Die wichtigsten Meister des Bauwerks
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Michael Beer (um 1605–1666) Au Vorarlberg ok   Baumeister-Architekt 1656   1660
Johann Christoph Leu I (um 1640–um 1710) Clausthal im Harz     Orgelbauer 1683   1696
Georg Anton Machein (1685−1739) Grossprüfening Regensburg     Bildhauer, Altarbauer 1714   1722
Judas Thaddäus Sichelbein (1684–1758) Wangen im Allgäu     Fassmaler, Altarbauer 1715   1718
Johann Caspar Sing Braunau am Inn     Maler 1717   1717
Johann Georg Prestel (um 1695–1778) Ravensburg     Bildhauer 1722   1726
Gabriel Weiss (um 1682–1760) Appenzell     Fassmaler, Freskant 1726   1744
Franz Joseph Spiegler (1691–1757) Wangen im Allgäu ok   Maler 1737   1737
Johann Zick (1702–1761) Lachen bei Memmingen ok   Maler, Freskant 1745   1746
Joachim Früholz (1715–1770) Altdorf, heute Weingarten     Bildhauer, Altarbauer 1746   1748
Dominikus Zimmermann (1685–1766) Wessobrunn OK   Stuckateur, Baumeister 1748   1749
Jakob Emele (1707–1780) Stafflangen bei Schussenried ok   Baumeister 1749   1754
Johann Jakob Schwarzmann (1729–1784) Schnifis bei Feldkirch     Stuckateur, Bildhauer 1754   1757
Franz Georg Hermann (1692–1768) Kempten ok   Maler, Freskant 1754   1757
Gottfried Bernhard Göz (1708–1774) Velehrad (Mähren)     Maler, Freskant 1758   1758
Fidelis Sporer (1733–1811) Altdorf, heute Weingarten     Bildhauer 1757   1758

 

Schussenried
Ehemalige Prämonstratenser-Reichsabtei und Kirche St. Magnus

Propstei von Weissenau 1183–1440
Die staufischen edelfreien Brüder Beringer und Konrad von Schussenried vermachen  ihren Adelssitz im Jahr 1183 dem Prämonstratenserorden. Die Abtei Weissenau entsendet einen Propst und 12 Chorherren. Die Stifter treten dem neuen Konvent bei. Ihr Familienschild mit dem aufgerichteten roten Löwen auf silbernem Grund wird zum Klosterwappen. Die Chorherren benutzen vorerst bestehende Schlossbauten und eine hochmittelalterliche Pfarrkirche (Lage bei der heutigen Bibliothek). Der Bau einer neuen Klosterkirche erfolgt aber sofort. Die dreischiffige romanische Basilika ohne Querschiff, mit nördlichem Glockenturm, kann um 1229 geweiht werden. Nun werden auch neue Konventbauten im Süden der Kirche errichtet. 1440 wird Schussenried, das schon 1227 Reichsfreiheit hat, vom Generalkapitel des Ordens zur Abtei erhoben.

