Die Meister
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Frühbarocke Phase (Chor)              
Martino Barbieri (1583–1633) Roveredo Misox ok   Baumeister-Architekt 1628   1631
Christian Steinmüller (1587–1651) Augsburg     Maler 1628   1629
Zacharias Binder (vor 1600–1673) Ostrach     Bildhauer 1631   1635
Jakob Hornung (17. Jahrhundert) Ingstetten Roggenburg     Kunstschreiner, Altarbauer 1631   1631
David Weiss d. J. (†1635) Memmingen     Bildhauer 1633   1635
Martin Weiss (1611–1635) Ravensburg     Bildhauer 1633   1635
               
Neubauten Abt Leopld Mauch (1704–1722)              
Franz Beer II (1660–1726) Au Vorarlberg ok   Baumeister-Architekt 1708   1723
Francesco Marazzi (um 1670–1724) Mendrisio ok   Stuckateur 1710   1715
Franz Schmuzer (1676–1741} Wessobrunn ok   Stuckateur 1715   1723
Jacob Carl Stauder (1694–1756) Oberwil Baselland ok   Maler 1719   1723
               
Spätbarocke Kirchenausstattung              
Gabriel Weiss (um 1682–1760) Appenzell     Kunstunternehmer, Altarbauer 1727   1727
Johann Ruez (1678–1760) Strengen bei Landeck     Bildhauer 1727   1727
Br. Martin Erhardt OSB (1684–1739) Reichenbach bei Schussenried     Zeichner, Klosterarchitekt 1729   1736
Johann Georg Prestel (†1778) Ravensburg     Bildhauer 1732   1732
Christoph Hildebrandt (18. Jh.) Ravensburg     Kunstschreiner 1739   1739
Franz Joseph Erb (um 1700–1762) Ravensburg     Bildhauer 1739   1739
Joseph Anton Hafner (1709–1756) Türkheim     Maler, Freskant 1742   1743
               
Altarblätter und Wandbilder 1727–1780              
Johann Gabriel Roth († nach 1729) Unbekannt     Maler 1727   1728
Franz Georg Hermann (1692–1768) Kempten ok   Maler, Freskant 1729   1729
Johann Georg Mesmer (1715–1798) Wolfartsweiler bei Saulgau     Maler1768 1768    
Andreas Brugger (1737–1812) Gattnau bei Kressbrunn ok   Maler 1775   1780
               
Frühklassizismus              
Franz Anton Dirr (1723–1801) Weilheim     Stuckateur, Bildhauer 1783   1783
Johann Georg Wieland (1742–1802) Horblingen Radolfzell Wikipedia   Maler 1783   1783
Johann Nepomuk Holzhey (1741−1809) Ottobeuren ok   Orgelbauer 1784   1787

Weissenau
Ehemalige Prämonstratenser-Reichsabtei und Kirche St. Peter und Paul

Weingarten–Ravensburg–Weissenau
Im 11. Jahrhundert verlegen die Welfen ihren Stammsitz von Altdorf, dem alten Hauptort ihrer Grafschaft, eine knappe Wegstunde südlich zum Veitsberg. Sie nennen den neuen Sitz Ravensburg. Am alten Stammsitz, auf dem Martinsberg von Altdorf, stiften sie 1056 ein Benediktinerkloster, dem sie den Namen Weingarten geben und es zu ihrer Grablege machen. Unterhalb der Ravensburg bildet sich ein Burgflecken gleichen Namens. Er wird schnell Marktort und entwickelt sich im 12. Jahrhundert zur Stadt. 1145 gründet ein städtischer Adeliger, ein Ministeriale der Welfen,[1] eine halbe Wegstunde südlich von Ravensburg in der Schussenniederung ein Prämonstratenserkloster. Der Gründungskonvent kommt aus Rot an der Rot. Die Mönche des jungen Reformordens des heiligen Norberts[2] tragen weisse Gewänder. Aus dem Kloster in der «Minderen Au»[3] wird deshalb die Weissenau oder, im Barock, die «Augia Alba». Die Prämonstratenser-Niederlassung entwickelt sich stürmisch und kann schon 1183 Schussenried besiedeln. 1230 bekommt Weissenau auch das Kloster Rüti im Kanton Zürich als Tochter zugewiesen, wird 1257 Abtei, und erhält 1283 von Rudolf von Habsburg eine Heilig-Blut-Reliquie geschenkt, wie diese das benachbarte Weingarten schon fast zweihundert Jahre besitzt und die in jährlich zwei Reiterprozessionen in den umliegenden Pfarreien gezeigt wird. Wie alle Prämonstratenser sind die Mönche der Weissenau in der Seelsorge tätig. Sie sind im Besitz von vielen ins Klostervermögen inkorporierten Pfarreien. Seit 1497 ist die Abtei reichsunmittelbar. Ihre Grundherrschaft ist aber klein, verzettelt und zudem von Vorderösterreich umgeben. Zwei Drittel ihrer 300 Lehensgüter liegen ausserhalb des eigenen Territoriums.
Bauernkrieg, Reformation, und auch mehrere Plünderungen im Dreissigjährigen Krieg übersteht das Kloster ohne grosse Verluste. Der Bauernkrieg von 1525 ist durch die Chronik des Abtes Jakob Murer in eindrücklichen Bildern überliefert.

