der Bayern und Franzosen in seine böhmischen Besitzungen erleben. Dies mag erklären, warum er erst 1747 einen weiteren Planungsauftrag für Tiengen erteilt, und gleichzeitig vom Kloster St. Blasien und vom eidgenössischen Stand Schaffhausen eine Mitfinanzierung erwartet. Mitsprachen in seinen Herrschaften kennt er hingegen nicht. Die Entscheide zum Bauvorhaben, vor allem die Wahl des Projektes oder der Meister, übernimmt er im adeligen Verständnis selbst und immer aus der Ferne. Seine Tiengener Administration darf ihm Vorschläge unterbreiten, muss aber vor allem für die Baufinanzierung sorgen.[11] Er lebt in einer Umgebung, die vom Wiener Hof der Kaiserin Maria Theresia geprägt ist. Sein Hofarchitekt ist der fürstliche Baudirektor Andrea Altomonte.[12] Mit diesem baut er 1746–1751 auch die Kirche Maria Himmelfahrt im böhmischen Postelberg.[13] Dass er die eingegangenen Vorschläge zu Tiengen mit Altomonte bespricht, darf angenommen werden. | |
| Joseph I. Adam von Schwarzenberg (1722–1782) in einer Mezzotinto-Radierung von Jean Jacobé nach Christian Kollonitsch. Der Stich zeigt den Fürsten mit ungefähr 60 Jahren um 1780. Bildquelle: Österreichische Nationalbibliothek. |
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| Wie dessen Kirche in Postelberg ist auch der Entwurf Thumbs ein massiv gewölbter Wandpfeilerraum. Mit seinem klar formulierten Zentralbau-Projekt erweist sich dann der Vorarlberger eindeutig als besserer Architekt und kann offenbar den Bauherrn überzeugen. Es bleibt noch anzumerken, dass erst die Forderung des Fürsten nach Massivgewölben zu diesem Entwurf der Kirche in Tiengen geführt hat.[14] | ||
Bauverlauf des Kirchenneubaus
1753 wird der Akkord mit Baumeister Thumb geschlossen. Im April erfolgt mit Ausnahme des Turms der Abbruch der alten Kirche . Am 27. Mai 1753 sind die Fundamente vollendet und der Grundstein kann gelegt werden. Für den Rohbau werden als Palier Caspar Göser und als Zimmermann Matthäus Schildtknecht genannt, der letztere im Unterakkord von Joseph Feuerstein. Steinhauer der Portale sind Michael Vogler und Hans-Jörg Amman.[15] Im April 1754 kann der Rohbau mit dem Schliessen der Gewölbe fertiggestellt werden und einen Monat später ist auch die Turmkuppel aufgerichtet.
Der von Baumeister Thumb empfohlene Stuckateur Johann Georg Gigl[16] erhält 1754 den Auftrag für die Stuckaturen des Innenraums. Der ebenfalls von ihm empfohlene Maler Franz Ludwig Hermann[17] unterliegt aber mit dem Angebot von 1500 Gulden klar dem Maler Eustachius Gabriel,[18] der nur 800 Gulden verlangt. Dieser erstellt die Deckenfresken gleichzeitig mit Johann Georg Gigl 1754. Weil das Geld für ein Hochaltar-Retabel fehlt, malt Gabriel anschliessend ein scheinperspektivisches Fresko in die Chornische.
Die Kirche wird trotz fehlender neuer Ausstattung im Mai 1755 geweiht.
Nur die beiden, vom damaligen Pfarrherrn Joseph Abend[19] aus Jestetten gestifteten kleinen Rokoko-Seitenaltäre könnten schon erstellt sein. Diese Altäre des hl. Joseph und des hl. Sebastian stehen zwischen den Pilastern am Chorbogen. Der Maler ihrer Altarblätter von 1758 ist der Augsburger Joseph Hartmann,[20] der vielleicht auch Entwerfer der beiden von einheimischen Schreinern ausgeführten Retabel ist.
Der 1763–1776 wirkende Stadtpfarrer Franz Lienhard sorgt für die weitere Ausstattung. 1775 finden die beiden weiteren und bedeutend schlichteren Seitenaltäre der hl. Anna und des hl. Aloisius in den äusseren Nischen Aufstellung. Auch hier sind die Blätter des Anna-Altars von Joseph Hartmann, vielleicht auch dasjenige des Aloisius-Altars. 1765 stiftet die Rosenkranz-Bruderschaft den nördlichen Querachsen-Altar, dessen heutiges Erscheinungsbild aber nicht mehr original ist. Sein südliches Pendant, der Agatha-Altar, wird in den gleichen Jahren aufgestellt, seine beiden grossen Altarblätter sollen weitere Werke des Malers Joseph Hartmann um 1770 sein.
1771 baut der Orgelbauer Blasius Bernauer[21] als letzte barocke Ausstattung die fünfteilige Hauptorgel (I/P/13-14) bündig in die Brüstung der oberen Empore.