Die Abtei im 16. und 17. Jahrhundert
Gegen Ende des 15. Jahrhunderts verfügt die Abtei über ein ansehnliches Herrschaftsgebiet und über das  Patronatsrecht von 13 Pfarreien. Sie hat seit 1521 auch die Hoch- und Blutgerichtsbarkeit und ist seit 1538 im schwäbischen Prälatenkollegium des Reichstages. Die Mitglieder des Konvents, auch die Äbte, sind seit dem 15. Jahrhundert überwiegend bürgerlicher Herkunft. Der letzte Abt des 15. Jahrhunderts, Heinrich Österreicher (1480–1506), baut bis 1482–1501 die romanische Basilika um. Durch Anfügung eines schlossähnlichen Westvorbaus mit Vorhalle und einer Chorverlängerung vergrössert er sie, mit der Erhöhung des Kirchturms und durch Einbau von  Netzgewölben und sieben neuen Flügelaltären gibt er ihr das zeitgemässe gotische Kleid. Sein Westvorbau mit den übereck gestellten Erkertürmen beherbergt in den Obergeschossen die Räume des Abtes und repräsentative Gasträume, wird deshalb als Abtei bezeichnet, und ist im wesentlichen bis heute erhalten.
Im 16. Jahrhundert ist nur geringe Bautätigkeit in Schussenried. Die Unruhe und Unsicherheit während Bauernkrieg und Reformation mag der Grund sein, auch wenn die Reformation das Kloster kaum berührt. Erst unter der langjährigen Regierung von Abt Matthäus Rohrer 1621–1653 wird aufgrund von Vergiftungserscheinungen im Konvent[1] der östliche Konventflügel (Dormitorium) bis 1628 neu errichtet. Gleichzeitig wird der Turm um das Doppelte auf die heutige Höhe und Form erhöht. Für den Turm kann man als Baumeister den Weilheimer Johannes Guggemoos annehmen, der in Weissenau gleichzeitig einen fast identischen Turm erstellt. Der Konventneubau und auch der schindelgedeckte Turmhelm überdauern nur 20 Jahre. 1647 stecken schwedische Truppen unter General Wrangel die Klosteranlage in Brand. Nur die Eingangshalle mit der Abtei, der Chor der Kirche und die anschliessende Bibliothek überstehen das Flammeninferno. Vor dieser Zerstörung hat das Kloster bereits enorme Kriegslasten getragen und muss zudem nach Friedensschluss noch schwedische Besatzungen unterhalten, sodass Abt Matthäus die Wiederherstellung nur durch Einnahmen  aus Notverkäufen beginnen kann. Die Kirche erhält bereits 1647 ein neues Dach,[2] anstelle der gotischen Netzgewölbe wird 1650 ein Tonnengewölbe erstellt. Der Lettner, der im Kirchenschiff die Laien von den Chorherren trennt, wird nicht mehr errichtet. An seiner Stelle kommen schmiedeiserne Gitter. Abt Augustinus Arzet (1656–1666) vollendet die Bauten. Er ist der Bruder des amtierenden Abtes Dominikus in Isny und lässt vom dort tätigen Baumeister Michael Beer 1656 einen Plan für den Klosterwiederaufbau bestellen. 1660 ist der Wiederaufbau, vielleicht nach dem Plan von Michael Beer,[3] vollendet. Die Vogelschauansichten 1721 und 1722 von Gabriel Weiss zeigt die Klosteranlage nach diesen Umbauten.

Barocke Umgestaltung der Stiftskirche 1714–1748
1700 bestellt Abt Tiberius Mangold (1683–1710) bei Baumeister Christian Thumb einen Plan für eine «neue Kirche».[4] Der Plan zeigt eine völlig neue Klosteranlage mit vier Höfen. Die vorstehenden Eckflügel erinnern an Obermarchtal,[5] an dessen Kirche Christian Thumb beteiligt ist. Die geplante Kirche in Schussenried integriert den Turm und scheint Chor und Schiff in der Breite zu übernehmen. Sie würde als Neubau gegenüber den von Thumb im gleichen Zeitraum gebauten Kirchen von Hofen (Friedrichshafen) und Obermarchtal einen gewaltigen Rückschritt darstellen. Es zeigt sich auch hier, dass unter Neubau vielfach ein radikaler Umbau verstanden wird. Abt Tiberius hat jedenfalls kaum an einen Kirchenneubau gedacht, denn in der gleichen Periode renoviert er den Chor, bestellt eine Chororgel, eine neue Kanzel, ein neues Kirchengestühl und auch das Holz für das neue Chorgestühl.
Der Spanische Erbfolgekrieg verhindert aber Bauvorhaben. Das Kloster leidet unter Einquartierungen und den üblichen Kriegskontributionen. 1701–1704 beziffern sich die Verluste auf 297 000 Gulden. Erst 1714 wird deshalb das neue Chorgestühl bei Georg Anton Machein aus Überlingen für 1500 Gulden bestellt.[6] Die Lieferung des barocken Meisterwerkes mit 46 Sitzen im Jahr 1717 ist der Beginn einer bis 1748 dauernden barocken Umgestaltung der alten Stiftskirche. Noch 1715 beauftragt Abt Innozenz Schmid (1710–1719) den Maler und Unternehmer Judas Thaddäus Sichelbein aus Wangen für den Hochaltar und die beiden Nebenaltäre. Für 5500 Gulden übernimmt Sichelbein Maler-, Schreiner- und Fassarbeiten, ohne die Altarblätter und ohne Bildhauerarbeiten. Er fasst auch die eisernen Chorgitter, die sich anstelle des Lettners vor dem Chorgestühl und den Altären beim zweiten Pfeilerpaar des Kirchenschiffes befinden.[7] Für die reichen Schnitzarbeiten und die Figuren erhält der Bildhauer Machein wieder eine sehr bescheidene Summe von 190 Gulden. Das Hochaltarbild der Mariä Krönung wird beim Münchner Hofmaler Johann Caspar Sing bestellt.
Der nachfolgende Abt Didakus Ströbele (1719–1732) vervollständigt die begonnenen Ausstattungsarbeiten mit Altären, unter anderem mit den zwei Nebenaltären St. Mang und St. Michael, die er 1722 an Georg Anton Machein für 1200 Gulden vergibt. Er bestellt im gleichen Jahr auch einen neuen Orgelprospekt[8] und die Emporenbrüstung beim Bildhauer Johann Georg Prestel in Ravensburg. Abt Didakus geht aber als Bauabt der Wallfahrtskirche Steinhausen in die Kunstgeschichte ein. Erst Abt Siard I. Frick aus Mengen (1733–1750) vollendet die Barockisierung der Kirche. Zwei weitere Altäre im Kirchenschiff, der Marienaltar und der Josephsaltar, werden 1737 mit Altarblättern von Franz Joseph Spiegler versehen. Er beauftragt 1744 den Maler Gabriel Weiss aus Wurzach mit der Umgestaltung der Chorgewölbe und 1745 Johannes Zick aus Lachen im Unterallgäu mit der Freskierung und Stuckierung des Langhauses und der Seitenschiffe. Offensichtlich werden erst jetzt die Vierpassfenster in den Obergaden hergestellt, die eine flachdachähnliche Seitenschiffdeckung notwendig machen. Joachim Früholz aus Weingarten liefert neue Seitenaltäre und die Kanzel. 1748 ist die Neugestaltung der Stiftskirche abgeschlossen. Sie hat sieben Altäre, einen Kreuzaltar[9] und 12 Beichtstühle. Der Abschluss zur Laienkirche wird mit vier Altären vor dem zweiten Schiffspfeilerpaar gestaltet. Hier beginnt auch der untere Chor mit dem Chorgestühl. Eine Planaufnahme von 1830 zeigt noch diese Anordnung, die heute nicht mehr existiert.