Die vorbarocken Bauten
Von den mittelalterlichen Bauten des Klosters und der umliegenden Wirtschaftsgebäuden ist heute mit Ausnahme des sogenannten Fasshauses westlich der Doppelturmfassade nichts mehr vorhanden. Baugeschichtliche und archäologische Untersuchungen der mittelalterlichen Anlage fehlen. Wir kennen das alte Kloster Weissenau aber aus Zeichnungen und Gemälden der Maler David Mieser aus Ravensburg und Johann Andreas Rauch aus Wangen. David Mieser zeichnet 1623 den Gebäudebestand in einer Vogelschau von Osten. Der mittelalterliche Turm ist in diesem Jahr erhöht worden und hat eine Bekrönung mit modischer Zwiebelhaube auf achteckigem Aufbau erhalten. Der hohe Turm beherrscht das Bild und lässt die Basilika von 1152–1172 klein erscheinen. Er steht in der Vierung zwischen basilikalem Langhaus und Chor, breiter als das Mittelschiff, wie er auch immer in den Bauernkriegsdarstellungen des Abtes Jakob Murer[4] und auf seinem Stifterbild von 1524 dargestellt ist. Der Maler David Mieser zeigt in einem weiteren Gemälde von 1625 die Klostergebäude erneut in Vogelschauansicht, diesmal von Westen, und verwickelt sich dabei nicht in bauliche Widersprüche. Seine Darstellungen sind glaubwürdig und topografisch genau.[5] Sie werden durch die ebenfalls um 1623 von Johann Andreas Rauch gemalte Vogelschauansicht des Klosters von Norden betätigt. Alle Ansichten zeigen südlich der Kirche zweigeschossige Konventbauten, um den Kreuzgang angeordnet, mit einer spätgotischen, den Ostflügel überragenden Kapelle. Es ist die Marienkapelle mit der Bibliothek im Obergeschoss. Im Süden und Westen der Konventbauten findet sich eine «Versammlung» gotischer Verwaltungs-, Gäste-, Prälatur- und Wirtschaftsbauten, von denen vor allem ein langer Flügel in westlicher Verlängerung auffällt. Es ist der Prälaturflügel, dessen Laube das Ort der 1525 zeichnerisch festgehaltenen Trinkorgie der Bauern ist. Unter der Prälatur fliesst der Mühlbach. Der Kanal, den das Kloster im 13. Jahrhundert der Schussen bei Ravensburg abzweigt, durchfliesst die Klosteranlage von Nord nach Süd.[6] Im Norden der Kirche liegt der Friedhof und direkt anschliessend, aber abgetrennt mit einer gedeckten Wandelhalle, ein umschlossener Renaissance-Lustgarten von hoher architektonischer Qualität. Weissenau zeigt Anfang des 17. Jahrhunderts das Bild einer blühenden Klosterlandschaft.

Chorneubau 1628–1631
Abt Johann Christoph Herdtlin (1616–1654) regiert während des Dreissigjährigen Krieges, der um 1632 auch im Bodenseegebiet mit dem Einfall der Schweden zum Erliegen der Wirtschaft führt. In der ruhigen Vorphase beginnt der Abt mit den ersten Baumassnahmen des frühen Barock. 1623 lässt er durch den Weilheimer Baumeister Johannes Guggemoos[7] den Turm in der Vierung erhöhen und schafft das oben beschriebene Wahrzeichen. Guggemoos hat soeben im Tochterkloster Schussenried einen gleichen Turmaufbau erstellt. Dort können wir das Bauwerk von 1622 noch heute sehen. Wenige Jahre später, 1628–1631, lässt der Abt  anstelle des  mittelalterlichen Altarhauses einen neuen Langchor erstellen. Als Baumeister wird der in Eichstätt ansässige Misoxer Baumeister Martin Barbieri (1583–1633) genannt. Die Ausstattung dieses bis heute erhaltenen Bauwerks mit Altar und Chorgestühl folgt bis 1635. Der Hochaltar des Ehinger Bildhauers Zacharias Binder enthält ein Altarblatt von Christan Steinmüller aus Augsburg. Altar und Bild sind ein frühes Zeugnis des Übergangstils zum Barock. Das zweireihige und 44-plätzige Chorgestühl ist ein Werk von David und Martin Weiss aus Ravensburg. Es ist trotz Merkmalen der manieristischen Renaissance ein künstlerisch hochstehendes Werk des frühen Barocks. 1686 wird ihm ein hochbarockes Akanthus-Schnitzwerk hinzugefügt.

