Die Orgelbauerfamilie Leu aus Augsburg

Christoph Leu der Ältere (um 1640– um 1710)
Johann Christoph Leu (1675–1749)
Leonhard Gottlieb Leu (1678–1754)

Christoph Leu der Ältere (um 1640 – um 1710)

Name, Herkunft und Werkstattgründung
Die Schreibweise des Familiennamens Leu ist schwankend und reicht von Leu, Lew, Löw, Leüw bis Leo. Der erste Familienvertreter Christoph Leu «der Ältere» wird um 1640 in Clausthal geboren. Die Einwohner der kleinen Stadt im Harz, drei gute Wegstunden südlich von Goslar gelegen, leben vom Bergbau. Sie beuten die Silber-, Blei- und Kupfererze des Harzes aus. Der Vater von Christoph Leu ist Eisen- und Silberschmied. Die Lehrmeister und der Lehrort des jungen Christoph sind unbekannt. Als er 1661 erstmals in Augsburg als Orgelbauer in einen Konflikt mit der Kistlerzunft gerät, kann er einen Lehrbrief als Orgelbauer vorweisen. Er ist auch Instrumentenmacher und Verfertiger von Musikautomaten mit Stiftwalzen. Zu dieser Zeit beschäftigt er einen Kistlergesellen und einen Orgelmacher. Dem Verbot einer Tätigkeit in Augsburg kommt er Anfang 1662 mit der Heirat der Augsburger Bürgerstochter Katharina Schmiz zuvor.

Familie

Schon früh stirbt die erste Ehefrau. Leu heiratet 1666 die ledige Bürgerstochter Dorothea Hering. Das fünfjährige Mädchen aus erster Ehe wird in Pflege gegeben. Von 1667 bis 1678 hat Leu in der neuen Ehe vier Kinder. Die beiden jüngsten Söhne, der 1675 geborene Johann Christoph und der 1678 geborene Leonhard Gottlieb lernen später das Handwerk beim Vater. Christoph Leu wohnt ab 1680 mehrheitlich auswärts, zahlt aber bis 1706 die Steuern in Augsburg.


Orgelbauer in Schwaben und in der Schweiz 1667–1708

Eine erste nachweisbare Arbeit als Orgelbauer ist in der Abteikirche von St. Mang in Füssen nachweisbar, wo er 1667 eine Orgel repariert. Seine Tätigkeit als Instrumentenmacher dürfte in den ersten Augsburger-Jahren die Hauptbeschäftigung gebildet haben.

Rot an der Rot 1669–1671
Den ersten grösseren Auftrag kann Leu in der Prämonstratenser-Abteikirche Rot an der Rot realisieren. Abt Friedrich Rommel erteilt ihm 1669 den Auftrag für die neue Hauptorgel mit 14 Registern, aber auch für zwei «Clavi-Cimbali». Dem Orgelbauer dürfte sein Ruf als Musik-Instrumentenbauer zu diesem Auftrag verholfen haben. Für die Arbeit stellt ihm das Kloster ein gutes Zeugnis aus.

Wohnsitz in Lindau
Um 1679 verlegt Leu seine Werkstatt in die Reichsstadt Lindau am Bodensee, bleibt aber weiterhin Bürger von Augsburg. Er wird zwischen 1680 und 1688 als Orgelmacher von Lindau bezeichnet. Als er 1680 den Auftrag für die Orgel in Biberach erhält, kann er nicht sofort beginnen, weil er noch Verpflichtungen in der Benediktinerabtei Mehrerau erfüllen muss. Über diese Arbeit wie auch über Aufträge in Lindau sind aber keine Quellen vorhanden. In den Lindauer Jahren baut er 1680–1681 in der simultanen Stadtpfarrkirche von Biberach die Orgel um und kann für die evangelische Stadtpfarrkirche in Leutkirch 1687–1688 die neue Orgel mit 10 Registern bauen.

