Die Meister              
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Joseph II Wagner (1707–1763) Haid-Wessobrunn     Stuckateur 1751   1751


Ehemaliges adeliges Damenstift und Stiftskirche Unserer Lieben Frau in Lindau

Geschichte

Keimzelle der Stadt
Auf der bis zu diesem Zeitpunkt nur von Fischern besiedelten Inselgruppe Lintoua[1] am nordöstlichen Ufer des Bodensees, nahe von Bregenz, wird Ende des 8. Jahrhunderts eine Peterskirche gebaut. Sie scheint das erste Sakralbauwerk auf der Insel zu sein.[2] Als Pfarrkirche der Fischersiedlung am Westende der Hauptinsel ist sie wahrscheinlich auch kirchlicher Mittelpunkt der Siedlungen des gegenüberliegenden Bodensee-Nordufers.
Die Gründung des freiweltlichen Kanonissenstifts auf der Insel erfolgt zur gleichen Zeit oder nur wenig später. Die Überlieferung bezeichnet zwar den Grafen Adalbert von Churrätien aus der Familie der Burcharde als Stifter. Dies könnte aber auch sein Vater, der Markgraf von Istrien und Churrätien sein, der 814 das Frauenstift Schänis gründet.[3] Auch eine frühere Gründung schon um 800 durch den Gegner der Burcharde, den Grafen Ruodpert im Argengau, scheint möglich.[4] Die erste Nennung der Neugründung erfolgt 839. Das neue Kloster wird am östlichen Ende der Insel gebaut. Die Stiftskirche erhält das Marien-Patrozinium. Eine Äbtissin ist Leiterin und Grundherrin der Gemeinschaft von adeligen Kanonissen.

Stadt und Stift im Mittelalter
Um 1080 fördert eine Äbtissin die Verlegung des Marktes von Aeschach, der alten Siedlung am gegenüberliegenden Festland, auf die Insel. Der Landzugang erfolgt über eine Holzbrücke an der Nordostspitze. Diese einzig in Frage kommende Stelle führt durch den Stiftsbezirk. Gleichzeitig lässt die Äbtissin die alte Stiftskirche als dreischiffige romanische Basilika neu bauen. Direkt daneben wird die Pfarrkirche St. Stephan gebaut. Bereits bestehend ist das Heilig-Geist-Spital des Stiftes im nördlichen Stiftsbezirk, das mit der Stadtgründung eine schnelle Blüte erreicht. Der auf die Insel verlegte und zunächst noch rein stiftische Markt dehnt sich schnell nach Westen in Richtung der Peterskirche aus. Anfang des 13. Jahrhunderts wird Lindau als Stadt bezeichnet. Die Hauptinsel ist jetzt mit Stadtmauern versehen und erreicht im Wesentlichen die heutige Grösse.[5] 1241 zählt Lindau bereits zu den reichsten Städten Oberschwabens. Sie hat jetzt innerhalb der Mauern 400 Haushalte. In diesem Jahr übergibt die Äbtissin den schon mehrere Jahre in Lindau anwesenden Franziskanern ein Grundstück, das südlich der Abtei am See liegt. Die Barfüsser, wie die Franziskaner genannt werden, bauen hier das zweite grosse Lindauer Kloster. Der östliche Inselteil wird damit von Spital, Stadtkirche, Damenstift und Barfüsserkloster dominiert. Lindau nennt sich jetzt Reichsstadt. Zwar noch immer dem Stift verpflichtet, erhält sie die königlichen Privilegien durch Rudolf von Habsburg 1275. Nach 1345 lösen die Zünfte die bisher dominierenden Patrizier im Rat ab. Jetzt versucht das selbstbewusste und blühende Gemeinwesen auch, sich von den stadtherrlichen Fesseln des Stifts zu lösen. Dem inzwischen vermögenden Heilig-Geist-Spital ist dies schon 1307 gelungen.[6]
Für das Frauenstift bedeutet dieses Aufblühen von Spital und Stadt den Beginn des Niedergangs und ein über Jahrhunderte dauernden Kampf um alte Rechte. So kann die Stadt 1430 die bisher vom König immer an Adelige der Region verliehene Reichsvogtei erwerben. Die Bürgerstadt löst sich mit diesem Erwerb der Niedergerichtsbarkeit von einer weiteren Fessel, nicht zur Freude der Stiftsdamen, die auch in der Stadt grossen Besitz haben und denen die adeligen Vögte näherstehen. Zudem vergreift sich die Stadt auch an den vier landschaftlichen Kehlhöfen (Kellnhöfen) des Stifts, in der Meinung, die übertragene Schutzgerechtigkeit bedeute neues Eigentum. Die Prozesse wegen dieser Kehlhöfe belasten das Verhältnis zur Stadt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Im Gegensatz zur Stadt bleibt das Kaiserhaus dem Stift immer wohlgewogen. 1466 verleiht es ihm die Reichsunmittelbarkeit, die Vorsteherin kann sich jetzt Fürstäbtissin nennen. Im Reichstag hat sie aber keine Stimme, weil das abgerundete Herrschaftsgebiet fehlt. Hingegen kann sie im Schwäbischen Kreistag stimmen. Schirmherr des Stifts bleibt zudem der jeweilige Erzherzog von Österreich.

Die Reformation
Eine völlige Trennung bringt die Reformation. Wie Kempten und St. Gallen schliesst sich auch Lindau Stadt der Reformation Zwinglis an, während das Stift beim alten Glauben bleibt. Von der Kanzel der Barfüsserkirche wird seit 1523 die neue Lehre verkündet. Das Barfüsserkloster, noch immer Grundbesitz des Stifts, wird von der Stadt enteignet, die Kirche später profaniert. Es scheint aber, dass die Reformation Zwinglis in Lindau ohne grössere Zwangsmassnahmen durchgeführt wird. Die Stadtpfarrkirche St. Stephan erlebt allerdings den üblichen Bildersturm, nur die Orgel (bei Zwingli ist Musik in der Kirche nicht erlaubt) kann gerettet werden. 1532 wendet sich die Stadt, zusammen mit Konstanz, Strassburg und Memmingen, der liberaleren Reformation Luthers zu. Dank kluger und angesehener Fürstäbtissinnen während der Reformation bleibt das Damenstift unbehelligt und kann beim alten Glauben bleiben.[7] Auch vom Wüten des Bauernhaufens in den nahen Herrschaften bleibt der Stiftsbesitz 1525 verschont, dies allerdings dank der neutralen Haltung der Stadt. Klugheit beweist sie auch 1547 mit ihrem frühzeitigen Austritt aus dem Schmalkaldischen Bund und der Treueerklärung an den Kaiser. Die Stadt Konstanz versäumt dies, verliert 1548 ihren Reichsstadt-Status und wird zur Rückkehr zum Katholizismus gezwungen. Dem Diktat des Kaisers, die bürgerliche Zunftregierung durch Patrizier zu ersetzen, kann sich Lindau aber nicht entziehen.

Der Dreissigjährige Krieg und das Damenstift
Für das 17. Jahrhundert fehlen neuere Forschungen zum Damenstift Lindau. Grund könnte der immense Aktenverlust nach 1803,[8] eher aber die Belanglosigkeit der Stiftsdamen für Lindau sein. Denn anders als die Orden der Englischen Fräulein oder der Ursulinen in katholischen Städten sind die adeligen Damen für Schul- oder Pflegedienste völlig ungeeignet.[9] Die Schulen in Lindau und auch die Bibliothek werden seit der Reformation von der Stadt betrieben, das Spital ist schon im Mittelalter vom Stift unabhängig. Das Lindauer Adelsstift bleibt deshalb in der Neuzeit immer ein Fremdkörper in der reformierten Bürgerstadt. Die Chroniken melden nur Neueinsetzungen und Todesfälle von Äbtissinnen. Eine Ausnahme bildet die 1663 erfolgte Exkommunikation der Fürstäbtissin durch den Konstanzer Bischof, weil sie sich einer bischöflichen Visitation des Damenstifts verweigert.[10] Man könnte die Stiftsgeschichte dieses Jahrhundert übergehen, wären da nicht die Ereignisse des Krieges, in die das Stift mit Sicherheit hineingezogen wird.

Wenige Notizen aus der Zeit des Dreissigjährigen Krieges nehmen Bezug zum Damenstift. So wird schon 1725 eine Ablösungssumme von 3000 Gulden erwähnt, welche die Äbtissin zur Verschonung von Einquartierungen zahlt. Weitere Zahlungen, vor allem Beteiligungen an den riesigen Kontributionen Lindaus während 30 Jahren an die kriegsführenden Parteien, sind sicher. Trotzdem wird das Stift nicht von Einquartierungen verschont, wie 1634 die erneute Bitte an den kaiserlichen Stadtkommandanten zeigt. Die Äbtissin toleriert die im Stift logierenden Jesuiten nicht mehr und der Stadtkommandant Oberst Augustin von Vitzthum-Eckstedt requiriert für sie in der ohnehin überfüllten Stadt trotz Protesten der Bürgerschaft ein Haus. Dies wirft ein Licht auf die zuvorkommende Behandlung der adeligen Damen. Es scheinen sich zudem nur noch wenige Damen in Lindau aufzuhalten, denn schon 1625 wird in Lindau über eine demonstrative Prozession gestaunt. Voran die Fürstäbtissin mit vier Stiftsdamen und drei Priestern, zieht die Prozession nach Tettnang, wo ihnen auf halbem Weg der Graf von Montfort «mit seiner Clerisey und Volk» entgegenzieht. Diese gegenreformatorische Stimmung ändert erst mit dem Eintritt der Schweden in den Krieg. Während der Belagerung von Lindau 1647 zeigt sich der Krieg auch direkt. Mehrfach werden die Stiftsgebäude durch Granateneinschläge getroffen.[11]