Barocker Neubau mit Franz II Beer
Abt Leopold Mauch von Wangen, im Amt seit 1704, verdingt am 22. Februar 1708 den Neubau der Konventgebäude an den 57-jährigen Franz II Beer. Der in Konstanz wohnhafte Vorarlberger Baumeister ist in Rheinau an der Vollendung der neuen Abteikirche tätig und hat soeben die Konventneubauten von Salem vollendet. Die Planung für Weissenau sieht, wie in Salem, keinen Kirchenneubau vor. Beer beginnt noch im gleichen Jahr mit dem Neubau von Ost- und Südflügel, offensichtlich zur Zufriedenheit des Bauherrn, denn dieser empfiehlt ihn im gleichen Jahr an seinen Amtsbruder in Bellelay. 1710 stuckiert der Trupp des kurbayrischen Hofstuckateurs Francesco Marazzi (um 1670–1724) im Ostflügel, der im gleichen Jahr eingeweiht wird. Der Südflügel wird 1711 fertig gestellt. Hier sind die Stuckaturen bereits vom Wessobrunner Franz Schmuzer (1676–741), der ab 1715 in Weissenau arbeitet.
Am 18. Februar 1717 wird Beer aufgrund einer weitergeführten Planung zum Bau der neuen Klosterkirche und des Westflügels verpflichtet. Dabei soll das romanische Langhaus und der Glockenturm von 1623 abgebrochen werden, hingegen ist der Chor von 1631 aus Nutzungsgründen erst in der dritten Bauetappe zu ersetzen. Beer hat inzwischen die Kirchenbauten in St. Urban und Bellelay mit ihren Doppelturmfassaden vollendet und ist in Weingarten 1716 von seinem grössten Bauvorhaben wegen Kompetenzstreitigkeiten kurz nach der Grundsteinlegung zurückgetreten. 1717 beginnt er in Weissenau mit der Ausführung einer Wandpfeilerkirche und einer Doppelturmfassade in der Grösse und Art von St. Urban. Die freigestellten Türme und das entschiedene Vortreten der Mittelpartie können in Verbindung mit den Einsiedler Projekten des Caspar Moosbrugger gesehen werden. Das Innere von Weissenau ist gegenüber St. Urban gereifter. Die Wandpfeiler erhalten durch die zurückgestuften Seitenemporen mehr Gewicht. Im Unterschied zum benachbarten Weingarten ist allerdings noch ein rein vorarlbergischer Raum geschaffen worden, nicht ohne Pathos, aber starker Dynamik und vordrängenden Motiven abgeneigt. «Weissenau erweist sich in dieser Hinsicht als der vielleicht vollkommenste rein vorarlbergische Grossbau.» (Naab/Sauermost). Diese Feststellung gilt leider nur für einen Torso, denn der ebenfalls geplante Chorneubau[8] wird 1739 trotz klarem Wunsch des Kapitels vom damals regierenden Abt Anton I. Unold abgelehnt.[9] Obwohl er das Verhältnis des Chors zum Schiff selbst unharmonisch findet, zieht der Abt ökonomisch wichtigere Bauten vor.
Wie bei den vorangehenden Kirchenbauten Franz Beers kann der Wessobrunner Franz Schmuzer (1676–1741)[10] von 1719–1723 die Stuckaturen erstellen. Auch der Konstanzer Jacob Carl Stauder (1694–1756) darf auf Franz Beer zählen: Stauder erstellt alle Deckenfresken im Langhaus, über der Vierung malt er Mariä Verkündigung mit einer Scheinkuppel nach Pozzo. Die Kirche, noch ohne vollständige Altarausstattung, wird 1724 geweiht.