Der Klosterneubau 1750–1756
Noch 1748 legt der inzwischen 69-jährige Abt Siard I. dem Konvent einen Riss des Stuckateur-Baumeisters Dominik Zimmermann aus Landsberg für eine neue Gesamtanlage des Klosters vor. Der Konvent beschliesst die Anschaffung eines Modells. Plan und Modell von Dominik Zimmermann sind noch vorhanden. Sie zeigen eine völlig symmetrische Anlage mit je drei Flügeln nördlich und südlich der Kirche, die auch als Neubau geplant ist. Abt Siard I. hat den Schöpfer der Steinhausener Wallfahrtskirche auch deshalb eingeladen, weil sein Sohn als Pater Thaddäus seit 1734 im Kloster ist. 1749 beschliesst erstaunlicherweise der Konvent,[10] nach einem verbesserten Projekt Zimmermanns das Werk an den Klosterbaumeister Jakob Emele zu übertragen und mit dem Nordtrakt zu beginnen.
1750 wird, nach dem Tod von Abt Siard I. Frick der bereits 66-jährige Magnus Kleber aus Riedlingen zum 21. Abt von Schussenried gewählt. Er lässt den Klosterbaumeister erst sein «Probestück», die Kirche in Muttensweiler, fertigen. Inzwischen werden die Ziegelsteine gebrannt, 1750 sind es vorerst 400 000 Stück für 1400 Gulden. Im gleichen Jahr wird die Baugrube des Ostflügels ausgehoben. 1751 sind die Fundamente gelegt. An Auffahrt 1752 ist die Grundsteinlegung, im gleichen Jahr sind der Ostflügel (Konventflügel) und der Nordostpavillon im Rohbau fertig. 1753 beginnen die Arbeiten am Nordflügel, 1754 ist auch der Nordflügel mit dem Nordwestpavillon (Abtei) und dem anschliessenden nördlichen Westflügel (Gästetrakt) eingedeckt. Die Stuckateur- und Ausbauarbeiten[11] werden am Ostflügel noch 1753 begonnen und sind 1756, beim Tod von Abt Magnus Kleber, mit Ausnahme der Bibliothek im Nordflügel weitgehend vollendet. So arbeitet der junge Vorarlberger Stuckateur Johann Jakob Schwarzmann schon 1754 im Neubau und der stiftskemptische Hofmaler Franz Georg Hermann malt im gleichen Jahr das Deckenfresko im westlichen Treppenhaus.