Eingriffe und Veränderungen nach der Barockzeit
Die frühklassizistische Kanzel wird 1832 durch Paul Fritschi gebaut.[22] Es ist das letzte Ausstattungsstück, das den Innenraum kurz vor der beginnenden barockfeindlichen Epoche nochmals bereichert. Die anschliessenden Veränderungen des Innenraums im 19. Jahrhundert sind schlecht dokumentiert, sie betreffen vor allem das Farbklima, dass auch in Tiengen mit Übermalungen und Buntglasfenstern die Frische der barocken Farbigkeit dämpfen will. Vielleicht schon 1870 werden die illusionistischen Fresken Gabriels des Hochaltars zu Gunsten eines zurückhaltenden Gemälde-Retabels entfernt. Dieses muss 1939/40 dem heutigen plumpen Säulenretabel weichen. Das Mittelbild, nun eine Mariä Himmelfahrt, malt der Kirchenmaler Carl Bertsche aus Waldshut. Dieser überarbeitet auch die Deckenmalereien. Bertsche verewigt sich im grossen Mittelbild sogar als Restaurator. Der Rosenkranzaltar kommt ebenfalls in die Kur und erhält zudem neue Bildhauerarbeiten. Zu den sichtbaren und störenden Eingriffen zählen auch die beiden Brüstungspositive der neuen Orgel von 1957 auf der unteren Empore. 1976/78 wird die Kirche umfassend renoviert «und weitestgehend auf den barocken Bauzustand zurückgeführt».[23] Nach einem halben Jahrhundert beheizten Innenraums ist dieser heute stark verschmutzt. Die Wände und Gewölbe müssen gereinigt werden. Die Innensanierung ist nach der 2023 abgeschlossenen Aussenrenovation geplant, aber noch nicht terminiert. Der vorgezogene Neubau der Orgel bis 2026 ist deshalb sehr ungewöhnlich.
Beschrieb des Bauwerkes und seiner Ausstattung
| Typologie | ||
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Die Stadtpfarrkirche von Tiengen ist ein zentralisierter Wandpfeilersaal, den Thumb als gestreckten Kreuzbau mit drei Jochen baut. Der Typus hat monumentale Vorläufer in den Kirchen San Carlo ai Catinari in Rom,[24] der Sorbonne von Paris,[25] und der 1707 vollendeten Kollegienkirche von Salzburg.[26] Die vergleichenden Grundrisse der drei Sakralbauwerke sind unter https://www.sueddeutscher-barock.ch/S-burg_Vergleiche abrufbar. 1712 baut der Vorarlberger Franz Beer von Bleichten die Kollegienkirche in Ehingen an der Donau mit dem Grundrisstypus der drei Vorläuferbauwerke. Die Kollegienkirche von Salzburg dürfte für Ehingen das Vorbild von Franz Beer und seinem Bauherrn, dem Abt von Zwiefalten sein. Die bedeutend grösseren Vorbilder in Salzburg, Rom und Paris folgen aber im Querschnitt[27] noch immer dem klassisch römischen basilikalen Typus mit Abseiten, und ihre Vierung trägt eine mächtige Tambourkuppel. Die Vorarlberger haben diesem Typus längst abgeschworen, sodass Franz Beer stattdessen einen Wandpfeilersaal als gestreckten Kreuzbau mit Vierung baut. Die Vierung ist mit einer Stutzkuppel überfangen. Sein Sohn Johann Michael Beer von Bleichten projektiert 1729 die Damenstiftskirche von Lindau am Bodensee. Noch immer betont er die Vierung mit einer Kuppel, überkuppelt jetzt anstelle der bisherigen Tonnengewölbe der Vorgängerbauten auch die beiden Joche der Längsarme. Zudem plant er eine elegant geschwungene, umlaufende Empore, die den Zentralraumgedanken zusätzlich betont. Siehe dazu die nebenstehenden Grundrissvergleiche Ehingen – Lindau – Tiengen. |
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| Ein Vergleich von Vorgängerprojekten der Vorarlberger Baumeister aus dem Umkreis von Peter Thumb zeigt die direkte Abhängigkeit des Entwurfs für die Stadtpfarrkirche Tiengen von der Konviktskirche Ehingen seines Schwiegervaters, noch mehr aber vom Projekt seines Schwagers für die Damenstiftskirche Lindau mit der Gewölbelösung. |
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| Als letzte Kirche dieser zentralisierenden Wandpfeilersäle projektiert Peter Thumb 1752 gleichzeitig mit dem Grossprojekt St. Gallen die Stadtpfarrkirche in Tiengen. Sie kann als Synthese von Ehingen und Lindau gesehen werden. Thumb addiert drei querovale Hängekuppeln oder «böhmische Kappen» in der Längsrichtung, verzichtet auf die Vierung mit Querschiff und betont dieses nur noch durch die Ausbuchtungen der Querachse und einer leichten Verbreiterung. | ||
Der Baukörper
Aussenraum
Der längsrechteckige Baukörper auf dem Plateau hinter dem Schloss ist aussen und innen völlig symmetrisch durchgearbeitet und scheint an das bestehende Turmgeschoss von 1577 wie angehängt. Thumb zieht die Fassadengliederung auch beim Chorturm durch. Er wendet auch in Tiengen für die Fassaden sein Putzbandsystem an. Unter diesen Begriff fällt die gliedernde Ordnung der mit Sockel und Architrav bündigen Lisenen, welche die Wandfläche entsprechend der Gebäudestruktur gliedern und diese als Felder betonen, in denen je ein Fenster eingelassen ist. Baumeister Thumb ist ein Meister dieser Fassadengliederung.[28] Speziell, auch an den Fassaden von Tiengen, ist bei ihm die Freisetzung der Lisenen von den Ecken. Die Putzbänder setzen sich heute in Rot von den weissen Felderflächen ab.[29]
Peter Thumb lässt das Kirchendach durch den einheimischen Zimmermeister Matthäus Schildtknecht mit einem Mansard-Dachstuhl ausführen. Das im deutschen Südwesten sehr seltene Mansarddach für eine Pfarrkirche ist zudem allseitig abgewalmt. Mit dem Mansard-Walmdach betont Thumb die Zentralisierung des Saalraums auch aussen.[30]
Dem mächtigen gotischen Turmgeschoss setzt Thumb ein zum Achteck abgeschrägtes Glockengeschoss mit welscher Haube und zwiebelbekrönten Laterne auf.
