Die wichtigsten Meister des Bauwerks
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Franz Beer II von Bleichten (1660–1726) Au (Vorarlberg) ok   Baumeister-Architekt 1715   1718
Johann Michael Beer II von Bleichten (1700–1767) Bezau Vorarlberg     Architekturzeichner 1714   1717
Nikolaus Schütz (1693–1785) Wessobrunn     Stuckateur , Baumeister 1734   1749

St. Katharinenthal (neu: St. Katharinental)

Ehemaliges Dominikanerinnenkloster bei Diessenhofen

Klosteranlage   Barocke Klosteranlage
Stiftskirche   Klosterkirche SS. Katharina und Nikolaus

Klostergeschichte und barocke Klosteranlage

Spätmittelalterliche Weltabkehr im Bodenseeraum
Der Dominikaner- oder Predigerorden wirkt seit 1217 in den Städten als erster Bettelorden. Prediger mit fundierter Ausbildung verkünden das Evangelium. Zu diesem Orden fühlen sich auch die Beginen und andere Schwesterngemeinschaften hingezogen. Sie werden aber nur widerstrebend und selten in den Orden inkorporiert, da die Ordensregel städtische Seelsorge und nicht Rückzug von der Welt verlangt. Trotzdem erreicht nur ein Frauenkonvent der Bodenseeregion, dank tatkräftiger Damen aus der begüterten Oberschicht und mit päpstlicher Unterstützung, die Zulassung in den zweiten Orden der Dominikaner. Es ist dies St. Katharinenthal[1] bei Diessenhofen, das 1245 zusammen mit den Schwesterklöstern Töss bei Winterthur und Oetenbach in Zürich in den Orden inkorporiert wird.
Gründer von St. Katharinenthal und Töss, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts,  sind die Grafen von Kyburg. Das mächtigste Adelsgeschlecht der Nordschweiz, es gründet nebst anderen Städten auch Winterthur und Diessenhofen, stirbt 1263 aus. Erbe und politischer Nachfolger der Kyburger ist das Haus Habsburg, das in der Folge Förderer der Dominikanerinnen von St. Katharinenthal wird. Hier wie in Töss blüht im 14. Jahrhundert die deutsche Mystik, die verzückten Frauen sehen in ihrer Askese unglaubliche Begebenheiten und sind für Tage völlig verzaubert von der direkten Begegnung mit dem Jesuskind. Die Schwestern leben fern von der «Welt», die Öffentlichkeit respektiert sie, liebt sie aber nicht. In ihrer Abgeschlossenheit schaffen die Dominikanerinnen im klösterlichen Skriptorium auch Hauptwerke er europäischen Kunstgeschichte: die Gradualen von St. Katharinenthal, die heute im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und im Landesmuseum in Zürich zu bewundern sind.

Reformation
1460 erobern die Eidgenossen den Thurgau und benutzen das Kloster St. Katharinenthal als Quartier bei der Belagerung von Diessenhofen. Der Rottmeister Niklaus von der Flüe, der spätere heilige Bruder Klaus, ist aktiv am Kriegszug beteiligt und soll nach der Überlieferung das Kloster vor Brandstiftung bewahrt haben. Der Thurgau ist nun Untertanenland der Eidgenossen.
Der Sieg der Innerschweizer Kantone über die Reformierten von 1532 und die dann folgende Bereinigung der Herrschaftsverhältnisse im Thurgau bedeutet die Rettung des Dominikanerinnenklosters. Die Nonnen von St. Katharinenthal, die nach einem Kloster- und Bildersturm der reformierten Bürger von Diessenhofen nach Überlingen geflüchtet sind, können zurückkehren. St. Katharinenthal hat, auch dank hartnäckigem Widerstand der Klosterfrauen, die Reformation überlebt und erlebt eine zweite Blüte in der Barockzeit. Die Schwesterklöster Töss und Oetenbach haben weniger Glück, sie sind 1525 bereits aufgehoben worden, ihre Gebäude und Kreuzgänge werden noch Anfang des 20. Jahrhunderts abgerissen.