Der Bibliotheksaal 1756–1766
1756 wird als 22. Abt von Schussenried Nikolaus Cloos aus Biberach gewählt. Als Prior unter Abt Magnus ist er stellvertretend für den alten Abt schon vorher im grossen Bauvorhaben des Klosters massgebend beteiligt und kann als der Schöpfer des Bibliothekraumes betrachtet werden. Er liegt im Mittelrisalit des Nordflügels. Den Einrichtungsentwurf des zweigeschossigen Einbausaales mit Galeriegeschoss wird der erfahrene Franz Georg Hermann erstellt haben.[12] Vorbild, das es zu übertreffen gilt, ist die soeben eingebaute Bibliothek in Wiblingen. 1757 beginnt Johann Jakob Schwarzmann[13] mit der Stuckaturarbeit und erstellt auch die 32 Stuckmarmorsäulen. Im gleichen Jahr malt Franz Georg Hermann das grosse Deckenfresko nach dem ikonographischen Programm des Abtes, während Gottried Bernhard Göz das Deckenfresko im nordöstlichen Treppenhaus erstellt. Die Holzarbeiten verfertigt 1759–1761 der Schreiner und Bildhauer Johann Baptist Trunk aus Hirschhorn. Eine glückliche Hand hat der Abt mit der Bestellung von Albasterstatuen beim jungen Weingartener Bildhauer Fidel Sporer. Die je acht Kirchenlehrer und Häretiker zu Füssen der Galerie werden 1766 aufgestellt. Der nun fertig gestellte Bibliotheksaal zählt schnell zu den Sehenswürdigkeiten für aufgeklärte Kulturreisende. Der St. Galler Bibliothekar P. Nepomuk Hautinger, der 1784 süddeutsche Bibliotheken besucht und als Klassizist die barocke Ikonographie bereits nicht mehr versteht, schreibt in seinem Reisebericht: «Der Bibliotheksaal ist der schönste, den wir auf unserer Reise gesehen haben. Er ist etwa so gross wie der unsrige, hat aber nur einen einzigen Plafond, von Hermann d. Ä. in Fresko gemalt; man kann aber fast nicht klug werden, was diese Malerei vorstellen soll» und «Die Kästen sind nur aus Fichtenholz, mit Perlfarbe angestrichen und mit Gold verziert, die Kastentüre mit Leinwand überzogen, worauf eingebundene Bücher mit roten Titeln gemalt sind». Was Hautinger hier beschreibt, verleiht dem Schussenriedener Bibliotheksraum noch heute den intakten Anschein einer wirklichen Bibliothek, im Gegensatz zu anderen ausgeraubten und mit billigem Buchmaterial bestückten Klosterbibliotheken des süddeutschen Barock. Ein weiteres Detail, das der Besucher noch heute sehen kann, hat Hautinger ebenfalls beeindruckt: «Ein jeder Schrank, wenn er aufgemacht wird, hält ein kleines Pult und einen Sitz zum Herablassen in sich, und hinter jedem dieser Schränke ist eine Höhlung angebracht, worin sich für jeden eine kleine Stiege befindet».

Stillstand
Abt Nikolaus Cloos stellt schon bald nach seinem Amtsantritt 1756 fest, dass die Verwirklichung der Gesamtanlage, insbesondere der Bau einer neuen Kirche, wegen des veränderten Umfeldes und der zur Verfügung stehenden Mittel ein fernes Wunschziel bleiben wird. Zwar hat das Kloster noch immer keine Schulden, aber die Ausgaben verlagern sich auf Repräsentation, barockes Wohlleben und Förderung der Künste und Musik. Die beginnende Aufklärung um 1760 und die gleichzeitige klosterfeindliche Haltung von Kaiserhaus und Episkopat haben sicher auch zum Entschluss des Abtes beigetragen, den Klosterbau nach Vollendung der Bibliothek nicht mehr weiterzuführen. Die Baukosten betragen bis zu diesem Zeitpunkt 160 000 Gulden.