Abt Anton I. Unold
Bauabt Leopold Mauch tritt 1722 aus gesundheitlichen Gründen zurück und stirbt im gleichen Jahr. Sein Nachfolger ist nur zwei Jahre im Amt. Am 15. Oktober 1724, im Jahr der Kirchweihe, wird als neuer Abt der 27-jährige Anton Unold von Wolfegg gewählt, der dem Konvent bis 1765 vorsteht. Er setzt vorerst die Ausstattung des Langhauses mit Altären fort und kümmert sich dann intensiv um die Neubauten der Wirtschaftsgebäude im Norden und Westen der grosszügigen Klosteranlage. 1736 liegt eine Planung vor, welche die Doppelturmfront symmetrisch in der Mitte einer nach Norden erweiterten Westfront zeigt. Damit hätte sich Weissenau in die Reihe der Klosterresidenzen nach dem Vorbild des Escorial eingereiht, wie wir sie heute in Einsiedeln oder Fürstenfeld kennen, oder wie es der Idealplan von Weingarten zeigt. 1739 entscheidet sich Abt Anton I. gegen den Chorneubau und auch gegen weitere Konventbauten. Stattdessen beauftragt er 1742 den Türkheimer Maler Joseph Anton Hafner (1709–1756) mit der Ausmalung von Chor, Chorbogen und Emporenuntersichten. Es ist keine Meisterleistung des Schülers von Johann Georg Bergmüller, eher naive Rokokodekoration, die vor allem im Chorbogen besser unterblieben wäre.

Klassizistische Werke: Kreuzaltar und Orgel
1783, anlässlich des 500-Jahr-Jubiläum der Schenkung der Heilig-Blut-Reliquie spendet die Abtei Salem den Kreuzaltar, der mittig ins Schiff gestellt wird. Der Klassizismusexport von Salem ist ein Alabasterwerk der dortigen Altarbauer und Bildhauer Franz Anton Dir und Johann Georg Wieland. Im gleichen Jubeljahr bestellt das Kloster eine neue Orgel beim Ottobeurer Orgelbauer Johann Nepomuk Holzhey, die 1787 intoniert werden kann. Das Orgelwerk mit 41 Registern befindet nach vielen verändernden Eingriffen heute wieder im Originalzustand.

Schacher um Weissenau 1803–1835
1803 wird Abtei und Herrschaft Weissenau im Reichsdeputationshauptschluss der Gräfin Augusta von Sternberg-Manderscheid, einer Prager Adeligen, zugesprochen. Durch österreichische Epaven[11] verliert die neue «Grafschaft Weissenau» sofort den grössten Teil der durch die Gräfin angenommenen Jahreseinnahmen. Sie tritt deshalb 1805 die neue Grafschaft im Tausch mit den Schussenrieder Epaven an die Österreicher ab. Diese ergreifen am 18. September 1805 Besitz der Herrschaft Weissenau, verlieren sie aber wenige Monate später im Frieden von Pressburg, zusammen mit ganz Vorderösterreich, an die mit Napoleon verbündeten Bündnispartner Baden, Württemberg und Bayern. Die Gräfin kann sich deshalb 1806 als Inhaber ihrer «Grafschaft Weissenau» behaupten. Im gleichen Jahr mediatisiert[12] das Königreich Württemberg die Reichsritterschaft und konfisziert 1809 die «Grafschaft Weissenau», die Bibliothek wird nach Stuttgart verfrachtet.[13] Aber bereits 1811 muss es die Herrschaft wieder an das Haus Sternberg-Manderscheid zurückgeben. Erst 1835 kommt das Königreich durch Zahlung von einer Million Gulden und zusätzlichen hohen Rentenzahlungen endgültig in den Besitz der Herrschaften Weissenau und Schussenried.
Bei diesem Schacher des Reichsadels um die Klosterherrschaft darf das Schicksal der letzten rechtmässigen Eigentümer nicht vergessen werden. Zum Zeitpunkt der Aufhebung hat der Konvent 26 Mitglieder. Abt Bonaventura Brem und 16 Chorherren leben im Kloster, 9 Chorherren sind auf Pfarrstellen wohnhaft. Sie dürfen, sofern sie nicht auf freie Pfarrstellen versetzt werden, im Kloster verbleiben oder werden in Verwaltungsdienste genommen. Abt Bonaventura stirbt 1818 in Weissenau, der letzte Konventuale 1848, als Pfarrer auf St. Christina bei Ravensburg.