Klosterneubau unter der Priorin Maria Dominica Josepha von Rottenberg
Wenn die grossen Klosterneubauten der Barockzeit zuerst reichsfürstliche Repräsentation  und demonstrative Geste der Gegenreformation sind, so trifft dies für den Neubau von Kloster (1715–1718) und Kirche (1732–1735) nicht zu. Die Bauherrin von St. Katharinenthal verfolgt andere Ziele. Die in ihren Absichten unbeirrbare, mitunter rücksichtslose Priorin M. Dominica Josepha von Rottenberg hat nicht das prioritäre Ziel, mit der Architektur eine Geste der Repräsentation zu schaffen. Sie will ein bedingungslos klausurgerechtes Kloster bauen und setzt dies nach ihrem Amtsantritt 1712 um.[2] Sie ist 36 Jahre alt, stammt aus Würzburg, hat verwandtschaftliche Beziehungen zu Einsiedeln und kommt später in den Ruf eines heiligmässigen Lebens. Sie zieht Franz Beer II als Baumeister bei, der drei Wegstunden rheinabwärts soeben die neue Stiftskirche Rheinau fertig gestellt hat.[3] Das Gelände ist für einen Klosterneubau nicht einfach. Der Rhein begrenzt den Platz im Norden, ein Steilhang im Süden. «Da sei der Frau Dominica des Nachts vom Himmel die Idee gekommen, man könne ja den hinderlichen Berg soweit notwendig abtragen». Das Projekt von Franz Beer II richtet sich danach. Er muss auch die Klostergänge von Nord- und Westflügel an die Aussenseite verlegen, damit die Zellen zum Innenhof und nicht auf «die Welt», das heisst zum Rhein oder dem westlichen Klosterplatz gerichtet sind und damit die Schwestern zur «Ausschweifung» verführen könnten. Trotz misslicher Finanzlage und mangelnder Baufreigabe durch den Dominikanerprovinzial beginnt die wagemutige Priorin anfangs 1715 mit dem Bau. Der junge Johann Michael Beer wird vorher für die Baurisse entschädigt, der Verding mit Vater Franz Beer II lautet auf 9000 Gulden. Der Baufortschritt ist rasant, offensichtlich hat die Priorin das Geld auftreiben können. Ost- und Nordflügel sind 1717 bezugsbereit, und die Nonnen werden in die Klausur «eingeschlossen». 1718 ist auch der Westflügel vollendet, im Süden bleibt die schlichte Bettelordenskirche der Gotik vorläufig noch bestehen. Am Bau sind nebst dem Vorarlberger Bautrupp unter der Leitung von Parlier Erasmus Natter eine Vielzahl von Handwerkern beschäftigt, nicht nur aus der Umgebung. Schmuckstücke sind die 15 Kachelöfen der Gemeinschaftsräume aus der Steckborner Werkstatt des Daniel Meyer. Die wertvolleren dieser Öfen sind nach der Aufhebung in Privatbesitz gelangt und teilweise verschollen.

Kirchenbau 1732−1735
Über den Bau der barocken Klosterkirche siehe «Ehemalige Klosterkirche St. Katharinenthal».

Die letzte schweizerische Klosteraufhebung
Das Kloster übersteht die Zeit der Französischen Revolution und die Ära Napoleon zwar ohne Einbussen an Bauten, aber mit Verlusten an Sakristeischätzen. Vor allem leidet es 1798 und 1799 schwer unter Einquartierungen und noch lange an Kontributionen. Die erste staatliche Inventarisation von Gütern und Vermögen des Klosters am 12. Februar 1798 bildet den Auftakt eines langen Säkularisierungsprozesses. 1836 folgt die staatliche Verwaltung. 1848 ist es nicht die Grosszügigkeit der Regierung, sondern das sogenannte Epavenrecht, nach welchem dem Grossherzogtum Baden die auf seinem Gebiet befindlichen weitläufigen Besitzungen zugefallen wären, welches St. Katharinenthal als einziges Thurgauer Kloster vorläufig vor der Aufhebung bewahrt. Diese zwischenstaatliche Vereinbarung wird 1856/57 aufgehoben, und die wirtschaftlichen Erwägungen, nun auch das letzte verbliebene Nonnenkloster zu schliessen, treten hemmungslos in den Vordergrund. Ausschlaggebend wird der am 20. Januar 1868 vom damaligen Verfassungsrat mit 63 zu 36 Stimmen zustande gebrachte Beschluss, die Aufhebung in der neuen Kantonsverfassung zu verankern. Das Thurgauer Volk stimmt der neuen Verfassung am 28. Februar 1869 zu, und damit ist es um St. Katharinenthal als Kloster geschehen. Im August verlassen die Schwestern unter Führung ihres Beichtigers Leodegar Ineichen, dem ehemaligen Abt von Rheinau, ihre klösterliche Heimat.
Das Kunstgut wird verstreut und findet sich heute in der ganzen Welt wieder. Der Kirchenschatz wird ohne Inventar an die katholischen Kirchgemeinden des Kantons verteilt. Die Gebäude werden als Altersasyl (heute als Klinik für Rehabilitation und Langzeitpflege) des Kantons Thurgau genutzt. Kloster und Kirche sind in mehrjähriger Arbeit bis 2007 restauriert worden. 

