Die wichtigsten Meister
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Balthasar Neumann (1687–1753) Eger Böhmen Neumann   Ingenieur-Architekt 1719   1754
Maximilian von Welsch (1671–1745) Kronach, Franken Welsch   Oberbaudirektor 1719   1724
Johann Dientzenhofer (1663–1726) St. Margarethen Bayern DientzenhoferJoh   Baumeister-Architekt 1720   1723
Anton Clemens Lünenschloss (gest. 1763) Düsseldorf     Hofmaler 1720   ~1749
Jacob van der Auwera (1672–1760) Mechlen Brabant AuweraJac   Hofbildhauer 1722   1738
Giovanni Pietro Castelli (um 1660/65–1732) Melide Tessin Castelli   Stuckateur 1723   1726
Balthasar Esterbauer (1672–1728) Mettenbach? Bayern     Bildhauer 1723   1726
Robert de Cotte (1656–1735) Paris WikipediaDeCotte   Französischer Hofarchitekt 1723   1723
Germain Boffrand (1667–1754) Nantes Boffrand   Französischer Hofarchitekt 1723   1724
Andreas Pirot (1708–1763) Frankfurt am Main     Hof-Tapetenwirker 1725   1762
Johann Lucas von Hildebrandt (1668–1745) Genua Hildebrandt   Wiener Hofarchitekt 1729   1738
Johann Rudolf Byss (1660–1738) Solothurn Byss   Maler, Freskant 1731   1738
Anton Joseph Högler (nach 1705–1786) Würzburg     Hofmaler 1733   1745
Giuseppe Antonio Bossi (1699–1764) Porto Ceresio Italien BossiAnt   Stuckateur 1733   ~1761
Johann Georg Oegg (1703–1782) Silz Tirol WikipediaOegg   Hofschlosser 1734   1767
Johann Baptist Thalhofer (nach 1700–1777) Unbekannt     Hofmaler 1735   1745
Ferdinand Hundt (1703–1758) Ebersbach bei Altshausen Hundt   Kunstschreiner 1736   1744
Joh. Wolfgang van der Auwera (1708–1756) Würzburg AuweraWolf   Hofbildhauer 1738   1754
Johann Zick (1702–1761) Lachen bei Memmingen ZickJoh   Maler, Freskant 1749   1750
Giambattista Tiepolo Venedig Italien WikippediaTiepolo   Maler 1751   1753
Ludovico Bossi (1731–nach1773) Porto Ceresio Italien Bossilud   Stuckateur 1764   1766
Joh. Peter Alexander Wagner (1730–1809) Obertheres Franken     Hofbildhauer 1765   1780
Materno Bossi (1739–1802) Porto Ceresio Italien BossiMat   Stuckateur 1766   1780

Würzburg
Ehemalige Fürstbischöfliche Residenz

Stadt und Residenz im 17. Jahrhundert
Seit dem frühen Mittelalter befindet sich die Residenz der Fürstbischöfe auf der Marienburg, die hoch über der Stadt am linken Mainufer liegt. Die schon im 12. Jahrhundert steinerne Mainbrücke verbindet die Residenz mit der rechtsmainischen Siedlung. Ihr mittelalterlicher Grundriss in der Form eines Pentagons, dessen Zentrum die Bischofskirche bildet, ist noch heute ablesbar. Bis ins 18. Jahrhundert ist dieses «Pentagon» mit Stadtmauer und Wassergräben abgegrenzt und bildet die Mitte einer durch Festungswerke eingefassten vergrösserten Barockstadt.[1] Diese barocken Bastionen und Ravelins, welche den linksufrigen Brückenkopf und die Marienburg einbeziehen, lässt Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn nach dem Dreissigjährigen Krieg beginnen. Noch residiert der Fürstbischof aber in der Marienburg und hält ein Absteigequartier in der Stadt. Die Kosten dieser doppelten Hofhaltung sind dem Domkapitel ein Dorn im Auge. 1700–1705 baut deshalb Fürstbischof Johann Philipp von Greiffenclau zu Vollrads (1652–1719) an der Stelle der heutigen Residenz das «Schlösschen am Rennweg». Der Neubau ist  im Norden und Süden von zwei platzbegrenzenden Hofgebäuden flankiert. Das nördliche, der Rosenbachsche Hof, ist heute noch erhalten[2].

Baubeginn der neuen Residenz unter Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn
1719 wird ein Neffe des mächtigen Kurfürsten und Erzbischofs von Mainz, Lothar Franz von Schönborn, zum neuen Fürstbischof von Würzburg gewählt. Der neue Regent Johann Philipp Franz von Schönborn (1673–1724) kommt nach seiner Wahl zu einem unerwarteten Geldsegen. Er kann Gefolgsleuten des verstorbenen Fürstbischofs, vor allem dem Hofkammerrat Jacob von Hohlach aktive und passive Bestechung nachweisen, eine zwar durchaus normale Usanz vor allem bei Wahlen, aber in diesem Fall muss Jacob von Hohlach innert sechs Monaten 640 000 Gulden aufbringen, um einer Verurteilung zu entgehen. Die Summe, an der sich auch Greiffenclau-Gefolgsleute beteiligen, entspricht den Jahreseinnahmen des Hochstifts Würzburg. Mit diesem Geld beginnt er 1720 an der Stelle des «Schlösschen am Rennweg» mit dem Bau einer Residenz von fürstlicher Grösse. Bau und Planung werden sofort zur Familiensache der Schönborns. Sein Onkel, der Kurfürst Lothar Franz und sein Bruder, der in Wien wirkende Reichsvizekanzler Friedrich Carl übernehmen die Leitung der Planung. Für den neuen Fürstbischof kommt dies nicht ungelegen, denn für ihn ist die Modernisierung der Stadtbefestigung und die damit verbundene städtebauliche Umgestaltung Würzburgs prioritär. Von seinem Vorgänger hat er Balthasar Neumann übernommen, der seit 1718 in Würzburg als Ingenieur-Hauptmann in Hofdiensten steht. Er überträgt Neumann die weitere Planung und Leitung dieser grossen städtebaulichen Umgestaltung Würzburgs, die schon sein Vorgänger mit dem Lehrmeister Neumanns, dem Hofbaumeister Joseph Greissing, 1699 begonnen hat. Die barocke Umformung Würzburgs wird die erste grosse Leistung des jungen Ingenieur-Hauptmanns, «denn es gehört mehr dazu, einen mittelalterlichen Stadtkörper als Ganzes umzugestalten, als eine Hugenottenstadt auf dem Reissbrett ins flache Land zu legen, wie es die Stadtbaumeister von Berlin, Kassel, Ansbach oder Erlangen getan haben».[3]

