Schloss Favorite bei Rastatt

Die Meister des Bauwerks
von bis
1710 1725
1713 1713
  ca.1721
1720 1729
ca.1722
1724 1729


Schloss und Garten Favorite in Rastatt-Förch

Das Lustschloss der Markgräfin

Böhmische Barockarchitektur in der Rheinebene
In der Ebene südlich von Kuppenheim, ein halbe Reitstunde von ihrer Residenz Rastatt entfernt, lässt sich die junge Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Baden-Baden[1] durch ihren Hofbaumeister Johann Michael Rohrer[2] ein Lustschloss mit Barockgarten bauen. Baubeginn ist 1710. An Ort befindet sich bereits ein Fasanengarten.[3] Angelegt hat ihn der 1707 verstorbene Gemahl der nun regierenden Markgräfin, der «Türkenlouis». Der Neubau des Schlosses im freien Gelände vor der Fasanerie ist das erste Bauvorhaben der Regentin.[4] Erstaunlich, dass sie den Baubeschluss noch während des Spanischen Erbfolgekrieges fasst, welchem Rastatt die französische Besetzung von 1707 verdankt und der sie veranlasst, erst nach dem Friedensschluss von 1714 wieder nach Rastatt zurückzukehren. Hofbaumeister Rohrer baut ihr eine dreigeschossige Dreiflügelanlage von 15 auf 8 Achsen, mit einem Mittelrisalit an der Gartenfront und zwei kurzen Eckflügeln zum südlich gelegenen Zugangshof, dem Ehrenhof. Ein über zwei Stockwerke durchgehender Mittelsaal ist nach oben in eine achteckige Tambourkuppel geöffnet. Eine geschwungene, doppelläufige Freitreppe führt an der Gartenfront in den Mittelsaal der Beletage, während die gewendelten Innentreppen versteckt, aber wie alle Räume streng symmetrisch beidseits des Mittelsaals angeordnet sind. Eine geschwungene, doppelläufige Freitreppe führt an der Gartenfront in das Hauptgeschoss, während die gewendelten Innentreppen versteckt, aber wie alle Räume streng symmetrisch beidseits des Mittelsaals angeordnet sind. Der Innensaal ist eine Reverenz an das Lustschloss in Schlackenwerth, die Freitreppe hat böhmische Vorbilder. Die Architekturgliederung der Fassade zeigt eine überraschend undoktrinäre Leichtigkeit. Die übliche geschosshohe Sockelzone fehlt. Eine Pilastergliederung fasst Erdgeschoss und Hauptgeschoss zusammen und trennt das dritte Geschoss mit einem kräftig ausgebildeten Kranzgesimse in der Art eines Mezzanins. Rohrer sieht sogar eine vasenbekrönte Dachbalustrade vor, ähnlich der Residenz Rastatt. Er entnimmt die Fassadengliederung vielleicht einem klassischen Vorlagewerk.[5] Mit der Detailgestaltung weicht er dann von solchen Vorgaben ab. Fensterbekrönungen mit Kielbögen, dicht unter dem Kranzgesimse eng zwischen freischöpferisch gestalteten Kapitellen eingefügt, entziehen sich dem klassischen Kanon.[6] Ganz ausserordentlich ist aber die Gestaltung der Putzfelder mit einer Mauerinkrustation aus Kieselsteinen.[7] Nur mit der Herkunft aller Beteiligten aus dem sächsisch-böhmischen Raum ist diese aussergewöhnliche Fassadengestaltung erklärbar. Die Markgräfin, sehr angetan vom böhmischen Kunsthandwerk, wird diese sonst Grotten vorbehaltene Technik an den Fassaden der Favorite gewünscht haben. Sie schafft so Bezüge zu den Grottenräumen und den Gärten in Schlackenwerth. Mit Matthes Süssner, der die Fassaden 1713 erstellt, holt sie auch gleich ihren Grottierer aus Schlackenwerth.[8]