Innenraum
Thumb gestaltet den dreijochigen und emporenlosen Wandpfeilersaal in absoluter Symmetrie. Er schliesst dazu auch den Erdgeschossraum des Turms, den alten Chorraum, und richtet dort die Sakristei ein. Eine hohe Rundbogennische, etwas grösser als der ehemalige Turmchor, bildet nun den Altarraum. Die Wandpfeiler mit scharfgeschnittenen, gestuften Pilastern tragen im Mittelraum drei durch schmale Gurtbögen akzentuierte Hängekuppel-Gewölbe, die von den hohen Quertonnen der Abseiten gestützt werden. Jedem Joch sind zwei schlanke Rundbogenfenster zugeordnet. In der querhausähnlichen Ausbuchtung des mittleren Joches liegen sie in der Abrundung und nehmen in ihrer Mitte die beiden Altäre auf.
Eine reich geschwungene Doppelempore mit der Orgel auf der oberen Empore bildet den Westabschluss.
Stuckaturen und Deckenbilder
Die Rokoko-Stuckaturen
Seit den ersten Anwendungen in Sakralräumen um 1740 löst die Rocaille als aktuelles Ornament dasjenige der Régence ab und wird jetzt zum absoluten Markenzeichen der Wessobrunner Stuckateure. Wessobrunner Herkunft ist auch der von Peter Thumb bevorzugte Stuckateur und Altarbauer Johann Georg Gigl, der 1754 den Innenraum der Stadtpfarrkirche Tiengen stuckiert. Das Ornamentale und Vegetabilische herrscht vor, auch wenn lebhaft gestikulierende Putti sich auf und an den betont asymmetrischen Kartuschen festhalten. Diese, vor allem die grossen Zwickelkartuschen im Mitteljoch, sind kunstvolle und stark plastisch gearbeitete Gebilde aus krausem und reichbewegten Muschelwerk mit Rocaillen und Pflanzenmotiven, die Bildrahmungen teilweise überspielend. Sie weisen, wie es bei den nachfolgenden Gigl-Stuckaturen in Isny, St. Gallen und Ittingen belegt ist, eine malachitgrüne Fassung auf. Abweichend von diesen Bauten sind in Tiengen die Pilasterkapitelle Gigls heute kräftig gelbocker gefasst. Sie verdienen Aufmerksamkeit und sind phantasievolle Rokoko-Umwandlungen eines Kompositkapitells mit Blumen- oder Fruchtgehängen.
Die Gewölbefresken
Eustachius Gabriel malt 1754 in die Hängekuppeln des Mittelraums drei grosse Deckenbilder und acht Zwickelkartuschen-Bilder, in die Scheitel der Abseiten-Tonnen acht Emblembilder und in den Altarräumen des Mitteljochs vier weitere Emblembilder. Auch an den Emporenbrüstungen sind fünf Emblembilder angebracht. Weitere Deckenbilder malt Gabriel an die Unterseiten der Emporen, an der unteren Empore drei Bilder und ein Bild an der oberen Empore. Er malt die 32 Bilder «a fresco» gleichzeitig mit den Stuckateuren, obwohl ihm «lebenslange Schwierigkeiten und Unsicherheiten bei Ausübung der Freskotechnik» nachgesagt werden. Während das grosse mittlere Gewölbefresko durch die gemalte Scheinarchitektur und gekonnt komponierte Figurengruppen beeindruckt,[31] kann er bei den beiden weiteren Deckenbildern mit seinen unbeholfenen Darstellungen der Figurengruppen nicht mit der lokalen Konkurrenz (Hermann, Gambs) mithalten. «Seine Gewölbefresken zeichnen sich durch kindliche Direktheit, satte Farben und empfindsam erzielte Hell-Dunkel-Effekte aus».[32]
Die Themen der Deckenbilder
Die Ikonologie der Deckenbilder und insbesondere die Emblembilder werden ausführlich im Beitrag von Hans-Otto Mühleisen und Dorothea Scherle im Beitrag «Gelehrte Unterweisung» (https://freidok.uni-freiburg.de/data/232508) behandelt.
Der Entwerfer des anspruchsvollen Programms, vor allem dasjenige der Embleme, ist unbekannt. Es könnte Pfarrer Joseph Abend (Magister der Philosophie) sein. Hans-Otto Mühleisen vermutet Pater Martin Gerbert, den späteren Abt von Sankt Blasien. Dieser ist später als ikonographischer Ratgeber des Malers Eustachius Gabriel belegt.
