Carlo Maria Pozzi (1676–nach 1736)

Stuckateur der Régence in Deutschland

Herkunft
Carlo Maria wird am 12. Februar 1676 in Lugano als Sohn des «Drogisten» Francesco Pozzi und der Maria Caterina Splendore geboren.[1] Sein Vater stammt aus Castel San Pietro, einem Dorf nahe der italienischen Grenze bei Como.[2] Mitglieder der hier beheimateten Familie Pozzi sind im 17. und 18. Jahrhundert während sechs Generationen als Bau- und Maurermeister, Stuckateure, Bildhauer und Maler tätig. Bekannt ist die im 18. Jahrhundert in Süddeutschland wirkende Familie des 1704 geborenen Francesco Pozzi, eines Neffen zweiten Grades von Carlo Maria.[3]
Um 1688/89 beginnt Carlo Maria die Lehre als Stuckateur, sicher im Trupp eines Meisters aus der näheren Verwandtschaft. Zwar bestehen durch seinen Onkel mütterlicherseits Verbindungen nach Passau und Wien,[4] als wahrscheinlicher Lehrmeister wird aber der spätere Würzburger Hofstuckateur Giovanni Pietro Magni genannt, der aus Bruzella bei Castel San Pietro stammt und dessen ältere Schwester Margarita die Grosstante von Carlo Maria ist.[5] Auch wenn die Lehre bei Magni nicht gesichert ist, dürfte er eher in Franken bei einem Tessiner Stuckateur als in Passau bei der ebenfalls genannten Carlone-Allio Werkstatt seine Lehrzeit verbracht haben.[6] Mit seinen Lehrmeistern kehrt Carlo Maria während der Ausbildungsjahre jeden Winter wieder in die Heimat zurück.
Nicht nur der Lehrmeister, auch seine Wege während der sechs Jahre nach Beendigung der Lehre sind nicht dokumentiert. Die «Welschen», wie die italienischsprechenden Stuckateure damals genannt werden, sind im deutschsprachigen Norden bis 1700 derart dominierend, dass die bekanntesten unter ihnen mit Leichtigkeit Arbeit finden und ihre Trupps auftragsabhängig immer wieder mit besten Fachkräften vervollständigen können. Die Wege Carlo Marias in das Mittelrheingebiet, wo er vor 1700 anzutreffen ist, lassen eine spätere Mitarbeit im Trupp des Giovanni da Paerni[7] vermuten. Aus dieser Zeit kennt er auch die um 10 Jahre älteren Stuckateure Eugenio Castelli,[8] Giovanni Battista Artari[9] und Giovanni Battista Genone[10] , die im Rheinland tätig sind und mit denen er später wieder zusammenarbeitet.

Erste Werke
1700 erhält der 24-jährige Carlo Maria Pozzi den Auftrag für Arbeiten im Jesuitenkolleg Koblenz. Er kann die Decken des Treppenhauses und der Gymnasiums–Aula stuckieren.[11] Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck überträgt den Neubau seinem Hofbaumeister Johann Christoph Sebastiani. Die Berufung Pozzis liesse sich aus einer Tätigkeit im Trupp von Giovanni da Paerni im Schloss Montabaur erklären, das Sebastiani kurz vorher umbaut. Der Maler der Fresken in Koblenz ist unbekannt. In Montabaur ist es Lazaro Maria Sanguinetti,[12] in Koblenz wird, eher abwegig, Luca Antonio Colomba[13] vermutet.

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Die Decke im Treppenhaus des ehemaligen Jesuitenkollegs Koblenz (1700/01) ist das erste bekannte Werk von Carlo Maria Pozzi (Ausschnitt siehe oben). Foto: Holger Weinandt.

Das noch immer erhaltene Erstlingswerk Carlo Marias im Treppenhaus überrascht mit der frühen Meisterschaft, mit der er die drei grösseren Bildfelder in Szene setzt. Beidseitig der Rundgemälde sind paarweise angeordnete Putti die eigentlichen Bildträger. Weitere Putti versinnbildlichen mit ihren Attributen Tugenden. Seitliche Kartuschen mit äusserst sparsam angewendetem Akanthus beinhalten gemalte oder plastisch geformte Allegorien. In die freien Felder sind Blumengirlanden geschickt verteilt. Interessant ist der leinwandähnliche Untergrund, der durch tausende dichter kleiner Einstiche erreicht wird und zur Erhöhung des Reliefs der modellierten Form und zur Unterscheidung zwischen Figur und Grund dient.
Das Erstlingswerk von Carlo Maria Pozzi braucht den Vergleich mit den führenden Stuckateuren  der Zeit, den Carlone oder den Schmuzer, nicht zu scheuen.
1702 ist Pozzi in Kassel, wo er für das im Bau befindliche Oktogon Stuckentwürfe anfertigt, dann aber vom römischen «Architekten» Giovanni Francesco Guernieri[14] hintergangen wird und ohne Aufträge bleibt.
1704 kann er für den Grafen Johann-Ernst von Nassau-Weilburg den Neubau der Oberen Orangerie in Schloss Weilburg stuckieren. Baumeister ist Julius Ludwig Rothweil.[15] Im festlich repräsentativen, konkav vorgebogenen Bau befindet sich im Mittelpavillon ein zweigeschossig geöffneter Saal mit umlaufenden Seitengalerien. Pozzi stuckiert Wände, Muldendecke und Galerien, zwar wie in Koblenz noch stark plastisch, aber mit mehr Freiflächen. In Weilburg arbeitet er erstmals mit dem ebenfalls aus Lugano stammenden Stuckateur Andrea Galassini[16] zusammen, einem Schüler des Baumeisters Rothweil.
1705 ist er mit seinem Trupp im neuen Hauptbau des Jagdschlosses Wabern tätig, das der Landgraf Karl von Hessen-Kassel für seine Gattin erstellen lässt. Mehrere Tessiner Stuckateurtrupps sind hier anwesend. Die Arbeiten sind nicht erhalten, der Umfang der Mitarbeit von Carlo Maria Pozzi ist unklar.
1706 reist er nach Dänemark. Hier kann er im Königsschloss Rosenborg bei Kopenhagen im Auftrag des königlichen Superintendenten Wilhelm Frederik von Platen 1706/1707 einige Räume im Erdgeschoss umgestalten. Erhalten ist nur die Decke des ehemaligen Ballsaals und heutigen Rittersaals.