Das 18. Jahrhundert
Im 1701 durch den bayerischen Kurfürsten ausgelösten Krieg gegen die alliierten Verbündeten des Reichs ändern sich die Fronten. Lindau schützt sich jetzt mit Hilfe von Truppen der protestantischen Zürcher und Berner gegen die Bayern und Franzosen.[12] Nach dem Sieg der Alliierten 1704 in Höchstädt ist der Spuk für Lindau vorbei und die Truppen müssen abziehen.
Vom Damenstift ist erst 1728 wieder die Rede. Nachdem schon 1720 die ganze Häuserzeile der Fischergasse hinter dem Stift mitsamt dem Zeughaus einem Brand zum Opfer gefallen ist, wütet am 16. September 1728 ein weiterer Stadtbrand, der beim Pfeiffergässele ausbricht und nebst 46 Bürgerhäusern auch die Gebäude des Damenstifts und die Stiftskirche erfasst. In der «Kalkhütte» östlich der ehemaligen Barfüsserkirche sammelt sich der Wein aus den zersprungenen Fässern des Stiftskellers und bildet einen kleinen Weiher, der dann auch zum Löschen benutzt wird. Zur Zeit der Brandkatastrophe ist die schon 74-jährige Maria Franzisca Hundbiss von Waltrams Fürstäbtissin.[13]  Sie nimmt sofort die Planung der Neubauten zur Hand und lädt vier bekannte Baumeister ein, die alle bis 1729 ein Projekt abgeben.[14] Die Äbtissin stirbt 1730. Ihre Nachfolgerin ist die 19-jährige Maria Anna Margaretha von Gemmingen,[15] die 1732 mit Baumeister Christian Wiedemann den Neubau der von ihm geplanten Anlage beginnt. Gebaut wird bis 1734 nur der südöstliche Eckbereich der drei Konventflügel. Die prekäre Finanzlage erlaubt keine Baufortsetzung. Die weiteren Flügel werden nie gebaut und die Stiftskirche bleibt bis 1747 Ruine. 1743 will eine vermögende Mannheimer Witwe, die Gräfin Therese Wilhelmine von Polheim-Winkelhausen, ihr Vermögen in den Kirchenneubau investieren.[16] Die regierende Fürstäbtissin zieht sich (freiwillig?) ins Franziskanerinnen-Kloster Möggingen auf dem Konstanzer Bodanrück zurück. An Ihrer Stelle wird die vermögende Gräfin als Fürstäbtissin gewählt. Der erstaunliche Vorgang zeigt deutlich die prekäre Finanzlage des Damenstifts und der ritterschaftlichen Familien der Stiftsdamen im 18. Jahrhundert. Aus eigener Kraft ist nichts mehr möglich. Die neue Regentin lässt sich 1747 durch den fürstbischöflichen Hofmarschall von und zu Ratzenried[17] ein Projekt des Baumeisters Johann Caspar Bagnato[18] für den Kirchenneubau vorlegen. Sie dürfte Bagnato auf Empfehlung der Fürstäbtissin von Buchau, Gräfin von Königsegg-Rothenfels, gewählt haben. 1747 kommt es zur Akkordvereinbarung, 1748 folgt der Rohbau. An den Kosten beteiligt sich auch das Hochstift Konstanz. 1752 kann die Kirche vom Konstanzer Fürstbischof eingeweiht werden. Die Fürstäbtissin, der die Verwirklichung des Neubaus zu verdanken ist, stirbt 1757. Nun kommt ihre Vorgängerin wieder nach Lindau, Maria Anna Margaretha von Gemmingen wird erneut als Fürstäbtissin eingesetzt. Ihre Nachfolgerin Maria Josepha Agatha von Ulm-Langenrain[19] lässt 1771–1775 noch die Turmobergeschosse durch den Allgäuer Baumeister Johann Georg Specht[20] neu bauen. Es ist die letzte positive Nachricht aus dem Damenstift Lindau. Dass die freiadeligen Damenstifte Süddeutschlands vor allem der standesgemässen Versorgung der Töchter des Adels dienen, wird von Historikern gerne bestritten, die zweitletzte Fürstäbtissin in Lindau passt aber bestens in dieses Bild. Friederike Caroline Josephine, die 1782 gewählt wird, ist die zehnjährige Tochter des Kurfürsten Karl Theodor von Kurpfalz-Bayern[21] aus seiner ausserehelichen Verbindung mit einer Schauspielerin, die er später in den erblichen Grafenstand erhebt und ihr und ihren vier Kindern 1772 die Herrschaft Bretzenheim überträgt. Die neue Fürstäbtissin kann sich deshalb Gräfin Friederike Caroline Josephine von Bretzenheim nennen.[22] Ihre Einsetzung durch den Kurfürsten, der als liberaler Herrscher in Kurbayern bereits die Vermögenssäkularisation aller Klöster vorbereitet, ist mit einem Geldsegen für das Damenstift verbunden. 1796 heiratet die Fürstäbtissin und zieht wieder in die Pfalz. In Lindau wird nochmals eine Fürstäbtissin gewählt. Sie stammt wieder aus der Konstanzer Familie Ulm-Langenrain.[23] Über das Wirken dieser letzten Äbtissin, die während der Revolutionswirren bis 1800 regiert, ist wenig bekannt.

Mediatisierung und Säkularisation
Artikel 22 des Reichsdeputationshauptschlusses von 1803 gibt dem Fürsten von Bretzenheim die Reichsstadt und das gefürstete Damenstift zu Eigentum, mit der üblichen verlogenen Entschädigungsbegründung als Ersatz von Bretzenheim und Winzenheim.[24] Der Bruder der vorletzten Äbtissin wird damit für eine winzige, vom Vater geschenkte Herrschaft im heutigen Rheinland-Pfalz mit einer blühenden Reichsstadt entschädigt. Bretzenheim hält sich nie in Lindau auf und überlässt die Stadt 1804 Österreich. Bayern, das sich wie Württemberg und Baden inzwischen mit Napoleon verbündet hat, besetzt Lindau aber schon 1805 und sichert sich die Stadt nach dem Sieg bei Austerlitz 1806 endgültig. Weil der Zugang zum «Schwäbischen Meer» über die 1810 von Württemberg beanspruchten Territorien der Reichstädte Isny und Wangen sowie der Herrschaft Waldburg nicht möglich ist, muss sich das neue Königreich Bayern im grossen Länderschacher von 1814 auch das schon 1806 besetzte vorarlbergische Landgericht Weiler sichern.[25]
Das Damenstift wird 1803, wie aller geistlicher Besitz in Deutschland säkularisiert. Für die nur noch fünf Stiftsdamen, denen seit 1800 keine Äbtissin mehr vorsteht, ändert sich ausser dem Wechsel des Aufenthaltes in familiäre Besitzungen wenig. Sie werden mit einer Pension von 800 Gulden entschädigt und können damit ihren bisherigen Lebensstil fortführen.[26] Dies gilt sicher nicht für die Stiftsgeistlichen sowie die Leiter und Angestellten der Ökonomie. Von ihnen ist allerdings mit Ausnahme des Vikars, der in der ehemaligen Stiftskirche als Pfarrer der kleinen katholischen Gemeinde amtet, nichts überliefert. Die Stiftskirche ist seit 1814 Pfarrkirche der Katholiken. Nach 1000 Jahren Zugehörigkeit zum Bistum Konstanz liegt sie jetzt im Bistum Augsburg. Sie wird in neuester Zeit auch als Münster bezeichnet.[27] In die ehemaligen Stiftsgebäude kommen 1806 das königlich bayerische Landgericht und das königlich bayerische Rentamt.

Baugeschichte

Die Bauten des Damenstifts vor dem Brand von 1728

Die Stadtveduten
Viele Stadtveduten des 16. und 17. Jahrhunderts, meist Vogelschauansichten aus Norden, zeigen die befestigte Inselstadt Lindau. Sie sind von unterschiedlicher Aussagekraft. Es scheint, als ob sie alle auf dem Holzschnitt von Sebastian Münster basieren, den dieser 1550 veröffentlicht. Er zeigt mit einer Legende die «S. Stephans Pfarrkirch [E], davor das «Spittal» [F] dann den Turm [C] von «Unser Frawen Closter», links dahinter das «Barfüsser Closter» [H] mit Dachreiter und, als Haupttor am Ende der Steinbrücke, das «Bürgthor». Zu diesem bemerkt er «Das Bürgthor ist anno 1546 abgetragen». Die beiden Hauptkirchen sind mit ihren Spitzhelmen im Zustand von 1550 dargestellt, der Liebfrauenturm hat ein Zifferblatt. Die späteren Stiche des 17. Jahrhunderts lassen diese Genauigkeit vermissen. Die 1640 erschienene Vogelschau von Braun und Hogenberg setzt den Münster-Holzschnitt lediglich in Kupfer um, der bekannte Merian-Stich von 1643 zeigt zwar den Stadtgrundriss, erfindet aber eine Bogenbrücke und verwechselt die Lage des Barfüsserklosters mit dem Damenstift. Obwohl die Stadtkirche mit dem Brand von 1608 den Spitzturm verloren hat, ist dieser auf dem Merian-Stich noch gezeichnet. Erst die kurz vor den Stadtbränden Anfang des 18. Jahrhunderts erschienene Ansicht des Augsburger Stechers Joseph Friedrich Leopold ist wieder eine instruktive Ansicht, diesmal von der Landseite, mit der Holzbrücke und den Bastionen des Dreissigjährigen Krieges. Die Legenden sind korrekt und der lateinisch-deutsche Begleittext beidseits des Lindauer Stadtwappens ist lesenswert.[28]

Die Stiftsbauten vor 1728
Ein Stich des damals noch in Augsburg lebenden Kupferstechers Johann Georg Wolfgang zeigt die Gebäude des Damenstifts zur Zeit der Fürstäbtissin Maria Magdalena von Hallwyl[29] in einer Vogelschau aus Westen. Wolfgang stellt die Gebäude völlig isoliert von der städtischen Umgebung dar, als wenn das Damenstift auf dem Land liegen würde. Die romanische Kirche [1] mit Querhaus, Kirchturm [2] und Sakristei [3] ist in Grösse und Lage mit der der heutigen Kirche identisch. Auch die Stiftsmauer entspricht dem heutigen Verlauf der ehemaligen Kirchgasse (heute Linggstrasse) und der Fischergasse. Im Ortsblatt 1823 sind Mauer und Garten [18] noch intakt erhalten. Das isoliert östlich der Kirche liegende Gebäude ist das Stiftspfarrhaus [13] von 1514, noch heute derart ummauert als Pfarrhaus Fischergasse 12 erhalten. Die alten Konventflügel [8, 9, 11] sind um einen Kreuzgang [4] angeordnet, der Ost- und Südflügel wahrscheinlich an der Lage der ab 1730 erstellten Neubauten, dem heutigen Landratsamt. Im Westflügel sind die «Pfalz» [8], der Gerichtsort der Fürstäbtissin, und auch die Kanzlei [9] untergebracht. Der Ostflügel [11] wird interessanterweise als «Bestallung» bezeichnet, was sich aber nicht auf den Marstall beziehen kann, denn das «Gestüt» [17] liegt ausserhalb der Mauern. Im Vordergrund, in der Lage westlich anschliessend an das heutige Landratsamt, ist eine Gebäudegruppe zu sehen, die als «vorderer Stiftsbau» [5] und «neuer Bau» [6] beschrieben ist und einen zwiebelbekrönten oktogonalen Turm aufweist, der mit «Lusthaus» [7] beschriftet ist. Offenbar ist diese 1728 auch abgebrannte Gebäudegruppe, die den Stiftsplatz im Süden abschliesst, die damalige neue Abtei. Noch 1823 sind an dieser Stelle Gebäude des Stifts erhalten. An der Nordseite begrenzt das Haus des Oberamtsmanns [10], wie der Stiftsverwalter genannt wird, den Stiftsplatz. Das mit Treppengiebeln abgeschlossene Haus schliesst an die Kirche an. Offenbar steht es noch 1732, denn als die Stadt an seine Nordfassade die Hauptwache baut, protestiert die Fürstäbtissin.
  LindauDamenstift1691
Ein Stich des damals noch in Augsburg lebenden Kupferstechers Johann Georg Wolfgang zeigt die Gebäude des Damenstifts im Zustand vor 1728 in einer Vogelschau aus Westen. Wolfgang stellt die Gebäude völlig isoliert von der städtischen Umgebung dar, als wenn das Damenstift auf dem Land liegen würde. Legende und Erläuterung des Stiftswappens siehe im nebenstehenden Text
Bildquelle: Bayerische Staatsbibliothek. "