| Westjoch (Emporenjoch) Mittelbild: Unter dem in hellem Licht thronenden Christus hält sich eine Gesellschaft von Heiligen auf Wolken auf, während im unteren irdischen Bereich der hl. Sebastian mit den Pfeilen in der Hand vor dem Kaiser Diokletian steht. Die hl. Agatha als zweite Stadtheilige ist in Begleitung zweier Engel (mit Schrifttafel und Attributen) als in den Himmel aufsteigend gemalt. Kartuschenbilder: Die vier lateinischen Kirchenväter Ambrosius (SO), Gregor der Grosse (NO), Augustinus (SW) und Hieronymus (NW). Emblembilder mit Darstellungen der Stadt Tiengen: N: SAGITTAE POTENTIS ACUTAE / NULLO PENETRABILE TELO. S: PENTENTI AQUAM LAC DEDUIT. / FUGAT FLAMMAS. Emblembilder an den Emporenbrüstungen: Obere Empore Süd: PSALLENTES IN CORDIBUS VESTRIS. / CORDA SUPER CHORDAS. Obere Empore Nord: UNUS DOMINUS UNA FIDE. / PRO MULTIS SUFFICIT UNA. Untere Empore Süd: STATERE IUSTA. ET AEQUA. / HIS PONDUS PRAEVALET ARMIS. Untere Empore Mitte: ORABO SPIRITU. ORABO ET MENTE. / REOBAT. PRODITQUE FRAGORE CALOREM. Untere Empore Nord: DIRIGATUR ORATIO MEA SICUT INCENSUM. / LEVAT ARDOR AD ALTA. |
| Mitteljoch In das grosse rektanguläre Gewölbebild malt Gabriel die dominierende Scheinarchitektur eines säulenbesetzten Zentralraums. In der zum Himmel geöffneten Kuppel des Tempels ist zentral das Hauptthema der Krönung Mariens gemalt. Die vier seitlichen Arkaden enthalten Einzelszenen in Bezug auf das Hauptthema. Themen der vier Einzelszenen: Ost: Mehrere Allegorien der Tugenden (Glaube, Liebe, Hoffnung, Weisheit, Gerechtigkeit, Mässigung, Stärke) sind über der Balustrade gruppiert. Sie sind an ihren Attributen zu erkennen. Diese allegorischen Tugenden erfasst der aus Westen Eintretende zusammen mit der Krönung Mariens als Erstes. Nord: Die Allegorie der Weisheit (mit Hahn, Bienenkorb und Büchern) wird von den Allegorien der vier Erdteile verehrt. West: Der Erzengel Michael stürzt die gefallenen Engel über die Balustrade. Süd: Die Zehn Gebote in einer Allegorie.[33] Emblembilder: N: MULTAE TRIBULATIONE IUSTORUM. / DANT VERBERATURA DECOREM. S: VICENTI DABO. / VIRTUS TROPHEA REPORTAT. Emblembilder über dem Rosenkranzaltar: Links (W): FRUCTUS EIUS, ET FLORUS EIUS. / EX HORTO FLOSCULUS ILLE TUO. Rechts (O): DAT OMNIBUS AFFLUENTER. / BIBE SAT. FONTEMOQUE CORONA. Emblembilder über dem Agathaaltar: Links (O): STELLA SPLENDIDA. / SE VERTIT AD UNAM. Rechts (W): TOTA NOCTE IN ILLUMINATIONE. / MONSTRAT ITER, TUTUMQUE FACIT. |
Ostjoch |
Zur barocken Altarausstattung ist bisher nicht geforscht worden, vielleicht auch, weil der grössere Teil als Neubau oder Überarbeitung aus dem 20. Jahrhundert stammt. Der untenstehende Beschrieb streift diese neobarocken Eingriffe von 1938/40 nur kurz.[34] Insbesondere wird deshalb auf die Figuralplastik nicht eingegangen.
Hochaltar
Altar und Tabernakel sind erhöht auf einer Stufenanlage vom Retabel freigestellt (siehe den Grundriss). Diese Loslösung ermöglicht einen verdeckten Zugang in der Mitte des Retabels zur dahinterliegenden Sakristei. Jede der bisher drei Hochaltar-Neubauten (1754, 1870 und 1938/39) übernimmt diese Lösung. Das Säulenretabel des Hochaltars von 1938/40 hat unglückliche Proportionen und zerstört die zurückhaltende Lösung von 1870. Das Altarblatt mit der Himmelfahrt Mariens ist ein Werk des Kirchenmalers Cal Bertsche aus den gleichen Jahren. Es verliert sich in den Überbreiten der seitlichen Säulen- und Pilasteranhäufungen. Der heutige neubarocke Altar und seine Figuralplastik weisen nicht den geringsten Bezug zum alten Barockzustand der Kirche auf.
Seitenaltäre
Die beiden Seitenaltäre des hl. Joseph und des hl. Sebastians stammen als einzige aus der Erbauungszeit der Kirche. Sie stehen seitlich des Chorbogens zwischen vorstehenden Pilastern. Die eher kleinen und feinen Rokoko-Retabel wirken neben dem übermächtigen Hochaltar fast unbedeutend, verdienen aber Aufmerksamkeit. Das Ädikulamotiv drückt im Retabel noch durch, es wirkt aber bereits eher als Rahmung der Altarbilder, an denen inzwischen jede Gerade eliminiert ist. Nur bei diesen beiden Altären stammen die Blätter mit Sicherheit von Joseph Hartmann. Vielleicht ist er auch ihr Entwerfer. Die Altäre sind Stiftungen des Stadtpfarrers Joseph Abend, dessen Wappen zwischen Altarblatt und Oberblatt angebracht sind.