Industrie, Psychiatrie und Bewahrung im 21. Jahrhundert
Die Ebene der Schussen zwischen Weingarten und Weissenau zeigt heute das unschöne Bild einer zusammenhangslos entstandenen Industriezersiedelung, erschlossen mit mehrspurigen Autostrassen und aufgefrischt mit bunten Einkaufszentren, in deren Einöde Juwelen wie die Abtei Weingarten, die Altstadt von Ravensburg und die Abtei Weissenau richtig gesucht werden müssen. Auch die Klosterkirche Weissenau hat als Gegenüber eine Industriezone. Diese beginnt 1839 mit der Einrichtung einer Bleich- und Appreturanstalt eines St. Galler Fabrikanten in den ehemaligen Konventgebäuden. Die «Bleiche» zieht später aus und belegt das westliche Klostergelände. 1945 kann die «Ulmia», wie die «Bleiche» inzwischen heisst, auch die westlichen Abschlussgebäude des Klosterhofes, den Arkadenbau und das Kornhaus, einbeziehen. Diese sind heute bis zur Unkenntlichkeit umgebaut. Nach Norden, Süden und Westen zeigt die Klosteranlage hingegen ein eindrückliches, geschlossenes und von einer englischen Parklandschaft eingerahmtes Barockensemble dar. Dies ist der neuen Nutzung als psychiatrisches Krankenhaus zu verdanken. 1888 wird sie als «Staatliche Irrenanstalt» in den Klostergebäuden eingerichtet. Leider führt diese spezielle Nutzung zu Verlusten an Stuck- und Kunstausstattungen im Innern. Auch beide Haupttreppenhäuser werden der Neunutzung geopfert. Die grosse Stuckdecke Franz Schmuzers im Refektorium wird noch 1935[14] entfernt. Der Zugang zu den noch erhaltenen Räumen, wie die Bibliothek oder der Festsaal, ist nicht möglich. Das Land Baden-Württemberg, als Besitzer der Kirche und des grossen Geländes der Psychiatriegrundstücke, unterhält die Gebäude aber vorbildlich und hat sie letztmals 1979 restauriert. Zudem scheint heute, nach dem Ende der «Ulmia» 2006, auch eine Neugestaltung der Industriezone vor der Westfront möglich.

Pius Bieri 2009


Benutzte Einzeldarstellungen:
Naab, Friedrich und Sauermost, Hans Jürgen: Die Entwicklung der Vorarlberger Wandpfeilerräume, in: Vorarlberger Barockbaumeister, Einsiedeln 1973.
Krins, Hubert: Festsaal und Abtei des Klosters Weissenau. In: Denkmalpflege in Baden-Württemberg, Nachrichtenblatt Okt.–Dez. 1977. > Zur PDF-Version.
Krins, Hubert: Der barocke Konventneubau des Klosters Weissenau, in: Weissenau in Geschichte und Gegenwart, Sigmaringen 1983.
Borst, Arno: Mönche am Bodensee, Sigmaringen 1997.
Wieland, Georg: Vom Prämonstratenserstift zur sternbergischen Herrschaft, in: Alte Klöster - Neue Herren, Sigmaringen 2003.
Beck, Otto: Weissenau, St. Peter und Paul , Kunstführer, Regensburg 2004.

Anmerkungen:

[1] Der Stifter mit Namen Gebizo von Ravensburg kommt 1153 bei einem Handgemenge auf dem Marktplatz von Ravensburg ums Leben.

[2] Der heilige Norbert gründet 1120 im Wald von Coucy das Reformkloster Prémontré. Die Mönche leben nach der Augustinerregel.

[3]  Bodenseeklöster mit Wortstamm Au, Auen (Augia) sind: Augia Major oder Mehrerau; Augia dives oder Reichenau; Augia minor oder Minderau, dies wird dann zu Augia Alba oder Weissenau.

[4] Abt Jakob Murer hat 1525 eine Bilderchronik des Bauernkrieges in 12 Zeichnungen mit Text verfasst. Die Federzeichnungen sind, was die Gebäude und die mittelalterliche Anlage betrifft, von grosser Aussagekraft, aber nicht detailgetreu und die Gebäude zeichenhaft vereinfachend darstellend. Auf allen Blättern und auch auf dem Stifterbild von 1524 ist aber der Turm immer als mächtiges, festungsartiges Bindeglied von Mittelschiff und Chor dargestellt, wie ihn auch die Zeichnungen und Ölbilder von nach 1623 zeigen.

[5] Umso erstaunlicher, dass die Kunstgeschichte die aussergewöhnliche Turmsituation und die grossartige spätmittelalterliche Klosterlandschaft nicht zur Kenntnis nimmt.