Zum Typus des barocken Lustschlosses[9]
Lustschlösser sind ländliche Zweitsitze für den Sommeraufenthalt ausserhalb des strengen Hofzeremoniells. Wie Satelliten säumen sie, vielfach auch als Jagdschlösser, schon im 17. Jahrhundert den Nahbereich von Residenzstädten. Ihr gemeinsames antikes Vorbild ist die Villa Laurentina des jüngeren Plinius, die in seiner Beschreibung überliefert ist und die alle Renaissancetheoretiker zu Rekonstruktionen beflügelt.[10] In Hellbrunn bei Salzburg erstellt Santino Solari 1613–1615 eines der ersten frühbarocken Lustschlösser nördlich der Alpen. Solari erweitert hier ein «Lusthäusl» der Renaissance zu einer ähnlichen Anlage, wie wir sie in der Favorite vorfinden und erstellt dazu einen der phantasievollsten manieristischen Grottengärten der Kunstgeschichte. Noch beim «Neuen Lustgebäude» im Schlossgarten von Schlackenwerth, welches der Prager Baumeister Abraham Leuthner[11] 1673–1683 baut, wirkt die Renaissance nach. Dieser freistehende Zentralbau mit einer Innenhalle über zwei Stockwerke ist der Regentin und dem Baumeister sehr vertraut, kommen doch beide aus Schlackenwerth. Beide kennen auch Scheibenhardt. Vielleicht hat Rohrer unter seinem Vorgänger Domenico Egidio Rossi[12] noch am Bau dieses Jagdschlosses mitgewirkt, einem Gartenpalais mit zentraler Sala terrena, dem ersten derartigen Bau in Südwestdeutschland. Die pavillonartigen «Maisons de plaisance» in der Umgebung des Sonnenkönigs können sie hingegen nur aus Stichen kennen.[13] Dass der Kurfürst von Mainz am Rheinufer fast gleichzeitig eine Gartenanlage nach dem französischen Vorbild Marly baut und seinem «kleinen Marly» den Namen Favorite gibt, werden sie wissen. Aber nicht die Lusthäuser im Umkreis des Sonnenkönigs und auch nicht die gleichzeitig entstehenden Gartengebäude in München, Dresden oder Wien sind Vorbilder.[14] Prägend sind böhmische Einflüsse, wie die Gebäude in Schlackenwerth, aber auch das Vorbild Rossi in Scheibenhardt und Rastatt. Dass Rohrer zusätzlich Vorlagen aus Architekturtraktaten benutzt, ist selbstverständlich und ändert nichts an der Eigenständigkeit seines Entwurfes.

Mehr zum Typus der barocken Lustgartengebäuden

Die Innenräume der Markgräfin und des Erbprinzen
Die repräsentativen Innenräume der Beletage liegen in den beiden Gebäudeflügeln beidseits der zentralen, zweigeschossigen «Sala terrena». Im nordwestlichen Flügel befinden sich die Räume der Markgräfin, im südwestlichen Flügel diejenigen des Erbprinzen.
Durch das Hauptportal des Ehrenhofs erreicht der barocke Schlossbesucher über einen schmalen Querkorridor den nach oben geöffneten grossen Gartensaal, die «Sala terrena». Ein einladender Treppenaufgang in die Beletage ist allerdings nur als äussere repräsentative Freitreppe an der Gartenseite, der eigentlichen Schaufassade des Schlosses, vorhanden. Im Inneren stellen zwei versteckte, symmetrisch angeordnete Wendeltreppen den Aufgang in die Haupträume des Piano Nobile oder der Beletage dar. Ihre Lage schliesst die beiden ebenfalls symmetrisch angeordneten Küchen im Erdgeschoss von direkten Zugängen zu den Tafelräumen aus. Aber die Markgräfin legt in ihrem Sommerschloss auf solch gewöhnliche Erfordernisse keinen Wert. Sie will in der Favorite der Wirklichkeit entfliehen und legt deshalb den Schwerpunkt in die Ausstattung der Räume mit einer exotischen Traumwelt. Die Imitationen von japanischem und chinesischem Kunsthandwerk, von ihr als «Indianisch» bezeichnet, prägen in der Beletage alle Räume. Die mit Ausnahme der beiden Tafelzimmer und der anschliessenden Alkoven meist quadratischen Zimmer sind zwar von bescheidenen Ausmassen. Aber Wände und Decken, vielfach auch die Böden, sind überreich mit sehr viel Liebe zur Kleinkunst dekorativ ausgestattet. Jeder Raum, auch die Ausstattung der Räume für den noch unmündigen Erbprinzen, zeigt das Interesse der Markgräfin an dekorativer exotischer Malerei und Lackkunst, dem Schneiden von Glas und Halbedelsteinen, der Malerei auf Achat, der Bildnerei in Papiermaché, den Einlegearbeiten in allen Materialvariationen und dem spielerischen Wachsguss.
Ist die Markgräfin auf dem Gebiet der Kleinkunst noch dilettierende Liebhaberin, kann sie auf dem Gebiet der Wandbespannung und Ausstattung mit Textilien fachmännisch mithalten. Wo die Wände nicht schon mit Miniaturen, Lackmalerei, Spiegeln oder Einlegarbeiten belegt sind, füllen Stickereien, Spitzenbänder, bemalte Seidentapeten und auch importierte Papiertapeten die Lücken. Eine weitere Leidenschaft der Markgräfin ist das Sammeln von Fayence und Porzellan. Die Delfter Platten als Wandverkleidungen im Erdgeschoss, selbst in der Sala terrena, zeugen davon, ebenso wie die reiche Sammlung im heutigen Museum. So bilden die «indianischen» Innenräume der Favorite unverfälschtes  Zeugnis barocker Gestaltungsfreude einer Liebhaberin des Kunsthandwerkes fernöstlicher und holländischer Prägung. Es sind keine grossen Künstler, die an Ort tätig sind. Die Leitung aller Ausstattungsarbeiten, die erst um 1725 abgeschlossen sind, hat der aus Schlackenwerth zugezogene Franz Pfleger inne.[15] Er ist zudem Maler vieler Deckengemälde. Auch der Stuckateur Hans Georg Stöhr ist, wie wahrscheinlich die meisten weiteren Beteiligten am Innenausbau, vorher in Schlackenwerth tätig. Der Stuck, vor allem aber die vielen wertvollen Scagliola-Böden[16] zeigen bereits die Bandelwerk-Ornamentik des Régence.