Pius Bieri 2008

Benutzte Einzeldarstellungen:
Knoepfli, Albert: Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau, Band IV, Das Kloster St. Katharinenthal (Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 83 der Gesamtreihe), Basel 1989.
Borst, Arno: Mönche am Bodensee, Sigmaringen 1997.

Links:
Dominikanerorden im historischen Lexikon der Schweiz.

Anmerkungen:

[1]Bei der Schreibweise des Klosternamens folge ich der ursprünglichen Bezeichnung St. Katharinenthal, die Albert Knoepfli noch 1989 als Titel seines Werkes verwendet. Heute heisst es St. Katharinental.

[2] Anfang des 18. Jahrhunderts zeichnen sich im Dominikanerorden Änderungen ab. Er ist nach dem Dreissigjährigen Krieg wieder erstarkt. Die süddeutschen Klöster werden zu einer neuen «Oberdeutschen Provinz» mit dem Namen «Saxonia» zusammengefasst. Wenig später folgt der päpstliche Wunsch an den Orden, dass in jeder Provinz zwei Konvente streng nach den alten Regeln, in völliger Klausur und ohne Fleischspeisen, leben sollten. Damit sind beim Dominikanerorden, der ja ein Predigerorden ist, nur Frauenklöster angesprochen. Als erstes folgt die Priorin Maria Dominica Josepha von Rottenberg vom Kloster St. Katharinenthal diesem Wunsch nach der «Strengen Observanz».

[3] Der Ordensprovinzial P. Balthasar Meyer will den Augsburger Dombaumeister Valerian Brenner (1652–1715) beiziehen, von dem vermutlich die ersten Pläne stammen. Die praktisch denkende Frau sieht aber abgesehen von den höheren Forderungen Brenners keinen Anlass, den so weit entfernten Baumeister zu bevorzugen.

  Ehemaliges Dominikanerinnenkloster St. Katharinental  
  Katharinenthal1846  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
St. Katharinental
Diessenhofen
Thurgau CH
Gemeine Herrschaft Thurgau der eidgenössischen Orte
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Konstanz 1715
Bauherr und Bauträger
ok Priorin Maria Dominica Josepha von Rottenberg (reg. 1712–1738)

 
  Der Lageplan von 1846 zeigt, dass sich die Klosteranlage seit der Aufhebung 1869 nicht verändert hat.   pdf  
   
Katharinenthal1
Der Westflügel und die Kirche, vom Klosterhof gesehen.  
   
KatharinenthalGrundriss
Der Grundriss des Klosters mit den Raumeinteilungen zur Klosterzeit. Im grossen und aus dem barocken Raster fallenden Kornhaus (17) sind Vorgängerbauweke des 14.–17. Jahrhunderts enthalten. Für Legende anklicken!  
Katharinenthal2
Das Kloster am Rhein, vom nahen Städtchen Diessenhofen von Osten gesehen.  
Katharinenthal3
Klostergarten und Ostflügel des Klosters. Das Gebäude im Vordergrund stammt als eines der wenigen Buaten nicht aus der Klosterzeit. Es wird 1905 als Wäscherei und Heizung gebaut.  
Katharinenthal4
Die Westfassade der Klosterkirche. Dachform und Gliederung entsprechen Planungseingriffen der Priorin, die das «Scheunendach» gegen den Willen des Baumeisters durchsetzt. Mehr dazu siehe in Klosterkirche SS. Katharina und Nikolaus. Das Riegelhaus im Vordergrund ist die Hofmeisterei von 1675.  
Katharinenthal6
Das Kornhaus setzt sich aus zwei älteren Gebäuden zusammen, die 1749–1750 unter einem grossen Dach zusammengefasst werden.  
Katharinenthal8
Das Herren-, Beichtiger- oder Kaplaneihaus schliesst den Klosterhof gegen den Rhein ab. Es ist ein Bauwerk (1744–1745) des Wessobrunner Stuckateurs und Baumeisters Nikolaus Schütz.  
Katharinenthal7
Auf der erhöhten Ebene südlich des Klosters befindet sich die mächtige Kornscheune «auf dem Berg». Sie ist im Kern und in der Kreuzform des Grundrisses ein Bauwerk vom Ende des 13. Jahrhunderts und beherrscht bis heute die Ebene über dem Rhein.