Die Stiftswappen
Johann Georg Wolfgang fügt in den obigen Stich auch Wappen ein. Puttis halten rechts zwei Wappen des Stiftes, oben dasjenige mit einem roten doppelschwänzigen Löwen in Gold (manchmal auch in Schwarz) und unten mit einer aufrechten silbernen Hand in Rot. Es sind zwei der drei Stiftswappen. Das dritte, die Muttergottes mit Kind, ist im Stich nicht enthalten. Links unten hält ein Putto das Wappen Hallwyl, das persönliche Wappen der Äbtissin. Es zeigt in Gold einen offenen schwarzen Flug. Die drei Stiftswappen finden sich auch in den Rokoko-Wappenkartuschen über dem ehemaligen Vierungs- und späteren Chorbogen. Die Muttergottes mit Kind ist die Stiftspatronin, die Hand bedeutet die Gerichtshoheit und der Löwe ist das (erfundene) Wappen des Stifters.

Die Projekte für den Neubau des Damenstifts
Von den vier 1729 eingereichten Bauprojekten bestechen die Pläne von Johann Michael Beer von Bleichten durch grosse Innovationskraft und städtebauliches Einfühlungsvermögen. Er dreht die Kirchenachse unter Belassung des Turms in die Nord-Süd-Richtung und verbindet die Kirche T-förmig mit dem Stiftsbau, den er weiter südlich in den Stiftsgarten setzt. Symmetrisch ordnet er beidseits der Achse freie Bauten in Pavillonbauweise an, so wie er es vom zeitgenössischen Residenzbau kennt. Seine Kirche ist ein fortschrittlicher Zentralbau. Gegenüber der Stephanskirche wäre damit eine eindrucksvolle Anlage mit einer hochfürstlichen Hofkirche im Zentrum entstanden. Beer missachtet aber die vermutliche Vorgabe, möglichst viele der alten Mauern, vor allem die noch stehenden Querhaus- und Chormauern wieder zu verwenden. Er ist sich wahrscheinlich der desolaten Finanzlage des Damenstifts nicht bewusst.
Das dann von der Äbtissin gewählte Projekt des Oberelchinger Baumeisters Christian Wiedemann ist ein guter Kompromiss der offensichtlichen Anforderungen im Wettbewerbsprogramm. Wiedemann belässt Turm und Chor der Kirche. Er formt das Langhaus zu einem Saalraum mit ausgerundeten Schmalseiten um. Die Stiftsgebäude bilden mit der Kirche im Nordflügel die übliche Vierflügelanlage eines grösseren Konvents.[30]

Teilausführung der Konventflügel 1732–1736
Die 1730 gewählte Fürstäbtissin Maria Anna Margaretha von Gemmingen lässt 1732 den Neubau nach den Plänen von Christian Wiedemann beginnen. 1733 sind der östliche Teil des Südflügels mit Mittel- und Eckrisalit sowie ein Teil des Ostflügels unter Dach und werden bis 1734 ausgebaut und stuckiert. Bereits jetzt stockt der Weiterbau. Nur der Deckenspiegel des Festsaals, das im zweiten Obergeschoss den Mittelrisalit auf der ganzen Fläche einnimmt und sich über eineinhalb Geschosse erstreckt, kann 1736 freskiert werden. Der Auftrag wird vom Stifter[31] direkt an den Maler Franz Joseph Spiegler[32] erteilt. Das grosse Fresko hat den Triumphzug der christlichen Tugend zum Thema.
Für die Fortsetzung des grossen Bauvorhabens fehlen nach 1734 dem Damenstift die Mittel und weitere Stifter. Die Hälfte der Konventflügel und alle Ökonomiebauten werden nicht mehr gebaut, die Kirche bleibt Ruine.

Neubau der Stiftskirche 1748–1755
Am 23. September 1747 kommt es in Lindau zur Akkordvereinbarung zwischen der Fürstäbtissin Therese Wilhelmine von Polheim-Winkelhausen und dem Baumeister Johann Caspar Bagnato. Vom fürstbischöflichen Hofmarschall von und zu Ratzenried eingefädelt, lautet der Generalakkord für den Neubau der Kirche auf 14 000 Gulden. In der Vereinbarung wird festgehalten, dass Bagnato die alten Fundamente des Langhauses und das noch stehende Mauerwerk im Querhaus- und Chorbereich übernehmen muss. Die Grundsteinlegung ist im April 1748. Noch im gleichen Jahr wird die Kirche im Rohbau erstellt. Ein selten instruktives Ölgemälde stellt den Baubetrieb im Frühjahr 1748 dar.[33] 1749 sind bereits die Stuckateure am Werk. Weil Bagnato das Werk im Generalakkord übernommen hat, überträgt er wie immer der Werkstatt von Francesco Pozzi die Stuckaturarbeiten.[34] Auch der Freskant Joseph Ignaz Appiani[35] aus Porto Ceresio (Como), der 1749 die Deckenfresken erstellt, wird durch Bagnato vermittelt. Er arbeitet später ebenfalls fast ausschliesslich mit dem Ordensbaumeister zusammen.
Die Kanzel von 1751 ist ein Werk des Wessobrunner Stuckateurs Joseph Wagner.[36]
Am 9. Juli 1752 weiht der Konstanzer Fürstbischof die Kirche ein.
Erst nach der Einweihung kann der Stuckmarmor-Hochaltar im Oktober 1752 vom Wessobrunner Stuckateur Johann Georg Gigl aufgestellt werden.[37] An den Figuren arbeitet noch bis 1753 der Bildhauer Dominikus Hermengild Herberger.[38] Das Altarblatt liefert Franz Georg Hermann aus Kempten.[39]
Die Seitenaltäre werden erst 1754 aufgestellt. Auch sie sind Stuckmarmorarbeiten, jetzt allerdings vom einheimischen Stuckateur Andreas Bentele ausgeführt.[40]
Die Altarblätter werden anschliessend geliefert. Franz Ludwig Hermann ist Maler des südlichen Thaddäusaltars.[41] Der nördliche Seitenaltar enthält Spätwerke des Augsburgers Malers Johann Georg Bergmüller.[42] Im Hauptblatt ist die Rosenkranzspende an den hl. Dominikus, im Auszugsbild Johannes der Täufer zu sehen. Obwohl der Altar mit S. Dominikus überschrieben ist, soll er dem hl. Sebastian und der hl. Zita geweiht sein.
Mit der Aufstellung der Orgel ist 1755 der Innenraum vollendet. Sie ist ein Werk des im bayerischen Stiefenhofen tätigen Johann Hauber.[43] Ihre Disposition umfasst vermutlich zwei Manuale und 21 Register. Das Werk wird bereits 1841 das erste Mal ersetzt, der Orgel-Prospekt bleibt aber erhalten.

Gebäudeschicksale im 19. und 20. Jahrhundert

Die ehemalige Stiftskirche
1886/87 erfolgt eine Restaurierung des Innenraums, die aber vor allem die Appiani-Fresken rücksichtslos behandelt und sie zum grossen Teil dem Zeitgeschmack entsprechend übermalt. Im Februar 1922 brennt der Dachstuhl der Kirche. Im Mittelschiff fällt das daran befestigte Spiegelgewölbe in Lattenbauweise mit dem brennenden Dachstuhl ins Innere. Das Hauptfresko von Joseph Ignaz Appiani ist damit endgültig vernichtet. Schwer sind auch Orgel und Kanzel betroffen. Die Wiederherstellung beginnt sofort. Das Hauptfresko wird bis 1925 von Waldemar Kolmsperger aus München in Anlehnung an die Technik Appianis neu gemalt.[44] Diese neue Decke, anstelle der aufwändigen Putzlattenkonstruktion der Barockzeit mit verzinktem Rabitzgewebe als Putzträger erstellt, löst sich 1987 vollflächig und fällt erneut in den Kirchenraum. Wieder wird die Ausstattung in Mitleidenschaft gezogen. Bis 1993 ist die Kirche wiederhergestellt, das Hauptgemälde ist jetzt eine Rekonstruktion des Kolmsperger-Freskos von 1925. Zu dieser letzten Restaurierung dürften auch die neubarocke Gruppe des Zelebrationsaltars mit dem Ambo gehören, die direkt vor dem Hochaltar von 1751 aufgestellt sind und deshalb gehörig irritieren.

Die ehemaligen Stiftsgebäude
Mit der Neunutzung der südlich gelegenen Stiftsgebäude nach 1803 beginnt eine laufende Veränderung der Innenräume, sodass heute die Substanz der Barockzeit vollständig verschwunden ist. Einzige Ausnahme bildet die Rokokodecke des ehemaligen Festsaals im zweiten Obergeschoss. Schon früh erfolgt auch eine Verlängerung des Südflügels um vier Achsen nach Westen.[45] 1975/76 wird der SW-Risalitbau angefügt. Der nun gesamthaft um 28 Meter verlängerte Südflügel entspricht damit im Äussern der Planung Wiedemann von 1729.