Ende
Der Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 überträgt «dem Grafen von Sternberg, wegen Blankenheim, Junkrath, Geroltstein und Dollendorf: die Abteyen Schussenried und Weissenau». Schon vorher, am 1. Dezember 1802 wird der letzte Abt von Schussenried gezwungen, die Abdankungsurkunde zu unterzeichnen. Der Besitz, mit einem Nettoertrag von 50 000 Gulden im Jahr, wird durch die neue böhmische Herrschaft Sternberg-Manderscheid beschlagnahmt. 1806 mediatisiert[14] das Königreich Württemberg die Reichsritterschaft und konfisziert 1809 die Herrschaft Schussenried, 20 000 Bände der Bibliothek und alle noch verbleibenden Wertgegenstände werden nach Stuttgart verfrachtet. Aber bereits 1811 muss der König die Herrschaft wieder an das Haus Sternberg-Manderscheid zurückgeben. 1820 gibt er auch die Bibliothek, nun um 9000 Bände erleichtert, wieder nach Schussenried zurück. Sie ist heute in alle Winde zerstreut. 1835 kommt das Königreich durch Zahlung von einer Million Gulden und zusätzlichen hohen Rentenzahlungen endgültig in den Besitz der Herrschaften Schussenried und Weissenau. Die Abteigebäude, nun «Neues Schloss» und «Altes Schloss» genannt, sind zu diesem Zeitpunkt ausgeplündert.
Bei diesem Schacher des Reichsadels um den Klosterbesitz darf das Schicksal der letzten rechtmässigen Eigentümer nicht vergessen werden. Zum Zeitpunkt der Aufhebung hat der Konvent 30 Chorherren. Mehrere unterrichten am Klostergymnasium, das auch aufgelöst wird. Sie erhalten Pensionen und dürfen unter der Herrschaft Sternberg-Manderscheid, sofern sie nicht bereits schon Pfarreien versehen, im Kloster verbleiben. Der letzte Abt Siard Berchtold stirbt Abt Bonaventura stirbt 1816 in Schussenried.

Gebäudeschicksale im 19. und 20. Jahrhundert
Die Stiftskirche St. Magnus wird 1803 Pfarrkirche. Sie bleibt im 19. Jahrhundert vor grösseren Eingriffen verschont und behält ihren Stiftskirchencharakter. Allerdings wird bis 1875 auch der Unterhalt vernachlässigt, das wertvolle Chorgestühl ist deshalb noch heute stark verwurmt. 1930–1932 wird eine Umgestaltung vorgenommen, bei der die Chorstühle vom «unteren» in den «oberen» Chor versetzt werden, und dies erst noch seitenverkehrt. Die Altäre werden bei diesem Eingriff lieblos umplatziert und teilweise an die Aussenwände gestellt. Die museale und falsche Aufstellung des Chorgestühls und der Altäre zugunsten einer Vergrösserung der Sitzplatzfläche zerstört die seit dem Mittelalter bestehende Raumgliederung. Die Fehler werden auch bei der letzten Restaurierung 1979 nicht behoben. Selbst der hässliche Klinkerboden von 1930 ist noch vorhanden.
Mit den Klosterbauten wird nach dem württembergischen Besitzantritt wenig zimperlich umgegangen. Der neue Besitzer richtet 1840 auf dem Klosterareal die «Wilhelmshütte, ein Eisenschmelzwerk mit Hochofen, ein. Dazu wird der Ostflügel des «Neuen Schlosses», zur Hälfte abgebrochen. Dem Abbruch fällt der Mittelrisalit mit Konventtreppenhaus, Konventsaal, Rekreationssaal und das Vestiarium (der sogenannte «Goldene Saal») zum Opfer. Im gleichen Jahr fallen auch die im Osten liegenden Flügel der alten Konventbauten mit der Kapitelsaal-Kirche dem Abbruch zum Opfer. Die verbleibenden alten Konventbauten werden für Arbeiterwohnungen umgebaut. Das «Neue Schloss» bleibt lange Zeit leer. Nur der Bibliothekssaal dient als Gottesdienstraum für die evangelische Gemeinde. Erst 1875 wird der Dornröschenschlaf mit der Einrichtung einer «Königliche Heil- und Pflegeanstalt» beendet. Die Eingriffe durch Umbauten im Barockbau und durch Neubauten in der Umgebung sind gross. 1997 räumt das «Psychiatrische Landeskrankenhaus» die alten Räume. Sie werden jetzt als Akademie- und Dienstleistungszentrum genutzt. Der Klosterort nennt sich seit 1966 «Bad Schussenried».

Pius Bieri 2009

 

Benutzte Einzeldarstellungen:
Kasper, Alfons: Das Prämonstratenser-Stift Schussenried, Teil 1 und 2, Schussenried 1960.
Kaufmann, Karl: Die Äbte des Prämonstratenser-Reichsstifts Schussenried 1404–1803, Schussenried 1985.

Links:
http://de.wikipedia.org/wiki/Kloster_Schussenried

 

Anmerkungen:

[1] Man vermutet hinter den Vergiftungserscheinungen wie im Parallelfall St. Johann im Thurtal («morbus johanniticus») Einflüsse der alten Gebäude. In St. Johann ist schlecht verarbeitetes Bleigeschirr die Ursache, wie wir heute wissen. Ob in Schussenried wirklich vergifteter Wein die Ursache ist, wie ein Malefizgericht 1629 feststellt, darf hinterfragt werden.