Die Innenräume: Impressionen aus der Beletage.
Die Raumnummern gemäss Planbeilage.

I1   I&   I2
Zentraler Saal im 2. Obergeschoss mit achteckiger Balustradenöffnung zur Sala terrena und mit identischer Lichtöffnung zur Tambourkuppel. Foto: Bieri 2005.

  Raum Nr. 6: Das Spiegelkabinett der Markgräfin. Spiegel in Stuckrahmen dominieren an Decke und Wänden, beleuchtet von einem zwölfarmigen Buntglas-Kronleuchter.
Foto: Bieri 2025.
  Raum Nr. 7: Parade- oder Prunkschlafzimmer der Markgräfin, das Bett in einem Alkoven. Fussboden als Scagliola. Wandbespannung mit rotem und grünem genuesischen Samt.
Foto: Bieri 2025.
         
I7   I3   I5
Raum Nr. 7: Wappen über dem Alkoven. Zwei Putti halten Schild und Krone mit dem Allianzwappen Baden-Baden und Sachsen-Lauenburg. Bei beiden Wappen fehlen die Farben der heute silbernen Flächen!
Foto: Bieri 2009.
  Raum Nr. 11: Florentiner-Kabinett. Steinschneide-Arbeiten (Pietra dura di firenze) prägen das dem Erbprinzen gewidmete Eckzimmer. In die Spiegel sind Porträts berühmter Künstler eingelassen.
Foto: Bieri 2025.
  Raum Nr. 12: Nebenzimmer als privates Schlafkabinett des Erbprinzen, mit «Spallier von Indianischem gemahlten Papir», also handbemalten Tapeten fernöstlicher Herkunft. Régence-Ornamentik auf dem Kamin.
Foto: Bieri 2025.
         
I8   I4
Raum Nr. 13: Decke im Grünen Schlafzimmer, als Beispiel der vielen Deckengestaltungen des Entwerfers und Malers Franz Pfleger. Breite Hohlkehlen mit Régence-Ornamentik fassen ein Grotesken-Plafond mit Chinoiserien. In den Eckübergängen und der Seitenmitte der Hohlkehlen sitzen vergoldete Allegorien, in den Ecken sind es die vier Jahreszeiten. Vögel sind allgegenwärtig. Im Bild stibitzt ein Vogel der Allegorie des Herbstes (unten rechts) auch die Trauben.
Foto: Bieri 2025.
  Raum Nr. 14: Eckzimmer, wie der Raum 13 mit einem Chinoiserien-Plafond, nun mit Vögeln, in den Hohlkehlen chinesische Erziehungsbilder. Türkise und weisse Seidentapeten mit Vögeln und Blumen bedecken die Wände. Am Eckkamin Delfter–Kacheln. Foto: Bieri 2025.