Das Planer- und Bauleiterkollektiv 1719–1724
Ein erstes Vorprojekt mit noch zwei anstelle vier Innenhöfen wird Neumann zugeschrieben.[4] Den Auftrag für die Planung erteilt aber Lothar Franz von Schönborn den beiden am Mainzer Hof tätigen Maximilian von Welsch und Philipp Christoph Reichsfreiherr von Erthal. Im Februar 1720 präsentieren sie dem Fürstbischof in Würzburg ihren ersten Entwurf, der konzeptionell und lagemässig der heutigen Ausführung entspricht. Die Eilkuriere auf den Strassen Mainz - Würzburg - Wien sind nun täglich mit Schriftstücken und Plänen unterwegs und nicht selten starten am gleichen Tag zwei in die gleiche Richtung. Friedrich Carl von Schönborn bespricht die Pläne in Wien mit seinem Vertrauten, dem kaiserlichen Hofingenieur Johann Lucas von Hildebrandt. Das Projekt wird nach den Wiener Korrekturen vom inzwischen vertraglich mit  der Planung beauftragten Maximilian von Welsch auf die heutigen Masse vergrössert und ist Grundlage für den Baubeginn 1720. Als Bauleiter wird Johann Dientzenhofer bestimmt, der Schöpfer des Innenraumes von Banz und des Schlosses Pommersfelden. Der Fürstbischof bezieht jetzt den Rosenbachschen Hof, um das Baugeschehen an Ort zu verfolgen. Balthasar Neumann wird vorerst nur in Bezug auf die städtebaulichen Elemente in die Planung einbezogen.[5] Der Fürstbischof ermöglicht 1723 seinem «stückhaubtmann und Ingenieur balthasar neumann» eine gut vorbereitete Reise nach Paris, «damit Er die gelegenheit habe etwas mehreres zu sehen, sich in der bawkunst fähiger und vollKommener zu machen, und mithin bey fortführung meines angefangenen Bawes desto bessere und nützlichere Dienste leisten zu Können». Neumann tritt damit aktiv in die Mitplanung der Residenz ein, denn in Paris bespricht er die bestehenden Pläne mit den königlichen Architekten Robert de Cotte und Germain Boffrand und kommt mit neuen Vorschlägen zurück. Obwohl Boffrand 1724 auch persönlich nach Würzburg kommt, ist der Einfluss der französischen Architekten nur im Ehrenhofbereich und dem Treppenhaus spürbar. Denn um diese Zeit ist der stadtseitige Nordblock schon fertig, die in Paris vorgeschlagenen kühl klassizistischen französischen Schaufassaden sind Würzburg zum Glück erspart geblieben. Mit dem unerwarteten Tod des Fürstbischofs im August 1724 endet die erste Bauphase der Würzburger Residenz. Wie vielfach bei grossen barocken Projekten ist sie ein Ergebnis einer kollektivistischen Planung mit Beteiligung von drei architektonisch interessierten und geschulten fürstlichen Mitgliedern der Familie Schönborn, die ihre Planer bestenfalls als Ideenlieferanten betrachten und von allen immer das jeweils Beste nehmen. Den wichtigsten Anteil liefern dabei sicher die Mainzer Planer Maximilian von Welsch und Philipp Christoph von Erthal.[6] Noch im Hintergrund wirkt vorläufig Johann Lucas von Hildebrandt, obwohl er das untere Mezzaningeschoss und die Details der Fassadengliederung durchsetzen kann.[7] Robert de Cotte und Germain Boffrand legen 1723 die Grundlagen zum grossen Treppenhaus.[8] Balthasar Neumann liefert sehr früh Projekte nach Mainz, die alle keine Beachtung finden. Er ist erst ab dem Zeitpunkt der Pariser Reise auch Mitplaner und alleiniger Bauleiter.[9] Die Rolle Johann Dientzenhofers, der den Bau 1720–1723 leitet, ist bisher nicht untersucht worden.[10]

Stillstand 1724–1729
Die Stimmung ist während der Regierungszeit von Johann Philipp Franz von Schönborn so «anti-Schönbornisch» geworden, dass kein Mitglied der Familie auf seine Nachfolge spekulieren darf. Für den begonnenen Residenzneubau, der inzwischen 150 000 Gulden gekostet hat, bedeutet der nachfolgende und im Volk beliebte Fürstbischof Christoph Franz von Hutten (1673–1729) eine Zäsur. Der neue Regent lässt den begonnenen westlichen Teil des Nordblockes zwar fertigstellen und will ihn zur Bischofswohnung ausbauen, lässt aber weiterführende Planungen ruhen. Bauleiter ist weiterhin Balthasar Neumann. Selbst Maximilian von Welsch wirkt noch mit. Fürstbischof von Hutten kann seine neue Bischofswohnung nicht mehr beziehen, denn er stirbt 1729. Nur wenige Monate vor ihm stirbt auch der grosse Kurfürst und Erzkanzler Lothar Franz von Schönborn, Erzbischof von Mainz und Fürstbischof von Bamberg. Sein Neffe, der Wiener Erzvizekanzler Friedrich Carl von Schönborn (1674–1746) wird, nachdem er bereits Nachfolger in Bamberg ist, nun auch in Würzburg zum Fürstbischof gewählt.

Bauherr, Planer und Bauleiter von 1729–1746
Gleich nach seiner Wahl in Würzburg nimmt er sich Friedrich Carl von Schönborn des familieneigenen Projektes der neuen Residenz an. Er bezieht 1729 den fertiggestellten Nordblock, entlässt Maximilian von Welsch und zieht als Planer für die Fertigstellung des Residenzneubaus seinen Wiener Hausarchitekten Johann Lucas von Hildebrandt bei. Zwar schätzt er den zum Oberstleutnant beförderten Balthasar Neumann auch als inzwischen erfahrenen Baumeister und überträgt ihm nebst der Fertigstellung der schon 1721 begonnenen Schönbornkapelle am Dom auch die grosse Anlage der Sommerresidenz in Werneck. Er vermittelt ihn auch seinem Bruder in Bruchsal. Später wird er mit allen diplomatischen Tricks dafür sorgen, dass Neumann in Vierzehnheiligen bauen kann. Trotz dieser Wertschätzung, die auch von Hildebrandt geteilt wird, ist Balthasar Neumann nebst dem grossen Wiener Baumeister nur zweiter Planer, er wird allerdings für alle Entscheide beigezogen und ist als Bauleiter wichtigster Koordinator der Residenzplanung.[11] Neumann geht 1730 mit den bestehenden Bauplänen nach Wien und erreicht, indem er die Kirche im Südblock schon einzeichnet, deren Verlegung an die heutige Stelle. Aber alle Pläne der nun weitergeführten Grundrisse, der Schnitte, der Hofkirche und ihrer Ausstattung, der Gartenfront und des Ehrenhofes stammen vom Büro Hildebrandt. Bis um 1741 ist die Residenz unter Dach. Nun ist es Neumann, der mit den Wölbungen sein unvergleichliches Ingenieurtalent zeigt.
Das stützenlose Treppenhaus und das Muldengewölbe mit einer Spannweite von 19 Meter verdanken wir ihm. Neumann ist auch Planer der «Kaisertreppe». Sie beginnt mit einem Arm im Erdgeschoss als zweiläufige Schachttreppe und spaltet sich am Wendepodest wie üblich in zwei gegenläufige Arme. Genial ist die völlige Freistellung der zentralen Treppenvertiefung im grossen Treppensaal des Hauptgeschosses.
Zum Treppenraum siehe auch die Seite «Das repräsentative Treppenhaus im süddeutschen Barock».
Schon seit 1735 wird auch an der Ausstattung gearbeitet, aber völlig fertig eingewölbt ist das Bauwerk erst 1744. Balthasar Neumann ist mit einem kurzen Unterbruch von drei Jahren (während der Regierung Ingelheim) noch bis zu seinem Tod 1753 als Bauleiter mit der Residenz beschäftigt. Sie ist sein Lebenswerk. Als er 1743 in Augsburg Stiche der Residenz Würzburg in Auftrag gibt, auf denen er sich als Architekten des Bauwerks ausgibt, wird dies auf Intervention Hildebrandts verhindert. Mit Recht, denn selbst in der zweiten und wichtigsten Phase ist das Bauwerk nicht nach Entwürfen Neumanns entstanden. Dass die heutigen staatlichen Stellen Balthasar Neumann als den Planer der Residenz bezeichnen, hat viel mit Nationalstolz und mit dem Unverständnis gegenüber den Planungsmethoden der Barockzeit zu tun.