«Artis Sculptoriae, vulgo stuccatoriae paradigmata»
In Kopenhagen zeichnet Carlo Maria Pozzi während der Arbeiten an einem Stichwerk, das er 1708 in Augsburg durch Johann August Corvinus stechen und durch Jeremias Wolf veröffentlichen lässt. Er widmet im Frontispizblatt das Werk seinem dänischen Gönner, dem Superintendenten von Platen. Pozzis Mustervorlagen für Deckenstuckaturen erscheinen unter dem Verlegertitel «Artis Sculptoriae, vulgo stuccatoriae paradigmata». Die Blätter können als Momentaufnahme im sich abzeichnenden Übergang zur Régence betrachtet werden. Das Stichwerk hat wenig Widerhall, auch weil Wolf im gleichen Jahr die deutschsprachige Ausgabe der wegweisenden Perspektivlehre von Andrea Pozzo veröffentlicht und der gleiche Verleger 1711 mit dem Stichwerk «Fürstlicher Baumeister» von Paulus Decker ein umfassendes Standardwerk mit Mustervorlagen herausgibt, in denen die Lehre Pozzos und das geometrische französische Bandelwerk der Régence bereits Einzug gehalten hat. Die Stichfolge fördert aber die Reputation des 32-jährigen Stuckateurs.

Blatt aus «Artis sculptoriae, vulgo stuccatoriae paradigmata, 1708». (Universitätsbibliothek Salzburg G 186 III)

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Beratungen und Entwürfe in Fulda
Die Widmung im Frontispiz-Blatt seines Druckwerks beginnt mit «Fuldae Anno MDCCVIII». Pozzi hält sich also 1708 in der Fürstabtei Fulda auf. Seit 1704 ist der Stiftsbezirk eine Grossbaustelle. Die Neubauten von Stiftskirche und Residenz leitet Johann Dientzenhofer. Seit 1707 ist Giovanni Battista Artari leitender Stuckateur. Er zieht 1711 auch seinen Dorfgenossen Luca Antonio Colomba als Freskant bei. Pozzi ist 1710 nochmals in Fulda als Stuckateur tätig. Artari zieht 1713 nach England. Maximilian von Welsch amtet seit 1721 als Baumeister für den Neubau der Orangerie, aber schon seit 1720 ist Andrea Galassini Bauinspektor des Fürststifts Fulda. Für die nun unter der Leitung des Tessiners laufenden Bauten der Orangerie und des Kaisersaals ist Pozzi 1720, 1722, 1724 und 1727 wieder in Fulda. Weil aber mit Andreas Schwarzmann ein deutscher Stuckateur zunehmend die Ausführungen übernimmt, muss die Beteiligung Pozzis vorwiegend in Beratung und Entwurf gesucht werden.

Ellwangen und die zu hohen Forderungen des Stuckateurs
Das wachsende Interesse der durchwegs nach Frankreich orientierten Adeligen im Rheingebiet an den Stuckateuren aus dem Tessin, die sich hier zunehmend dem Bandelwerk der Régence zuwenden, macht sich auch für Carlo Maria Pozzi bemerkbar. Er wird vom Bauherrn Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg dem Ludwigsburger Stuckateur Frisoni für eine Neustuckierung der Langhausgewölbe in der Schönenbergkirche in Ellwangen vorgezogen.[17] Es wäre sein erster grösserer Auftrag in einem Sakralraum geworden. Pozzi liefert 1710 Entwürfe und hält sich auch in Ellwangen auf. Sein Angebot für die Ausführung ist aber zu hoch. Pozzi gibt nicht nach, offenbar aus Sorge um seinen Ruf, sodass der Bauherr den einheimischen Stuckateur Melchior Paulus[18] für die Ausführung verpflichtet.
Nicht nur Ellwangen, auch andere Arbeiten dürften dem selbstbewussten Künstler wegen zu hohen Forderungen entglitten sein. Der Kampf um Aufträge spielt sich aber meistens in Konkurrenz zu seinen Landsleuten ab, die sich nur bei verwandtschaftlichen Beziehungen nicht gegenseitig bekämpfen.

Idstein und Biebrich
Fürst Georg Emanuel von Nassau-Idstein schätzt den jungen Pozzi offenbar derart, dass er mit ihm trotz seiner hohen Forderungen schon 1713 Verträge für die beiden Residenzen Idstein und Biebrich abschliesst. Baumeister der Neugestaltung von Idstein und dem Neubau in Biebrich ist wieder Maximilian von Welsch. Die Decken in Idstein sind erhalten. In Biebrich sind nur noch Fragmente sichtbar. Im Vergleich zu seinen ersten Werken und auch zur Schönenbergkirche sind die Stuckaturen in Idstein strenger, flacher, auch langweiliger geworden – die französischen Einflüsse machen sich immer mehr spürbar.[19] Absurd wirken im Idsteiner Kaisergemach die Deckengemälde von Valentin David Albrecht. Sie bestehen vorwiegend aus geometrischen Laub- und Bandelwerk-Grotesken, sind keine Gemälde mehr, sondern eher farbige Musterbücher à la Bérain oder gemalte Umsetzungen der Stuckdecke im «Fürstlichen Baumeister» von Decker,[20] während alle umgebenden, zurückhaltenden Stuckaturen von Carlo Maria Pozzi unter einer weissen Farbschicht förmlich verblassen. Deutlich wird hier die Übermacht des veränderten Geschmacks der fürstlichen Auftraggeber sichtbar, die sich im Rheingebiet immer mehr dem reinen Ornament zuwenden.