Die Orangerien und die Kavaliershäuser
Das südliche Zugangsparterre zum Lustschloss säumen zwei gedeckte Wandelgänge mit offenen Arkaden, mittig durch einen Risaliten betont und an den Enden zu Pavillons erweitert. Rohrer baut den westlichen Arkadengang 1717 und den östlichen 1725. Vor die Arkaden werden im Sommer Orangenbäume in Reih und Glied aufgestellt. Die Arkaden dienen als Rückzugsort. Als Orangerien für den Winteraufenthalt der Zitrusgewächse werden sie nicht benutzt und auch nie so bezeichnet. Die wirklichen Orangerien sind schon 1780 abgebrochen. Dass die Arkadengebäude heute als Orangerien bezeichnet werden, ist schöpferischen Gartenhistorikern zu verdanken.[17]
In der Achse dieser Arkadengebäude stehen südlich zwei Kavaliersgebäude. Sie sind die mittleren Gebäude einer Folge von vier Häusern, welche die Querachse betonen. Rohrer baut diese Wohnhäuser ebenfalls 1717. Ihr mit einem Walm gedecktes Dachgeschoss durchbricht das untere Walmdach zentral, aber mit zuwenig Höhe für eine Befensterung. Es ist eine sehr eigenwillige Interpretation eines Mansarddaches.


Der Schlossgarten und die Eremitage

Der Garten

   
Garten  

Die Querachse mit den vier Wohnhäusern trennt den Fasaneriewald vom Barockgarten, der von Johann Michael Rohrer und Franz Pfleger gleichzeitig mit dem Lustschloss gebaut wird. Der einfache, geometrisch gestaltete Garten mit zwei Gartenparterres südwestlich und nordöstlich des Lustschlosses ist von einem wasserführenden Graben mit Wall umgeben. Rosskastanien-Alleen entlang des Walles bilden den beidseitigen Gartenabschluss. 600 Kastanien schenkt der Kurfürst von Mainz, Lothar Franz von Schönborn.
Der Barockgarten wird nach dem Tod der Markgräfin nicht mehr unterhalten. Ihr Sohn interessiert sich mehr für Treibjagden im Fasaneriewald. Erst nach der Übernahme der Markgrafschaft durch Karl Friedrich von Baden-Durlach wird dem inzwischen verwilderten Garten wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil. 1788 beauftragt er den Hofgärtner Johann Michael Schweickert mit der Neugestaltung des Gartens nach «Englischer Art».[18] Erst nach den Revolutionswirren erfolgt 1802–1805 die Umgestaltung zum heutigen Park. Vom alten Garten werden die schnurgeraden Rosskastanienalleen übernommen, der Fischweiher bleibt bestehen und das Südparterre behält die strengen barocken Linien. Die Favorite steht seither in einem reinen Landschaftsgarten von idyllischem Charakter, der wahrscheinlich viel besser zu ihrer unkonventionellen Architektur passt als der alte strenge Barockgarten.

 
Der Garten der Favorite Anfang des 19. Jahrhunderts. Ausschnitt aus einem 1802 gezeichneten Plan. Für Gesamtansicht und Legende bitte anklicken.

Die Eremitage
In den Fasaneriewald lässt die Markgräfin parallel zur Schneise der Hauptachse eine zweite, 140 Meter lange und 24 Meter breite Schneise schlagen, an deren Ende sie von Michael Ludwig Rohrer um 1717 ein Eremitenhaus mit Magdalenenkapelle bauen lässt. Eremitagen in Fürstengärten sind Orte der Besinnung und des privaten Rückzugs. Der Bezug zur Religion ist meist vordergründig. Die gleichzeitig errichtete Eremitage des Bayreuther Markgrafen Georg Wilhelm dient vor allem Eremitenspielen der Hofgesellschaft.[19] Die Klause der Markgräfin von Baden-Baden in der Favorite ist aber eindeutig ihr religiös-mystischer Rückzugsort. Der im Grundriss achteckige Zentralbau ist aussen mit Baumrinde verkleidet, innen wird die Baumrinde an die Wand gemalt. Im Zentrum eines umlaufenden Kranzes von Räumen liegt die mit einer Dachlaterne belichtete Magdalenenkapelle. Beinahe lebensgrosse Wachsfiguren mit echtem Haar und Kleidern stellen biblische Szenen dar. So sitzt im Wohnzimmer die Heilige Familie am Tisch. In dieser ungewohnten Umgebung dürfte sich nur die fromme Markgräfin wohlgefühlt haben. Heute ist eine Besichtigung nur mit einer Sonderführung möglich.