Die Meister der Rokokoräume unter Friedrich Carl von Schönborn
Friedrich Carl von Schönborn bezieht nach der Regierungsübernahme die unter seinem Vorgänger erstellten Bischofsappartements im stadtseitigen Teil des Nordblockes.[12] Mit der Regierung des bauerfahrenen und universell gebildeten neuen Fürsten beginnt nun die grosse und prägende Ausstattungsgeschichte der Würzburger Residenz. Unmittelbar aus dem künstlerischen Mittelpunkt des Reiches kommend, stellt er an den Ausbau der Residenz Forderungen, die ständig an der weltmännischen Hofkunst Wiens gemessen werden. Johann Lucas von Hildebrandt ist deshalb auch für die Ausstattung von Südblock und Hofkirche leitender Planer. Als der Fürstbischof 1734 endgültig Wien verlässt, zieht er die besten Künstler nach Würzburg. Jeder von ihnen ist ein Ausnahmetalent, keiner ist nach Frankreich orientiert. Der von Friedrich Carl geschätzte, schon fast 70-jährige Hofmaler Johann Rudolf Byss[13] bleibt bis 1738 wichtigster künstlerischer Leiter, Freskant der Hofkirche, Schöpfer des Venezianischen Zimmers und Anreger des Spiegelkabinetts. Für viele der Gobelin-Wandteppiche liefert er Entwürfe. Byss scheint auch die Begabung des Stuckateurs Giuseppe Antonio Bossi[14] aus Porto Ceresio erkannt zu haben. Bossi prägt die grossen Raumschöpfungen von 1735–1753. Im Weissen Saal, im Kaisersaal und in der Hofkirche können wir erahnen, warum er als «das ornamentale Genie des eigentlichen Würzburger Rokoko» bezeichnet wird. Er stuckiert auch alle Räume der Gartenfront im Piano Nobile und in der Bischofswohnung im Südblock. Seine Ausstattungen im Südblock werden 1807–1814 durch einen Umbau im Empire-Stil zerstört. Ist Bossi der überragende Künstler der Rokokoinnenräume unter der Regierung von Friedrich Carl, sind dies für die bildhauerischen Arbeiten Vater und Söhne der Familie von der Auvera. Vor allem der junge Wolfgang van der Auwera,[15] von Friedrich Carl zu Ausbildung nach Wien geschickt, ist als Hofbildhauer nach 1736 wichtigster Bauplastiker der Portalfront und der Innenräume. Er ist auch Entwerfer und Zeichner vieler plastischer Arbeiten, parallel und später in Ablösung des Johann Lucas von Hildebrandt. Beide planen zudem die Abschlüsse des Ehrenhofs für einen weiteren genialen Kunsthandwerker, den Schlosser Johann Georg Oegg.[16] Auch er kommt aus dem Wiener Künstlerkreis um Hildebrandt nach Würzburg. Er ist Schöpfer der Ehrenhofgitter, der Obergitter der Einfahrtstore in das Vestibül, der Türgitter der Sala Terrena und auch der schmiedeisernen Tore seitlich der Residenz, die als Abschlüsse zum Garten und zum Rennweg errichtet werden. Nur diese wenigen seitlichen Abschlüsse sind heute noch erhalten. Sie und die Zeichnungen und Drucke lassen erahnen, welch grossen Verlust durch die schon 1821 erfolgten Abbrüche der Bildhauer- und Schlosserarbeiten des Ehrenhofabschlusses entstanden sind.[17] Als Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn 1746 stirbt, ist die Residenz fast vollendet. Einzig der Ausbau der Einfahrtshalle, des Treppenhauses und des Kaisersaals ist erst begonnen. Auch sind die nördlichen Paradezimmer der Gartenfront noch in Arbeit.

Das Intermezzo Ingelheim 1746–1749
Der Gegensatz könnte nicht grösser sein. Auf den weltmännisch gebildeten Kunstliebhaber und Mäzen Schönborn folgt mit Anselm Franz von Ingelheim ein obskurer und korrupter Regent ohne jeden Sinn für die Pflichten eines Herrschers.[18] Er interessiert sich ausschliesslich für die «Schwarze Kunst» und sucht mit aufwändigen Laboreinrichtungen in Veitshöchheim und Würzburg nach Gold und einem lebensverlängernden Elixier.[19] Für Bauten oder deren Unterhalt interessiert er sich nicht. Hofbaumeister Oberst Balthasar Neumann wird entlassen. Völlig unverdient wird heute der stadtseitige Teil des Nordblockes als Ingelheim-Trakt bezeichnet, dies nur deswegen, weil Ingelheim nicht in die neue südliche Bischofswohnung des Vorgängers einzieht, sondern die 20 Jahre vorher erstellten und weniger fürstlichen Räume im Nordblock bevorzugt. Nach 29 Monaten Regierung stirbt, zur Erleichterung der Stadtbevölkerung, der auch für die Residenz gefährliche Fürst.