Schussenried 1682–1696
Für die Hauptorgel in der Prämonstratenser-Abteikirche St. Magnus in Schussenried (heute Bad Schussenried) arbeitet Leu 1683. Ihm wird hier eine neue Orgel zugeschrieben, zu der aber die Quellen fehlen. Sie muss 1682 durch den wegen Geldverschwendung im Mai 1683 zur Resignation gezwungenen Abt Vinzenz Schwab bestellt worden sein. Eine Notiz des Paters Innozenz von 1683, «eben diesen Frühling ist unsere neue Orgel von Herren Christophoro Löw, einem geborenen Braunschweiger, ausgemacht worden» weist auf die neue Orgel hin. In der gleichen Notiz charakterisiert der Pater den Orgelbauer mit den Worten «Fuit vir bonus, sed Lutheranus, homo de cetero toriturnus et totus meditabundus» (Er war ein guter Mann, obwohl Lutheraner, im Übrigen ein etwas verknorzter und introvertierter Mensch). Der nachfolgender Abt Tiberius Mangold bestätigt Leu eine fünfwöchige Zusatzarbeit im Herbst 1683 an der grossen Orgel. Er bestellt 1693 zusätzlich eine kleine Chororgel mit fünf Registern.
Auch für die Wallfahrtskirche der Abtei Schussenried in Steinhausen kann Leu 1693 ein Positiv mit sechs Registern liefern.

Rot an der Rot 1688–1693
Beim Klosterbrand von 1681 wird auch die erst zehn Jahre alte Orgel der Abteikirche zerstört. Der Wiederaufbau wird von Abt Martin Ertle geleitet. Er erteilt Leu 1688 den Auftrag für die neue Orgel mit 17 Registern. Die Notizen des Abtes zu den Kosten verweisen auf die damalige Praxis bei Orgelneubauten. Die Offerte des Orgelbauers mit Disposition und Beschrieb ist Grundlage des Akkords. Leu erhält für Material und Arbeit nach Abnahme des funktionierenden Instrumentes 900 Gulden. Das Kloster übernimmt Kost und Logis für den Orgelbauer (am Herrentisch) und für seine Gehilfen (am Brüdertisch). Auch die Kosten für das Prospektgehäuse, dessen Bildhauerarbeit und Fassungen übernimmt das Kloster. Die Gesamtkosten belaufen sich damit bis zur Fertigstellung Ende 1689 auf 2260 Gulden.
1692 verdingt der Abt auch eine Chororgel für 350 Gulden an Leu, welche dieser 1693 aufstellt.

Wohnsitz in Memmingen
1688, kurz nach dem Vertragsabschluss in Rot an der Rot, nimmt Leu mit seiner Familie Wohnsitz in der nahen Reichstadt Memmingen. In seiner Werkstatt, die er Officin nennt, lässt er nun ganze Orgelpositive und auch Teile von Orgeln vorfabrizieren. Die Methode ist ihm dank seinem Musik-Instrumentenbau nicht fremd. Gegenüber der damaligen Usanz der Orgelbauer, mit der Familie an den jeweiligen Arbeitsort zu reisen, ist diese Methode äusserst modern. So kann Leu, als Beispiel, ein sechsregistriges Positiv innert zweieinhalb Monaten von Memmingen nach Augsburg liefern. Die Kirchenpflege von St. Anna bestellt es im April 1700, schon im Juni kann es an Ort aufgestellt und gestimmt werden. Die Lagerfabrikation kann auch die üblichen Ertragsausfälle während den Aufträgen verhindern, wie dies der Orgelbauer Joseph Gabler 1760 in Memmingen erleben muss. Nach einer Instandsetzung des Orgelwerks in der Stadtpfarrkirche St. Martin muss der berühmte Orgelbauer beim Rat melden, dass er mittellos sei und die Steuern nicht bezahlen könne.
Diese Orgel von St. Martin in Memmingen wird schon 1692 durch Christoph Leu repariert. Leu hat im Gegensatz zu Gabler keine Geldsorgen, er begegnet in Memmingen Schwierigkeiten anderer Art. Er streitet, wie schon vorher bei anderen Orgelbauten, mit dem Organisten und besteht auf einer Expertise. Auch holt er beim Rat keine Genehmigung für die Verheiratung seines Sohnes Johann Christoph mit einer Bürgertochter ein. Schon früh beschwert er sich beim Rat über abschätzige Bemerkungen von Memminger Bürgern zu seinen Gesellen. Leu scheint nicht zu den pflegeleichten Zeitgenossen zu zählen.