Das Schloss heute

1771–1918

Markgraf Karl Friedrich von Baden-Durlach, der die Favorite 1771 übernimmt, benutzt das nun «fürstliches Landhaus» genannte Schloss weiterhin für Sommeraufenthalte, obwohl er als Erstes grosse Unterhaltarbeiten durchführen muss. 1803 hält er das letzte Mal mit seinem Hof Villeggiatur in der Favorite. Dann verfällt es einem nur gelegentlich unterbrochenen Dornröschenschlaf. So wird das Schloss 1849 Hauptquartier des preussischen Prinzen Wilhelm während der Belagerung von Rastatt. Als das Gebäude und die Einrichtung 1918 an die badische Republik übergehen, ist es gut unterhalten und noch fast in seinem ursprünglichen Zustand.

1918–2010
Erste Führungen für die Öffentlichkeit finden schon 1920 statt. Nachdem das Schloss den Zweiten Weltkrieg völlig unbeschädigt übersteht, wird 1964 eine umfassende Instandsetzung und Restaurierung begonnen, die bis 1982 dauert. 2001–2003 erhält die Fayencesammlung in den westlichen Räumen des Erdgeschosses mit der Schauküche, die Porzellan- und Glassammlung aber im zweiten Obergeschoss ihren Platz. Das ehemalige Lustschloss der Markgräfin Franziska Sibylla Augusta von Baden-Baden vermittelt dank dem weitgehenden Originalbestand, zu dem auch die Ausstattung gehört, einen Einblick in die Welt einer barocken Liebhaberin des Kunsthandwerks.

Pius Bieri 2011, rev. 2025


Literatur:

Sillib, Rudolf: Schloss Favorite. Heidelberg 1914.
Renner, Anna Maria: Kleinkunst in Favorite, in: Badische Heimat. Freiburg 1937.
Schwenecke, Walter und Wiese, Wolfgang: Schlosspark Favorite und Eremitage, ein Kurzführer. Karlsruhe 1995.
Kitzing-Bretz, Martina: Der Markgräflich  Baden-Badische Hofbaumeister und Bauinspektor Franz Ignaz Krohmer (1714-1789). Dissertation. Heidelberg 2001.
Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg (Hrsg.): «Extra Schön», Markgräfin Sibylla Augusta und ihre Residenz, Ausstellungskatalog. Petersberg 2008.
Staatliche Schlösser und Gärten Baden-Württemberg (Hrsg.): Schloss Favorite Rastatt mit Garten und Eremitage, Führer. Berlin 2007.
Froese, Wolfgang und Walter Martin: Schloss Rastatt, Schloss Favorite. Menschen, Geschichte, Architektur. Rastatt 2017.
Seeger, Ulrike: Rastatt-Förch, Lustschloss Favorite, in: Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland, hsg. von Stephan Hoppe, Hubert Locher und Matteo Burioni, München 2021, 
URL: https://www.deckenmalerei.eu/19fd6106-fcc7-4863-a999-9dc17b7c6bad letzter Zugriff: 2025-11-21.

Links zur Favorite bei Rastatt:

Neu: Seeger, Ulrike: Bau und Ausstattungsgeschichte von Schloss Favorite in: https://www.deckenmalerei.eu/19fd6106-fcc7-4863-a999-9dc17b7c6bad. (umfassender Beschrieb der Innenräume mit vielen, ausgezeichneten Fotografien von Achim Bunz!)
https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Favorite_(Rastatt)

Anmerkungen:

[1] Franziska Sibylla Augusta von Sachsen-Lauenburg (1675–1733) heiratet 1690 Markgraf Ludwig Wilhelm von Baden-Baden (1655–1707), den sogenannten Türkenlouis.
Zu ihr siehe https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Bauherr/h-r/Rastatt_SibyllaAugusta.html.
Sie ist zur Zeit des Baubeginns Witwe und Alleinregentin. Zum 1707 verstorbenen Markgrafen Ludwig Wilhelm von Baden-Baden siehe https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Bauherr/h-r/Rastatt_Tuerkenlouis.html. Zum Erbprinzen und Markgrafen Ludwig Georg Simpert (1702–1761) siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Georg_Simpert.

[2] Johann Michael Ludwig Rohrer (1683–1732) aus Schlackenwerth in Böhmen.
Zu ihm siehe https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/h-r/Rohrer_J-Michael_Ludwig.html.

[3] Fasane sind ein begehrtes Wildpret. Ihre Jagd gehört zu der dem Adel vorbehaltenen Hohen Jagd und ist «eine der angenehmsten Belustigungen und Zeitvertriebe für grosse Herren». Die Fasanenjagd ist nur mit Pflege und Nachzucht möglich. Die dazu notwendigen Fasanen- oder Fasaneriegärten sind wiederum ein Privileg des Adels.