[6] Erst im 20. Jahrhundert wird der Kanal zugeschüttet.

[7] Auch Guggenmoos, Guggemos.

[8] Es ist ein Ovalchor, der vielleicht von Caspar Moosbruggers Kirchenentwürfen (vor 1696) beeinflusst ist. Caspar Moosbruggers Planungen sind Franz Beer bekannt, in St. Urban hat er Einsiedler Fassadenplanungen übernommen und er liefert selbst Varianten zu Moosbruggers Planungen in Einsiedeln.

[9] Für die Barockzeit ist dies ein Ausnahmefall, denn üblicherweise bekämpft das Kapitel die Bauvorhaben der Äbte. Hier gibt Abt Anton I. zu Protokoll, da der bestehende Chor, «ausgenommen die Disproportion», keine Fehler habe, lehne er einen Neubau ab.

[10] Er schliesst mit Abt Michael III. Helmling, der am 22. Januar 1722 gewählt wird, am 1. September einen neuen Vertrag über die Stuckierung der Räume im Westflügel und im Abteibau (Südwestpavillon) sowie in den Gängen des Südflügels ab. Darin wird die Mitarbeit von Pontian Gigl (1681–1742) und Michael II Schnell (1677–1736) vereinbart. Die Arbeitszeit dauert, mit Kunstlicht, auch im Winter von morgens sechs Uhr bis abends sechs Uhr, also 12 Stunden mit 3 Pausen.

[11] Droit d'épaves (wörtlich: Recht auf Treibgut): Heimfallrecht bei Enteignungen, für Besitzteile auf Hoheitsgebiet von Drittstaaten.

[12] Aufhebung der Reichsunmittelbarkeit und Unterstellung unter den Staat.

[13] Die Bibliothek ist zu diesem Zeitpunkt schon lange nicht mehr vollständig, so hat unter anderem der letzte Abt, Bonaventura Brem, 3000 Bände mit seinem Exlibris versehen.

[14] Eine düstere Zeit auch für die Weissenau, die in dieser Zeit die Geisteskranken als «lebensunwert» befindet und zwischen 1939 und 1943 ein Euthanasieprogramm durchzieht.

 

Zwei frühbarocke Meisterwerke im Chor der Stiftskirche Wesissenau
Weissenau11   Weissenau12
Der Hochaltar, ein Werk des Kunstschreiners Jakob Hornung aus Ingstetten bei Roggenburg, mit bildhauerischen Arbeiten des in Ehingen wohnhaften Zacharias Binder, wird 1631 aufgerichtet. Der Ädikula-Altar lebt durch sein plastisch-bildhauerischen Elemente. Der Rundbogenabschluss des Altarblattes sprengt den Architrav und Fries des Gebälks, wie dies die Dogmatik der Renaissance noch nicht erlauben würde. Altäre dieser Art sind um 1630 vor allem in den Jesuitenkirchen Bayerns zu finden, wie der noch heute bestehende Altar in Landshut. Das manieristisch-frühbarocke Altarblatt des Augsburger Malers Christian Steinmüller (er wird 1634 als Hofmaler nach Wien berufen) stellt den Abschied der Kirchenpatrone Petrus und Paulus und ihr Martyrium dar.   Das Chorgestühl von Weissenau ist ein Werk von Vater David und Sohn Martin Weiss aus Ravensburg, die beide 1635 der Pest zum Opfer fallen. Ihr Chorgestühl ist zu diesem Zeitpunkt bereits vollendet. Es weist Gemeinsamkeiten mit dem Gestühl in Roggenburg auf, was nicht verwundert, denn der für den Altar beigezogene Kunstschreiner Jakob Hornung stammt von dort und hat auch das Roggenburger Gestühl gebaut (unter der Leitung des Bildhauers Christoph Rodt). Der Beizug von Jakob Hornung illustriert auch den Künstleraustausch unter den Prämonstratenserstiften. Das Chorgestühl von Weissenau ist dank seiner reichen Bildhauerarbeiten, vor allem dank den Dorsalreliefs, ein schönes Werk des Frühbarocks, an dem mit Sicherheit auch Hornung und wahrscheinlich sogar der Zacharias Binder Mitbeteiligte sind.







Zum Weissenauer Chorgestühl siehe die ausführliche Arbeit von Sybe Wartena: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus (PDF-Datei).