Der Höhepunkt des Würzburgischen Rokoko unter Carl Philipp von Greiffenclau
1749 wird Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads Fürstbischof.[20] Sofort nach Antritt der Regierung stellt er Neumann wieder ein und beginnt mit den Künstlern der Regierung Schönborn, dem Stuckateur Antonio Giuseppe Bossi und dem Bildhauer Johann Wolfgang von der Auvera an der Weiterführung der Arbeiten in Treppenhaus und Einfahrtshalle, im Gartensaal und im Kaisersaal. Auch Johann Georg Oegg kann jetzt die Tor- und Ehrenhofabschlüsse fertigstellen. 1749 nimmt Greiffenclau den schwäbischen Maler Johann Zick für die Deckenfresken des Gartensaals unter Vertrag.[21] Zick erhält 1600 Gulden.[22] Für die Fresken des Kaisersaals verpflichtet der Fürstbischof Giambattista Tiepolo aus Venedig.[23] Der Vertrag über die riesenhafte Summe von 10 000 Gulden wird im Oktober 1750 in Venedig geschlossen, bereits im Dezember trifft der berühmte Maler mit seinen Söhnen Domenico und Lorenzo in Würzburg ein und malt vom April bis Juli 1751 die Deckenfresken mit dem Thema der staufischen Kaiser im bis dahin nur «Grosser Saal» genannten Kaisersaal. Im Winter fertigen Vater und Sohn Tiepolo Altarbilder für die Hofkirche und für die Abteikirche Münsterschwarzach. 1752 überträgt der Fürstbischof auch die Ausmalung des Treppenhausplafonds für 12 000 Gulden an Tiepolo. Er malt das Riesenfresko von 677 Quadratmeter mit dem Thema der Huldigung der Erdteile in den Sommermonaten 1752 und 1753.[24] Auf dem Fresko sind nebst dem Fürstbischof auch die am Werk beteiligten Meister verewigt. Man findet Balthasar Neumann, den Stuckateur Giuseppe Antonio Bossi, den Vergolder Franz Ignaz Roth[25] und natürlich Tiepolo mit seinem Sohn. Im November 1753 reist Tiepolo ab. Beim Tod des Fürstbischofs Carl Philipp von Greiffenclau 1754 ist die Residenz in ihrem Rokokokleid vollendet. Nur die Gartenanlagen sind erst begonnen.

Ausstattungen im «Goût grecque»
1755 wird Adam Friedrich von Seinsheim zum neuen Fürstbischof gewählt.[26] Er ist Neffe des grossen Baufürsten Friedrich Carl von Schönborn und hat bereits zu dessen Zeiten an den künstlerischen Unternehmungen für die Würzburger Residenz mitgewirkt. Als er 1763, nach dem für das Hochstift Würzburg belastenden Siebenjährigen Krieg, die Bautätigkeit wieder aufnimmt, sind die grossen Meister der Residenz nicht mehr tätig. Balthasar Neumann stirbt schon 1753. Johann Wolfgang von der Auvera 1756. Giuseppe Antonio Bossi verfällt dem Irrsinn und stirbt 1764. Eine neue Generation von Künstlern tritt an ihre Stelle. Nicht mehr die Rocaille, sondern die antikische Ordnung der Griechen ist Leitmotiv. Der farblose «Goût grecque» oder, wie er auch genannt wird, der «Zopfstil» hält in Würzburg Einzug. Ludovico Bossi,[27] ein Neffe des Rokokokünstlers, wird in 1764 aus Stuttgart berufen, um das Treppenhaus und die Einfahrtshalle in neuer klassischer Einfachheit umzubauen und zu vollenden.[28] Wo schon Rokokostuck vorhanden ist, wird dieser zerstört. Die Wandgestaltung ist im Vergleich mit den Entwürfen seines Onkels, des Schlossers Oegg und des Bildhauers von Auvera ein klarer Rückschritt, der lichte Barock weicht einer kühlen und massigen Antike. Für einen Regenten dieser wieder nach Frankreich orientierten Zeit müssen aber die «lächerlichen» Zierarten, wie sie gleichzeitig ein letztes Mal in Vierzehnheiligen geschaffen werden, einer «edlen Simplizität» weichen. Das Deckenfresko Tiepolos im Würzburger Treppenhaus ist seither isoliertes Meisterwerk. 1766 muss Ludovico Bossi Würzburg wieder verlassen. Für die Umbauten der zwei nördlichsten Paradezimmer ist nun Materno Bossi,[29] der jüngere Bruder, zuständig. Das Teezimmer und das Grünlackierte Eckkabinett sind einfühlsame Meisterleistungen einer Integration des neuen Stils in die noch nachwirkende Rokokowelt. Materno Bossi wird 1767 Hofstuckateur. 1776 beginnt er, zusammen mit dem Bildhauer Johann Peter Wagner,[30] die nun schon rein klassizistische Umgestaltung der ersten Bischofsräume im sogenannten Ingelheim-Trakt des Nordblocks. Sie sind beim Tod des Fürstbischofs 1779 vollendet.

Residenzplatz und Hofgarten
Der Rosenbachsche Hof, der nördliche Flügel des «Schlösschen am Rennweg» aus 1705 erhält noch unter der Regentschaft Seinsheim ein südliches axialsymmetrisches Gegenüber, den Gesandtenbau mit den Kolonnaden. Die beiden Gebäude fassen den Residenzplatz, der sich westlich bis an die mittelalterliche Stadtmauer ausdehnt. Der Ehrenhof ist mit einem Abschluss, betont durch Obelisken und Bildhauerarbeiten und versehen mit Rokokoschmiedearbeiten, vom Residenzplatz getrennt. Heute ist der Ehrenhof zum Residenzplatz offen und der Platz selbst ist fast vollständig vom ruhenden Fahrzeugverkehr und einer Hauptverkehrsader eingenommen. Den Hofgärten ist dieses Schicksal erspart geblieben. Noch immer zeigen sie im Osten und Süden der Residenz die Gestalt, wie sie der Hofgärtner Johann Prokop Mayer 1770–1779 unter Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheim gestaltet hat. Die noch der französischen barocken Gartenkultur verpflichtete Gestaltung lässt sich aus den Vorplanungen erklären, an denen bereits Maximilian von Welsch tätig ist und die ihre strenge Symmetrie auch den barocken Bollwerken verdanken, die im Osten eine Begrenzung bilden. Ihr Einbezug als Gartenterrassen und als Wallpromenade ist seit der Gestaltung durch Hofgärtner Mayer nie mehr verändert worden. Nur für den südwestlichen letzten Teil des Residenzgartens, den südlich des Gesandtenbaus gelegnen Teil entlang der Oberen Promenade,[31] wird 1790 eine «englische» Gestaltung gewählt.

Das 19. Jahrhundert
Im Vertrag von Paris werden 1801 die reichsunmittelbaren Hochstifte Augsburg, Bamberg, Freising und Würzburg als Ersatz für verlorene kleinere linksrheinische Gebiete dem frankophonen Kurfürsten von Bayern zugesprochen. Er wird dafür zu Napoleons Gefolgsmann. Derart abgesichert, ergreift er bereits 1802 vom Hochstift Würzburg Besitz. Schon 1805 übergibt er es im Tausch mit dem Land Tirol an den Habsburger Ferdinand III., den ehemaligen Grossherzog von Toskana, der dafür sein «Kurfürstentum» Salzburg aufgibt.[32] Der unwürdige Länderschacher von mit Napoleon verbündeten deutschen Herrschern führt zur unwirklichen Neuschöpfung eines Grossherzogtums Würzburg, das aber schon 1814 mit dem Sturz Napoleons wieder von  Bayern beansprucht wird. Für die Residenz Würzburg ist diese Periode deshalb von Bedeutung, weil Grossherzog Ferdinand 1806 in der Residenz Einzug hält und praktisch alle Räume der Bischofswohnung im Südblock, die seit 60 Jahre im feinsten Rokoko ausgestattet sind, im Stil des französischen Empire umbauen lässt. Selbst die grosse Gemäldegalerie der Gartenfront fällt diesem Eingriff zum Opfer.[33] Mehrfach übernachtet auch Napoleon in der Residenz, anlässlich des Treffens von 1812 mit dem König von Württemberg und dem Grossherzog von Baden begleitet ihn auch Kaiserin Maria Louise. Sie übernachten in einem 1764 fertiggestellten Schlafzimmer der nördlichen Gartenfront, das seither als Napoleonzimmer bezeichnet wird. Das Empire und das Grossherzogtum Würzburg enden 1814. Glücklicherweise bleibt die Residenz für das restliche 19. Jahrhundert, sieht man von der Zerstörung des Ehrenhofabschlusses ab, von Eingriffen in ihre Bausubstanz verschont.