[4] Am Neubau und an der Ausstattung der Räume in der Beletage der Rastatter Residenz von 1699–1707 ist sie nicht beteiligt, auch wenn dies «verbürgt» sein soll (Sigrid Gensichen im Kunstführer). Sie kommt erst 1704 aus Schlackenwerth nach Rastatt.

[5] Jean Marot stellt 1670 die Gartenfassade des Pariser Hôtels des Duc de Mortemar vor, welche identisch mit derjenigen der Favorite ist.

[6] Die Kielbogen-Fensterbekrönung mit figürlichem Schmuck über der Sturzzone ist um 1700 vor allem in Böhmen (Beispiele: Kaiserštejnský palác oder Palác Hrzánů z Harasova in Prag) und wird durch Johann Lucas von Hildebrandt auch in Wien (Palais Starhemberg-Schönburg) schon früh angewendet. Die Addition von eng beieinander liegenden Kielbögen ergibt eine beschwingte Wirkung und weist in den Spätbarock. Die klassischen Vorlagebücher der Zeit kennen diese kurvierte Bekrönung nicht.

[7] Der Ursprung dieser speziellen Technik liegt in der Gartenkunst der italienischen Renaissance, wo grosse Gartenanlagen mit künstlichen Grottenbauwerken und Wasserspielen entstehen. Schon um 1600 entstehen nördlich der Alpen ähnliche Gärten. Die Künstler, welche diese Grotten mit Kieselsteinen, Muscheln, Schnecken und Glaswerk erstellen, werden Grottierer genannt. Auch die Gartensäle von Schlössern erhalten im Inneren Grottenwerk.

[8] Süssner Matthes (1689–1720). Er rahmt die Felder mit zerschlagenem rötlichem Bachgeröll und bildet die Flächen mit Bachkiesel.

[9] Zum Gebäudetypus der Lustschlösser und Lustgartengebäude siehe die Seite https://www.sueddeutscher-barock.ch/ga-wege/m612_Lusthaus.html.

[10] Das Laurentinum des Plinius, südwestlich Roms an der Küste gelegen, ist durch die sogenannten Villenbriefe (um 100 n. Chr.) bekannt. Das Architekturtraktat des Vincenzo Scamozzi aus 1615, in dem er seine Landhäuser vorstellt, erscheint 1678 in Nürnberg.

[11] Abraham Leuthner (1639–1701) aus Wildstein bei Pilsen, Baumeister in Prag.
Siehe zu ihm https://de.wikipedia.org/wiki/Abraham_Leuthner.

[12] Domenico Egidio Rossi (1659–1715) aus Fano in Italien. Er wirkt 1696–1707 in Rastatt.
Zu ihm siehe: https://www.sueddeutscher-barock.ch/In-Meister/h-r/Rossi_Domenico.html.

[13] Reisen von Franziska Sibylla Augusta oder Rohrers nach Paris sind nicht bekannt, sie können die «Maisons de plaisance» deshalb nur aus Stichen kennen. Beeindruckt ist hingegen Kurfürst Lothar Franz von Schönborn, der das Lustschloss des Sonnenkönigs in Marly seit seiner Kavaliersreise 1680 kennt und es in Mainz als «kleines Marly» unter dem Namen Favorite 1700–1722 am Rheinufer erstellt.
Unter http://de.wikipedia.org/wiki/Lustschloss_Favorite_%28Mainz%29 ist diese Favorite gut dokumentiert.

[14] Ulrike Grimm schreibt im offiziellen Führer, dass die Markgräfin über die gleichzeitig entstehenden Gebäude des Belvedere in Wien, des Japanischen Palais in Dresden und der Pagodenburg in München «bestens unterrichtet» sein muss. Dies mag zutreffen, aber der Belvedere wird erst 1714, die Pagodenburg 1716 und das japanische Palais 1729 begonnen. Die Favorite von Rastatt ist aber 1712 schon gebaut. Der Vergleich mit dem Belvedere findet schon bei Sillib (1914) statt, der sogar eine völlige Übereinstimmung mit dem Belvedere vorfindet. Allerdings wird damals der Baubeginn des Belvedere noch mit 1693 angenommen. Die Daten nach heutigem Forschungsstand sind aber: Unterer Belvedere Planung ab 1703, Baubeginn 1714. Oberer Belvedere Planung ab 1717, Baubeginn 1721.