Baubeschrieb der ehemaligen Stiftskirche

Umwandlung der romanischen Basilika

Wandpfeiler-Emporensaal im Langhaus
Johann Caspar Bagnato wandelt das dreischiffige Langhaus der 1728 ausgebrannten Stiftskirche zu einem einheitlichen Saalraum, dessen Höhe ungefähr dem alten Mittelschiff entspricht. Er gestaltet den Raum als Wandpfeiler-Emporen-Saal.[46] Wie bei dieser meist für Klosterkirchen angewandten Bauweise sind die Wandpfeiler mit Quertonnen versteift. Eine Kirche dieses Typus, in der näheren Region wenige Jahre vorher erstellt, ist die Kollegiats-Stiftskirche Wolfegg. Sie ist formal eng mit Lindau verwandt. Als Bauwerk des Allgäuer Baumeisters Johann Georg Fischer[47] wird sie in der älteren Literatur sogar Bagnato zugeschrieben. Bei beiden Kirchen ist die Zentrierung des Wandpfeiler-Innenraums mittels Ausrundung der Schmalseiten ein Thema. Zwar wendet Bagnato bei reinen Saalbauten (Mainau, Merdingen, Wegenstetten) diese Ausrundung zum Chor schon vorher an. Neu ist in Lindau die Kombination mit einem Wandpfeiler-Emporenraum, wie vorher auf Wolfegg. In beiden Bauten sind nur die Quertonnen massiv gemauert, die Spiegeldecken sind Lattengewölbe. Die Ausführung der Seitenemporen ist ähnlich, sie kragen in Lindau aber balkonartig vor. Entscheidender Unterschied zur Stiftskirche Wolfegg ist die Tektonik. In Wolfegg dienen die Wandpfeiler als Auflager für den Dachstuhl, das Scheingewölbe ist in den Dachstuhl eingeschnitten. Fischer hätte so auch ein Massivgewölbe erstellen können. In Lindau sind die Wandpfeiler in erster Linie architektonische Gliederung, denn Bagnato legt den Dachstuhl auf die Aussenmauern auf[48] Spiegeldecke und Traufe liegen auf gleicher Höhe. Den Ursprung des Lindauer Wandpfeiler-Emporensaals sieht Gubler in den Projekten von 1729. Aber gerade die zwei ersten Projekte, das ausgewählte von Wiedemann und das verworfene von Beer, sind keine typischen Wandpfeiler-Emporensäle. Wolfegg dürfte deshalb direktes Vorbild sein.

Querhaus und Chor
Bagnato lässt das romanische Querhaus bestehen. Die neuen Decken gestaltet er als Flachkuppelfolge. Den alten Chor trennt er nischenförmig ab und setzt den Hochaltar in die Vierung.

Aussenfassaden
Grossen Wert legt Bagnato auf die Gestaltung der Fassaden. Die den städtischen Plätzen zugewandten Fassaden verkleidet er mit Sandsteinplatten. An der nordseitigen Fassade ist das Eingangsportal zusätzlich risalitartig hervorgehoben und als Pendant zum Quergiebel mit einem Dreieckgiebel abgeschlossen. An der Südfassade gegen den nie verwirklichten Innenhof, dem heutigen Autoabstellplatz, sind die Fensterachsen mit kräftigen Abschlussverdachungen und Sandsteinverkleidung vertikal betont.

Turm
Der im Kern romanische Turm ist verputzt. Auch das mit einem abgetreppten, haubenartigen Spitzhelm bekrönte Obergeschoss von 1775 ist verputzt.

Fresken
Die Fresken von Joseph Ignaz Appiani haben durch die beiden Brände, durch unsachgemässe Restaurierungen des 19. Jahrhunderts derart gelitten, dass heute selbst von den Fresken in den nicht erneuerten Deckenteilen kaum noch Originalsubstanz vorhanden ist. Mit den Übermalungen ist die lichte Rokoko-Farbigkeit verschwunden. Nur die ikonographische Thematik ist erhalten, bei einigen Bildern auch der Bildaufbau von 1749.

Deckenfresken: Ikonographie und Überarbeitungen
Ort Lage Thema Künstler Überarbeitet
Langhaus Quertonnen Nord Mariensymbole, flankiert von je zwei allegorischen Figuren Appiani 1749 1887 /1925
Mittelbild Flachdecke Maria Himmelfahrt Kolmsperger 1922 1991/93
Quertonnen Süd Mariensymbole, flankiert von je zwei allegorischen Figuren Appiani 1749, neu gemalt durch Kolmsperger 1925
Chorbogen Zwickelbild Nord Anbetung der Hirten Appiani, 1887 übermalt 1925, 1987/93
Mitte Zwei Wappenschilder der Fürstäbtissin, darüber Stiftswappen Appiani 1749 1925, 1987/93
Zwickelbild Süd Darbringung Jesu im Tempel Appiani, 1887 übermalt 1925, 1987/93
Querhaus Nord Mittelbild Musizierende Engel Appiani, 1887 übermalt 1925, 1987/93
Zwickelbilder Putti Appiani, 1887 übermalt 1925, 1987/93
Vierung (Altarraum) Mittelbild Marienkrönung Appiani, 1887 übermalt 1925, 1987/93
Zwickelbilder Die vier Evangelisten Appiani, 1887 übermalt 1925, 1987/93
Querhaus Süd Mittelbild Anbetung des Lamms durch die
24 Ältesten
Appiani, 1887 übermalt, Bildaufbau verändert 1925, 1987/93
Zwickelbilder Die vier Erdteile Appiani, 1887 übermalt 1925, 1987/93

Stuckaturen
Die Stuckaturen der Pozzi-Werkstatt sind zum grossen Teil Rekonstruktionen des Stuckateurs Xaver Reitmayer aus Augsburg, die er im Langhaus nach freiem Empfinden ergänzt. Teilweise original sind sie am heutigen Chorbogen, in den Quertonnen und an den Seitenemporen. Die Vierung (der heutige Altarraum) und das Querhaus dürften wegen der Verschonung von Deckeneinstürzen nur originale Stuckaturen haben. Es sind hier im Wesentlichen sehr zurückhaltende Régence-Stuckaturen, die nur in den Rahmungen der Kuppelbilder mit Rokoko-Kartuschen ergänzt sind. Das Rokoko-Muschelwerk am 1923/25 rekonstruierten Langhausgewölbe weicht davon ab.

Altäre, Kanzel
Der Hochaltar ist das eigentliche Prunkstück der Kirche. Sein rötliches Stuckmarmor-Retabel füllt in konkaver Schwingung den ehemals romanischen Choreinzug. Zwischen zwei vorderen Freisäulen steht die Altarmensa mit einem hohen Stuckmarmor-Tabernakel, dessen Ädikula-Portal von zwei anbetenden Engeln flankiert ist. Die freigestellte Mensa mit dem Tabernakel verdeckt den Zugang in der Retabelwand zum dahinter liegenden ehemaligen Chorraum, der zur Barockzeit als Sakristei dient.[49] Der Hochaltar ist auch deshalb ein Prunkstück, weil an ihm drei grosse Künstler des Rokokos zusammenwirken. Altarbauer ist der Wessobrunner Johann Georg Gigl, die Bildhauerarbeiten sind von Dominikus Hermengild Herberger und die Altarblätter von Franz Georg Hermann.
Die beiden Seitenaltäre stehen in den Ausrundungen der Langhaus-Wandpfeiler zum jetzt in der Vierung liegenden Altarraum. Bagnato kann mit diesen Ausrundungen auch die romanischen Vierungspfeiler abdecken und die Aufgänge in die Seitenemporen lösen. Der etwas wilde Stuckmarmor der Seitenaltäre ist jetzt gelblich-rotviolett gefärbt. Die Retabel werden durch beidseitige Doppelpilaster mit kräftigem Gebälk begrenzt, das Gesims über dem Altarblatt ist als schmale gerundete Spange ausgebildet.
Die Kanzel wird gleichzeitig mit dem Hochaltar von einem weiteren Wessobrunner erstellt. Der geschwungene Korpus ist aus rötlichem und blaugrauem Stuckmarmor. Der schon mehrfach wieder hergestellte Schalldeckel wird von Gesetzestafeln und dem Auge Gottes im Strahlenkranz bekrönt.

Orgel
Die mehrfach neu gebaute Orgel hat trotz zweier Brandkatastrophen noch immer den Orgelprospekt von 1755. Er nimmt die ganze Breite der Westwand ein. In der Eleganz seiner elf an- und abschwellenden Felder und dem Rokoko-Schnitzwerk des sonst völlig unbekannten Bildhauers Franz Ritter aus Dornbirn, kann er sich mit den besten süddeutschen Prospekten messen.

Pius Bieri 2019

Literatur
Boulan, Friedrich: Lindau, vor Altem und Jetzt. Lindau 1872.
Horn, Adam und Meyer, Werner: Die Kunstdenkmäler von Bayern, Schwaben IV, Stadt und Landkreis Lindau (Bodensee). München 1954.
Ott, Manfred: Historischer Atlas von Bayern, Teil Schwaben, Heft 5. München 1968.
Schahl, Adolf: Dominikus Hermengild Herberger 1694–1760. Weissenhorn 1980.
Gubler, Hans Martin: Johann Caspar Bagnato. Sigmaringen 1985.
Dobras, Werner und Weis, Markus: Münster Unserer Lieben Frau Lindau (Bodensee). Lindenberg 2004.
Stevens, Ursula: Francesco Pozzi. Mendrisio 2007.
Mayr, Otto: Die schwedische Belagerung der Reichsstadt Lindau 1647. Lindau 2016.

Web
Kanonissenstift Lindau, Beitrag in Wikipedia
Maria Anna Margaretha von Gemmingen, Beitrag in Wikipedia
Therese Wilhelmine von Pollheim-Winkelhausen, Beitrag in Wikipedia


Anmerkungen:

[1] Lindau, damals Lintoua (linde Au). Die Wortbildung kann vom Adjektiv lindi (gelind, weich, zart) abgeleitet werden. Schon früh wird aber die Ableitung vom Substantiv Linta, linda (Linde) bevorzugt, die Linde taucht auch schnell im Stadtwappen auf. Die «linde» Inselgruppe ist noch im 8. Jahrhundert nur im Westen der Hauptinsel von Fischern bewohnt und ursprünglich sumpfiges, für Ackerbau nicht geeignetes Gelände.

[2] Die Peterskirche ist seit der Reformation profaniert. Zu ihr siehe: de.wikipedia. Sie wird sicher nicht für die kleine Fischersiedlung gebaut. Sie dürfte, ähnlich der Kirchen auf der Insel Ufenau im Zürichsee, in karolingischer Zeit auch kirchliches Zentrum der nördlichen Siedlungen auf dem Festland sein.

