Die wichtigsten Meister des Bauwerks
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Christian Wiedemann (um 1679−1739) Unterelchingen ok   Baumeister-Architekt 1732   1733
Gaspare Antonio Mola (1684–1749) Coldrerio Tessin     Stuckateur ~1733   ~1735
Jakob Jehle (um 1715–1784) Obenhausen     Stuckateur, Baumeister 1750   1751
Simpert Kramer (1679–1753) Bichel bei Füssen Wikipedia   Baumeister-Architekt 1752   1753
Johann Georg Bergmüller (†1753) Türkheim     Altarbauer 1753   1753
Dominikus Bergmüller (1707–1773) Türkheim Wikipedia   Altarbauer 1753   1757
Johann Martin Kramer oder Kraemer (1713−1783) Edelstetten Wikipedia   Baumeister-Architekt 1753   ~1764
Anton Sturm (1690–1757) Faggen Tirol Wikipedia   Bildhauer ~1753   ~1754
Franz Martin Kuen (1719–1771) Weissenhorn Wikipedia   Maler, Freskant 1754   1768
Ignaz Finsterwalder (1708–1772) Wessobrunn Wikipedia   Stuckateur 1754   1755
Br. Gerlach Weingand (1727–1794} Augsburg     Kunstschmied ~1756   ~1785
Joseph Dossenberger (1721−1785)? Wollishausen Dossenberger   Baumeister-Architekt 1775   1780
Joseph Anton Huber (1737–1815) Augsburg ok   Maler 1780   1781

Roggenburg

Ehemalige Prämonstratenser-Reichsabtei und
Kirche «Beatissima Virgo, S. Augustinus et Joannes Baptista»

Die Prämonstratensergründung und ihre Filiationen
Nach der Klostertradition erfolgt die Gründung 1126. Stifter sind die Brüder Konrad, Siegfried und Bertold von Biberegg. Das schon im Mittelalter ausgestorbene schwäbischen Adelsgeschlecht stellt Stiftungsgut um seinen Adelssitz zur Verfügung. Er liegt eine Wegstunde östlich von Weissenhorn und zwei Wegstunden westlich von Krumbach. Glaubt man der Überlieferung, wird die erste Niederlassung in der weiherreichen Niederung zu Füssen des Burgberges gewählt. Die welfisch gesinnten Stifter berufen Prämonstratensermönche aus dem kurz vorher gegründeten, bei Krumbach gelegenen Kloster Ursberg.[1] Schon bald wird der Sitz auf den Burgberg verlegt und ein Klosterneubau an heutiger Stelle begonnen. Konrad von Biberegg, einer der Stifter, ist 1123−1142 Bischof von Chur. Er unterstellt das alte, über dem Churer Bischofshof gelegene Kloster St. Luzi den Prämonstratensern von Roggenburg.[2] 1164 besiedeln die Mönche aus Roggenburg ein weiteres Kloster in Churwalden.[3] Die dritte Filiation entsteht 1178 in Adelberg.[4] Nur St. Luzi in Chur überlebt die Reformation, bleibt aber dauernd ein Sorgenkind der schwäbischen Zirkarie.[5]

Herrschaftsbildung und Reichsunmittelbarkeit
Das Stift auf dem Burgberg kann seine Herrschaft im Spätmittelalter erweitern und umfasst nun zehn Pfarrdörfer.[6] Schutzvögte sind nach dem Aussterben der Stifterfamilie vorerst Edelfreie und Ritter der näheren Umgebung, im 15. Jahrhundert kurz die Habsburger, die Reichsstadt Ulm und die Wittelsbacher, dann übernimmt nach schweren Konflikten im Konvent und einer anschliessenden prämonstratensischen Neuorganisation der Habsburger König Maximilian als Markgraf von Burgau die Vogtei. Erst 1444 wird Roggenburg Abtei und damit von Ursberg unabhängig. Im Zuge der kaiserlichen Politik gegen die Reformation folgt 1544 die Bestätigung der Reichsunmittelbarkeit. Eine kurzzeitige Inbesitznahme der Reichsabtei durch Ulm im Schmalkaldischen Krieg wird nach der Niederlage der Protestanten 1547 wieder rückgängig gemacht. Der Dreissigjährige Krieg setzt dem Kloster und der Herrschaft wieder schwer zu. Nach dem Krieg werden noch 16 Untertanen gezählt. Ende des 17. Jahrhunderts hat sich die wirtschaftliche Lage einigermassen erholt, aber schon 1703 besetzen bayrisch-französische Truppen im Spanischen Erbfolgekrieg das Kloster, das bis 1705 einen erneuten Schaden durch Kontributionen und Lösegeldforderungen von 138 000 Gulden erleidet.