[15] Franz Pfleger, vermutlich Sohn des Hofkapellmeisters Augustin Pfleger (1635–1686) in Schlackenwert. Er wird von Markgräfin Sibylla Augusta nach 1707 als Leiter der Innenausstattungen aller Bauvorhaben in Rastatt verpflichtet. Er bewohnt eines der 1716 in der Querachse des Favoritengartens gebauten Einzelhäuser. Hier stirbt er 1737.

[16] Scagliola ist eine Einlegetechnik in Stuckmarmor. Ihre Anwendung auf Bodenflächen setzt grosse Kunstfertigkeit voraus. Sie ist eine Arbeit des Marmolierers, für in Schlackenwerth, Rastatt und Bruchsal der Name Matthäus Brückner genannt wird.

[17] Walter Schwenecke (Kurzführer Schlosspark), und ihm folgend Manuel Berchtold (Kunstführer 2007) rekonstruieren anhand eines Kamins und wegen Fresken im westlichen Arkadengebäude eine Winternutzung. Nach Rudolf Sillib liegen aber die heute nicht mehr vorhandenen Orangerien hinter den Arkadengebäuden, wo sie schon bald nach dem Tod der Markgräfin ausser Betrieb sind. Schon 1745 werden die Zitrusgewächse zur Überwinterung nach Rastatt gebracht. Ein Bericht 1778 meldet, dass die Favorite keine Orangerie mehr besitzt. In allen Plänen Ende des 18. Jahrhunderts wird keine Orangerie ausgewiesen. Die das Zugangsparterre flankierenden Gebäude sind als Arkadengebäude bezeichnet. Die Gartenhistoriker müssten eigentlich wissen, dass Orangerien im 18. Jahrhundert anders gebaut werden. Ihre für die Arkadengänge erfundenen mobilen Verglasungen sind ärgerlicher Unsinn.

[18] Johann Michael Schweickert stammt aus Pforzheim und stirbt 1806 in Karlsruhe.

[19] Es ist das heutige «Alte Schloss» der Eremitage, das in ausgeprägter Grottenarchitektur gebaut ist. Nach einem Bericht des Freiherrn von Pöllnitz aus 1737 wissen wir, dass die Hofregel hier Eremitenkutten vorschreibt, man schläft in winzigen Zellen und isst mit hölzernem Löffel aus irdenem Geschirr, wozu man sich im «Refektorium» versammelt. Danach entlässt der Markgraf als «Père Supérieur» die Gesellschaft zu den Klausen im anliegenden Wald. Es herrscht dabei Schweigepflicht bis zum Rückruf mit Glocken, welche den vergnüglichen Teil des adeligen Eremitenspiels einläuten.

 














Rastatt-Förch: Schloss und Garten des Lustschlosses Favorite
Aussen1
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Rastatt-Förch
Kreis Rastatt (D)
Markgrafschaft
Baden-Beden
Bistum (18. Jh.) Baubeginn
Speyer
1710
Bauherr und Bauträger der Barockzeit
FranziskaSibylla    Franziska Sibylla Augusta von Sachsen-            Lauenburg (1675–1733), Markgräfin von           Baden-Baden.
 