[3] Hunfrid ist von Karl dem Grossen 799 als Markgraf in Istrien und 807 auch in Churrätien eingesetzt. Er stirbt 823. Sein Sohn Adelbert I. besiegt im Kampf um die Vorherrschaft in Rätien in der Schlacht von Zizers bei Chur um 823 seinen Gegner, den Argengauer Grafen Ruodpert. Den getöteten Gegner lässt er nach der Überlieferung in der Neugründung Lindau begraben. Adalbert I. stirbt 846.

[4] Diese These von Arno Borst der Gründung durch die Grafen des karolingischen Argengaus (in: «Mönche am Bodensee», Sigmaringen 1997) ist einleuchtender als die Gründung durch churrätische Grafen, denn die Insel Lindau liegt damals im Argengau. Vor allem aber spricht für diese These die Beerdigung des Grafen Ruodpert im Damenstift Lindau, die ja nur in einem bereits gebauten Kloster stattfinden kann.

[5] Die Grösse der mittelalterlichen Stadt mit 1680 Aren Grundfläche verändert sich erst im 19. Jahrhundert durch Aufschüttungen im Norden und durch die Besiedlung der Nachbarinsel, auf der sich heute Bahnhof und Parkplätze befinden.

[6] Das Heiliggeistspital kommt als einzige städtische Herberge des Mittelalters schnell zu grossen Einnahmen, weil Lindau jetzt Umschlagplatz für die aus Schwaben und Franken anreisenden Kaufleute wird, die ab hier den See als Transportweg nutzen. Der Grundbesitz und die Patronatsrechte des Spitals entlang der alten Reichsstrasse nach Wangen sind denen des Stiftes ebenbürtig.

[7] Fürstäbtissin 1491–1531 ist Amalia von Reischach (1447–1531). Mehrfach ist zur Zeit ihrer Regierung Kaiser Maximilian zu Gast im Damenstift. 1531–1578 ist Katharina von Bodman (1513–1578) Fürstäbtissin. Sie wird 18-jährig gewählt und vertritt die Interessen des Damenstifts während der langen Dauer der Umwälzungen. Die Stiftsdame Katharina von Ramschwag tritt 1534 als einzige zum neuen Glauben über und heiratet den Prediger von St. Stephan.

[8] Zwar sind im Staatsarchiv Augsburg noch 2160 Urkunden des Damenstifts vorhanden, wesentliche Quellen wie Rechnungsbücher, interne Chroniken, Statuten oder Tagebücher werden schon bald nach dem Wechsel von Lindau zu Bayern dem Papierhändler zum Einstampfen übergeben.

[9] Die standesgemässe Erziehung vor dem Eintritt ist Privatunterricht. Für die Aufnahme im Stift ist keine weitere Bildung nötig. Der Nachweis der direkten Abstammung von mindestens acht adligen Vorfahren aus der Reichsritterschaft (nicht aber aus dem landsässigen Adel) und eine gute Stimme für den Chorgesang genügen. Interne Weiterbildung im Stift ist unbekannt. Ob eine gemeinsame Bibliothek überhaupt bestandenen hat, ist fraglich, wird aber wegen einer 1803 aufgetauchten St. Galler Inkunabel behauptet. Bücher in Damenstiften sind nur als Privatbesitz der jeweiligen Damen bekannt.

[10] Die Visitationsrechte für die freiweltllchen adeligen Damenstifte im Bistum Konstanz (Buchau, Lindau, Säckingen, Schänis) liegen beim Fürstbischof. Die Mitteilung über die Exkommunikation der Fürstäbtissin Anna Christina Hundbiss von Waltrams erfolgt in einem warnenden Schreiben des Konstanzer Ordinariats an die Fürstäbtissin von Buchau, die 1686 ebenfalls eine Visitation verweigert. Quelle: Erzbischöfliches Archiv Freiburg, Protokolle des Geistlichen Rats, Band 213, 51 f.

[11] Tagebuchnotiz vom 25. Januar 1647: «Nachmittag hat der Feind wider 4 Granaten herein geworffen, deren erste ist in das Stifft, wie man auff den Platz gehet, gefallen und zimlich grossen Schaden gethan an Zimmern».
Tagebuchnotiz vom 27. Januar 1647: «die eine ist ins Stifft und die ander in Johannis Rewlings Hauß am Marckt gefallen und mächtig umb sich geschlagen, aber kein Mensch beschädiget» (Notizen des Ratsherrn Heider, das Datum hier nach dem Gregorianischen Kalender, der in der Stadt erst 1700 eingeführt wird).

[12] 1703 umfasst die Berner Kompagnie 216 Mann, die Zürcher Kompagnie 180 Mann. Kommandant der Garnison ist der Zürcher Hans Konrad Werdmüller (1660–1706).

[13] Maria Franzisca Hundbiss von Waltrams (1654–1730) aus einem Reichsrittergeschlecht mit Stammhaus in Ravensburg. Zur Linie siehe Kindler von Knobloch, Band II.

[14] Es sind Christian Wiedemann (1678–1739) in Oberelchingen, Simpert Kramer (1679–1753) in Edelstetten, Franz Anton Beer (1688–1749) in Bregenz und Johann Michael Beer von Bleichten (1700–1767) in Konstanz. Siehe zu den Projekten den obigen Baubeschrieb, zu Christian Wiedemann und Johann Michael Beer von Bleichten auch die Biografien in dieser Webseite.

[15] Maria Anna Margaretha von Gemmingen (1711–1771), Tochter von Wolf Dietrich von Gemmingen der Linie Mühlhausen (Schwarzwald), eichstättischer geheimer Rat und Pfleger zu Abensberg. Fürstäbtissin in Lindau 1730–1743 und 1757–1771. Siehe zu ihr die Biografie in der Wikipedia.

[16] Therese Wilhelmine von Polheim-Winkelhausen (1680–1757) aus dem seit 1711 in den Reichsgrafenstand erhobenen Adelsgeschlecht Winkelhausen mit Stamm in der Region Düsseldorf. Sie ist einige Jahre Kanonissin im Adelsstift Dietkirchen in Bonn, dann erste Hofdame am Kurpfälzischen Hof in Mannheim, heiratet 1723 Ehrenreich Andreas von Polheim und Wartenburg (1675–1735). Dieser, erster Minister im Hochstift Augsburg und Kurpfälzischer Geheimratspräsident, wird 1721 vom Kaiser in den Grafenstand erhoben. Nach seinem Tod 1735 geht das Vermögen an die Witwe Therese Wilhelmine von Polheim-Winkelhausen. Sie stiftet noch 1742 die Kanzel in St. Sebastian zu Mannheim, an der sie die Wappen Polheim und Winkelhausen anbringen lässt. 1743 wechselt sie als Fürstäbtissin nach Lindau. Siehe auch die Biografie in der Wikipedia. Anmerkung: Das Geschlecht Polheim wird auch Pollheim geschrieben.

[17] Johann Anton Franz von und zu Ratzenried (1681–1766), Hofmarschall, Obervogt der Reichenau und auch Bauinspektor im Hochstift Konstanz, Mitglied des Direktional-Ausschusses des Ritterkantons Hegau-Allgäu-Bodensee. Gubler (1985) bezeichnet ihn als Obervogt zu Hegne. Das Schloss Hegne gehört zum Obervogteiamt Reichenau und dürfte der leichter erreichbare Sitz der Obervogtei sein. Im Kunstführer 2004 bezeichnen die Autoren hingegen Joseph Franz Anton von Ratzenried als denjenigen, der als «Stiftskonservator» die Planung 1747 mit Bagnato vorbereitet. Allerdings ist dieser Name in der Genealogie Ratzenried unbekannt, die Söhne sind Franz Karl Anton (1728–1767 Domkapitular in Konstanz) und Johann Philipp Joseph (Nachfolger des Vaters in den hochstiftischen Ämtern). Dessen Sohn Franz Konrad Xaver ist der Letzte der Familie. Mit seinem Tod stirbt sie 1813 aus.

[18] Johann Capar Bagnato (1696–1757) aus Landau, Baumeister des Deutschen Ordens. Er arbeitet zu dieser Zeit an Bauten für das Hochstift Konstanz (Rathaus Bischofszell) sowie für den Fürstabt von St. Gallen (Kornhaus Rorschach) und hat soeben den Fürstenbau des Damenstifts Buchau beendet. Bereits 1740 arbeitet er für die Stiftskirche des Damenstifts Säckingen. Mehr zu Johann Caspar Bagnato siehe in der Biografie und dem Werkverzeichnis in dieser Webseite.

[19] Maria Josepha Agatha von Ulm zu Langenrain (1712–1782), Fürstäbtissin in Lindau 1771–1782.

[20] Johann Georg Specht (1721–1803) aus Lindenberg. Siehe zu ihm die Biografie in dieser Webseite.

[21] Karl Theodor von Pfalz-Bayern (1724–1799) ist seit 1742 Kurfürst von der Pfalz und seit 1777 auch Kurfürst von Bayern. Er ist gebildeter, liberaler Herrscher und Kulturförderer. München, wo er seit 1778 residiert, verdankt ihm den Englischen Garten und die Öffnung von Nymphenburg. Die Bayern verzeihen es ihm noch heute nicht, dass er Kurbayern gegen das österreichische Belgien eintauschen will. Die desolaten Finanzverhältnisse Kurbayerns will er mit dem Klostervermögen lösen und gilt so als Vorbereiter der 1803 durchgeführten Säkularisation, die von einigen bayerischen Historikern fälschlich immer noch in Verbindung mit Napoleon gebracht wird. Mehr zu seinen Bestrebungen gegen die Klöster und gegen religiöse Volksbräuche siehe: Dietmar Stutzer in «Klöster als Arbeitgeber um 1800».

[22] Friederike Caroline Josephine von Bretzenheim (1771–1818) wird am Hof in Mannheim erzogen. Zu ihren Lehrern zählt auch Mozart. Ihre Wahl wird vom Kurfürsten mit einer Mitgift von 40 000 Gulden und einer Pfründenerhöhung für die Stiftsdamen versüsst. Erst 1788 zieht die inzwischen 14-jährige Fürstin nach Lindau und wird auch von den Stadtbehörden feierlich empfangen. Unvergesslich bleibt in Lindau der Ball, den die Fürstäbtissin 1789 für Magistrat und Honoratioren der Reichsstadt hält und der in Anwesenheit des Kurfürsten erst in den Morgenstunden endet. Die junge Fürstäbtissin ist ein Kind der Vergnügungen. Sie hält sich selten in Lindau und viel in der Residenz München auf. 1796 heiratet sie einen westfälischen Adeligen und verzichtet auf Lindau.