| Links: Josephs-Altar Im Altarblatt (1758) von Joseph Hartmann trägt der hl. Joseph das Jesuskind, im Oberblatt ist die hl. Maria Magdalena dargestellt. An der Mensa ein Antependium mit volkstümlicher Darstellung der Rosenkranzverleihung, vielleicht aus einem Vorgängeraltar. |
Rechts: Sebastians-Altar |
Die äusseren Seitenaltäre der hl. Anna und des hl. Aloisius werden um 1775 aufgestellt. Es sind sehr schlichte Ädikularetabel, an denen das Rokoko schon Vergangenheit ist. Über den Maler der Altarblätter herrscht Uneinigkeit.[35]
| Links aussen (Nord): Anna-Altar Das Altarblatt wird Joseph Hartmann zugeschrieben. Im Bild hält die sitzende Anna ihre Tochter Maria als Kleinkind in den Händen. Im Oberblatt ist der Abschied Jesu von seiner Mutter gemalt. |
Rechts aussen (Süd): Aloisius-Altar |
Querachsen- (Kapellen-) Altäre
Die beiden Retabel in den Querachsenausrundungen sollen 1765 (Rosenkranzaltar Nord) und um 1770 (Agatha-Altar Süd) gebaut worden sein. In ihrer Erscheinung wirken sie aber trotz der fast gleichen Bauzeit wie Primadonna und Aschenputtel. Die Primadonna steht in der nördlichen Rundung, hat fünf Meter Breite und konkurrenziert mit weit in den Raum vorstehenden, blau gefassten Säulen den neobarocken Hochaltar. Das Gegenüber in der südlichen Rundung wirkt mit drei Meter Breite sehr schlank und steht den Wandpilastern nur wenig vor. Aus der Literatur kann lediglich entnommen werden, dass dem Rosenkranzaltar gleichzeitig mit dem Neubau des Hochaltars Ende der 1930er-Jahre eine Umgestaltung mit neuer Figuralplastik verpasst wird und dass der Agatha-Altar Altarblätter des Malers Joseph Hartmann und eine Pietà der Vorgängerkirche enthält. Die untenstehenden Kurzbeschriebe können wegen der fehlenden Informationslage zu den Altären nur lückenhaft sein.
| Rosenkranz-Altar Am nördlichen Retabel sind wahrscheinlich nur das qualitätsvolle Oberblatt der Verkündigung Mariens (Maler unbekannt), und vielleicht auch die beiden auf den Volutenspangen sitzenden Engel noch Werke des 18. Jahrhunderts. Die Gestaltung der darunterliegenden Retabelmitte mit dem Nischengehäuse und der Figuralplastik von 1938/40 lässt vermuten, dass auch die Retabelarchitektur damals nicht ungeschoren davonkommt. Als ursprüngliches Erstellungsjahr gilt 1765. Die Spätrokokozeit ist in der aufwendigen Säulenarchitektur allerdings nicht ablesbar.[36] |
Agatha-Altar |
Weitere Ausstattungen
Die Kanzel
Trotz ihrer späten Entstehungszeit atmet die die frühklassizistische Kanzel von 1832 noch immer den Geist des 18. Jahrhunderts. Sie hat einen kreisrunden Korb. Ihr runder Schalldeckel wächst, getragen von Palmen-Pilastern, aus einer Rückwandnische mit dem Geisselchristus der Wies. Auf der Kuppel des Schalldeckels sitzt ein Putto, welches eine Schrifttafel trägt. Aufgang, Korb uns Schalldeckel scheinen in Stuckmarmor gefertigt.
Der barocke Orgelprospekt
Der Orgelprospekt auf der oberen Empore ist ein Prunkstück der Kirche. Die Orgel wird 1771 aufgestellt, scheint aber aus der schon 1755 bestehenden Emporenbrüstung herauszuwachsen. In der vertieften Brüstung ist, einem Positiv ähnlich, ein optisch tragender Unterbau eingelassen. Er wird von musizierenden Putti flankiert. Eine Rocaille-Kartusche in der Manier Gigls bildet den unteren Abschluss. Es scheint, als hätte diese Kulissenarchitektur schon bestanden, als der eigentliche Orgelprospekt ab der Trennlinie auf Brüstungshöhe gebaut wird. Er ist fünfachsig mit einem erhöhten Mittelturm und zwei zur Mitte ansteigenden Seitentürmen, alle Türme mit kräftigem, geschweiftem Gebälk. Die beiden Zwischenfelder sind zweigeschossig. Vergoldete Schnitzereien der Schleierbretter und Seitenbärte verleihen dem Prospekt ein unverwechselbares Gesicht.
