Willebold Held (1724–1789)

Abt OPraem der Prämonstratenser-Reichsabtei Rot an der Rot 1782–1789

Ausbildung in Rot und Dillingen
Willebold Held wird am 6. September 1724 in Erholzheim geboren.[1] Die kleine Ortschaft liegt zwei Wegstunden nördlich der Prämonstratenserabtei Rot an der Rot. Hier besucht Willebold schon im Kindesalter die Klosterschule und wechselt zur Ausbildung nach Augsburg. Am 15. Juni 1744, im Alter von schon 20 Jahren, leistet er Profess. Den Namen Willebold könnte er schon als Taufnamen erhalten haben, denn das Grab des Namenspatrons in Berkheim liegt noch näher als Rot. Seit 1739 regiert in Rot Abt Ignatius Vetter. Er sendet Willebold zum Studium der Rechte an die Jesuitenuniversität Dillingen. Zurück im Kloster, feiert er am 19. September 1750 Primiz. Er spricht inzwischen mehrere Sprachen, auch Italienisch und Französisch. Wie üblich lehrt er jetzt einige Jahre an der Klosterschule.

Wissenschaftler in Rot an der Rot
Schon 1757 veröffentlicht er in Augsburg sein erstes literarisches Werk «Nemesis norbertina», ein Regelwerk für den Orden. Er widmet das vom Augsburger Buchhändler Matthäus Rieger finanzierte Werk dem seit 1755 regierenden Abt Ambrosius Guggenmos. 1768 veröffentlicht er sein erstes juristisches Werk «Jurisprudenzia universalis», jetzt bei Fugger in Boos. Er widmet es dem seit 1760 regierenden Abt Mauritius Moriz. Dieser, vom Chronisten Stadelhofer in der «Historia» stark diffamierte Abt schätzt ihn offenbar. Pater Willebold kann als Archivar arbeiten und durchläuft wichtige Klosterämter wie Sekretär des Abtes, Grosskeller und Prior. Sein wichtigstes Werk ist das zweibändige «Reichsprälatische Staatsrecht», das er erst 1782 und 1785 in Kempten in Druck geben kann. Das Werk ist noch heute unabdingbare Geschichtsquelle zur Reichskirche und ihren Institutionen und erregt damals grosses Aufsehen. Noch 1782 veröffentlicht er eine Flugschrift gegen die erneute Reformation der Klöster und der Eingriffe von Landesherren in Stiftungen, worin er die kirchliche Aufklärung kritisch betrachtet.

Reichsabt 1782–1789
Am 1. Juli 1782 wird Willebold Held zum Nachfolger des Abtes Mauritius gewählt. Er zählt jetzt 58 Jahre. Vorsitzender der Wahl ist Reichsabt Georg IV. von Roggenburg in seiner Funktion als Generalvikar der Zirkarie Schwaben.[2] Die josephinischen Klosteraufhebungen im nahen vorderösterreichischen Gebiet, die schon 1782 beginnen, werfen einen düsteren Schatten der kommenden Säkularisation voraus. Abt Willebold verteidigt die Rechte der Klöster zwar vehement, vor allem in seinen Schriften. Mit seinem Tod geht aber die grosse Zeit der Abtei Rot zu Ende. Er erlebt noch den Ausbruch der Französischen Revolution, stirbt aber am 30. Oktober 1789 im Alter von 65 Jahren in Rot an der Rot.