Familie
Carlo Maria Pozzi ist bereits 44-jährig, als er im April 1720 in Lugano die 29-jährige Joanna Francesca Carli heiratet. Mit ihr hat er neun Kinder, vier Jungen und fünf Mädchen, die alle in Lugano geboren werden. Dies zeigt, dass er wahrscheinlich jedes Jahr den Winter in Lugano verbringt. Offenbar ist für die Stuckateure der oberitalienischen Seen nur eine Einheirat in eine deutsche Familie oder die Ernennung zum Hofstuckateur genügender Anlass zur Niederlassung in Deutschland. Vermutlich geht nur der Älteste, der 1723 geborene Giovanni Battista, in die Lehre beim Vater. Er stirbt schon mit 18 Jahren. Die anderen drei Söhne sind beim Tod des Vaters noch zu jung für eine Lehre.

Verlorene Arbeiten der Jahre 1720 bis 1735
Von vielen Aufträgen der Zeit nach der Heirat sind nur die Arbeitsorte bekannt. Bis 1721 arbeitet er im Neubau des Schlosses Johannisburg in Geisenheim. Baumeister ist Andrea Galassini, der sich in Fulda niedergelassen hat und dort mit Maximilian von Welsch arbeitet. Mit dem vier Jahre jüngeren fürstäbtlichen Hofbaumeister, der ebenfalls aus Lugano stammt, arbeitet Pozzi schon 1704 in Weilburg zusammen. Die nun folgenden Aufenthalte in Fulda bis 1727 dürften dem dortigen Kaisersaal gelten. Dieser ist noch erhalten, während die Arbeiten in Johannisberg, in der kurfürstliche Residenz zu Mannheim (1723–1724), in der kurfürstlichen Residenz zu Mainz (um 1726) und im Dom St. Peter zu Worms (vor 1729) alle spätestens seit dem Zweiten Weltkrieg zerstört sind. 1731 ist Pozzi nochmals an einer dänischen Residenzausstattung beteiligt.[21] Ein 1735 in Lugano gefertigter Entwurf für das Schloss Berleburg weist auf einen weiteren Auftrag hin. Bei der Ausführung 1737 wird Pozzi aber nicht berücksichtigt. Der Entwurf ist die einzige erhaltene Arbeit dieser 15-jährigen Periode.

CarloMariaPozziBerleburg   CarloMariaBossiVergleich
Links: Carlo Maria Pozzi: Entwurf 1735 für Schloss Berleburg. Quelle: Christine Casey (LWL-Archivamt für Westfalen)
Rechts: Antonio Bossi: Entwurf 1735 für die Stuckaturen einer Fensterleibung in der Hofkirche Würzburg. Bleistiftzeichnung. Quelle: Pister 1923.

Residenz Würzburg
In Würzburg listet die Residenzbaurechnung 1736 einen «Bozi, Carl Maria, 190 Gulden, für Stuckadur arbeith» auf. Obwohl in der Zeile darüber der seit 1735 hier tätige Antonio Bossi korrekt mit «Bossi Antonio» und in der Zeile darunter mit «Bossi, Ignatius» ein weiteres Mitglied der Familie aus Porto Ceresio aufgeführt ist, wird «Carl Maria Bozi» in der Kunstgeschichte noch immer als «unbekanntes» Mitglied der bekannten Stuckateurenfamilie Bossi beschrieben.[22] Wie Max Pfister schon 1994 feststellt und 2013 Christine Casey nachweist,[23] ist hier der inzwischen 60-jährige Carlo Maria Pozzi aus Lugano auf der Rechnungsliste von 1736 aufgeführt.
Antonio Bossi,[24] der von Balthasar Neumann aufgrund eines Bewerbungsschreibens des Abtes von Ottobeuren Ende 1734 als Hofstuckateur eingestellt wird, ist zwar 23 Jahre jünger als Carlo Maria Pozzi, aber eindeutig Leiter des umfangreichen Stuckateurtrupps. 1736 arbeiten 14 weitere Stuckateure an der Fertigstellung der Wohnräume des Fürstbischofs im Südblock, vor allem im Obergeschoss der Hofkirche, wo Antonio Bossi selbst die Stuckmarmoraltäre erstellt. Zwei der erwähnten jüngeren Stuckateure folgen Bossi aus Ottobeuren nach Würzburg.[25]
Carlo Maria Pozzi ist 1736 in Würzburg mit 190 Gulden nach dem Hofstuckateur Bossi der bestbezahlte oder meistbeschäftigte Stuckateur dieser Gruppe und der einzige, der nicht im Taglohn arbeitet.[26] Vermutlich handelt es sich um eine Arbeit in der Attikazone der Hofkirche nach Entwürfen von Antonio Bossi.
In Würzburg trifft Carlo Maria Pozzi auf eine völlig neue Barockwelt. Seit dem Regierungsantritt von Fürstbischof Friedrich Karl von Schönborn[27] , der 1734 endgültig von Wien nach Würzburg zieht, sind die zwei Welten der Régencezeit in der Residenz augenfällig sichtbar. Im nur 10 Jahre älteren Nordblock dominiert rational-neutrales französisches Grotesken-Bandelwerk der Brüder Castelli. In der neuen Bischofswohnung des Südblocks herrscht die filigran-zarte und lebendige Régence süddeutsch-österreichischer Prägung, die in der Hofkirche bereits an der Schwelle zum Rokoko steht.[28] Man muss nur den Entwurf der Stuckaturen von Antonio Bossi für die Stuckierung der Hofkirche mit dem gleichzeitigen Entwurf von Carlo Maria Pozzi für Berleburg vergleichen, um zwei völlig unterschiedlichen Kunstwelten vor Augen zu haben. Selbst mit einer grossen Anpassungsfähigkeit dürfte Pozzi in Würzburg keine Befriedigung und auch keine neuen Freunde gefunden haben. Als prestigeträchtigen Auftrag (prestigious commission) darf man diesen wahrscheinlich letzten Auftrag nicht bezeichnen.[29]