Pius Bieri 2025
| Literatur zur Baugeschichte der Pfarrkirche Tiengen |
| Krüger Hans: Die Baugeschichte der katholischen Pfarrkirche zu Tiengen. Dissertation Berlin 1944. Die Dissertation wird 1947 vom Verlag Greiner in Tiengen herausgegeben, ist aber heute in allen Belangen überholt und zudem mit vielen Fehlern behaftet. |
| Knoepfli, Albert: J. M. Beer von Bildstein und die Pläne für die Pfarrkirche von Tiengen, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 14, Seite 215/18, Zürich 1953. https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=zak-003%3A1953%3A14%3A%3A195 |
| Reinle, Adolf: Die entscheidenden Vorprojekte der barocken St. Galler Stiftskirche, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 24, Tafel 10 (Grundriss Beer), Zürich 1965. https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=zak-003%3A1965%3A24%3A%3A389 |
| Gubler, Hans Martin: Johann Michael Beer von Bildstein und die Planung der Stadtpfarrkirche Tiengen, in: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 27, Seite 226/31, Zürich 1970. https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=zak-003%3A1970%3A27%3A%3A240 Hier auch die klare Einordnung des «schwarzen Risses» im Pfarrarchiv Tiengen als Planung von Johann Michal Beer von Bildstein. |
| Gubler, Hans Martin: Der Vorarlberger Barockbaumeister Peter Thumb. Sigmaringen 1972. Bis heute die wichtigste Darstellung der Werke von Peter Thumb. Auf Seite 110 bis 114 wird die Planung und Architektur der Stadtpfarrkirche ausführlich behandelt. |
| Gubler, Hans Martin: Johann Caspar Bagnato. Sigmaringen 1985. |
| Holler, Oskar und Pechloff, Ursula: Maria Himmelfahrt, Tiengen/Hochrhein. Kunstführer. Passau 1993. |
| Mühleisen, Hans-Otto und Scherle, Dorothea: Gelehrte Unterweisung. Dis Embleme der Stadtkirche Mariä Himmelfahrt in Tiengen., in: Freiburger Diözesan-Archiv, Band 137, Freiburg 2017. https://freidok.uni-freiburg.de/data/232508 |
| Web |
| Tiengen im HLS: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007337/2012-10-12/ |
| Tiengen (Waldshut-Tiengen), Mariae Himmelfahrt in Erdteilallegorien: https://erdteilallegorien.univie.ac.at/erdteilallegorien/tiengen-waldshut-tiengen-mariae-himmelfahrt# |
| Mariä Himmelfahrt (Tiengen) in der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Mari%C3%A4_Himmelfahrt_(Tiengen) Umfassende Beschreibung mit vielen Details, die Planungsgeschichte aber leider auf Grundlage der ungenügenden Dissertation Krüger 1944. |
[1] «Thiengen, kleine Stadt von 1279 Seelen, und Hauptort der Landgrafschaft Klettgau, liegt an der Wutach, ist der Siz des fürstlich schwarzenbergischen Oberamts. Sie gehörte den von Krenkingen, kam an die Grafen von Sulz und von diesen an Schwarzenberg. Das Stift St. Blasi und das Hochstift Konstanz besassen es auch. 1494 ist es von den Schweizern eingenommen und verbrannt worden» (Lexikon von Schwaben, Band II, Ulm 1792).
Zur Herrschaft Schwarzenberg im Klettgau siehe die informative Seite in der Wikipedia.
[2] 1975 wird die Eigenständigkeit von Tiengen durch das Zusammenlegen mit Waldshut in der neuen Ortsbezeichnung Waldshut-Tiengen ausgelöscht.
[3] Johann Albrecht aus Au im Bregenzerwald. Die Zuordnung an einen der Meister aus der Familie Albrecht ist nicht möglich.
[4] Joseph Adam von Schwarzenberg (1722–1782) aus Wien. Obersthofmeister, Herzog von Krumau. Sein Regierungsantritt fällt mit dem Österreichischen Erbfolgekrieg 1740–1748 zusammen, in welchem Bayern und Franzosen in den böhmischen Herrschaften der Fürsten von Schwarzenberg vor allem 1741/42 übel hausen. Die Tiengener Administration der Schwarzenberg-Periode ist bisher ebenso wenig aufgearbeitet wie die Biografie des Fürsten in Bezug auf seine wirtschaftlichen Massnahmen in der entfernten Klettgauer Herrschaft. Allgemeines zur Person des österreichischen Fürsten siehe in der Wikipedia.
[5] Johann Caspar Bagnato (1696–1757) aus Landau in der Pfalz, wohnhaft in Ravensburg. Zu ihm siehe
www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Bagnato_Johann_Caspar.html.
[6] Johann Michael Beer von Bildstein (1686–1780) aus Au im Bregenzerwald.
Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Beer_Johann_Michael_I_Bildstein.html.
[7] Adolf Reinle veröffentlicht den Grundrissplan 1965 in ZAK 24 (Foto Baume Luzern nach Plan im Pfarrarchiv Tiengen). Falsche Zuschreibungen (siehe Anmerkung 10) bezeichnen diesen «schwarzen Riss» als Originalplan von Peter Thumb.
[8] Beer verlangt für neun Tage Kommissionsverhandlungen und für 40 Tage Kostenberechnungen und Planungen 149 Gulden. Die Antwort der Triengener Regierung kann als typisch für die Barockzeit gelten. Sie schreibt «Wenn alle an der Konkurrenz beteiligten Baumeister in der Art Beers hätten Forderungen erheben wollen, so würde es um die hiesigen Kirchenfundum schlecht stehen». Sie bewilligt aber 1764 nach langen Verhandlungen 100 Gulden.
[9] Peter Thumb (1681–1766) aus Bezau im Bregenzerwald, wohnhaft in Konstanz.
Zu ihm siehe www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/s-z/Thumb_Peter.html.
[10] Siehe auch die Anmerkung 7. Hans Krüger bezeichnet die Pläne in seiner fehlerhaften Dissertation 1944 «Die Baugeschichte der katholischen Pfarrkirche zu Tiengen» zwar als armselig und schwach, weist sie aber trotzdem Johann Michael Beer von Bildstein zu. Schon 1953 wehrt sich Albert Knoepfli überzeugend gegen die Zuweisung Krügers, dem offensichtlich die Planungen des Bildsteiners unbekannt waren. Leider werden sie noch heute mit denjenigen des Geometers Würthemberger (z.B. in der Wikipedia 2025, abgerufen 30. 09) im GLA Karlsruhe, Abt. 224, verwechselt. Es scheint, dass die umfangreiche schweizerische Literatur zu Tiengen (seit 1953) im grenznahen Ausland unbekannt ist, jedenfalls führt sie der Wikipedia-Autor in der Literaturliste nicht auf.