[2] Das Mittelschiffdach wird dabei unter Verlust der Obergadenfenster über die Seitenschiffe geführt.

[3] Alfons Kasper (Bau- und Kunstgeschichte des Prämonstratenserstifts Schussenried, II, 1960) vertritt die Autorenschaft Michael Beers. Walter Genzmer, der Kenner des Lebenswerkes von Michael Beer, sieht aufgrund der starken späteren Veränderungen zu wenig Bauelemente, die für eine direkte Beteiligung Beers sprechen.

[4] Aus dem Tagebuch von Abt Tiberius: «Den 17. Oktober 1700 habe ich durch den Maurermeister Christian Thumm den ersten Riss zu der neuen Kirchen machen lassen». Der Plan ist erst 1950 in der Bürgerbibliothek Luzern, zusammen mit den Plänen von Dominik Zimmermann für Schussenried und Steinhausen und rund 30 Moosbrugger-Plänen, wieder entdeckt worden. Ein Konventuale der Abtei Schussenried, Augustin Schmid (1770–1837), kommt 1794 in die Abtei St. Urban, tritt 1797 aus und nimmt eine Tätigkeit als Zeichenlehrer an der Kunstschule Luzern auf. Offensichtlich ist die Planmappe schon vor 1794 in seinem Besitz. Sein Nachlass gelangt später in die Bürgerbibliothek Luzern.

[5] Prämonstratenserabtei Obermarchtal. Die Klosterneubauten nach Plan von Tomaso Comacio 1674. Die Kirche von Michael Thumb und seinem Sohn Christian bis 1701 vollendet.

[6] Es scheint, dass der begnadete Bildhauer Machein schon hier ausgenützt worden ist. Vollends in den Ruin getrieben wird er dann 1736 von der Äbtissin des Klosters St. Katharinenthal, die ihm nach einer Erkrankung die Zahlung für erfolgte Arbeiten verweigert.

[7] Die drei Gitter, vielleicht schon bestehend, sind im Konvent bekämpft, der Abt kann sich aber durchsetzen. Sie trennen anstelle des 1647 noch vorhandenen Lettners den Pfarrkirchenbereich vom Klausurbereich. Solche Abschlüsse sind auch bei Neubauten (St. Urban, Bellelay) die Regel. Die barocken und von Sichelbein polychrom gefassten Gitter werden 1818 entfernt.

[8] Das Orgelwerk wird 1683 von Christoph Leu aus Augsburg erstellt. Es ist heute nicht mehr original erhalten.

[9] Er wird 1807 entfernt.

[10] Die Finanzlage ist 1749 ähnlich gut wie 1726, als der Konvent für die Wallfahrtskirche von Steinhausen lediglich 9000 Gulden genehmigt. Im Gegensatz zur einträglichen Wallfahrt, durch die auch die wirklichen Kosten von Steinhausen in der Höhe von 43 000 Gulden schnell gedeckt sind, lässt sich nun der Konvent auf ein Bauvorhaben ein, das in der Gesamtsumme nicht berechnet wird und aus Eigenmitteln nicht in absehbarer Zeit durchgezogen werden kann.

[11] Im Rechnungsbuch werden nebst den Kunsthandwerkern auch die Materiallieferungen vermerkt. So wird der Sandstein für die Gewände mit erheblichen Fuhrkosten aus Rorschach beschafft. Die Kalkstein-Bodenbeläge aus Solnhofen werden unter «Eichstätter Besetzplättlein» aufgeführt.

[12] Dominik Zimmermann plant 1749 das Raumvolumen. Entwürfe zur Bibliothekseinrichtung sind weder von ihm noch von Jakob Emele bekannt. Hingegen hat der in Italien (mit «Compagnion» Cosmas Damian Asam) ausgebildete Franz Georg Hermann schon in der Residenz Kempten als Hofmaler leitend gewirkt. Maler sind im Spätbarock und Rokoko auch Raumgestalter: Asam in Weltenburg und München oder Franz Anton Kraus in Einsiedeln. Bibliotheken werden auch von Kunsthandwerkern geplant und eingerichtet. In St. Gallen ist dies der Klosterschreiner Fr. Gabriel Loser. Vielfach sind Patres die Planer: Einsiedeln, Dillingen. Die Zuschreibung der Planung einer Bibliothekseinrichtung an den planenden Baumeister ist in den meisten Fällen zu hinterfragen. Auch wenn Frank Kuhn im neuesten Führer (Lindenberg 2007) das Gegenteil behauptet: Jakob Emele ist nicht der «Architekt» des Saales, er ist wenig schöpferischer Baumeister und zudem während der entscheidenden Phase 1754−1757 in Tettnang tätig.