Beginn des Klosterneubaus unter Abt Dominikus Schwaninger
Trotz mangelnder Forschungslage können wir uns die vorbarocke Anlage aufgrund der Stichvedute in den 1736 erschienenen Annales von Charles L. Hugo gut vorstellen.[7] Zwar zeigt der Stich bereits den neuen Südwestrisalit und den neuen Westflügel, bildet aber die restliche Vorgängeranlage wahrheitsgetreu ab. Im Norden bildet die Kirche den vierten Flügel einer konventionellen Dreiflügelanlage und schliesst den Konvent-Innenhof. Das 1160 eingeweihte romanische Kirchenbauwerk in basilikaler Form ist in der Zwischenzeit mehrfach umgebaut und auch durch einen gotischen polygonalen Chor verlängert worden. Es ist der allerseligsten Jungfrau und Muttergottes Maria, dem hl. Augustinus und dem hl. Johannes dem Täufer gewidmet.[8] Die zwei Westtürme zeigen in ihren oktogonalen Obergeschossen und den Zwiebelhauben eine frühe Barockisierung im 17. Jahrhundert. Nördlich der Kirchen-Westfront ist die um 1520 erbaute Kanzlei und Prälatur zu sehen. Die dreigeschossigen Konventflügel im Süden der Kirche weisen Renaissance-Elemente auf, der Südflügel ist mit dem Dormitorium nach Osten verlängert. Es sind wahrscheinlich Bauten des Abtes Michael Probst, der 1610−1639 regiert. Das Brauhaus und der lange zweigeschossige Gäste- Diener- und Ökonomieflügel schliessen den abfallenden Kirch- und Klosterhof nach Westen. Eher bescheiden wirken die Wirtschaftsgebäude mit den Viehställen im Osten.
Abt Dominikus Schwaninger, der 1713 gewählt wird, ist ein guter Ökonom. Dass er zuerst den erst 1690 erstellten Gast- und Ökonomieflügel im Westen des Klosterhofes neu bauen muss, ist Folge eines Brandes.[9] Vermutlich ruft der Abt schon für diesen Neubau den Oberelchinger Baumeister Christian Wiedemann.[10] Mit ihm plant er anschliessend den Klosterneubau und entscheidet sich 1732 für den Baubeginn. Wiedemann, der im gleichen Jahr auch mit dem Konventneubau in Wiblingen beginnt, plant eine nach Osten vergrösserte Gesamtanlage von 24 zu 17 Fensterachsen, mit der Kirche als Teil des Nordflügels. Der Süd- und Westflügel liegt dabei an gleicher Stelle wie die alte Anlage. Im Mai wird der neue Südrisalit begonnen, im Herbst ist der Bau schon bis zum Mittelrisalit des Westflügels fortgeschritten und eingedeckt. 1733 wird im Innern stuckiert. Dann folgt die Einstellung der Arbeiten. Nicht die finanzielle Lage sondern interne Zwistigkeiten und ein Streit des Abtes mit dem Generalvikar scheinen der Grund zu sein.[11]