Die Eingangs- oder Ehrenhofseite der Favorite. Das mittlere Portal ist das alte Hauptportal und führt in die zweistöckige zentrale Halle, der Sala terrena. Foto: Bieri 2011.
Innenraum1
Die zweigeschossige zentrale Halle mit Laterne. Foto: Achmin Bunz 2020, Foto Marburg / CbDD.
PDF11
Karte1813
Ausschnitt aus der Streit-Karte 1813, Section 143, mit dem badischen Teil zwischen Rheinebene, Baden-Baden und Rastatt. Der Weg von der Residenz Rastatt zum Lustschloss Favorite ist hier hervorgehoben.
Bildquelle: David Rumsey Map Collection.
rohrer1710
hann Michael Ludwig Rohrer zeichnet 1710 diesen Ausführungsplan für die Gartenfassade mit der markanten Freitreppe. Auf die hier noch dargestellte Attika-Balustrade wird später verzichtet. Bildquelle: Silib 1914.
FavoriteGrRiss
Grundriss der Beletage nach einer Planaufnahme von 1742. Für die weiteren Grundrisse mit den Raumerläuterungen bitte anklicken.
Das Schlossgebäude im Aussenraum
Ehrenhof
Die um drei Fensterachsen nach Südwest vorspringenden Eckflügel bilden einen kleinen Ehrenhof am Zugang zur Sala terrena, die sich über zwei Geschosse erstreckt und bis in die Tambourkuppel geöffnet ist (siehe oberstes Bild). Der Brunnen trägt die Büste eines türkischen Leiblakaien, der zum Schloss blickt. Foto: Bieri 2025.
FassadeWiki
Der Mittelbau mit der Tambourkuppel nimmt die Breite der zentralen Sala terrena auf. In seinem Frontispiz sind die Wappenschilde Baden und Sachsen-Lauenburg unter einem Fürstenhut vereint. Foto: Harke 2013 in Wikipedia.
Parkseite
Die Favorite aus dem Englischen Garten der Nordostseite gesehen. Foto: Bieri 2011.
FassadeNO
Die Fassade zum Englischen Garten, wie sie Johann Michael Ludwig Rohrer 1710 (oben) geplant und ausgeführt hat. In den Arkadenöffnungen stehen ehemals Statuen, nur die Mittelarkade wird als Portal betont.
Foto: Gerd Eichmann 2006.
Treppe
Die doppelläufige Freitreppe nach böhmischer Art. Sie führt in den Zentralraum der Beletage. Foto: Bieri 2005.
Treppe2
Der linke Antritt der Freitreppe mit einer der je beiden flankierenden Statuen. Sie sind wie die Baluster in rotem Sandstein geschaffen. Dahinter sind die Feinheiten der Fassadengestaltung abzulesen. Foto: Bieri 2025.
Treppe3
Die beiden lebensgrossen Postament-Figuren auf dem rechten Freitreppen-Antritt.
Foto: Gerd Eichmann 2013
Fassadendetail
Fassadendetail mit der Grottier-Arbeit von Matthes Süssner. Foto: Bieri 2005.
Arkadengänge und Kavaliershäuser
Arkaden
Die Arkadengebäude begrenzen den Ehrenhofzugang auf beiden Seiten. Hier das nordwestliche Gebäude. Diese sommerliche Aufenthaltsgebäude werden heute Orangerien genannt. Die eigentliche Orangerie wird allerdings 1780 abgebrochen. Foto: Bieri 2011.
Kavalierhaus
Westliches Kavaliersgebäude, 1717 von Johann Michael Ludwig Rohrer erbaut. Die Dachform, aus zwei abgesetzten Walmdächern gebildet, ist eine eigenwillige Interpretation des Mansard-Daches. Foto: Bieri 2011.
Die Eremitage
Alle Fotos: Bieri 2025
eremitage
In den südlichen Fasaneriewald lässt die Markgräfin parallel zur Schneise der Hauptachse eine zweite, 140 Meter lange und 24 Meter breite Schneise schlagen, an deren Ende sie von Michael Ludwig Rohrer um 1717 ein Eremitenhaus mit Magdalenenkapelle bauen lässt. .
Der schematische Grundriss des achteckigen Zentralbaus mit den um die zentrale Magdalenenkapelle angeordneten Räumen. Für die Legende bitte anklicken.
Spesiezimmer
Nach dem Eintritt in den Eingangsflur [1] kann der Besucher einen Blick in die Kapelle [1] werfen, wird aber durch die grössere Öffnung nach links in das Wohn-oder Speisezimmer [3] geleitet. Dort sitzt die Heilige Familie am Tisch, zu ihnen soll sich die Markgräfin gelegentlich gesetzt haben.
Kapelle3
Von hier führt der Weg in die Magdalenenkapelle. Unter der Mensaplatte ist die Nachbildung des Hl. Grabes zu sehen. Der liegende Christus ist eine Ulmer Arbeit um 1500.
Kapelle1
Über dem Altar sitzt (rechts) in einer Säulenädikula die trauernde Muttergottes unter dem Kreuz. Blickt man nach links, folgt nach einem Zwischenfeld mit Marterwerkzeugen eine weitere Ädikula. In ihr ist die Erscheinung Christi vor Maria Magdalena zu sehen.
Innen3
In der gegenüberliegenden Ädikulanische [b] ist die Fusswaschung Christi durch Maria Magdalena in einer plastischen Gruppierung dargestellt
Bild1   Bild2

Von fünf Räumen ausserhalb der Kapelle kann jeweils in Brüstungshöhe in die Kapelle geblickt werden. Darüber sind zeitgenössische Gemälde mit Stationen des Kreuzweges zu sehen.