[23] Maria Anna Franziska Susanna Clara Ferdinanda von Ulm zu Langenrain (reg. 1796–1800). Sie stammt aus der gleichen Familie wie die 1712–1782 regierende Äbtissin. Die Familie hat den Stammsitz in Langenrain bei Allensbach auf dem Bodanrück. Die Herrschaft fällt nach ihrem Aussterben 1815 an die Familie Bodman-Möggingen.

[24] § 22 lautet «Dem Fürsten von Bretzenheim, für Bretzenheim und Winzenheim: die Stadt und das gefürstete Damenstift Lindau am Bodensee».
Bretzenheim: Die kleine Grafschaft wird 1722 von Kurfürst Karl Theodor für seine Geliebte und deren vier Kinder erworben. Es wird 1802 preussischer Besitz.
Winzenheim: Das Dorf ist Teil der Herrschaft Bretzenheim, die 1815 an Preussen fällt.

[25] Der bayerische Korridor ist an der schmalsten Stelle bei Sigmarszell nur 2 Kilometer breit. Er zeigt, wie wichtig für das nunmehr von Napoleon zum Königreich erkürte Bayern der Zugang zum Bodensee ist.

[26] Im Vergleich sind die Damen sehr gut gestellt: Ein Benediktinerpater erhält 400 Gulden Pension, eine Zisterzienserfrau 250 Gulden. Das durchschnittliche Jahreseikommen eines Handwerkers in Altbayern 1803 beträgt 100 Gulden.

[27] Kirchlicher Titel von 2002.

[28] Der deutsche Text lautet: «Ist eine freye Reichs-Statt, Evangelischer Religion in Schwaben, auf 2 kleinen Insuln des Bodensees, an vielen Orten auf Pfäle gebauet, von welcher ein Brücke von 280 Schritten an das Land gehet; Sie ist reich, groß, wohlbefestigt, treibt große Handlung, und hat einen guten Wein und fruchtbahren Boden, die Catholisch Gefürstete Aeptissin daselbst aber ist ein Stand deß Reichs, u. hat wegen deß Territorii mit der Stadt große Streitigkeit. Ihre Freyheit soll sie von den Grafen von Bregentz oder Lindau um 24 Marak halb Silber und halb Gold gekaufft, nach andern Bericht aber von d. Aeptissin erhalten haben. In der Stadt ist sowohl das NonnoKloster, wo obgedachte Aeptissin residiert, als auch die Pfarr-Kirchen S. Stephano, die Burg, das Zeughauß, die Rath- Frucht- und Saltz-Häußer, mit der alten Heyden-Mauer, wohl zu sehen. Dieser Ort ist offtmals von Österreich zur Satisfaction für Elsaß verlanget, aber doch noch immer bey seiner Freyheit erhalten worden.»

[29] Maria Magdalena (I.) von Hallwyl (um 1656/57–1720) regiert in Lindau 1689–1720. Ihre Mutter ist Maria Magdalena von Schönau-Laufenburg. 1730–1734 regiert im Damenstift Säckingen ihre Nichte Maria Magdalena (II.) von Hallwyl (um 1698–1734) als Fürstäbtissin. Deren Mutter ist Maria Catharina Juliane von Schönau-Oeschgen.

[30] Die Personalien der Stiftsdamen in Lindau sind bisher nicht veröffentlicht, über ihre Zahl herrscht völlige Unklarheit. Es dürften sich aber kaum je mehr als zehn Damen in Lindau aufgehalten haben. Auch die Zahl der Kanoniker und der Verwaltungsangestellten ist nicht bekannt. Alle Projekte von 1729 für die Neubauten basieren auf einem überdimensionierten Raumprogramm.

[31] Stifter und Auftraggeber ist der Konstanzer Weihbischof Johann Franz Anton von Syrgenstein (1683–1739), Weihbischof 1722–1739. Er ist bereits 1723 Auftraggeber für das erste grosse Deckenfresko des jungen Spieglers in Maria-Thann. 

[32] Franz Joseph Spiegler (1691–1757) aus Wangen im Allgäu, wohnhaft in Riedlingen. Siehe zu Spiegler die Biografie in dieser Webseite.

[33] Das Gemälde zeigt die Baustelle von Süden. Auf dem Gerüst steht der dirigierende Baumeister Bagnato, unten halten sich inmitten von Mörtelmischern und Steinhauern ein Edelmann, Stiftsangestellte und Stiftsdamen auf. Der romanische Turm der Stiftskirche ist ohne Helm. Nebst den Chormauern ist auch die romanische Nordwand noch intakt. Die Südwand ist bereits abgebrochen. Der im Hintergrund aufragende Turm mit den romanischen Blendarkaden gehört zur Stadtpfarrkirche St. Stephan. Er besitzt seit dem Brand 1608 das provisorische Pyramidendach und bleibt derart bis 1781.

[34] Francesco Pozzi (1704–1789) aus Bruzella im Tessin. Bagnato arbeitet seit 1729 fast ausschliesslich mit Pozzi. In Lindau ist auch sein 17-jähriger Sohn Giuseppe Antonio Pozzi tätig, der am 5. Oktober 1749 in der dortigen Rosenkranz-Bruderschaft mit «Pozzi. Joseph: Ant: de Bruzella Stuckador de Bruzella Italus» eingetragen ist. Zu Francesco Pozzi und zu Giuseppe Antonio Pozzi siehe die Biografien in dieser Webseite.

[35] Joseph Ignaz Appiani (1706–1785) geboren in Bruck bei Fürstenfeld, Sohn des Stuckateurs Pietro Francesco Appiani. Zu Joseph Ignaz Appiani siehe die Biografie in dieser Webseite.

[36] Joseph II Wagner (1707–1763), aus Haid-Wessobrunn. Für die Kanzel erhält er 440 Gulden.

[37] Johann Georg Gigl (1710–1775) aus Forst-Wessobrunn. Hauptwerke des Stuckateurs sind die Stuckaturen in Zusammenarbeit mit Peter Thumb (St. Peter im Schwarzwald, Hilzingen, St. Gallen). Der Lindauer Hochaltar dürfte bei der Einweihung, wie auch die Kanzel, bereits aufgerichtet sein.

[38] Dominikus Hermengild Herberger (1694–1760) aus Legau, ab 1751 Wohnsitz in Immenstad. Er ist nebst Joseph Anton Feuchtmayer der bedeutendste Rokoko-Plastiker der Bodenseeregion und wird in Lindau wahrscheinlich durch den Fürstbischof Franz Konrad Kasimir Ignaz Freiherr von Rodt (reg. 1750−1775), der 1752 auch die Kirche einweiht, empfohlen. Sein wichtigstes Werk ist der Bibliotheksaal von Wiblingen. Zu Dominikus Hermengild Herberger siehe die Biografie in dieser Webseite.

[39] Franz Georg Hermann (1692–1768) aus Kempten, Hofmaler in Kempten. Das Altarblatt zeigt die Anbetung der Könige in Bethlehem. Seine Datierung schwankt zwischen 1752 und 1754. Das Auszugsblatt der Verkündigung soll von seiner Tochter Maria Theresia stammen. Zu Franz Georg Hermann siehe die Biografie in dieser Webseite.

[40] Andreas Bentele, Marmorierer und Stuckateur (Lebensdaten unbekannt), stammt aus Hagnach bei Lindau. Er arbeitet 1749 in Kirchberg, gleichzeitig mit dem Maler Franz Ludwig Hermann und Johann Georg Gigl. 1753 ist er im östlichen Hofflügel der Abtei St. Gallen für Marmorwandverkleidungen und Rokoko-Deckenstuckaturen tätig. Gubler (1985) sieht bei den Seitenaltären wie auch beim Hochaltar und der Kanzel Entwurfsvorgaben von Bagnato.

[41] Franz Ludwig Hermann, auch Herrmann (1723–1791), geboren in Ettal als Sohn von Franz Georg, wohnhaft in Konstanz. Er ist vor allem für die Abteien südlich des Bodensees und für das Hochstift Konstanz tätig. Der Beizug der beiden Hermann in Lindau muss mit seiner Zusammenarbeit mit Gigl und Bentele in Kirchberg zusammenhängen. Im Altarblatt des Thaddäusaltars (Seitenaltar Süd) in Lindau stellt er den Apostel Judas Thaddäus dar, wie er mit dem Antlitz Christi den König Abgar bekehrt. Im Auszugsblatt malt er den hl. Gallus. Zu Franz Ludwig Hermann siehe die Biografie in dieser Webseite

[42] Johann Georg Bergmüller (1688–1762) aus Türkheim, 1713–1762 in Augsburg tätig. Das Altarblatt mit der Rosenkranzspende an den hl. Dominikus und die hl. Katharina übernimmt ein hochbarockes Thema in nur leicht abgewandelter Form. Zu Johann Georg Bergmüller siehe die Biografie in dieser Webseite.

[43] Johann Hauber (1697–1765), auch Huber, aus Stiefenhofen, später in Bregenz tätig. Von diesem Orgelbauer ist wenig bekannt, vom Bildhauer des Prospektes überhaupt nichts.

[44] Waldemar Kolmsperger (1881–1954) aus Berchtesgaden. Er ist gesuchter Maler und Restaurator in München und erstellt auch viele neubarocke Fresken. Die Stuckaturen der Decke sind Rekonstruktionen von Xaver Reitmaier aus Augsburg.

[45] Eindeutig reicht der Südflügel auf dem Ortsblatt 1823 nur bis zum Mittelrisalit. Die präzise damalige Massaufnahme lässt keinen anderen Schluss zu. Allerdings ist diese Verlängerung des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts nicht dokumentiert und wird bereits im Kunstdenkmälerband von 1954 als ursprünglich betrachtet.

[46] Diese Bauweise erreicht ihren Höhepunkt mit Zwiefalten (1741–1750). Zum Bautypus siehe das Glossar, Buchstabe W, in dieser Webseite.

[47] Zu Johann Georg Fischer siehe die Biografie in dieser Webseite.

[48] Hans Martin Gubler (1985) misst der rein gestalterischen Entscheidung von Bagnato eine grosse Bedeutung zu. Tatsächlich sind aber freitragende Dachstühle mit 16,45 Meter Spannweite noch Mitte des Jahrhunderts eine Herausforderung und nur mit Hängesäulen und Strebebindern möglich. Mit der Reduktion auf eine freie Spannweite von 10,80 Metern erspart sich Bagnato in Lindau auch einen zu aufwändigen Dachstuhl. 