Zerstörung 1945 und Wiederaufbau
Am 16. März 1945 wird die Stadt Würzburg im Bombenhagel innert 17 Minuten zu 90 Prozent zerstört.[34] Der Feuersturm verschont auch die Residenz nicht. Dem Flammeninferno halten nur die Gewölbe Neumanns über Kaisersaal, Weissem Saal, Treppenhaus und Hofkirche stand. Ein amerikanischer Offizier sorgt im Herbst 1945 für provisorische Dächer über den Gewölben mit den Tiepolo-Fresken. Die Gewölbe der Hofkirche erhalten diesen Schutz erst später, sodass hier Stuck und Fresken auch nachträglich noch zerstört werden. 1947, nach dem Erstellen aller Notdächer, kann mit den Notsicherungen der Fresken und der Stuckaturen begonnen werden. 1960 ist die Residenz im Äusseren wiederhergestellt. Die anschliessenden Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten im Inneren dauern 27 Jahre. 1987 ist mit der Rekonstruktion des Spiegelkabinetts die Wiederherstellung der wichtigsten Räume der Residenz beendet. Ein Vergleich mit Vorkriegsaufnahmen und die kunsthandwerkliche Präzision der rekonstruierten Ausstattung stellen den Beteiligten am Wiederaufbau ein glänzendes Zeugnis aus. Bereits sind «Restaurierungen der Restaurierung» im Gange. So sind 2003–2009 Schäden und auch zeitbedingte Fehler der Nachkriegs-Restauratoren an den Tiepolo-Fresken behoben worden. 2010–2012 wird auch die Hofkirche ein zweites Mal in die Kur genommen.

Pius Bieri 2011

Benutzte Einzeldarstellungen:
Sedlmaier, Richard und Pfister, Rudolf: Die fürstbischöfliche Residenz zu Würzburg. München 1923.[35]
Braunfels, Wolfgang: Abendländische Stadtbaukunst. Köln 1977.
Hubala, Erich und Mayer, Otto: Die Residenz zu Würzburg. Würzburg 1984.
Seibert, Peter: Der Wiederaufbau der Residenz Würzburg als Raumkunstmuseum, in: Schloss Charlottenburg in Berlin, Herausgeber Stiftung Preussischer Schlösser und Gärten. Berlin 2007.

Links:
Stadt Würzburg. Stadthistorische Streiflichter
Residenz Würzburg Homepage
Wikipedia Würzburger Residenz

Anmerkungen:

[1] Die Kernstadt ist noch heute klar im Stadtgrundriss ablesbar, im Norden begrenzt durch die Juliuspromenade, im Osten durch die Balthasar-Neumann-Promenade, im Süden durch die Neubaustrasse und im Westen durch den Main.

[2] Vielleicht noch von Antonio Petrini (1624–1701) geplant.

[3] Wolfgang Braunfels in: Abendländische Stadtbaukunst.
Die Leistung dieser barocken städtebaulichen Umgestaltung wird heute völlig verkannt. Sie ist Hauptverdienst des Bauherrn Johann Philipp Franz von Schönborn. Ihre Durchsetzung erreicht er mit einer faktischen Entmachtung des Stadtrates in Baufragen durch die Einsetzung einer eigenen Baukommission, der auch der Militäringenieur Balthasar Neumann angehört. Neumann ist der eigentliche Schöpfer dieser städtebaulichen Genieleistung. Sie ist im seinem berühmten Thesenblatt von 1723, einer Huldigung der Bautätigkeit des Fürstbischofs, schon fertig gebaut dargestellt.

[4] Plan SE 286. Gezeichnet vielleicht im Oktober 1719. Die Autorenschaft Neumanns ist nicht belegt. In welchem Zusammenhang der Plan entsteht und ob er überhaupt von Neumann stammt, ist unklar. Auch Johann Dientzenhofer liefert Projekte. Sie sind alle verschwunden. Allerdings rückt seit dem Planfund von 2010 in der Österreichischen Nationalbibliothek die Rolle Dientzenhofers als erster Planer wieder in den Vordergrund. Denn: «Dieser Fund dürfte auch neues Licht auf die Entwicklung der Ovalform in der weiteren fränkischen Architektur werfen. Besonders die Überlegungen zur Hofkirche der Würzburger Residenz, ganz besonders im Bezug auf die frühen und verschollenen Planungen Johann Dientzenhofers, wie auch die Risse von Maximilian von Welsch werden wohl neu überdacht werden müssen», schreibt Manuel Weinberger in: http://www.riha-journal.org/articles/2010/weinberger-planmaterial-balthasar-neumann/.

[5] Balthasar Neumann geht 1722 mehrmals nach Mainz, um hier die Umgebung, den Garten und die Orangerie in der Bastion mit Welsch und Lothar Franz zu besprechen.

[6] Maximilian von Welsch (1671–1745), Kurmainzischer Baudirektor, Festungsbaumeister und Generalmajor. Philipp Christoph von und zu Erthal (1689–1748) ist Schüler von Germain Boffrand. Er wird von Lothar Franz von Schönborn als de eigentliche Entwerfer bezeichnet.

[7] Johann Lucas von Hildebrandt (1668–1745), kaiserlicher Hofingenieur, nach 1724 erster Hofbaumeister, baut um diese Zeit den Oberen Belvedere in Wien.

[8] Robert de Cotte (1656–1735), Premier architecte du Roi und Germain Boffrand (1667–1754). Boffrand ist 1724 in Würzburg und entwirft gemeinsam mit den Stuckateuren Castelli die Ausstattung der Bischofswohnung im Nordblock.

[9] Von Balthasar Neumann (1687–1753) ist bis 1723 keine Mitarbeit an der Planung nachgewiesen. Die Zuschreibung des Vorprojektes 1719 (Plan SE 286) an Neumann ist nicht belegt, auch wenn Hubala (1984) diesen Plan wieder zum Anlass nimmt, Neumann als den eigentlichen Konzeptentwerfer der Würzburger Residenz hervorzuheben.