Hofen 1698–1707
Die Prioratskirche Hofen bei Buchhorn, der heutigen Schlosskirche Friedrichshafen, wird von der Benediktinerabtei Weingarten seit 1695 neu gebaut. 1698 erhält Leu von Abt Sebastian Hyller den Auftrag für die neue Hauptorgel mit 20 Registern auf der Westempore. Die Akkordsumme, wie immer ohne Gehäuse, Bildhauer- und Malerarbeiten, ohne Kost und Logis, auch ohne Transportkosten von Memmingen nach Hofen, beträgt 1850 Gulden. Leu stellt die Orgel Ende 1701 gemeinsam mit seinem Sohn Leonhard Gottlieb auf und stimmt sie Anfang 1702. Sie hat ein trauriges Schicksal. Das Priorat wird nach der Säkularisation Sommersitz des württembergischen Königs. Dieser schenkt die Orgel 1817 nach Tuttlingen, wo ihre letzten Reste 1903 verschwinden.
1706 wird mit Christoph Leu und nun auch mit Leonhard Gottlieb Leu ein neuer Akkord für die Chororgel von 830 Gulden geschlossen. Diese Orgel mit sieben Registern wird 1707 aufgestellt.

Letzte Arbeiten in St. Gallen und Wil 1701–1708
1701 ist Christoph Leu in der Fürstabtei St. Gallen anzutreffen, wo er während fünf Wochen das grosse Orgelwerk und ein Positiv revidiert. Ob sich daraus der nächste Auftrag in der Äbtestadt Wil entwickelt?[1] Vom dortigen Rat erhält er 1703 für die Stadtpfarrkirche St. Nikolaus den Auftrag zur Erstellung einer siebenteiligen Orgel mit fünfteiligem Oberwerk und 24 klingenden Registern. Gleichzeitig wird ihm eine Chororgel mit fünf Feldern und 12 Registern übertragen. Dieser bisher grösste Auftrag des Orgelbauers Leu wird mit 2410 Gulden verdingt. Ihm wird die alte Orgel von 1602 als Teilentgelt überlassen. Weil er aber Lutheraner ist, werden die bildlichen Darstellungen der Flügeltüren zurückbehalten.[2] Leu stellt die beiden neuen Orgeln zusammen mit seinem Sohn Leonhard Gottlieb 1706 auf. 1708 werden Vater und Sohn nochmals für vier Wochen nach Wil gerufen, um Ergänzungen vorzunehmen.

Lebensabend, Schicksal der Orgelwerke
Mit der Arbeit in Wil ist Christoph Leu 1708 zum letzten Mal aktenkundig. Über eine weitere Tätigkeit ist nichts mehr bekannt. Er könnte noch bei einem seiner Söhne gearbeitet haben, über deren Wirken aber bis 1710 nichts bekannt ist. Sein Todesjahr und auch der Ort sind bisher nicht erforscht.
Von seinen vielen Werken ist kein einziges erhalten. Auch alle nach seinen Entwürfen gebauten Prospektgehäuse sind mit einer einzigen Ausnahme abgebrochen. Als einziger Orgelprospekt, der trotz dem Umbau von 1723/25 im Aufbau noch auf ihn zurückgeht, gilt die Hauptorgel von St. Magnus im heutigen Bad Schussenried.

Pius Bieri 2025


Literatur

Jakob, Friedrich: Die Orgelbauerfamilie Leu aus Augsburg und ihre Werke, in: Die Klosterkirche Rheinau. Die Orgeln und ihre Restaurierung.
Ausführliche Biografie der Orgelbauerfamilie. Hauptgrundlage der vorliegenden Zusammenfassung.


Anmerkungen:

[1] Stadtherr von Wil ist die Fürstabtei St. Gallen. Die Stadt geniesst grosse Autonomie, die Freiheiten führen aber im 18. Jahrhundert zu einer Verselbstständigung des Rates und zu seiner Titulierung als «Gnädige Herren».