Letzte Jahre
Nach 1736 zieht sich Pozzi offenbar nach Lugano zurück, jedenfalls sind keine weiteren Arbeiten bekannt. Es wird angenommen, dass er 1741 oder 1747 hier stirbt.[30]

Einordnung der Werke von Carlo Maria Pozzi
Carlo Maria Pozzi schafft als Stuckateur den Übergang vom plastisch betonten und flächenfüllenden Hochbarock italienischer Prägung in die französisch geprägte Régence schon mit seinen ersten Werken ab 1704. Er verfällt nie der flächigen Anwendung von Bérainschen Grotesken, fügt sie ab 1716 zwar ein, aber immer mit umrandenden Rahmenflächen. So stellt er seine französisch beinflussten Auftraggeber im Rheingebiet zufrieden. Er ist hervorragender Stuckateur in den Residenzen entlang des Mittelrheins und im Mainzer Umfeld und zählt zu den wichtigsten Vertretern des Bandelwerkornaments. Sein Förderer ist Maximilian von Welsch. Carlo Maria Pozzi ist auch guter Zeichner und begründet seinen Ruhm mit der Herausgabe eines Tafelwerks. Dieser Ruhm verhilft ihm in der ersten Hälfte seines über 32-jährigen bekannten Wirkens im Westen Deutschlands zu Honoraren, von denen die gleichzeitig in Süddeutschland wirkenden Altersgenossen nur träumen können. So verdingt der Abt von Ottobeuren 1717 die Stuckatur des grossen Kapitelsaals mit allen Stuckmarmorarbeiten an Johann Baptist Zimmermann für 210 Gulden, während Pozzi 1713 für zwei Decken in Idstein 440 Gulden erhält.[31] Dieser Honorarvergleich ist auch deshalb interessant, weil der Biograph Pozzis, Baron Döry, 1954 einen qualitativen Vergleich mit Zimmermann und den in Süddeutschland tätigen «Welschen» wagt. «Qualitativ gehört er (Pozzi) am Mittelrhein zu den ersten Stuckateuren seiner Zeit, seine besten Leistungen brauchen den Vergleich mit denen eines J. B. Zimmermann, Maini, Retti, Camesina oder Bussi nicht zu scheuen». Mit Döry spricht ein Vertreter der Kunsthistoriker, die Stuck im Sinne der Renaissance als Dekor betrachten. Dies trifft zwar für alle Decken Pozzis um 1720 zu, nicht aber für die zeitgleichen Werke Zimmermanns in Schleissheim. Schon hier ist ein Genie sichtbar, das 1735 in der Amalienburg den Weg in das Rokoko weist. Mit ihm und den von Döry aufgeführten «Welschen»[32] können sich die zu dieser Zeit in den Residenzen des deutschen Westens tätigen Tessiner nicht mehr messen, vor allem, wenn sie wie Carlo Maria Pozzi weder freiplastisch noch in Stuckmarmor tätig sind.

Pius Bieri 2020


Literatur:
Döry, Ludwig Baron: Stuckaturen der Bandelwerkzeit in Nassau und Hessen. Frankfurt am Main 1954.
Döry, Ludwig Baron: Die Tätigkeit italienischer Stuckateure 1650–1750 im Gebiet der Bundesrepublik Deutschland mit Ausnahme von Altbayern, Schwaben und der Oberpfalz, in: Arte e artisti dei laghi lombardi. Como 1964.
Rinn, Barbara: Stuckateure des 17. und 18. Jahrhunderts nördlich des Mains, in: Tagungsbericht ICOMOS. Würzburg 2008.
Jahn, Wolfgang: Stukkaturen des Rokoko. Sigmaringen 1990.
Stevens, Ursula: Francesco Pozzi, 1704 Bruzella – 1789 Castel San Pietro. Mendrisio 2007.
Casey, Christine: Carlo Maria Pozzi, stuccatore, in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte, Band 70, Heft 4. Birmensdorf 2013. http://dx.doi.org/10.5169/seals-389731
Tessiner Künstler in Europa, Webseite von Ursula Stevens: tessinerkuenstler-ineuropa.ch

Web:

Carlo Maria Pozzi im Historischen Lexikon der Schweiz (Autorin: Anastasia Gilardi):
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/025606/2009-11-19/
Andrea Galassini im Historischen Lexikon der Schweiz:
https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/024534/2005-08-22/

Anmerkungen:
[1] Francesco Pozzi (*1647) ist eigentlich nicht Drogist oder Apotheker im heutigen Sinn. Er ist «speziale», also Händler für Farbpigmente und Bindemittel, die wie in Apotheken in Gläsern aufbewahrt werden. 1673 heiratet er Maria Caterina Splendore aus der Valle Calanca, einem bei Roveredo abzweigenden Seitental des Misox. Carlo Maria ist ihr zweiter Sohn. Das Ehepaar hat 1673–1688 sechs Söhne und drei Töchter (Quelle: Forschungen Anastasia Gilardi).

[2] Zu Castel San Pietro siehe die Webseite von Ursula Stevens unter tessinerkuenstler-ineuropa.ch

[3] Francesco Pozzi ist ein Neffe zweiten Grades von Carlo Maria. Er ist bevorzugter Stuckateur des Ordensbaumeisters Johann Caspar Bagnato. Seine Söhne schaffen den Übergang zum Klassizismus. Joseph Anton Pozzi wirkt in Mannheim, Carlo Luca Pozzi in Süddeutschland, in der Schweiz und in Italien, während Domenico Pozzi als Maler bekannt wird. Der 1734 geborene zweite Sohn wird mit dem Namen Carlo Maria Luca getauft, vielleicht zu Ehren des älteren Verwandten. Zu den erwähnten Mitgliedern der Künstlerfamilie Pozzi sind in dieser Webseite die Biografien abrufbar.

[4] Giovanni Francesco Splendore ist Maler. Seine Lebensdaten sind unbekannt. Ihm werden die Fresken der Servitenkirche in der Wiener Rossau zugeschrieben. Stuckateur ist dort 1669/70 Giovanni Battista Barberini (1625–1692) aus Laino Val d'Intelvi.