[49] Die Sakristei der romanischen Kirche liegt nördlich dieses ehemals romanischen Altarraums. Sie ist im Erdgeschoss erhalten, wird aber in moderner Zeit störend aufgestockt.

 

 

 

Bergmueller HermannFL
Seitenaltarblätter

Links:
Das Altarblatt des nördlichen Dominikusaltars stellt die Übergabe des Rosenkranzes an die hll. Dominikus und Katharina dar. Seitlich und unten sind in alter Tradition 15 Medaillons in Camaïeu-Technik gemalt, die den Rosenkranzgeheimnissen gelten. Das Blatt ist ein Spätwerk des Augsburger Malers Johann Georg Bergmüller.
Foto: Bieri 2019.


Rechts:
Das Altarblatt südlichen Thaddäusaltars ist ein frühes Werk von Franz Ludwig Hermann. Es stellt den Apostel Judas Thaddäus dar, wie er mit dem Antlitz Christi den König Abgar bekehrt.
Foto: Bieri 2019.

 

 

 






Lindau im Bodensee: Ehemaliges adeliges Damenstift und Stiftskirche Unserer Lieben Frau
LindauInnen1
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Lindau im Bodensee
Bayern (D)
Freie Reichsstadt Lindau und Reichsstift Lindau
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Konstanz 1748
Bauherr und Bauträger
Maria Anna Margaretha von Gemmingen (1711–1771), Reichsäbtissin 1730–1743
Therese Wilhelmine von Polheim-Winkelhausen (1680–1757), Reichsäbtissin 1743–1757
 
Der festliche Innenraum der ehemaligen Damenstiftskirche.
Foto: Bieri 2013 (alle Bilder sind durch Anklicken vergrössert zu betrachten!).
LindauAussen1
Die Südfassade der Kirche. Der «Stiftsplatz» ist heute Parkplatz. Foto: Bieri 2019.
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LindauLuftbild
Luftaufnahme des ehemaligen Stiftsbezirks von Süden. In Bildmitte der Südflügel der Stiftgebäude, dahinter die Stiftskirchen-Südfassade mit Turm. Der dahinter rechts aufragende Turm gehört zur Pfarrkirche St. Stephan. Foto: Edda Praefcke 2007.
Lindau1823
Im Ausschnitt des Ortsblattes «Stadt Lindau» von 1823 sind die Gebäude der ehemaligen kirchlichen Bauten dunkel hervorgehoben. Unten am «Knaben-Schul-Platz» liegt das 1523 aufgehobene und in Schule und Theater umgewandelte Barfüsserkloster. In der Mitte liegt der bis 1803 reichsunmittelbare Bereich des Damenstifts, begrenzt durch Kirchgasse, Fischergasse und Kirchplatz. Jenseits des Kirchplatzes liegt die Stadtpfarrkirche St. Stephan. Zwischen Schmiedgasse und See liegt das Heilig-Geist-Spital, ein schon im Mittelalter nicht mehr dem Damenstift gehörender Komplex. Vom Brückentor («Lands-Thor») erfolgt der Zugang zur Stadt über die Schmiedgasse und die Fischergasse. Bildquelle: Ortsblatt Lindau des Königreichs Bayern 1823.
Lindau1550
Die 1550 gedruckte Vogelschauansicht «Die Statt Lindaw im Bodensee auff einer freyen Inseln gelegen / gerings umb mit Wasser umbgeben» von Sebastian Münster ist die älteste und auch genaueste der vielen folgenden Vogelschauansichten aus Norden. Er zeigt mit einer Legende die «S. Stephans Pfarrkirch [E], davor das «Spittal» [F] dann den Turm [C] von «Unser Frawen Closter», links dahinter das «Barfüsser Closter» [H] mit Dachreiter und, als Haupttor am Ende der Steinbrücke, das «Bürgthor». Zu diesem bemerkt er «Das Bürgthor ist anno 1546 abgetragen». Die beiden Hauptkirchen sind mit ihren Spitzhelmen im Zustand von 1550 dargestellt, der Liebfrauenturm hat ein Zifferblatt. Bildquelle: Zentralbibliothek Zürich.
Lindau1770
Kurz vor den Stadtbränden Anfang des 18. Jahrhunderts erscheint die Stadtansicht des Augsburger Stechers Joseph Friedrich Leopold. Sie ist mit der Holzbrücke und den Bastionen aus dem Dreissigjährigen Krieg von der Landseite gezeichnet. Der Turm der Pfarrkirche St. Stephan [8] ist noch nicht wiederhergestellt, sodass er einzige hohe Turm derjenige der Damenstiftskirche [9] ist. Die Legenden sind korrekt und der lateinisch-deutsche Begleittext beidseits des Lindauer Stadtwappens ist lesenswert (siehe dazu auch die Anmerkung 28).
Bildquelle: mapy.mzk.cz.
Die Projekte Wiedemann und Beer für die neue Klosteranlage (1729)

LindauProjekte1729
Die durch vier bekannte Baumeister abgegebenen Projekte sind erstaunlicherweise erhalten. Zwei sind speziell erwähnenswert. Sie sind hier zum Vergleich übereinandergelegt. In Blau ist das 1733 für die Ausführung gewählte Projekt von Christian Wiedemann unterlegt, in Rot das anspruchsvollere Projekt des Vorarlbergers Johann Michael Beer von Bleichten hervorgehoben. Gemeinsam ist beiden Projekten nur der bestehende Kirchturm. Schon für die Ausführung des weniger kostspieligen blauen Projektes Wiedemann ab 1733 genügen die Finanzmittel des Damenstiftes nicht. Nur der Ostflügel und die Hälfte des Südflügels können ausgeführt werden.
Planquelle: Hans Martin Gubler (Lit.).
LindauGrRissWiedemann1729
Der Stiftskirchengrundriss im Projekt Wiedemann 1729, zum Vergleich mit dem ausgeführten Grundriss Bagnato (drittes folgendes Bild unten).
LindauBeer1729
Das Projekt von Johann Michael Beer von Bleichten in der Südansicht (oben) und in der Nordansicht (unten). Sein Plan sieht gegenüber der Pfarrkirche St. Stephan eine freigestellte Stiftskirche als Zentralbau dar. Die symmetrisch flankierenden Gebäude folgen der französischen Pavillonbauweise. Bildquelle: «Vorarlberger Barockbaumeister» 1960.


Der Kirchenneubau 1747–155
LindauBauplatz
«Anno 1748 den 22. April hat die Hochwürdigst=Hochgeborene des Heil: Römischen Reichs Fürstin Frau Frau Theresia Wilhelmina, gefürstete Äbtissin des Hochadels unseres Reichs-Stifts zu Lindau, geborene Reichs=Gräfin von Winkelhausen, verwitwete Reichs=Gräfin von Pollheim, diese hierunten abgezeichnete Kirche durch Gottesgnade wiederum zu er bauen angefangen, welche ehe vor Anno 1728, den 16. September, durch Hinlässigkeit eines hiesigen Bürgers nebst dem Stift und anderer Häuser in die Asche gelegt worden», so lautet der (in einzelnen Wörtern übersetzte) Titel des einzigartigen Baustellengemäldes.
Das Gemälde zeigt die Baustelle von Süden. Auf dem Gerüst steht der dirigierende Baumeister Bagnato, unten halten sich inmitten von Mörtelmischern und Steinhauern ein Edelmann, Stiftsangestellte und Stiftsdamen auf. Der romanische Turm der Stiftskirche ist ohne Helm. Nebst den Chormauern ist auch die romanische Nordwand des Mittelschiffs noch intakt. Die Südwand ist bereits abgebrochen. Der im Hintergrund aufragende Turm mit den romanischen Blendarkaden gehört zur Stadtpfarrkirche St. Stephan. Er besitzt seit dem Brand 1608 das provisorische Pyramidendach und bleibt derart bis 1781.
Das Gemälde, heute nicht zugänglich, ist im Besitz der städtische Kunstsammlungen und hier als Scan aus Veröffentlichungen zusammengesetzt.
LindauGrRiss
Der Grundriss der Stiftskirche mit den Grundmauern der romanischen Basilika (altrosa) und den Ergänzungen von Johann Caspar Bagnato (hellblau). Bild: Bieri 2019 auf Grundlage eines Planes von Werner Mayer in KDM 1954.
LindauSchnitt
Schnitt der Stiftskirche, Grundlagen und Bildquelle wie oben.


Kirche und ehemalige Stiftsbauten aussen
LindauNordseiteA2
Stiftskirche mit Kirchturm und einem ehemaligen, heute völlig umgebauten Gebäude des Damenstifts (1691 wird das Gebäude an dieser Stelle Oberamtmanns-Haus genannt), gesehen vom nördlich gelegenen Marktplatz (früher: Baumgarten). Foto: Tilman2007 in Wikipedia.
LindauA4
Die Stiftskirche aus Osten gesehen. Aussen blendet Bagnato den noch stehenden romanischen Mauern eine Sandsteinfassade vor. Das Erdgeschoss des Sakristeianbaus ist alt. Das störende Obergeschoss ist eine Sünde des 20. Jahrhunderts. Foto: Bieri 2019.
LindauA5
Der nördliche Querhaus-Giebel in der Gestaltung von Johann Caspar Bagnato mit der Figur des Erzengels Michael.
Foto: Bieri 2019.
LindauA&
Turm und Stiftskirche aus Süden. Die Südfassade des Langhauses ist Ausnahme der vertikal zusammengefassten Fensterrahmungen verputzt. Bagnato übernimmt die Gliederung der Nordseite, auch die alternierenden Dreiecks- oder Segmentbogen-Verdachungen der Vertikalelemente. Siehe dazu auch das Bild der Südfassade im Titel. Foto: Bieri 2019.
LindauA7
Die Südfassade des Stiftsgebäude-Südflügels. Christian Wiedemann kann den Mittelrisalit 1733 noch vollenden, die westlichen Fortsetzungen sind rekonstruierende Neubauten des 19. und 20. Jahrhunderts. Foto: Bieri 2019.