Grosser Bauprälat
Als Willebold Held 1782 die Regierung antritt, übernimmt er auch eine Baustelle. Sein Vorgänger hat ihm zwar einen fertig ausgestatteten Chor von grosser Schönheit hinterlassen, aber, glaubt man der Chronik Stadelhofer, auch bereits entfernte Gewölbe im Langhaus. Die böswillige Unterstellung des Chronisten, Abt Mauritius habe ihm nur Schulden und Ruinen hinterlassen, wird noch heute von den Historikern repetiert. Angesichts der grossen Leistung des Vorgängerabtes von 1777 bis 1780, mit dem fertigen Chor und der neuen Doppelturmfront, ist dies aber gehörig zu hinterfragen. Für dieses Werk hat der Vorgänger in sieben Jahren 26 614 Gulden ausgegeben, was ungefähr zwei Drittel einer einzigen Jahreseinnahmen der Abtei entspricht.[3] Die beanstandeten Schulden können deshalb nicht durch seine Neubauten entstanden sein, sondern sind Abt Mauritius aus dem Bau der Wallfahrtskirche Maria Steinbach vererbt worden. Abt Willebold wird von 1783 bis 1786 annähernd das Doppelte für den Neubau des Kirchenschiffs ausgeben. Vorwerfen kann man dem Vorgängerabt lediglich, dass er in der Spätphase der Aufklärung noch mit einem Kirchenneubau beginnt. Er hat aber ein Vorbild. Die Benediktinerabtei Wiblingen verbaut von 1772–1783 für ihren Kirchenneubau rund 130 000 Gulden, dies bei bedeutend kleineren Jahreseinnahmen.
Abt Willebold setzt den Bau nicht nach der Planung des Abtes Mauritius fort. Dieser, der mit einem zwar weitgehend unbekannten, aber offenbar geschulten Baumeister auch das Kirchenschiff schon geplant haben muss, hätte ja sonst kaum mit dem Abbruch begonnen. Für den Neubau des Kirchenschiffs setzt jetzt Abt Willebold, immer gemäss dem Chronisten Stadelhofer, eine Kollektivplanung in Gang, an der sich ausschliesslich Konventualen beteiligen. Der derart geplante Neubau wird eine Wandpfeiler-Emporenhalle mit angedeutetem Querschiff im Mönchschor.
1783 ist Grundsteinlegung. 1786 kann die Kirche geweiht werden.
Auch wenn man den naiven Beschreibungen der Bauvorgänge und vor allem der Planungsdarstellung nicht folgen muss,[4] ist das Endergebnis ein Verdienst des Abtes Willebold. Er wird wie alle Bauäbte als «architectus infulatus» bezeichnet.[5] Zum guten Ende trägt vor allem sein Beizug von Januarius Zick und die Weiterbeschäftigung des Altarbauers und Stuckateurs Franz Xaver II Feichtmayr bei. Diese sind derart glückliche Entscheide, dass der Bau mit Recht als sein Werk beschrieben wird.

Porträt
Sein ovales Porträt (siehe oben) ist im südlichen zweiten Langhausjoch der Kirche zu sehen. Es ist mit «G. Kirchmann 1783» signiert. Der 59-jährige Abt steht in Halbfigur hinter einem Tisch. Er trägt den weissen Habit mit Mozetta und Pektorale, aber keine Kopfbedeckung, blickt leicht linksgewandt zum Betrachter, hält links ein Gebetbuch und rechts den Bauplan des geplanten Wandpfeiler-Langhauses in der Hand. Zusammen mit dem auf dem Tisch liegenden Zirkel bezeichnet er sich mit diesen Insignien wie seine Vorgänger und viele andere Äbte, als Bauprälat.[6] Im Hintergrund ist sein hier monochrom gemaltes Wappen angebracht.

Wappen
Sein Wappen ist auch prominent an der Westfront im hohen Triglyphenfries des Gebälks eingemittet. Drei Kartuschen sind zu einem Schild zusammengefasst. Die untere Kartusche ist das persönliche Wappen des Abtes. Es ist geteilt, oben in Rot ein Schaf, unten in Blau ein links goldener Löwe. Die beiden oberen Kartuschen sind die Abteiwappen. Heraldisch rechts ist es in Rot der Vogel Greif. Links, in Blau, ist es der gebogene Verenafisch mit dem Ring im Maul. Alle Wappenembleme der drei Kartuschen sind vergoldet. Der Schild ist mit der Mitra, dem Krummstab und dem Schwert überhöht. Eine geschweifte Girlande gibt dem Wappenschild Halt.