[5] Giovanni Pietro Magni (1655–1722/24) aus Bruzella und Castel San Pietro. Sein Hauptwerk ist das (zerstörte) Stuckkleid im Kiliansdom von Würzburg. Sein Name wird in Deutschland wie üblich mit der Endung «o» (Magno) verfälscht. Seine Schwester Margarita heiratet Domenico Antonio Pozzi (1644–1678), einen Grossonkel zweiten Grades von Carlo Maria Pozzi. Zu Magni siehe die Biografie von Ursula Stevens unter tessinerkuenstler-ineuropa.ch. Die Arbeitsorte von Magni bis zu seiner Anstellung 1699 in Würzburg sind bisher unbekannt. Vermutet wird eine Mitarbeit bei Giovanni Battista Brenni (1649–1712) aus Salorino, tätig in Thüringen und ab 1690 in Franken. Zu Brenni siehe die Biografie in dieser Webseite.

[6] Während der Lehrzeit von Carlo Maria um 1688/89–1682/93 in Franken tätige Stuckateure sind: Bernardo Quadri (1650–1713) aus Lugano, Hofstuckateur in Bayreuth; Donato Polli (1663–1738) aus Muzzano bei Lugano, seit 1690 mit Werkstatt in Nürnberg; Giovanni Battista II Brenni (1649–1712) aus Salorino, tätig ab 1690 in Franken. Giovanni Battista Carloni und Paolo d'Allio kommen erst 1695 aus dem Passauischen nach Waldsassen, ihre Werkstatt ist nie in Franken tätig.

[7] Giovanni da Paerni, auch Pahernius, wird in Deutschland Paerna, Baerna, Bajerna oder Bojerna genannt. Die Familie stammt aus Balerna im Süden des Tessins. Hier wird er am 5. Dezember 1648 als Sohn von Marco Paerni geboren. Der Kanonikus von Balerna, Victor Pahernius, ist am 2. Mai 1655 Taufpate von Giovanni Pietro Magni in Bruzella. 1698 ist ein Cosma Pahernius aus Balerna Taufpate der Tochter von Magni. Die Verbindung der Familie Paerni mit Giovanni Pietro Magni ist damit offensichtlich (Quellen: Ursula Stevens). Giovanni da Paerni signiert 1686 in der Burgkapelle Greifenstein im Lahntal die hochbarocke Stuckatur mit «IOVANNI DE PAERNI FECIT». Seine Wege führen dann (Quelle: Döry) über Schloss Montabaur in Kurtrier (1693, mit Johann Christian Sebastiani als Baumeister) ins Nassauische, wo er 1695/96 in den Residenzschlössern Idstein und Wiesbaden arbeitet. Ein Stuckateur gleichen Namens ist 1707 als «Arbeiter» von Eugenio Castelli und Giovanni Battista Genone im Schloss Philippsruhe zu Hanau tätig. Dieser wird in der Folge als Stuckateur der Régence bis 1733 erwähnt (1716 Wiesentheid, 1722 Münsterschwarzach, 1722/23 Obertheres, 1724/25 Maria Hilf ob Neumarkt in der Oberpfalz). Es könnte die gleiche Person, wohl aber eher ein Familienangehöriger des 1686 selbstbewusst signierenden Meisters sein.

[8] Eugenio Flaminio Castelli (1669–1761) aus Melide bei Lugano. Stuckateur der Régence im Rheinland. Zu ihm siehe den PDF-Beitrag in dieser Webseite.

[9] Giovanni Battista Artari (1664–um 1730) aus Arogno im Tessin. Zu ihm siehe die Kurzbiografie in dieser Webseite.

[10] Giovanni Battista Genone (1656–nach 1715) aus Arogno im Tessin. Zusammenarbeit mit Artari 1701–1706, dann mit Castelli 1706–1715.

[11] Das Jesuitenkolleg ist heute Rathaus der Stadt Koblenz. Baumeister des Gymnasiums ist der kurtrierische Hofbaumeister Johann Christoph Sebastiani. Die Treppenhausdecke ist erhalten, während die grössere Aula schon im 19. Jahrhundert bei einem Rathausumbau zerstört wird.

[12] Lazaro Maria Sanguinetti (um 1660–um 1740) aus Genua. Der Maler wird 1692 als Begleiter von Domenico Egidio Rossi bei einem Raufhandel mit dem Stuckateur Pietro Palliardi in Prag erwähnt. Er erstellt 1693 in Montabaur sein erstes Werk im Westen Deutschlands. Mit Carlo Maria Pozzi ist er 1709 in Weilburg wieder nachgewiesen.

[13] Luca Antonio Colomba (1674–1737) aus Arogno wird vermutet, weil der Maler «Lucaes» genannt wird. Colomba ist allerdings zu dieser Zeit vorwiegend in Österreich und Ungarn tätig. Die Deckenbilder in Koblenz sind in schlechtem Zustand, stark übermalt und wahrscheinlich darunter auch stark zerstört. Ein Vergleich mit den zeitgleichen Fresken Colombas in Frauenkirchen (Burgenland) ist bisher nicht vorgenommen worden. Seine erste gesicherte Arbeit im Westen sind die Fresken der Stiftskirche Fulda (Stuckateur: Giovanni Battista Artari). Zu Luca Antonio Colomba siehe die Biografie in dieser Webseite. Es könnte sich bei dem Maler «Lucaes» um Bartolomeo Lucchese handeln (freundliche Mitteilung Ursula Stevens). Zu Lucchese siehe die Biografie in dieser Webseite und die Seite von Ursula Stevens: tessinerkuenstler-ineuropa.ch.

[14] Giovanni Francesco Guernieri (um 1665–1745) aus Rom. Er ist Stuckateur, nennt sich Architekt, und wird 1701 vom hessischen Landgrafen aus Rom nach Kassel mitgenommen, wo er als Baumeister für das riesige Herkules-Oktogon auf der Wilhelmshöhe mit den Kaskaden tätig ist, sich dann aber nach 1711 wegen Baumängel nach Rom absetzt.