Der Innenraum
StiftskircheLindauInnen1
Das Titelbild, hier wiederholt, zeigt die helle, festliche Stimmung des Innenraums. Die Umwandlung einer dreischiffigen, schwach belichteten romanischen Basilika durch Teilnutzung ihrer Mauern ist meisterhaft gelungen. Foto: Bieri 2013.
StiftskircheLindauInnen2
Die Umwandlung des Langhauses in einen Wandpfeiler-Emporensaal ist eine architektonische Entscheidung von Bagnato. Wandpfeiler sind auch im Projekt Wiedemann vorhanden (siehe dazu die beiden Grundrisse oben). Die wahrscheinlich von den Stiftsdamen gewünschten Seitenemporen zwingen Bagnato, zwei weitere Joche einzufügen und auf die bei Wiedemann noch vorhandene Zentralraum-Tendenz zugunsten eines Longitudinalraums zu verzichten. Foto der Nordseite: Bieri 2019.
StiftskircheLindauInnen3
Im Querhausbereich mit der Altarraum-Kuppel sind die Gewölbe massiv gemauert. Trotzdem sind die Fresken Appianis nicht mehr erhalten. Zu stark haben ihnen Übermalungen des 19. Jahrhunderts und wahrscheinlich auch der Dachstuhlbrand von 1922 zugesetzt. Nur noch die Thematik und teilweise auch der Bildaufbau sind ursprünglich. In der Vierungskuppel ist die Marienkrönung, in der nördlichen Querhauskuppel ein Engelkonzert und in der südlichen Querhauskuppel die (sogar im Aufbau veränderte) Anbetung des Lamms durch die 24 Ältesten zu sehen. Mehr zur Ikonographie sieh in der Tabelle im Text. Foto: Bieri 2019.
StiftskircheLindauInnen4
Die Rokoko-Wappenkartusche am Chorbogen ist vielleicht die einzige Stuckatur im Mittelraum des Langhauses, die noch die Handschrift von Francesco Pozzi trägt. Zu den Wappen siehe unten mehr. Am Bildrand oben ist die Signatur des Deckenbild-Malers von 1925 zu lesen. Foto: Bieri 2019.
StiftskircheLindauInnen5
Therese Wilhelmine von Polheim-Winkelhausen, die dank ihrer Absicht, eine grosse Erbschaft auch für den Neubau der Stiftskirche Lindau zu verwenden, 1743 zur Fürstäbtissin gewählt wird, verewigt sich in ihrem Bauwerk auf unübersehbare Weise. In der linke grosse Kartusche ist das auf acht Felder vermehrte Allianzwappen der oberösterreichischen Grafen von Polheim-Wartenberg zu sehen, in deren Familie die spätere Fürstäbtissin 1723 einheiratet. Das Wappen der Grafen von Winkelhausen, dem bergischen Herkunftsgeschlecht der Fürstäbtissin, ist in der linken Kartusche angebracht. Die Fürstäbtissin, die offensichtlich mit Standesdünkel wie mit Geld gesegnet ist, lässt über ihren beiden Wappen immerhin noch drei kleinen Kartuschen mit den Wappen des Damenstifts gelten. Links ist in Rot die silberne Hand, rechts in Schwarz der goldene Löwe und darüber die Muttergottes mit Kind zu sehen. Zu diesen drei Wappen siehe die Erläuterung «Die Stiftswappen» im nebenstehenden Text.
Foto: Bieri 2019.
StiftskircheLindauInnen6Orgel
Der Blick zurück wird vom Deckenbild (1925/1993) beherrscht. Es hat mit dem ursprünglichen Appiani-Fresko keine Gemeinsamkeiten. Versöhnlich stimmt der Orgelprospekt von 1755. Er nimmt die ganze Breite der Westwand ein. In der Eleganz kann er sich mit den besten süddeutschen Prospekten messen. Bild: Bieri 2013.
StiftskircheLindauInnen7Orgel
Musizierende Putti und Engel halten sich auf den Gesimsen der Orgeltürme auf. Zuoberst spielt König David die Harfe. Vergoldete Rocaillen und Kartuschen bilden Schleierbretter und Rahmung. Der völlig unbekannte Johann Hauber aus Bregenz ist Schöpfer dieses Meisterwerks. Foto: Bieri 2019.
StiftskircheLindauInnenKanzel
1751 fertigt der Wessobrunner Stuckateur Joseph Wagner die Stuckmarmorkanzel. Der Wessobrunner ist zu dieser Zeit auch für Stuckaturen in den Kirchen Wolfegg und Kisslegg zuständig. Foto: Bieri 2019.


Altäre
StiftskircheLindauInnenHochaltar
Der Hochaltar ist das eigentliche Prunkstück der Kirche. Sein rötliches Stuckmarmor-Retabel füllt in konkaver Schwingung den ehemals romanischen Choreinzug. Die Altarmensa mit ihrem hohen Stuckmarmor-Tabernakel steht zwischen den zwei vorderen Freisäulen. Ihr Tabernakel mit Ädikula-Portal ist von zwei anbetenden Engeln flankiert. Mensa und Tabernakel verdecken den Zugang zum dahinterliegenden ehemaligen Chorraum, der zur Barockzeit als Sakristei dient. Drei grosse Künstler des süddeutschen Rokokos wirken bei Hochaltar zusammen. Altarbauer ist der Wessobrunner Johann Georg Gigl, die Bildhauerarbeiten sind von Dominikus Hermengild Herberger und das Altarblatt ist von Franz Georg Hermann. Nicht aus der Barockzeit stammt der direkt vor den Hochaltar gestellte neobarocke Zelebrationsaltar. Foto: Bieri 2013.
LindauHochaltarblatt
Das Altarblatt von Franz Georg Hermann stellt die Anbetung der Jesuskindes in Bethlehem durch die Heiligen Drei Könige dar.
Foto: Bieri 2019.
LindauOberblatt
Das Auszugsblatt des Hochaltars soll von Maria Theresia Hermann, der Tochter des Künstlers, gemalt sein. Es stellt die Verkündigung an Maria dar. Foto: Bieri 2019.
LindauSeitenaltar
Die Seitenaltäre stehen in den Ausrundungen zum Altarraum. Sie sind Arbeiten des einheimischen Stuckateurs Andreas Bentele von 1754. Im Bild der südliche Thaddäusaltar mit dem Blatt von Franz Ludwig Hermann. Foto: Bieri 2019.


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Die Stadt Lindau in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts


Neubau der Inselbefestigungen

Die Auseinandersetzung zwischen katholischen und protestantischen Reichsständen beginnt sich schon am Anfang des Jahrhunderts abzuzeichnen. Die Stadt Lindau steigert ihre Sicherheitsbemühungen. Grossen Aufwand betreibt sie mit der Pflege und dem Neubau der Befestigungen, wie sie zu dieser Zeit auch in vielen Traktaten propagiert wird.[1] Die mittelalterlichen hohen Stadtmauern und ihre Türme weichen niederen Spitzbastionen, Ravelins  und gedeckten Wegen, wie sie noch 1823 auf dem Ortsblatt abzulesen sind. Auch die dichten Pfahlpalisaden, die auf allen Vogelschau-Stichdarstellungen zu sehen sind, sind wichtige Abwehrmassnahmen und werden sich vor allem bei der Blockade 1647 bewähren.  

AusschnittBodenseekarte

Die schwedische Belagerung der Stadt Lindau im Jahr 1646, dargestellt in der Bodenseekarte 1647 mit den Taten des Grafen Maximilian Willibald von Waldburg-Wolfegg. Kupferstich in der Kartensammlung der Zentralbibliothek Zürich. Mehr zur Karte siehe im Beitrag «Schloss Wolfegg». Link zur Gesamtkarte

Der Dreissigjährige Krieg
Zu Beginn des Dreissigjährigen Krieges wird Lindau vor allem von kaiserlichen Truppen als Hafenstadt beansprucht. Die durchziehenden Truppen nutzen den Seeweg als direkteste Verbindung zum Krieg in Graubünden, der von Österreich und Spanien um den Besitz der Bündner-Pässe und um das Veltlin geführt wird. Für die Bevölkerung bedeuten bereits diese meist mehrere Tausend Mann umfassenden Durchzüge eine grosse Belastung.[2] Sie äussert sich 1628 in einem vom evangelischen Prediger angezettelten Aufstand gegen die Stadtregierung. Für die eigentlichen Kriegstreiber der katholischen Liga, Kaiser Ferdinand und Erzherzog Leopold V. von Tirol, ist der Aufstand eine willkommene Gelegenheit, Lindau den Status der freien Reichsstadt zu entziehen und die strategisch wichtige Hafenstadt zur kaiserlichen Festung zu erklären. Auf Kosten der Stadt wird eine Garnison einquartiert. Ursprünglich 700 Mann, vergrössert sich ihre Zahl schnell auf bis zu 2500. Zusammen mit den Flüchtlingen verdoppeln sich damit die in der Stadt lebenden Personen. Jede Bürgerfamilie muss vier bis sechs zusätzliche Menschen aufnehmen. Besonders prekär wird die Lage Ende 1646. Noch rechtzeitig wird die massive Zufahrtsbrücke abgetragen. Dann belagern und bombardieren die Schweden das auch von Flüchtlingen überfüllte Lindau während zweier Monate von der See- und Landseite. Sie haben keinen Erfolg und ziehen im März 1647 ab. Sofort bauen die Lindauer die Brücke wieder auf, diesmal in Holz. Die ersten grossen Wagenzüge aus Nürnberg und Ulm passieren sie schon Anfang April. Erst 1649 wird die Garnison aufgelöst und Lindau ist wieder freie Reichsstadt. Trotz des Westfälischen Friedens 1648 bleibt die kaiserliche Garnison noch bis zum 20. September 1649. Nach 20 Jahren Besatzung ist damit Lindau wieder freie Reichsstadt.

Pius Bieri 2019

[1] Vorherrschend sind Anfang des 17. Jahrhunderts die neuesten venezianische Traktate von Buonaiuto Lorini (um 1545–1611), die in deutscher Sprache 1607 erscheinen. Noch immer wird auch auf das 1589 veröffentlichte Werk «Architectura von Festungen» des Strassburgers Daniel Specklin (1536–1589) zurückgegriffen.

[2] Chronik 1625, Durchzug spanischer Truppen: «Im Merz innerhalb 6 Wochen 10 000 Mann gespeist mit 200 Centner Fleisch, 25 Fuder Wein, 130 Malter Korn». Dies ist eine der vielen derartigen Meldungen, die die Gepflogenheiten der Kriegsführenden darstellen. Der Krieg muss sich ihrer Meinung nach selbst ernähren, was für den gemeinen Soldaten wie für den Feldherr auch die Erlaubnis für Selbstbereicherung bedeutet.


 



 

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