[13] Er verewigt sich im Doppelkopf der Providentia über dem mittleren südlichen Galeriefenster zusammen mit seiner Frau Maria Barbara Duelli, die er während der Arbeit in Schussenried heiratet.

[14] Aufhebung der Reichsunmittelbarkeit und Unterstellung unter den Staat.

 

Die Deckenfresken im Treppenhaus und im Bibliothekssaal von Franz Georg Hermann
     
Schussenried10   Schussenried13
Ein Ausschnitt aus dem gewaltigen Deckenfresko (hier der nordwestliche Eckbereich) zeigt die Dichte des Bildprogrammes, das der Prior und spätere Abt Nikolaus Cloos 1755 entwirft. Im Ausschnitt sind Themen der Philosophie und Rhetorik und geschichtliche Szenen zu sehen. Zentral ist die Darstellung der 1686 stattgefundenen Audienz des Abtes Nikolaus Wierith von Obermarchtal beim Sonnenkönig. Rechts davon flieht Äneas, seinen Vater auf dem Rücken, aus dem brennenden Troja. Links über dem Schiffsheck mit den Büchern Ciceros ist Papst Gregor der Grosse als Vertreter der geistlichen Rhetorik zu sehen. Dann folgt eine Gruppe mit dem Thema der philosophischen Wissenschaften. Dazu siehe den nächsten Ausschnitt.   Die Wissenschaft der Philosophie wird unten durch eine Philosophenversammlung am Fuss eines mittelalterlichen Kategorienbaumes (mit den Grundbegriffen der Philosophie) dargestellt. Die Gruppe flankiert links der Reichenauer Mönch Hermann der Lahme († 1054, mit Krücke beim Globus). Über das Fass des Diogenes beugt sich der Würzburger Prämonstratenser Johannes Zahn (†1707). Im goldenen Gewand ist Aristoteles dargestellt. Über der Philosophengruppe ist der Schussenriedener Chorherr Caspar Mohr (1575–1625) bei seinem Flugversuch mit einem selbst gebauten Flugapparat zu sehen. Er fliegt den disputierenden Dominikanermönchen Thomas von Aquin und Albertus Magnus entgegen.
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An den Decken der vier vorgewölbten Mittelzonen der Galerie sind die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde und Luft dargestellt. Das Element der Erde wird durch zwei Gelehrte um einen grossen Globus umschrieben.   Das Kuppelfresko im nordwestlichen Ecktreppenhaus stellt die Bestätigung des Prämonstratenserordens durch Papst Honorius II. (reg. 1124–1130) dar. Die Darstellung des Ereignisses im Jahre 1126 findet in der barocken Gegenwart statt.

 

  Schussenried: Ehem. Prämonstratenser-Reichsabtei und Kirche St. Magnus  
  Schussenried1  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Bad Schussenried
Baden-Württemberg D
Reichsabtei Schussenried
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Konstanz 1714, 1749
Bauherr und Bauträger
Leer Abt Augustinus Arzet (reg. 1656–1666)
ok Abt Tiberius Mangold (reg. 1683–1710)
ok Abt Innozenz Schmid (reg. 1710–1719)
ok Abt Didakus Ströbele (reg. 1719–1733)
ok Abt Siard I. Frick (reg. 1733–1750)
ok Abt Magnus Kleber (reg. 1750–1756)
ok Abt Nikolaus Cloos (reg. 1756–1775)
 
 
  Das Chorgestühl von Schussenried, 1714–1716 von Georg Anton Machein geschaffen, ist ein bedeutendes Meisterwerk hochbarocker Holzschnitzkunst.   pdf  
   
Schusssenried2
Ebenso bedeutend ist der Rokokoraum der Schussenriedener Bibliothek (1756–1758).  
   
SchussenriedEtappen
Der Lageplan (für Legende anklicken) illustriert die Bauetappen, die nicht verwirklichte symmetrische Gesamtanlage und die grossen Abbrüche (gelb) nach der Säkularisation.  
Schusssenried1721
Das Ölgemäldemit der Vogelschauansicht um 1720 zeigt Schussenried vor den grossen spätbarocken Eingriffen. Die präzise Darstellung ist mit einer Legende versehen. Für Vergrösserung mit Legende anklicken!
Quelle: Wikipedia. Gemälde im Rathaus Schussenried, datiert 1721.
 