  Ehemalige Prämonstratenser-Reichsabtei Weissenau  
  Weissenau1734  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Weissenau bei Ravensburg
Baden-Württemberg D
Reichsabtei Weissenau
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Konstanz   1708
Bauherr und Bauträger

ok Abt Leopold Mauch (reg. 1704–1722)

ok Abt Anton I. Unold (reg. 1724–1765)
 
  Die Abtei Weissenau 1734, von Westen gesehen. Für Legende und Vergrösserung bitte Bild anklicken.   pdf  
   
WeissenauStifterbild
Das Stifterbild von 1524.  
> Bildinformationen
   
Weissenau1623
Erstaunlich viele Darstellungen zeigen die Klosteranlage Weissenau kurz nach der Turmerhöhung durch Johannes Guggemoos (1723), aber noch vor dem Chorneubau von 1628–1631. David Mieser aus Ravensburg zeichnet die Anlage noch 1623 in einer Vogelschauansicht von Nordosten als Vorlage für einen Kupferstich. Siehe dazu die Erläuterung im Text über die vorbarocken Bauten.
Pater Gabriel Bucelin klebt das Original der Zeichnung (B 30,2 cm / H 18,6 cm) in seinen Folioband , heute Codex HB V 15 a in  der Landesbibliothek Stuttgart.
 
Weissenau1729
1729 zeichnet Br. Martin Erhardt, Konventuale in Weissenau, diesen erstaunlich genauen Plan der alten und der neuen Klosteranlage. Die Vorgängeranlage zeichnet er in Rotocker, die Neubauten in dunklen Brauntönen, wobei die 1729 schon gebauten Gebäude mit dem heutigen Bestand übereinstimmen. Auch geplante und dann nicht verwirklichte Neubauten sind enthalten, wie die Ergänzung des Westflügels im Norden. Zusätzlich versieht er Alt- und Neubauteile mit genauen Legendenbezeichnungen.
Quelle: Wikipedia.
Originalplan (Gr. 66 cm B / 138 cm H) im Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
 
< Planinfo Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
WeissenauGrRiss
Der Grundriss von Kirche und der Konventflügel im Erdgeschoss, mit den Einteilungen und Raumbezeichnungen zur Klosterzeit. Der von Franz Beer II geplante Ovalchor ist gelb eingetragen. Für Vergrösserung und Legende bitte anklicken.  
> zum Grundrissausschnitt der Stiftskirche
Weissenau1
Der älteste Bauteil im ehemaligen Klosterbereich ist der Chorneubau von 1628–1631, hier von Osten gesehen.  
Weissenau2
Der Südostrisalit ist Teil der 1708–1711 gebauten ersten Etappe des Klosterneubaus.  
Weissenau3
1717–1723 baut Franz Beer II auch die Stiftskirche mit den zwei freigestellten, markanten Türmen.  
Weissenau4
Die Wandpfeilerhalle von Franz Beer II, mit dem Régence-Stuck von Franz Schmuzer und den dunkeltonigen Gemälden von Jacob Carl Stauder stellt den «vielleicht vollkommensten rein vorarlbergischen Grossbau» dar.  
Weissenau5
Der Blick zum Chor des frühen 17. Jahrhunderts zeigt das Unvollendete. Abrupt endet die stolze Wandpfeilerhalle am nun plötzlich klein wirkenden Chor. Betont wird dies durch die unglückliche Malerei am Triumphbogen von 1742
Bildquelle: Andreas Praefcke in Wikipedia, Januar 2006.
 