[2] Das hübsche Detail zeigt, dass der Rat von Wil glaubt, die Lutheraner hätten wie die zürcherischen Zwinglianer ein absolutes Bilderverbot.




Verzeichnis der bekannten Orgelneubauten von Christoph Leu d. Ä.

Jahr Ort Werk Veränderungen
1669-
1671
Rot an der Rot
Prämonstratenserabtei,
Abteikirche St. Verena.
Neue Westemporen-Orgel II/P/14, Akkord 750 Gulden. Gesamtkosten 2000 Gulden. Zerstörung beim Klosterbrand 1681.
1687–
1688
Leutkirch
Evangelische Stadtpfarrkirche
zur Hl. Dreifaltigkeit.
Neue Orgel, 10 Register, in der Predigtsaal-Kirche über dem Altar, Akkord 975 Gulden. 1838 neues Werk von Kiene,
1857 Abbruch, neues Werk und neugotischer Neubau des Prospekt-Gehäuses.
1682–
1683
Schussenried
Prämonstratenserabtei,
Abteikirche St. Magnus,
Westemporen-Orgel.
Neue Orgel, ohne Quellen zu ihrer Disposition. 1723/25 wird das Gehäuse  bildhauerisch verändert und erhält ein neues Werk, bleibt aber im Aufbau bestehen.
1693 Steinhausen, Wallfahrtskirche des Klosters Schussenried. Orgelpositiv mit sechs Registern. Nicht erhalten.
1696 Chororgel.
Neubau mit fünf Registern.
Nicht erhalten.
1688–
1693
Rot an der Rot
Prämonstratenserabtei,
Abteikirche St. Verena,
Westemporen-Orgel.Chororgel.
Neue Orgel II/P/17, 
Akkord 1975 Gulden, Gesamtkosten 2260 Gulden.
1783 Abbruch, 1793 Neubau von Werk und Prospekt-Gehäuse durch Johann Nepomuk Holzhey.
1692–
1693
Chororgel.
Die Chororgel ist nicht spezifiziert.
Neubau 1786 durch Holzhey.
1698–
1702
Hofen (Friedrichshafen)
Priorat der Abtei Weingarten,
Kirche SS. Andreas und Pantaleon.
Neue Westemporen-Orgel II/P/20.
Akkord 1850 Gulden.
Die Orgel kommt 1817 als Geschenk des Württembergischen Königs nach Tuttlingen, wo ihre letzten Reste 1903 verschwinden.
1706–
1707
Chororgel.
Orgelneubau mit sieben Registern.
Akkord 830 Gulden.
Nicht erhalten.
1703–
1708
Wil (St. Gallen)
Stadtpfarrkirche
St. Nikolaus.
Westemporen-Orgel
Neubau mit 24 Registern.
Akkord 2410 Gulden.
1866/67 wird die Kirche regotisiert und auch die Orgel durch einen neugotischen Neubau ersetzt.

 

Als einziger Orgelprospekt, der trotz dem Umbau von 1723/25 im Aufbau noch auf Christoph Leu d. Ä. zurückgeht, gilt die Hauptorgel von St. Magnus im heutigen Bad Schussenried.
Christoph Leu zieht um 1661 aus dem Harz nach Augsburg. Er ist Orgelbauer, primär aber Instrumenten- und Musikautomatenbauer, auch innovativer Unternehmer, der in Memmingen schon früh eine «Officin» genannte Werkstätte mit einer Art Vorfabrikation betreibt. Durch den Bau seiner Spinetten und Clavicordien verschafft er sich auch Zugang als Orgelbauer, so schon bei seinem ersten Orgelauftrag in Rot an der Rot. Trotz seiner Niederlassungen in den Reichstädten Lindau und Memmingen bleibt er Bürger von Augsburg. Seine Werke baut er aber ausschliesslich in Oberschwaben, im Bodenseegebiet und im Sankt-Gallischen. Von seinen grossen Orgeln ist keine einzige erhalten.
Land (heute)
Niedersachsen D
Bistum 18. Jahrhundert
Hildesheim
Land (heute)
unbekannt
Bistum 18. Jahrhundert
unbekannt
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