Pius Bieri 2019


Anmerkungen zur Biografie von Willebold Held

Die wenigen biografische Angaben, die über Willebold Held vor seiner Wahl zum Abt bisher veröffentlicht sind, sind Eckdaten. Sie wiederholen die Auflistung des Rottenburger Abtes Georg Lienhardt von 1771. Für die sieben Jahre der Regierung von Abt Willebold Held benutzen alle heutigen Historiker ausschliesslich die voreingenommene Beschreibung seines Bewunderers P. Benedikt Stadelhofer[7] im dritten Band der «Historia Collegii Rothensis» 1787, die als Manuskript vorhanden ist und (lateinisch) seit 1918 vom Tübinger Professor Ignaz Roth veröffentlicht ist. Diese wird hier, was die Zuteilung des alleinigen Lobes für den Neubau an Abt Willebold betrifft, nicht unkritisch übernommen.

 

Literatur:

Lienhardt, Abt Georg OPraem: Spiritus literarius Norbertinus. Augsburg 1771.
Goovaerts, Fr. Léon OPraem: Ecrivains, artistes et savants de l'ordre de Prémontré. Bruxelles 1899.
Rohr, Ignaz: Zur Baugeschichte der Kirche von Rot bei Leutkirch, in: Archiv für christliche Kunst. Stuttgart 1918.
Tüchle, Hermann und Schahl, Adolf: 850 Jahre Rot an der Rot. Sigmaringen 1976.
Konstantin Maier: Vom Reichsprälaten zum Soldatenkopf. Die Säkularisation der Prämonstratenser-Reichsabtei Rot an der Rot (1802–1803), in: Alte Klöster – Neue Herren. Band 2.1. Ostfildern 2003.

Anmerkungen:

[1] Unbekannt sind die Namen der Eltern, der Beruf des Vaters und die Geschwister, auch sein Taufname.

[2] Willebold Held ist 1784–1789 auch Generalvikar der Zirkarie. Der ebenfalls literarisch tätige Roggenburger Generalvikar Georg IV. stirbt 1783. Als Nachfolger bestimmt der Generalabt 1784 den auch in Prémontré bekannten Willebold Held. Von seiner Tätigkeit als Visitator hören wir aber selbst bei seinem Chronisten Stadelhofer nichts. Das einzige Provinzialkapitel wird 1786 in Rot abgehalten. Willebold Held erlebt die Aufhebung des Ordens in Frankreich und die dortige Zerstörung aller Klöster nicht mehr. Die Zirkarie ist nach 1790 nur noch Hülle. Das in der Zirkarie Schwaben liegende Bellelay wird schon 1797 durch den französischen Staat aufgehoben.

[3] Eine Übersicht der Jahreseinnahmen und -ausgaben liegt für Rot an der Rot nur für 1802 vor. Die Jahresausgaben für den Kirchen-Neubau in der reinen Bauphase 1777–1780 betragen unter Abt Mauritius im Durchschnitt 6600 Gulden, für die Bauphase 1783–1786 unter Abt Willebold 13 000 Gulden.

[4] Der Chronist will alle Ehre seinem Abt zukommen lassen. Seine Schilderung der Planung und des Baustellenbetriebes ist derart subjektiv, dass die unkritische Übernahme durch Historiker erstaunt. So bezeichnet Stadelhofer den Maler Januarius Zick als Möchtegern-Architekten, obwohl dieser die Lehre beim Baumeister Emele in Schussenried absoviert und kurz vorher die Stiftskirche Wiblingen entscheidend als Malerarchitekt mitgeprägt hat. Weil Zick schon während der Erstellung des Leichtgewölbes in Rot anwesend ist, muss der geänderte Entwurf ihm zugeschrieben werden. Wahrscheinlich wirken bedeutend mehr Fachleute mit, als der Chronist weitervermittelt. Reine Planungen tauchen nämlich selten in den Baurechnungen auf und fallen kostenmässig nicht ins Gewicht. Beispiel: Die (bestellte) Entwurfsplanung der Stiftskirche St. Gallen wird an Bagnato mit 64 Gulden entschädigt.