Weissenau7
Jacob Carl Stauder malt 1719 das grosse Mittelbild in der Flachkuppel der Vierung. In einer Scheinarchitektur (Quadratura) nach Andrea Pozzo stellt er Mariä Verkündigung dar. Das rostige Rotbraun der Quadratura und die leuchtenden Farbakzente sind nur möglich, weil Stauder nicht «al fresco», sondern in Öl auf den Putzgrund malt. In die Zwickelfelder malt er die vier Evangelisten und in der Bildachse zwei «Trompe l'Oeil» Ovalfenster, alles gerahmt vom feinen Stuck des Wessobrunners Franz Schmuzer.  
Weissenau8
Die Darstellung Christi im Tempel im Mitteljoch des Langhauses ist in eine etwas hellere Scheinarchitektur eingebunden. Kostbare Stoffe der versammelten Personen auf den Stufen des Tempels prägen das Bild. Ein Vergleich mit den gleichzeitigen Fresken von Cosmas Damian Asam in Weingarten zeigt den grossen Unterschied zur Maltechnik und zum wenig dynamischen Bildaufbau Stauders, dessen Werke in Weissenau allerdings zu seinen besten gehören.  
Weissenau9
Über die Orgelempore malt Jacob Carl Stauder 1722 das Bild des zwölfjährigen Jesus im Tempel. Der umgebende Stuck (1719) von Franz Schmuzer wird zu «Wessobrunner Régence» gezählt und ist eine freie Übersetzung der Vorlagen von Jean Bérain und Daniel Marot, deren Werke 1708 und 1712 erscheinen. Die 1784–1787 von Johann Nepomuk Holzhay gebaute Orgel zeigt bereits die Stilmerkmale des Frühklassizismus.  
Weissenau10
Die Kanzel, nach einem Entwurf des Klosterbruders Martin Erhardt von den Klosterwerkstätten (Br. Anton Höcht) 1731–1732 angefertigt und mit Reliefs und der Michaelsfigur von Johann Georg Prestel versehen. Später fügt Franz Joseph Erb die Putten an Korb und Schalldeckel an.  
1524 lässt Abt Jakob Murer dieses Renaissance-Vorsatzblatt eines Pergamentcodexes malen. Es zeigt die Szene der Klostergründung durch den Ravensburger Ritter Gebizo, der an Abt Oteno von Rot an der Rot das Modell der Weissenauer Klosterkirche überreicht. Abt Oteno trägt die Gesichtszüge von Abt Jakob Murer. Das Kirchenmodell entspricht der Stiftskirche des 16. Jahrhunderts. Der Flusslauf der Schussen und die drei Höfe der Gründungsausstattung bilden den Hintergrund.
Bildquelle:
Wikipedia, nach Original im Fürstlich Waldburg Zeil'sches Gesamtarchiv auf Schloss Zeil. (Grösse 22 B / 31 H, Handschrift ZA Ms 150, fol. 4).

N 36 Nr. 16 [Grundriss der alten und neuen Bauten der Klosteranlage Weissenau]
«(...) 1729 (...) ist sowohl das althe als neye gebey zusam(m)en verzeichnet worden» / «F(rater) Martino Erhardt, Profess, Altdorf» / Linearmaßstab, 300 [Nürnberger] Schuh.
[Massstab ca. 1 : 480 mit Nürnberger Schuh 30. 4 cm umgerechnet]
Plangrösse 138 x 66 cm / o. Or.
Papier, bei Restaurierung auf Leinwand aufgezogen, grössere Wasserflecken, Farben verblasst, kleinere Fehlstellen im Kartenbild, dadurch Text- und Zeichnungsverluste / kolorierte Federzeichnung / das gesamte Klosterareal von Weissenau innerhalb der Klostermauer mit den alten (Nr. 1–62, rosa umrandet) und neuen bzw. geplanten Gebäuden (Nr. 63–149, schwarz umrandet), die Nummern verweisen auf die Aufstellung der alten und neuen Gebäude im unteren Drittel des Plans; dargestellt sind neben der Klosterkirche und den alten und neuen Konventgebäuden auch die Wirtschaftsgebäude und der Mühlkanal, der das Klosterareal durchfliesst, ebenso eingezeichnet ist der projektierte und nicht gebaute Flügel, der sich nördlich an die Klosterkirche anschliessen sollte; ausserdem finden sich Eintragungen über die Grundsteinlegungen zum Bau des Konvents im Jahre 1708 und zum Bau der Klosterkirche im Jahre 1717 sowie Angaben über die Länge und Breite (unten links bzw. unten rechts) der alten Klosteranlage in dem Plan.
Prov.: [Kloster Weissenau].
Alte Archiv-Signaturen: K. 34.28 / H 59 Nr. 273 / J 35 Wei Nr. 16.
Stempel des Württembergischen Staatsarchivs Stuttgart.

Literatur:
Richard Schmidt und Hans Buchheit (Bearb.): Die Kunst- und Altertums-Denkmale im ehemaligen Donaukreis: Oberamt Ravensburg. Stuttgart und Berlin 1931. Seite 83, Schwarz-Weiss-Abbildung des Plans (Abb. 51) auf S. 86, Erläuterungen Seiten 86-87.
Max Schefold: Alte Ansichten von Württemberg, Stuttgart 1957, und Nachtragsband Stuttgart 1974.
Hubert Krins: Der barocke Konventbau des Klosters Weissenau. In: Weissenau in Geschichte und Gegenwart. Festschrift zur 700-Jahrfeier der Übergabe der Heiligblutreliquie durch Rudolf von Habsburg an die Prämonstratenserabtei Weissenau. Sigmaringen 1983. Seiten 246, 257.