[11] Nach Ausgaben von 6343 Gulden ist 1753 die Baukasse leer. Von der Stadt Zürich werden 3300 Gulden und von der Landschaftskasse 4400 Gulden als Anleihen aufgenommen. Eine auch nur geringe Mitfinanzierung aus der fürstlichen Privatschatulle ist unbekannt. Leider ist die Wirtschaftsgeschichte der Fürstenbergischen Herrschaft im Klettgau bisher nicht aufgearbeitet.
[12] Andrea Altomonte (1699–1780) aus Warschau, Sohn des Warschauer Hofmalers Martino Altomonte. Er ist Hofingenieur und Bühnenarchitekt in Wien, baut für den Fürst Joseph Adam von Schwarzenberg 1746/51 die Marienkirche im böhmischen Postelberg (Postoloprty), in Krumau (Český Krumlov) 1744/45 die Winterreitschule, 1755/57 den französischen Garten und das Lustschloss Bellaria; 1751 baut er in Wien die Reitschule und die Orangerie im Garten des Wiener Schwarzenberg-Palastes (1751).
[13] Die Kirche mit Einturmfassade liegt in Südorientierung nördlich des Barockschlosses. Ihr mächtiger oktogonaler Zentralbau entpuppt sich als zweijochige Wandpfeilerhalle. Die nüchterne und schon zum Klassizismus neigende Architektur überzeugt im Innenraum nicht.
[14] Die Entstehung der Kirche von Tiengen zeigt deutlich, dass jeder Bauwerksentwurf bautechnische Prämissen hat, welche viele Kunsthistoriker kaum je beachten. Dies belegen die meisten Baubeschriebe, bei welchen weder auf die Konstruktion der Gewölbe noch auf den ebenso wichtigen Dachstuhl eingegangen wird.
[15] Als einziger dieser Gruppe von Meistern kann Joseph Feuerstein (1677–1754) aus Bezau im Bregenzerwald, Stadtbaumeister in Rottweil identifiziert werden, der aber den Dachstuhl vom einheimischen Zimmermann Matthäus Schildknecht ausführen lässt. Schildknecht erstellt 1754 auch die obere Empore.
[16] Johann Georg Gigl oder Gigel (1710–1755) aus Wessobrunn. Er ist Stuckateur und Altarbauer und arbeitet vorher in vielen Bauten von Peter Thumb, so 1743 in Mengen, 1748/50 in Hilzingen und 1753/54 in St. Peter (Schwarzwald).
Siehe zu ihm www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/a-g/Gigl_Johann_Georg.html.
[17] Franz Ludwig Hermann oder Herrmann (1723–1791), geb. in Ettal als Sohn von Franz Georg Hermann aus Kempten. Zu ihm siehe https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/h-r/Hermann_Franz_Ludwig.html.
[18] Eustachius Gabriel (1724–1772) aus Unterschwarzach bei Waldsee in Oberschwaben. Er verlegt 1768 seine Tätigkeit als Maler nach Kärnten und in die Steiermark und stirbt in Laibach (Ljubljana).
Mehr zu ihm siehe in den Erdteilallegorien https://erdteilallegorien.univie.ac.at/personen/eustachius-gabriel
oder in der Wikipedia unter https://de.wikipedia.org/wiki/Eustachius_Gabriel.
[19] Joseph Abend (*1708) aus Jestetten, 1726–1728 Studium der Philosophie in Freiburg, 1728–1732 Studium der Theologie und des Kirchenrechts, 1748–1763 Pfarrer in Tiengen. Er führt die Stadtpfarrei mit einem Stadtkaplan, einem Hofkaplan und einem Kooperator.
[20] Joseph Hartmann (1721–1788) aus Tiengen. Maler und Freskant. Zu Zeit des Kirchenbaus von Tiengen ist er längst in Augsburg tätig, wo er 1741 die Witwe des Malers Moy heiratet und damit die Augsburger Meistergerechtigkeit erwirbt. Mehr zu ihm siehe in der Wikipedia.
[21] Blasius Bernauer (1740–1818) aus Todtnau im Schwarzwald.
Siehe zu ihm https://de.wikipedia.org/wiki/Blasius_Bernauer.
[22] Paul Fritschi, Bauinspektor in St. Blasien, ist der Sohn von Sebastian Fritschi (gestorben vor 1827), der meistens als Entwerfer der Kanzel von Tiengen genannt wird. Von Paul Fritschi sind keine Lebensdaten bekannt. Er tritt 1836 in den Ruhestand.
[23] Text des Kirchenführers 1993.
[24] Barnabitenkirche San Carlo ai Catinari im Rione VIII, Rom, erbaut 1612–1650 von Rosato Rosati.
[25] Universitätskirche der Sorbonne in Paris, erbaut 1632–1642 von Jacques Lemercier.
[26] Kollegienkirche Salzburg, erbaut 1696–1707 von Johann Bernhard Fischer von Erlach.
In der Seite www.sueddeutscher-barock.ch/Kollegienkirche.html ist auch der Vergleich der Kollegienkirche mit den Vorläuferbauwerken San Carlo und mit der Sorbonne in der Zeichnung dargestellt.