[15] Julius Ludwig Rothweil (1676–1750), vielleicht Elsässer und in Paris in Baukunst ausgebildet, ist 1701 als Planer des Schlosses Philippsruhe in Hanau gesichert. Stuckateure sind hier Eugenio Flaminio Castelli und Giovanni Battista Genone. 1702–1719 ist Rothweil Baumeister des Schlossneubaus in Weilburg. Sein Schüler ist jetzt der Stuckateur Andrea Galassini (siehe unten). Hier arbeitet 1704–1705 auch Carlo Mario Pozzi. Rothweil ist anschliessend Baumeister der Schlossresidenzen Neuwied (Stuck Andrea Galassini, Eugenio Flaminio Castelli und Giovanni Battista Genone), Arolsen (Stuck Andrea Galassini) und verschiedener Kirchenbauten.

[16] Andrea Galassini (1680–1766) aus Lugano. Stuckateur, sein Name wird in Deutschland zu Gallasini verfremdet. Ab 1701 ist er Schüler von Baumeister Julius Ludwig Rothweil, 1720 Hofbaumeister des Fürststifts Fulda.
Siehe zu Galassini die Biografie im HLS.

[17] Der Fürstpropst von Ellwangen, der auch Fürstbischof von Worms ist (zudem Fürstbischof von Breslau, auch Hoch- und Deutschmeister), kämpft 1710 in Mainz um die Wahl zum Koadjutor (dem Nachfolger des Kurfürsten Lothar Franz von Schönborn). Er hält sich zum Zeitpunkt der Ellwanger Stuckierung deshalb mehrheitlich in Mainz auf. Er beauftragt den Oberbaudirektor des Mainzer Kurfürsten, Maximilian von Welsch, mit der Leitung der Bauarbeiten in Ellwangen. Obwohl alle Entscheidungen über die Künstler bei ihm fallen, dürfte der Beizug von Carlo Maria Pozzi und des Malers Melchior Steidl eher auf Empfehlungen des Baumeisters beruhen. Beide soll Welsch schon von der heute zerstörten Favorite in Mainz kennen. Tatsächlich malt dort Steidl im «Rheinschlösschen». Pozzi ist zwar nicht erwähnt, aber als Stuckateur vor 1710 durchaus denkbar. Zu Maximilian von Welsch und zu Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg siehe die Biografien in dieser Webseite. Zum Bauwerk siehe den Baubeschrieb «Wallfahrtskirche Maria Loreto auf dem Schönenberg in Ellwangen» in dieser Webseite.

[18] Melchior Paulus (1669–1745) aus Ellwangen. Stuckateur und Bildhauer mit Werken in Ellwangen, Zwiefalten und Ehingen. Er muss die Stuckaturen in Ellwangen 1711 nach dem Riss von Pozzi ausführen. Dazu reist Paulus 1710 eigens nach Fulda, um dort die Arbeitstechnik Pozzis zu studieren.

[19] Völlig anders beurteilen die noch immer klassisch geschulten Kunsthistoriker wie Baron Ludwig Döry die Arbeiten. Erst das Einbrechen des reinen Bandelwerks ab 1716 in Idstein beurteilt er als Fortschritt. Die Decke in Koblenz von 1704 ist für ihn noch hochbarocker «Horror vacui». Er beschreibt die Stuckaturen damit ähnlich wie die Delegierten von Philippsruhe, die 1706 die Arbeiten von Pozzi in Weilburg als zwar schön, aber noch mit zu vielen Figuren und Blätter beurteilen. Hingegen zerreisst die Delegation die hochbarock-süddeutsch geprägte (heute zerstörte) Arbeit des hervorragenden Bamberger Stuckateurs Vogel in der Mainzer Residenz förmlich. Sie ist der Überzeugung, dass sich Vogel seines schlechten Geschmacks sicher bewusst sei.

[20] Decker 1711: «Plafond des ersten Vorgemaches vor dem Audienz Zimmer».

[21] Die königliche Residenz Hirschholm bei Kopenhagen ist ein Bau der Jahre 1733–1739, wofür der Vorgängerbau schon 1733 abgebrochen wird. In diesen Vorgängerbau investiert König Christian VI. noch erhebliche Summen für die Modernisierung, um dann 1733 den Neubau zu beschliessen, der seit 1810 ebenfalls abgebrochen ist. Im Vorgängerbau könnten Pozzi und die beiden ebenfalls erwähnten Stuckateure Carlo Fossati und Giovanni Andreoli 1731 beteiligt sein. Am Neubau von 1733–1739, dessen Stuckaturen frühestens 1735 möglich sind, ist sicher Giovanni Andreoli und wahrscheinlich auch Fossati, nicht aber Pozzi beteiligt.

[22] Ein Carlo Maria Bossi als Stuckateur ist ausser dieser fälschlichen Nennung völlig unbekannt. Die Verwechslung hat Gründe in der damaligen Schreibung des Namens. Pozzi wird in Akten der Zeit selten richtig geschrieben. So nennt in Arlesheim noch 1760 ein Dokument Joseph Anton Pozzi als «D. Jos. Ant. Boozi». Die Mitglieder der Familie Bossi sind dagegen in allen Quellen seit 1727 immer mit der korrekten Schreibweise erfasst. Beispiele: «Antonius Bossi» in Ottobeuren 1727–1733 (Gabriel Dischinger in: Ottobeuren, Quellenband III, München 2011). «Antony Bossi aus Maylandt» in der Bestallung von Balthasar Neumann am Würzburg 18. Dezember 1734. Auch der in Nürnberg und Bayreuth tätige Pietro Ludovico Bossi wird in den Dokumenten entweder als «Luduigo Bossi» oder als «Pietro Luigio Bossi» geführt. (Wolfgang Jahn in: Stukkaturen des Rokoko, Seiten 333–335 und 357–358). Max Pfister weist schon 1994 im «Repertorium der Magistri Luganesii» auf diese Würzburger Verwechslung hin.