Fortsetzung unter Abt Caspar Geisler und Vollendung unter Abt Georg Lienhardt
Nordflügel und Klosterkirche
1735 stirbt der erste Bauabt. Sein Nachfolger Caspar Geisler lässt 15 Jahre verstreichen, ehe er 1750 die Weiterführung des Klosterneubaus beschliesst. Inzwischen ist Christian Wiedemann verstorben. Mit einem einheimischen Baumeister setzt der Abt den Neubau des Westflügels bis zur Doppelturmfront der alten Kirche fort. 1751 fassen Abt und Konvent den Beschluss zum Neubau der Klosterkirche. Jetzt wird der erfahrene Baumeister Simpert Kramer aus Edelstetten, ein Altersgenosse und vielleicht auch Mitgeselle von Christian Wiedemann, beigezogen.[12]   Er ist inzwischen 72 Jahre alt. Auf den Grundlagen von Wiedemann plant er die Kirche neu. 1752 ist Grundsteinlegung, in Anwesenheit benachbarter Prälaten, aber auch schon mit dem Maler Franz Martin Kuen und dem Altarbauer Johann Georg Bergmüller.[13] Vorerst wird ausserhalb der alten Kirche mit dem Altarraum- und Chorneubau begonnen und gleichzeitig die alte Doppelturmfront abgebrochen. An ihrer Stelle entsteht der Nordwestrisalit des Westflügels mit der Prälatur. Auch der Nordostrisalit der neuen Klosteranlage, in dessen Erdgeschoss sich die Sakristei befindet, wird wohl gleichzeitig mit dem Altarhaus hochgezogen.[14] 1753 folgt der Abbruch des Chorbereiches der alten Kirche und die Fortsetzung des Kirchenneubaus gegen Westen. In diesem Jahr sterben der Abt Caspar Geisler, der Baumeister Simpert Kramer und der Altarbauer Bergmüller. Der nachfolgende Abt Georg IV. Lienhardt setzt den Bau mit Johann Martin Kramer, dem Sohn des Baumeisters, fort.[15] Der weitere Bauverlauf ist nicht dokumentiert. Da schon 1757 die Glocken aufgezogen werden und die Kirche 1758 geweiht wird, kann von einer etappenweise Fertigstellung der Stuckaturen und der Fresken, vorerst im Chor und Altarhaus um 1755−1756 und dann im Langhaus 1757−1758, ausgegangen werden. Die schnelle Bauzeit der Rohbauten ist durch die einfache Bauweise mit dem Verzicht auf selbsttragende Gewölbe zu erklären. So kommt in nur fünf Sommern der ganze Nordflügel mit den zwei Eckrisaliten und der eingeschlossenen Kirche samt ihren Türmen unter Dach.

Kirchenarchitektur und Rokokoausstattung

Das Kirchenbauwerk von Simpert Kramer wirkt innerhalb des Nordflügels wie ein Fremdling. Als freigestelltes Bauwerk hätte die Architektur hohe Qualität.[16]  Die Schaufassade der Kirche ist aber Teil des Nordflügels, in dem sie dank ihrer betonten Vertikalität und ihrer exzentrischen Einbindung ein völliges Eigenleben führt. So wirkt der direkte Anschluss des Chores an den Nordostrisalit entsprechend zufällig und chaotisch, während zum Nordwestrisalit einige Fensterachsen die notwendige Distanz schaffen. Ist hier vielleicht die erzwungene axiale Lage der Querhausfassade der Grund? Immerhin fallen diese architektonischen Ungereimtheiten nur dem kritischen Betrachter auf, denn die Fernwirkung der Gebäudemasse mit den Doppeltürmen ist beindruckend. Der Innenraum, für den Laienbesucher nur über einen hinter dem Nordturm versteckten Seiteneingang zugänglich, ist einen flach gewölbter Kastenraum. Er bietet zusammen mit dem Chor einen vielfach gestaffelten tiefenräumlichen Prospekt dar, der im Langhaus zu rechteckigen Querarmen geweitet und im Chor zweimal hintereinander mit ausgerundeten Ecken eingezogen ist. Er folgt dabei einer Tendenz der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu Saalbauten, denen es nicht mehr so sehr auf den Dekorationsmantel der Wand ankommt, sondern auf eine kahle und nüchterne Grossräumigkeit und auf möglichst flach gespannte Tonnengewölbe und Kuppeln, die sich einem ebenen Plafond annähern.[17]  
Tatsächlich ist dieser gestaffelte, helle Saalraum wie geschaffen für die überwältigende Wirkung der Ausstattung. Die Deckenfresken und die reiche Altarausstattung bilden zusammen mit dem zurückhaltenden, aber sehr qualitätsvollen Stuck einen festlich wirkenden Rokokoraum. Die Stuckaturen sind Wessobrunner Arbeiten und könnten von Gottlieb oder Iganz Finsterwalder, veilleicht gar von Franz Xaver Feichtmayr stammen.[18] Die heutigen grossen Deckenfresken sind gute neubarocke Schöpfungen. Sie werden 1900 anstelle der ursprünglichen Fresken von Franz Martin Kuen aus Weissenhorn angebracht. Diese sind seit einem Schadenfall von 1845 nicht mehr vorhanden.[19] Nur noch die kleineren Fresken und die Gemälde unter der Orgelempore sind Werke von Franz Martin Kuen. Von ihm stammt auch das Hochaltarbild und die Bilder der sechs grossen Nebenaltäre. Die Altäre selbst sind Werke der Altarbauerfamilie Bergmüller aus Türkheim, meist nach Entwürfen des 1753 verstorbenen Johann Georg Bergmüller. Die Bildhauerarbeiten des Hochaltars werden noch Anton Sturm zugeschrieben.[20] Aus der alten Kirche stammt das Chorgestühl, eine Arbeit von 1628 des Kunstschreiners Jakob Hornung und des Bildhauers Christoph Rodt. Das noch wenig barocken Charakter aufweisende Gestühl wird 1756/58 leicht verändert und mit einem Aufsatz ergänzt.
Eine grosse Bereicherung des Innenraumes ist auch der weiss gefasste Orgelprospekt, 1761 von einem unbekannten Meisters für den Ulmer Orgelbauer Georg Friedrich Schmahl hergestellt. Das heutige Orgelwerk mit 66 Registern ist nicht mehr original.