[27] Querschnitte der Normaljoche werden in der Kunstgeschichte kaum je publiziert. Bei den drei wichtigen Vorläuferbauten ist nur die Sorbonne mit einem Stich von Jean Marot dokumentiert (gallica.bnf.fr/). Grund ist das mangelnde Interesse der Kunsthistoriker an der Gebäudetektonik, die mit einem Querschnitt (auch des Dachstuhls) fast selbsterklärend wäre.
[28] Thumb wendet dieses einfache, aber überzeugende (und kostengünstige) Gliederungssystem an den Aussenfassaden immer an. Hans Peter Gubler schreibt dazu «Thumb steigert dieses Bändersystem zu starker Wirkung, indem er seine Plastizität erhöht, Teile farblich differenziert…» und: «Das ausgewogene Gleichgewicht der Vertikal- und Horizontalgliederung erscheint von Bau zu Bau prononcierter vorgetragen und birgt die Tendenz zur Verselbständigung in sich. Die farblich neutral gehaltene Wand, in keinem Fall durch Fensterrahmungen aktiviert, tritt gegenüber den Putzbändern zurück: Es entsteht eine klare Schichtung.» Einzige Ausnahme bildet die Wallfahrtskirche Birnau, wo er unter Druck des Salemer Prälaten und in Zusammenarbeit mit Joseph Anton Feuchtmayer die Lisenen mit Pilastern bereichern muss. Nur bei den Doppelturm-Fassaden von St. Peter und Frauenalb (die Kunstgeschichte versteht unter «Fassade» nur die mittlere Eingangsfassade) gliedert er auch mit Pilastern.
[29] Früher aber, gemäss alten Fotografien, auch in Tiengen wie in Hilzingen weisse Lisenen mit altrosa getönten Flächen.
[30] Mansard-Dachstühle werden als «französisches Dach» sehr selten auf Kirchengebäuden angewendet, weil man es generell mit dem repräsentativen Profanbau assoziiert. Bekannte Ausnahmen sind die Wieskirche oder Maria Steinbach an der Iller. Thumb deckt in der Regel nur die Eck- und Mittelrisalite seiner Klosterbauten mit Mansarddächern. Beim Wandpfeilersaal von Tiengen ist der obere Dachstuhl mit 13 m Spannweite des Mittelraums ein Kehlbalken-Hängewerk mit der Zerrbalkenlage über den Gewölben. Eine Veröffentlichung des Querschnittsplanes dieses Dachstuhls, zusammen mit dem Querschnitt des Kirchenraums, wäre wünschenswert.
[31] Die ebenfalls von Gabriel gemalte Scheinarchitektur anstelle des heutigen Hochaltars muss ähnlich gewirkt haben. Im Mittelbild folgt er nicht nur der Perspektivlehre des Jesuitenpaters Andrea Pozzo, sondern übernimmt auch für die einzelnen Szenen Kompositionen seiner Lehrer oder Stichvorlagen.
[32] So charakterisiert Petter Hoegger die Fresken Gabriels im aargauischen Wettingen (1755/57). Wie weit die Fresken von Tiengen 1939 verändert worden sind und ob es wirklich noch Fresken sind (die satten Farben deuten nicht darauf hin) bleibt mangels zugänglicher Befunduntersuchungen unbeantwortet. Leider bezeichnen auch Kunsthistorikerinnen viele nicht in den nassen Putz gemalten Deckengemälde als Fresko.
[33] Unter der Frau im Mittelbild, welche ein Schiff in die Höhe hält (Confidentia, Vertrauen) ist im Arkadenbild eine weissgekleidete Frau mit Kreuz und Gesetzestafeln dargestellt (Fides oder Ecclesia), ihr zur Seite vertreibt ein Knabe mit einem Löwen die Allegorie der Eitelkeit und der Überheblichkeit (Superbia, mit Pfau) in die Tiefe. Die Beschreibung des Bildes mit «Die zehn Gebote» in «Erdteilallegorien» trifft den Bildinhalt nur teilweise.
[34] «Teile der Ausstattung sind neu, vergleiche die Archivalien im Pfarrarchiv Tiengen» schreibt Hans-Martin Gubler 1972. Eine Archivforschung wäre tatsächlich dringend nötig, um die widersprüchlichen Aussagen in der zugänglichen Literatur zur Stadtpfarrkirche aufzulösen.
[35] Im Dehio 1997 schreibt Dagmar Zimdars nur die Blätter der beiden Rokokoaltäre dem in Augsburg wirkenden Hartmann zu. Günther Hoffmann («Künstler im Landkreis Waldshut vom Barock bis in die Gegenwart», Geschichtsverein Hochrhein 2018) bezeichnet 2017 auch die Blätter des Anna- und Agatha-Altars als Werke Hartmanns. Im Führer 1993 werden gleich alle Blätter der Seitenaltäre Hartmann zugesprochen.
[36] Die vergoldeten Seitenbärte mit Rocaille-Muschelwerk, ähnlich der Orgel, sind an einem Seitenaltar der Spätrokokozeit ungewöhnlich, sie wecken den Verdacht auf Neobarock.
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| Ort, Land (heute) | Herrschaft (18. Jh.) |
| Tiengen (Waldshut-Tiengen) Baden-Württemberg |
Landgarfschaft Klettgau, Oberamt Thiengen. |
| Bistum (18. Jh.) | Baubeginn |
| Konstanz |
1753 |
| Bauherr und Bauträger der Barockzeit | |
| Joseph Adam von Schwarzenberg (reg. 1740–1782) | |
| Joseph Abend (Pfarrer 1748–1763) |
|
| Franz Lienhard (Pfarrer 1763–1776) |
|

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