[23] Christine Casey, Associate Professor in Architectural History, Trinity College Dublin, 2013.
Text unter http://dx.doi.org/10.5169/seals-389731 abrufbar.

[24] Antonio Bossi (1699–1764) aus Porto Ceresio. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.

[25] Es sind Giovanni Battista Pedrozzi (1711–1778) aus Lugano und Antonio II Quadri (18. Jh.) aus Agno.

[26] Ein Entwurf, wie es noch Max Pfister 1994 vermutet, ist mit der Höhe dieser Zahlung ausgeschlossen. Die Zahlungen 1736 sind: Bossi 341 Gulden; Pozzi 190 Gulden; Pedrozzi für 37 Wochen 136 Gulden; Quadri für 32 Wochen 128 Gulden. Die Taglohnansätze schwanken zwischen 10 Kreuzer für den Lehrling (Ignatio Bossi) bis zu 4 Batzen für den leitenden Gesellen (Quadri). Der Würzburger Gulden steht im Verhältnis 5:4 zum Rheinischen Gulden.

[27] Friedrich Karl Graf von Schönborn (1674–1746) ist 1729–1746 Fürstbischof von Würzburg und Bamberg. Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.

[28] Alle Räume der Bischofswohnung des Südblocks sind seit 1806 zerstört. Im Nordblock arbeiten 1723-1726 die Brüder Giovanni Pietro und Carlo Antonio Castelli. Die Räume werden 1779 unter Beibehaltung von Arbeiten der Castelli klassizistisch umgestaltet und nach 1945 teilweise rekonstruiert. Mehr dazu siehe unter «Giovanni Pietro Castelli» oder «Residenz Würzburg» in dieser Webseite.

[29] Christine Casey 2013. Sie irritiert auch mit der Aussage, dass Würzburg und Antonio Bossi 1736 den Schwanengesang des europäischen Barocks (swan song of the European baroque) einläutet. Für die französische Régence stimmt dies sicher, im katholischen süddeutsch-österreichischen Barock beginnt aber jetzt ein vierzigjähriger spätbarocker Höhenflug mit der Rocaille-Dominanz.

[30] Ohne weitere neu entdeckte Quellen dürfte der Eintrag von Anastasia Gilardi im Historischen Lexikon der Schweiz richtig sein: «nach 1736». Auch der Sterbeort Lugano ist eine Annahme.

[31] Die Akkorde sind im Wortlaut erhalten. Beide Arbeiten können noch heute verglichen werden. Der Akkord des Kapitelsaals umfasst die Marmoriererarbeit an sechs Stuckmarmorsäulen und die Stuckaturarbeit in den 31-teiligen Kreuzgewölben (145 Quadratmeter) mit acht Ovalreliefs, deren Thema noch offengelassen wird. Zimmermann muss zudem für das Material selbst aufkommen. Demgegenüber kann Pozzi in Idstein für zwei leicht gewölbten Decken (120 Quadratmeter) und ohne Stuckmarmorarbeit mehr als doppelt soviel verlangen. Ihm werden zudem alle Materialien vergütet. Die zusätzliche Übernahme von Kost und Logis durch den Bauherrn ist nur in Idstein ausdrücklich erwähnt, dürfte aber auch in Ottobeuren Usanz sein.

[32] Döry nennt: Carlo Andrea Maini aus Arogno (Kaisersaal Ottobeuren 1722); Santino Bussi aus Bissone und Alberto Camessina aus San Vittore (1722 Oberes Belvedere in Wien); Donato Riccardo Retti aus Laino, Val d'Intelvi (1717 Ludwigsburg, östliche Galerie nach Entwurf von Frisoni).



Chronologie der Arbeitswege von Carlo Maria Pozzi
Die Daten nach Döry, mit Ergänzungen (Hirschholm, Würzburg)