Schusssenried1722
Gabriel Weiss aus Wurzach datiert seine kolorierte Federzeichnung unten mit 1722. Sie stimmt mit dem Ölgemälde überein und zeigt einige Einzelheiten präziser. Auf beiden Ansichten sind die Schweif-Volutengiebel des Klosterneubaus von Michael Beer deutliche Kennzeichen. Sie sind heute nur noch am ehemaligen Gästebau (oben Nr. 12) erhalten.
Originalzeichnung in «Historica Relatio de Ortu & Fundatione Monasterij Sorethensis» im Hauptstaatsarchiv Stuttgart Sig. B 505, Bü 8.
 
Schusssenried31
Das ehemalige Gästehaus (in der Vogelschauansicht 1721 mit Nr. 12) zeigt noch die heute verschwundene Gestaltung der von Michael Beer 1656–1660 erstellten Klosterflügel südlich der Kirche.
 
Schusssenried1700
1700 bestellt Abt Tiberius Mangold bei Christian Thumb einen Plan für eine «neue Kirche». Der Plan des Vorarlbergers, der an der Klosteranlage Obermarchtal arbeitet, zeigt aber ein vollständig neues Kloster mit vier Höfen und der integrierten Kirche. Diese ist allerdings eher als Umbau geplant.
Quelle: Planfund 1950 in Bürgerbibliothek Luzern.
Für Legende anklicken!
 
SchusssenriedKircheGrundriss
Der Kirchengrundriss um 1830 zeigt noch die Anordnung der Altäre und des Chorgestühls im Zustand der Klosterzeit. Erst 1930 kommt das wertvolle Chorgestühl in den Chorraum, wo es erst noch seitenverkehrt Aufstellung findet.  
Schusssenried3
1482–1501 entsteht über der Westvorhalle der Kirche die Abtei mit den beiden Erkertürmen. Ein Schweifgiebel ersetzt im 18. Jahrhundert den Treppengiebel.  
Schusssenried4
Mit dem neuen Hochaltar beginnt 1715 die Barockisierung der Stiftskirche. 1744 folgen die Gewölbestuckaturen und Fresken von Gabriel Weiss. Seit 1930 befindet sich auch das Chorgestühl (Georg Anton Machein 1714–1717) im Chorraum.  
Schusssenried5
Johann Zick gestaltet 1745 die Decken- und Obergadenzonen des Langhauses und die Gewölbe der Seitenschiffe. Im Langhaus, wo schon seit 1650 ein Tonnengewölbe vorhanden ist, malt er ein grosses Hauptfresko mit Szenen aus dem Leben des hl. Norbert.  
Schusssenried6
Ein Orgelwerk, das Johann Christoph Leu 1683–1696 erstellt, wird 1722 zusammen mit der Brüstung vom Bildhauer Johann Georg Prestel neu gestaltet. 1979 wird das Instrument im alten Gehäuse neu gebaut.  
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Der Nordflügel der 1750–1754 nach dem Gesamtplan von Dominikus Zimmermann errichteten nördlichen Klosterhälfte. Im Mittelrisalit befindet sich die Bibliothek.  
Schusssenried8
Der Haupteingang des nördlichen Westflügels ist betont repräsentativ gestaltet. Über dem Portal sind die Wappen von Schussenried und von Abt Magnus Kleber angebracht.
Schussenried: In Silber ein aufgerichteter und linksgewendeter, doppelschwänziger roter Löwe.
Abt Magnus Kleber: In Rot ein aufgerichteter goldener Löwe mit einem dreiblättrigem Klee in der Tatze, abgedeckt durch einen Schrägbalken mit drei Sternen.
 
SchussenriedBiblGrundriss
Der Bibliotheksraum von Schussenried hat die Wiblinger Bibliothek zum Vorbild. Franz Georg Hermann ist nicht nur Maler und Freskant, sondern auch der eigentliche Innenarchitekt. In Gemeinschaft mit dem Stuckateur Johann Jakob Schwarzmann und den Bildhauern Johann Baptist Trunk und Fidel Sporer entsteht 1756–1766 einer der schönsten Bibliotheksräume vom «Einbautypus».  
Schussenried11
Die 24 Alabasterfiguren von Fidel Sporer stellen Kirchenlehrer im Disput mit den Irrlehrern dar. Im Vordergrund symbolisieren zwei Putten mit Kelchen die Tachelianer und Ultraquisten. Die Plastiken stehen vor den schlanken Stuckmarmorsäulen von Johann Jakob Schwarzmann.