[5] «architectus»: Planender Baumeister. «infulatus»: Mit der Mitra bekleidet. Die Bezeichnung wird jedem Prälaten zuteil, der sich als Bauherr an einer Bauplanung beteiligt. Als Liebhaberarchitekt darf Abt Willebold aber trotzdem nicht bezeichnet werden, denn von ihm sind weder Bauplanungen überliefert noch sind weitere Bauten bekannt.

[6] Derart stellt sich auch der Bauabt Hermann Vogler (1737) dar. Zirkel und Plan sind aber keine dringenden Indizien für den Abt als Bauplaner, wie dies das Porträt (1750) des Abtes Aurelius Braisch von Neresheim zeigt, der mit dem Zirkel auf den Plan von Balthasar Neumann hinweist.

[7] P. Benedikt Stadelhofer, Professe in Rot an der Rot, ist bekannt für die «Historia imperialis et exemti Collegii Rothendsis in Suevia», die im Volumen I und II in Augsburg 1787 gedruckt werden. Die entscheidende Barockzeit des Volumens III liegt nur als Manuskript vor, ist aber 1918 in Latein veröffentlicht worden. Weil Stadelhofer hier alle Verdienste des Abtes Mauritius am Kirchenneubau negiert und diese dem Nachfolger Willebold zuschreiben will, schreckt er auch vor klaren Unterstellungen nicht zurück. Seine Beschreibung der Tätigkeit des Abtes Willebold als Abt wird von Hermann Tüchle 1976 völlig unkritisch in Deutsch zusammengefasst und ist seither einzige Grundlage aller nachfolgenden Historiker. Die hier vorliegende Kurzbiografie basiert ebenfalls nicht auf Quellenforschung, versucht aber die grössten Beschönigungen nicht zu übernehmen.



Porträt des Abtes Willebald

Sein ovales Porträt ist im südlichen zweiten Langhausjoch der Kirche zu sehen. Es ist mit «G. Kirchmann 1783» signiert. Der 59-jährige Abt steht in Halbfigur hinter einem Tisch. Er trägt den weissen Habit mit Mozetta und Pektorale, aber keine Kopfbedeckung, blickt leicht linksgewandt zum Betrachter, hält links ein Gebetbuch und rechts den Bauplan des geplanten Wandpfeiler-Langhauses in der Hand. Zusammen mit dem auf dem Tisch liegenden Zirkel bezeichnet er sich mit diesen Insignien wie seine Vorgänger und viele andere Äbte, als Bauprälat. Im Hintergrund ist sein hier monochrom gemaltes Wappen angebracht.
Abt Willebold Held ist der letzte Bauprälat der Prämonstratenserabtei Rot an der Rot. Eigentlich Rechtswissenschaftler und durch sein Werk über das Reichsprälatische Staatsrecht berühmt, wird er 1682, mit schon 58 Jahren und ohne Bauerfahrung, als neugewählter Abt mit einem Kirchen-Neubau konfrontiert, von dem erst der Chor und die Turmfront fertiggestellt sind. Er beginnt den Neubau des Kirchenschiffs nach eigenen Vorstellungen und, glaubt man der Klosterchronik, ausschliesslich mit Laienplanern der Abtei. Der Neubau ist nach vier Jahren fertiggestellt und ehrt den mutigen Bauabt, der dank den Aufträgen an Januarius Zick und Franz Xaver Feichtmayr in Rot an der Rot ein frühklassizistisches Juwel schafft.
RotHeld
Land 18. Jahrhundert
Reichsherrschaft Erolzheim
Regierungszeit
1782–1789
Land 18. Jahrhundert
Reichsherrschaft Rot
Biografische Daten
Kurzbiografie
PDF
Bildlegende
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Willebold Held (1724–1789) Abt OPraem in Rot an der Rot