Jahr Ort, Bauwerk Beschrieb der Tätigkeit Bauherr
1700–
1701
Koblenz. Jesuitenkolleg. Neubau Gymnasium. Stuckaturen im Treppenhaus (erhalten) und in der Aula (zerstört). Baumeister: Johann Christoph Sebastiani. Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck
1702 Kassel. Wilhelmshöhe.
Neubau Herkules-Oktogon.
Entwürfe für den römischen Bauleiter Guernieri? Keine Ausführung, Pozzi wird hintergangen. Landgraf Karl von Hessen-Kassel
1703 Weilburg. Schloss? Kamin und Gesims im Blauen Gemach. Zahlung 45 Gulden. Arbeit nicht erhalten. Graf Johann Ernst von Nassau-Weilburg
1704 Weilburg. Schloss. Orangerie-Neubau. Stuckaturen, hauptsächlich im Saal des Mittelpavillons. Honorar 506 Reichtaler oder 759 Gulden.* Beteiligt ist Andrea Galassini. Baumeister: Julius Ludwig Rothweil. Graf Johann Ernst von Nassau-Weilburg
1705 Wabern. Jagschloss.
Neubau.
Stuckarbeit, deren Umfang unklar ist, weil gleichzeitig mehrere Teams arbeiten. Die Arbeiten sind nicht erhalten. Landgraf Karl von Hessen-Kassel
1706–
1707
Kopenhagen. Königliches Schloss Rosenborg. Umbau.  Stuckarbeiten in Räumen des Erdgeschosses. Die Decke im Ball- oder Rittersaal ist erhalten. Der Superintendent Wilhelm Frederik von Platen (1667–1732) ist Vermittler. König Frederik IV. von Dänemark
1708
und
1710
Fulda. Stiftkirchen- und Residenzneubau. Baumeister ist Johann Dientzenhofer. Stuckateur der Kirche ist Giovanni Battista Artari. Mitarbeit? Planungen? Die Arbeiten und der Arbeitsort sind nicht erfasst. Fürstabt in Fulda Adalbert von Schleifras
1709? Mainz. Favorite. Rheinschlösschen5 Vermutung! Keine Quellen für Pozzi als Stuckateur! Baumeister ist Maximilian von Welsch, der im Rheinschlösschen als Freskant Melchior Steidl einsetzt, dann aber auch Pozzi nach Ellwangen empfiehlt. Kurfürst Lothar Franz von Schönborn
1710 Ellwangen. Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg. Umbau. Planung neuer Gewölbestuckaturen nach einem Brand. Baumeister ist Maximilian von Welsch. Steidl ist Freskant. Keine Ausführung durch Pozzi wegen zu hohem Angebot. Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg
1711 Biebrich am Rhein bei Wiesbaden. Schloss. Baumeister ist Maximilian von Welsch. Erste kleinere Stuckaturarbeiten (Honorarangebot 45 Reichstaler). Fürst Georg Emanuel von Nassau-Idstein
1711 Ehrenbreitstein Koblenz.
Schloss Philippsburg.
Im heute zerstörten Residenzbau erstellt Carlo Maria Pozzi für 326 Reichstaler oder 489 Gulden die Stuckaturen. Kurfürst Johann Hugo von Orsbeck
1713 Mergentheim. Deutschordensschloss. Stuckaturen in einem Erdgeschoss-Saal. Baumeister ist Maximilian von Welsch. Vielleicht nur Entwurf. Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg
1713–
1720
Idstein. Residenzschloss auf der Burg. Innenausbau des Schlosses von 1634. Baumeister ist Maximilian von Welsch. Fünf der von Pozzi stuckierten Räume sind erhalten. Honorar 960 Gulden.* Freskanten sind Luca Antonio Colomba und Valentin David Albrecht. Fürst Georg Emanuel von Nassau-Idstein
1715
(um)
Winkel im Rheingau. Schloss Vollrads. Stuckaturen in zwei Räumen des Gartengebäudes, von denen auch ein Deckenentwurf erhalten ist.  Johann Erwein von Greiffenclau
1717–
1721
Biebrich am Rhein bei Wiesbaden. Galeriebau des Residenzschlosses. Baumeister ist Maximilian von Welsch. Umfassende Stuckaturarbeiten, heute nur fragmentarisch erhalten. Honorarvereinbarung 2150 Gulden.* Freskant (Rotunde) ist 1719 Luca Antonio Colomba. Fürst Georg Emanuel von Nassau-Idstein
1719–
1721
Geisenheim. Schloss Johannisberg. Neubau, 1826/35 umgebaut und 1942 zerstört. Anstelle des ehemaligen Klosters von Andrea Galassini neu gebaut. Johann Dientzenhofer baut die barocke Kirche. Der grössere Teil der Stuckaturen ab 1721 von Andreas Schwarzmann. Seit 1942 ist alles zerstört. Fürstabt von Fulda, Konstantin von Buttlar
1720
1722–
1724,
1727
Fulda.
Residenz. Kaisersaal und Orangerie
Baumeister sind Maximilian von Welsch und Andrea Galassini. Mitarbeit? Planungen? Die Arbeiten sind nicht erfasst. Stuckateur der Orangerie (nach 1730) ist Andreas Schwarzmann. Fürstabt in Fulda, Konstantin von Buttlar
1723–
1724
Mannheim. Kurfürstliche Residenz. Neubau. Stuckaturen (völlige Zerstörung im Zweiten Weltkrieg). Gleichzeitig arbeitet hier Eugenio Flaminio Castelli. Kurfürst Karl III. Philipp von der Pfalz
1726
(um)
Mainz. Kurfürstliche Residenz. Nordflügel. Fotografisch dokumentierte Stuckaturen. Die Leitung hat Maximilian von Welsch. Völlige Zerstörung 1942. Kurfürst Lothar Franz von Schönborn
1729
(vor)
Worms. Dom St. Peter.
Wiederherstellung nach Brand 1698.
Stuckaturen (im Westchor?). Sie verschwinden spätestens mit dem Abbruch und Wiederaufbau 1902. Fürstbischof Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg
1731
Hørsholm bei Kopenhagen.
Schloss Hirschholm
Stuckaturen im königlichen Schloss, wahrscheinlich im schon 1733 abgebrochenen Altbau. (Neubau 1733–1739, Abbruch 1810).  König Christian VI. von Dänemark und Norwegen
1735 Berleburg (heute Bad Berleburg NW). Schloss-Neubau. Planender Baumeister ist Julius Ludwig Rothweil. Zwei Entwurfszeichnungen, in Lugano angefertigt, sind erhalten. Sie bleiben bei der späteren Ausführung unberücksichtigt. Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg
1736
Würzburg. Residenz. Neubau Hofkirche Die Planer sind Johann Lucas von Hildebrandt mit Balthasar Neumann. Seit 1735 ist Antonio Bossi in Würzburg Hofstuckatur. 1736 wird «Carlo Maria Bozi» mit 190 Würzburger Gulden bezahlt. Es ist Carlo Maria Pozzi aus Lugano. Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn

* Die Honorarangaben immer ohne die zusätzlich vereinbarten Naturalleistungen (Kost und Logis, auch für die Mitarbeiter, Pferd zum Besuch von katholischen Gottesdiensten etc.)

Das Erstlingswerk von Carlo Maria Pozzi im Treppenhaus des
Jesuitenkollegs Koblenz (1700)

Ausschnitt Mitte
Foto: Holger Weinandt 2011
Der Stuckateur Carlo Maria Pozzi aus Lugano schafft früh den Übergang vom plastisch betonten und flächenfüllenden Hochbarock italienischer Prägung in die französisch geprägte Régence. Sein erstes Werk im Koblenzer Jesuitengymnasium von 1704 lässt die neue Richtung bereits erkennen. Mit einem 1708 veröffentlichten Stichwerk begründet er seinen Ruhm. Er zählt in den ersten 16 Jahren seines bekannten Wirkens zu den besten Stuckateuren in den Adels-Residenzen entlang des Mittelrheins und im Mainzer Umfeld. Seine Arbeitswege führen ihn bis nach Dänemark. Seine Werke sind fast immer ornamentale Deckenstuckaturen, freiplastische oder Stuckmarmorarbeiten sind von ihm nicht bekannt.
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