[10] Johann Dientzenhofer (1663–1726) ist als einziger der oben erwähnten Beteiligten in der Lage, eine solche Grossbaustelle zu leiten. Er wird nach 1724 von Balthasar Neumann abgelöst. Seine planerische Tätigkeit ist trotz seiner bekannten Bauwerke Banz und Pommersfelden noch heute nicht gewürdigt und seine Bauleitung der Residenz wird von bekannten Kunsthistorikern einfach ausgeklammert. So ist es für Hubala (1984) klar, dass nachträgliche Mass-Korrekturen im Plan SE 314 (Fassade, ausgeführt 1723) «nur vom Bauleiter selbst, von Neumann, stammen» müssen.

[11] Die Bauleitungsfunktion im barocken Bauwesen ist nicht mit der heutigen Leitung einer Bauausführung zu vergleichen. Wo der Akkord im 18. Jahrhundert nicht mit einem leitenden Baumeister geschlossen wird, also im höfischen Bauwesen, übernimmt der Hofbaumeister als barocker Bauleiter auch das Zeichnen von Plänen und ist nebst der Organisation der Materialien zudem für die Gebäudestatik verantwortlich. Der Hofbaumeister kann diese Arbeiten auch einem Baumeister im Akkord übertragen.

[12] Die Régence-Ausstattung, 1725–1726 durch Carlo Antonio und Giovanni Pietro Castelli aus Melide erstellt, weicht 1776–1778 einer frühklassizistischen Ausstattung. Einzelne Decken der Castelli bleiben dabei erhalten. Ebenfalls erhalten sind Entwürfe der Wand- und Deckenstuckaturen aus 1724.

[13] Johann Rudolf Byss (1660-1738) aus Solothurn, wirkt in Prag und tritt 1713 in die Dienste der Schönborn ein.

[14] Giuseppe Antonio Bossi (1699–1764) aus Porto Ceresio (Porto Morcote im Herzogtum Mailand). Er wirkt in Ottobeuren und  kommt 1733 nach Würzburg.

[15] Johann Wolfgang von der Auvera (1708–1756). Sein Vater Jacob von der Auvera (1672–1760) kommt um 1700 aus Mecheln nach Würzburg und wird 1719 Hofbildhauer.

[16] Johann Georg Oegg (1703–1782) aus Silz im Tirol, kommt 1733 von Wien nach Würzburg. 1736 hat seine Werkstatt 23 Gesellen. Die Zahlungen an Oegg für die Kunstschlosserarbeiten gehören in dieser Periode zu den höchsten der Hofkammer.

[17] Eine Rekonstruktion dieses wichtigen städtebaulichen und architektonischen Elementes, auf den alten Kupferstichen ersichtlich, ist leider nie versucht worden.

[18] Anselm Franz von Ingelheim (1683–1749), Fürstbischof von Würzburg vom 29. August 1746 bis zum 9. Februar 1749. Selbst kirchentreue Biographen haben Mühe, eine direkt auf seine persönliche Initiative zurückführende positive Leistung zu finden. Sie verschweigen dafür die destruktive Wirkung seiner schamlosen Simonie. In wenigen Jahren nimmt er durch Ämterverkauf und ähnlichen Geschäften 300 000 Gulden ein.

[19] Sein alchemistisches Labor in Würzburg, zum Glück im sogenannten alten Kammerbau in Distanz von der Residenz untergebracht, explodiert 1748 und verursacht durch die eingelagerten feuergefährlichen Materialien beinahe einen Stadtbrand. 

[20] Carl Philipp von Greiffenclau zu Vollrads (1690–1754), Fürstbischof von Würzburg vom 14. April 1749 bis zum 25. November 1754. Er ist Neffe des Würzburger Fürstbischofs Johann Philipp von Greiffenclau zu Vollrads (1652–1719).

[21] Johann Zick (1702–1762), aus Lachen bei Memmingen, Herrschaft Kempten. Er arbeitet vor seiner Tätigkeit in Würzburg an den grossen Deckenfresken in den Gewölben der Kirchen von Raitenhaslach (1739), Schussenried (1745) und Biberach (1746).

[22] Es wird immer die Währung in rheinischen Gulden angegeben. Zusätzlich zu den Akkordsummen verpflichtet sich der Auftraggeber für   Kost an der Kavalierstafel, standesgemässe Wohnung und dem Liefern von Gerüstung und Material. Ein Kunsthandwerker-Geselle erreicht, als Vergleich, um 1750 in Bayern ein Jahreseinkommen von 80 bis 100 Gulden, in Würzburg sollen es sogar 250 Gulden betragen haben. Das Durchschnitts-Jahreseinkommen in Bayern beträgt allerdings 1803 noch immer 100 Gulden.

[23] Giambattista (Giovanni Battista) Tiepolo (1696–1770) kann es sich noch 1736 leisten, grosse Aufträge im Norden auszuschlagen. Es ist sein erster Auftrag ausserhalb Italiens.

[24] Er braucht dazu 218 Tagwerke, stellt zuerst die Südhälfte fertig, wechselt dann das Gerüst auf die Nordhälfte und kann so, vielleicht mit Spiegeln, das oben seitlich einfallende Tageslicht zu Arbeit mitbenutzen. Er malt «al fresco» mit Vollendungen ins Seccotechnik.

[25] Franz Ignaz Roth (1697–1757), kommt 1721 aus Wien nach Würzburg, ist Schüler von Byss und erstellt als umfangreichstes Werk die Vergoldungen des Kaisersaals. Er muss aufgrund der Porträts ein grosser Weinliebhaber sein.

[26] Adam Friedrich von Seinsheim (1708–1779) ist vom 7. Januar 1755 bis zum 18. Februar 1779 Fürstbischof von Würzburg und ab April 1757 auch Fürstbischof von Bamberg. Seine Mutter ist Anna Philippina Gräfin von Schönborn (1685–1721). Sie ist jüngere Schwester des Fürstbischofs Friedrich Carl.

[27] Ludovico Bossi, 1731 in Porto Ceresio geboren, ist seit 1762 am Hofstuckateur unter Philippe de la Guêpière am Stuttgarter Hof tätig.

[28] Das Vorlagebuch des Renaissancetheoretikers Vignola, erschienen 1617 bei Villemena in Rom, wird im Vertrag als Grundlage der Stuckaturen genannt.

[29] Materno Bossi (1737–1802) aus Porto Ceresio (Porto Morcote im Herzogtum Mailand). Er kommt 1764 im Trupp seines Bruders nach Würzburg. Er zeigt 1774–1784 mit der Umgestaltung der gotischen Stiftskirche von Ebrach die grösste Meisterleistung eines Stuckateurs des Frühklassizismus.

[30] Johann Peter Alexander Wagner (1730–1809) aus Kloster Theres, wo schon sein Vater Bildhauer ist, kommt nach einer Ausbildung in Wien 1756 nach Würzburg, wo er 1759 die Witwe Auvera heiratet und die Werkstatt des Johann Wolfgang von der Auvera übernimmt.

[31] Heute Balthasar-Neumann-Promenade.

[32] Das Hochstift Salzburg fällt 1802 auf Druck Napoleons an seinen Günstling Ferdinand III., Grossherzog der Toskana, Erzherzog von Österreich, der seit 1801 auf das Grossherzogtum Toskana verzichten muss. Er wird 1803–1805 Kurfürst von Salzburg, das dann aber im Frieden von Pressburg als Herzogtum an den Kaiser von Österreich fällt. Nun sorgt Napoleon für einen erneuten Tauschhandel: Bayern erhält das Tirol und verzichtet auf Würzburg, das an Ferdinand III. übergeben wird, der noch immer den Titel eines Grossherzogs von Toskana führt.

[33] Die Pläne liefert Nicolas Alexandre Salins de Montfort (1753–1838).

[34] 225 Avro-Lancaster und 11 Mosquitos werfen 324 Tonnen Sprengbomben und 572 Tonnen Brandbomben ab, die einen Feuersturm entfachen. 5000 Menschen sterben. Eindrücklich ist im Mainfränkischen Museum auf der Marienburg das Ausmass der Zerstörung in einem Stadtmodell festgehalten. Nur wenige und nebst der Marienburg und der Residenz vor allem sakrale Bauwerke werden beim Wiederaufbau der 50-iger Jahre rekonstruiert. Einzelne Häuserzeilen sind zwar äusserlich wiederhergestellt, der grosse Rest der ehemaligen Altstadt ist aber durch die übliche Nachkriegsarchitektur, welche die alte kleinteilige Parzellierung negiert, auf Dauer zerstört. Dazu tragen vor allem neue autogerechte Strassenschneisen an Stelle der mittelalterlichen Gassen bei.

[35] Der vorliegende Aufsatz stützt sich in der Zuschreibung der Künstler ausschliesslich auf das 1923 erschienene Standardwerk Pfister/Sedlmaier, dessen Aussagen zu den Planungsanteilen und Bauleitungsanteilen der einzelnen Baumeister in späteren Publikationen nie fundiert widerlegt werden können. Das kollektivistische Planen der Barockzeit wird von späteren Autoren kaum berücksichtigt und der Anteil von Balthasar Neumann lokalpatriotisch überhöht. Als Beispiel dient die Bayerische Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen. Völlig unbelastet von der Bauforschung heisst es hier noch 2011: «Im Wesentlichen ist dies die Leistung von Balthasar Neumann, der nicht nur die oft divergierenden Wünsche der kunstverständigen Familie Schönborn auf einen Nenner zu bringen hatte. Er musste auch die als Anregung, Konkurrenz und Korrektur angeforderten Entwürfe der damals führenden Architekten wie Maximilian von Welsch, Lucas von Hildebrandt, Germain Boffrand und Robert de Cotte auswerten und teilweise in die Planung einbeziehen». Seriöser und weniger von Lokalstolz geprägt ist der Beitrag in der «Wikipedia».



Die Residenz Würzburg heute. Luftbild:{{Bild CC BY SA 3.0 DE}} by emwe in Wikipedia.
WuerzburgResidenzLuftaufnahme

  Ehemalige Fürstbischöfliche Residenz Würzburg  
  WburgResidenz1740
 
Ort, Land (heute) Herrschaft (18.Jh.)
Würzburg Bayern D Hochstift Würzburg
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Würzburg 1720
Bauherr und Bauträger
ok Fürstbischof Philipp Franz von
leer Schönborn (reg. 1719–1724)
ok Fürstbischof Friedrich Carl Reichsgraf von
leer Schönborn (reg. 1729–1746)
WikipediaGreiffenclau Fürstbischof Carl Philipp von Greiffenclau zu leer Vollrads (reg. 1746–1754)
WikipediaGreiffenclau Fürstbischof Adam Friedrich von Seinsheimleer Vollrads (reg. 1755–1779)
 
  Ein Stich von 1740 nach einer Zeichnung von Salomon Kleiner stellt die vollendete   pdf  
Residenz vor. > Informationen zum Bild.
>
   
WburgRes-3
Der Kaisersaal-Pavillon des Ostflügels vom Bastions-Garten gesehen.  
   
WburgGrundriss
Grundriss des Piano Nobile (des ersten Obergeschosses) der Residenz mit den Raumbezeichnungen des 18. Jahrhunderts, mit dem Erstellungsjahr und den beteiligten Meistern. Bitte Bilder für Vergrösserung und Legende anklicken!
 
WburResidenzAusschn1723Thesen
Das Thesenblatt 1723
1723 widmet Freiherr von Reitzenstein seinem Fürstbischof Philipp Franz von Schönborn ein Thesenblatt , das auch eine Stadtansicht von Würzburg aus Norden enthält. Darauf sind die neuen Befestigungen und auch die Residenz im damaligen Planungsstadium eingetragen. Das Blatt in der Grösse von 145 cm Breite und 115 cm Höhe wird von Balthasar Neumann gezeichnet und vom Stecher Johann Salver in Würzburg gedruckt. Nur schon die Stadtansicht in der Blattmitte beträgt 76 cm auf 50 cm. Der obige Bildausschnitt zeigt die Residenz mit ihren heute abgebrochenen Ökonomiegebäuden (rechts südlich).
 
   
Link3 zum Thesenblatt 1723 (Übersicht).  
   
Stadtvedute Homann
Die Stadtdarstellung im Thesenblatt Neumann / Salver wird vom Nürnberger Stecher Johann Baptist Hohmann in einen neuen Kupferstich (Grösse B 58 cm / H 49 cm) kopiert und ist heute trotz seiner schlechtsitzenden farbigen Überdrucken in grosser Anzahl  und zu hohen Anbieterpreisen im Handel

 
Link2 Hohmann, Nürnberg (dat. 1723), Sättigung des farbigen Druckes reduziert.
 
   
Link1 Hohmann, Nürnberg (dat. 1723) in einer Seite der Universitätsbibliothek Uppsala mit Vergrösserungsmöglichkeit.

 
WburgResidenzBauzustand1731
Eine getuschte Federzeichnung zeigt den Bauzustand während des Einzugs des Fürstbischofs Friedrich Carl von Schönborn 1731. Der zu diesem Zweck dekorierte Nordtrakt ist bezugsbereit. Am Nordflügel des Südblockes wird soeben das Dach aufgerichtet.
Original in der Kunstbibliothek der Staatlichen Museen Berlin.
Quelle (PD): Wikipedia.
 
WburgResidenz1
Der Nordwestrisalit. Dieser westliche Teil des Nordblockes ist 1728 fertig und dient als provisorische Bischofswohnung bis zum Bezug des Südblockes.
 
WBurgResidenzHofkircheGrundriss
Johann Lucas von Hildebrandt plant seit 1730 als Vertrauensarchitekt des neuen Fürstbischofs intensiv an der Gestaltung des Mitteltraktes und der Hofkirche. Sein eigenhändiger Grundriss der Hofkirche mit der kurvierten Gestaltung entsteht als Reaktion auf ein stark klassizistisch geprägtes Projekt Neumanns. Die Hofkirche wird in der Folge ausschliesslich nach den Entwürfen Hildebrandts gebaut.
Plan Sammlung Eckert LXVI,1731/34. Bildquelle (PD) : Pfister / Sedlmaier 1923.
 
WburgRes4
1739 ist der Ehrenhof geschlossen und der Südblock mit der Hofkirche und der neuen Bischofswohnung ist vollendet. Die Westfront zeigt sich nun im heutigen Zustand.  
WburgPostkarte
Eine Postkarte von 1905 zeigt die ganze Westfront der Residenz, der Platz ist anstelle der heutigen Autoparkplätze von einer Militärmusik und einer grossen Volksmenge belebt.
Bildquelle (PD): Wikipedia / Zeno.org.
 
Wburg-5
Seit 1737 residiert Friedrich Carl von Schönborn in den Räumen des Südblockes, in dessen Südflügel sich (links) auch die Hofkirche befindet. Die Rokokoausstattung dieser zweiten Bischofswohnung ist heute nicht mehr vorhanden.  
WuerzburgResidenz6
Der Kaisersaal-Pavillon im langen Ost- oder Gartenflügel ist vom Wiener Kunstkreis um Johann Lucas von Hildebrandt geprägt. Der gegen Norden anschliessende Teil wird erst 1744 vollendet. Er beherbergt die nördlichen Parade- oder Kaiserzimmer mit ihrer Rokokoausstattung.
Bildquelle: {{Bild CC BY SA 3.0 DE}} by Rainer Lippert in Wikipedia.
 
WuerzburgResidenz7
Die Hofkirche ist 1734 eingewölbt. Sie ist, auch wenn Balthasar Neumann die Ausführung leitet und kollektiv mitplant, ein gemeinsame Schöpfung des Fürstbischofs und seines Architekten Johann Lucas von Hildebrandt. Zum Gesamtkunstwerk wird sie erst durch die ausführenden Künstler, hier vor allem mit der Beteiligung des Stuckateurs Antonio Bossi.  
WuerzburgResidenz8
Ein Blick in die Gewölbe mit den heute nur noch rudimentär vorhandenen Fresken von Johann Rudolf Byss, welche 1945 noch nach Kriegsende schutzlos der Witterung ausgesetzt sind.  
WuerzburgResidenz9
Reich ist nicht nur Pracht der Farben im Innenraum, auch die meisterhaften, vergoldeten Rocaille-Stuckaturen des Antonio Bossi sind eine wahre Augenweide, hier der Blick zur Empore  
WuerzburgResidenz10
Selbst für die Seitenaltäre der Hofkirche liefert Hildebrandt die Entwürfe. Antonio Bossi führt sie aus, nur die Marmorfiguren werden nach Entwürfen von Auwera  1742/43 in Carrara gefertigt. Das Altarblatt des Erzengel Michaels im Kampf mit Luzifer malt Tiepolo 1752.  
WuerzburgResidenz11
Der Kaisersaal ist 1742 gewölbt. Die überwältigende Wirkung der Ausstattung verdanken wir Antonio Bossi und Giambattista Tiepolo. Bossi erstellt bis 1751 alle Stuck- und Stuckmarmorarbeiten, Tiepolo malt 1751/52 die Deckenfresken.
Bildquelle: {{Bild CC BY SA 3.0 DE}} by Wikipedia author Sailko.
 
WburgTreppenhaus
Das Treppenhaus mit den Stiegen und dem Gewölbe von Balthasar Neumann wird 1764–1766 von Ludovico Bossi, dem Neffen des inzwischen verstorbenen Antoni Bossi, in einem steifen Klassizismus erneuert. Das berühmte Deckengemälde von Giambattista Tiepolo ist seither isoliertes Kunstwerk.
Bildquelle: {{Bild CC BY SA 3.0 DE}} by Graham Fellows in Flickr.
 
WuerzburgResidenzTiepolo
Tiepolo erstellt das grosse Fresko im Muldengewölbe 1753. Am Ende der Treppe, über der Südwand, malt er den Erdteil Europa mit einer Verherrlichung der Künste unter dem Medaillon des Fürstbischofs von Greiffenclau. Er fügt reale Persönlichkeiten in das Bild ein. Unten ist Balthasar Neumann mit Hund, rechts darüber in einem braunem Mantelumhang der Stuckateur Antonio Bossi dargestellt.
Bild: (CC BY-ND 2.0) by vince42 in Flickr.
 
WuerzburgResidenz13
Über der Nordwand ist das Fresko dem Erdteil Amerika gewidmet. Rot ist hier die vorherrschende Farbe. Virtuos malt der Venezianer die Personifikation Amerikas als verführerische, kaum bekleidete Dame, welche auf dem Kopf einen bunten Federschmuck trägt und auf einem Alligator reitet.
Bildquelle: Wikipedia.
 
WuerzburgResidenzGarten1781
Schon in der ersten Stadtansicht 1723 (siehe ganz oben) zeichnet Balthasar Neumann die Gärten. Aber noch 1774 wird am Ostgarten in der Achse des Kaisersaal-Pavillons geplant, wie ein Gartenentwurf des Hofgärtners Johann Prokopius Mayer zeigt. Der Plan wird 1781 in Paris von Le Rouge als Stich veröffentlicht. Der Garten richtet seine Gestaltung nach der vorhandenen Barockbastion.
Quelle: (PD) Wikipedia / Universitätsbibliothek Salzburg, G 427 III.
 
WuerzburgResidenz2
An den aufwändigen Rokokogarten in der Ostbastion erinnern heute noch die Treppenaufgänge, der Garten ist einem Rasenrondell mit Randbepflanzung gewichen. Der Bildausschnitt zeigt die Festung Marienberg im Hintergrund, flankiert vom Turm der Neubaukirche und vom Südostrisalit der Residenz.  
WuerzburgResidenz1945
Am 16. März 1945 wird Würzburg vollständig zerstört. Auch die Residenz brennt aus. Eindrücklich zeigt ein Modell im Mainfränkischen Museum das Bild der Zerstörung.  
Prospect der neuen Hoch=Fürstl: Würzburgischen Residenz auf dem Reñweg, welche Ihro Hoch Fürstlich: Gnaden Iohann Philippus Franciscus Glorwürdiger Gedächtnüs, A. 1720, den 22. May angelegt und den ersten Stein in das Fundament gelegt haben.

Salomon Kleiner zeichnet diese Vogelschauansicht 1723. Sie wird erst 1740 bei Johann Andreas Pfeffel in Augsburg verlegt. Stecher ist Johann August Corvinus. Kleiner erstellt die Vedute nach den Plänen des Baubüros Neumann, da 1723 erst der nordwestliche Teil gebaut ist. Der abgebildete Zustand wird tatsächlich erst 1744 erreicht.
Grösse B 395 x H 270 mm.

Bildquelle: Literatur.
Nach Deutschem Urheberrecht sind Vervielfältigungen von zweidimensionalen und veröffentlichten Druckvorlagen, deren Urheber 70 Jahre verstorben ist, in jedem Fall gemeinfrei.

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