Neubau des Ost- und Südflügels
Wie schon für die Kirche fehlen auch für diese nachfolgenden Neubauten alle Bauakten. Ein Chronogramm im Refektorium des Südtraktes zeigt die Jahreszahl 1766. Der den Innenhof teilende Querflügel hat aussen die Datierung 1764 angebracht. Dieses Datum bedeutet die Fertigstellung des Südflügels und damit aller Flügel des Konventgevierts. Stuck und Ausstattung folgen bis spätestens 1770, nur die Bibliothek im zweiten Obergeschoss des südlichen Mittelrisalits wird erst 1781−1790 eingerichtet. Völlig falsch ist die spekulative Annahme, mit Nordflügel und Kirchenneubau sei bis 1758 auch der ganze Ostflügel entstanden.[21]
Auch über die Baumeister dieser Konventflügel sind nur Vermutungen vorhanden. Ihre architektonische Gestaltung ist dem Südwestrisalit von Christian Wiedemann angeglichen. Wahrscheinlich hat Johann Martin Kramer anschliessend an den Nordflügel auch diese restlichen Konventflügel erstellt.
Die Stuckaturen, Fresken und Ausstattungen aller Konventflügel sind heute bis auf wenige repräsentative Räume zerstört.[22]

Der östliche Wirtschaftshof
Um 1775 lässt Abt Georg Lienhard den grossen zweigeschossigen Vierflügelbau des nordöstlich gelegenen Wirtschaftshofes errichten. Das fast quadratische Geviert ist mit 105 auf 90 Meter im Umfang grösser als die Konventflügel. Ein zentrales Torhaus im Ostflügel bildet den zweiten Klostereingang.[23] Dieses Barockgebäude mit der Durchfahrt im Mittelrisalit ist der einzige Zeuge eines eindrücklichen Wirtschaftshofes. Baumeister ist wahrscheinlich Joseph Dossenberger aus Wettenhausen.[24] Nachdem die Gebäude 1952 und 1958 einem Brand zum Opfer fallen, werden sie abgebrochen und bis 2001 durch modernistische und volumenverfälschende Neubauten für ein Bildungszentrum ersetzt.[25]

Von der Säkularisation bis heute
Im August 1802 wird den in Roggenburg versammelten Äbten von Roggenburg, Elchingen, Ursberg und Wettenhausen die Besitzergreifung ihrer Herrschaften durch Kurbayern mitgeteilt. Im September besetzt bayrisches Militär das Kloster. 1803 müssen vorerst die sechs Novizen das Kloster verlassen, während dem Abt, den 36 Chorherren und einem Konversbruder der vorläufige Aufenthalt noch gewährt wird. Der letzte Abt stirbt 1822 und wird noch in der Klosterkirche beigesetzt. Die jüngeren Chorherren nehmen Pfarrstellen an, der letzte Chorherr stirbt 1852 in Augsburg. Der klösterliche Grundbesitz wird verkauft. Die Klosterkirche wird Pfarrkirche. Sie wird im 20. Jahrhundert mehrfach restauriert, umfassend letztmals 1979−1985. Für die Klostergebäude findet das neue Königreich Bayern keine Käufer und bleibt bis heute unterhaltspflichtiger Eigentümer. Die Gebäude leiden unter abwechselnden Nutzern und sind gegen 1960 dem Verfall nahe. Einzelne Räume werden nun renoviert, vieles ist unwiederbringlich verloren. 1982 kehrt der Prämonstratenserorden, nun als Priorat der Abtei Windberg, wieder nach Roggenburg zurück. 2010 zählt der Konvent 14 Chorherren. Die Prämonstratenser sorgen rasch für eine Wiederbelebung alter Klostertraditionen und suchen neuen Bedürfnissen gerecht zu werden. So wird anstelle des brandzerstörten nordöstlichen Wirtschaftshofes bis 2002 ein Bildungszentrum gebaut. 2010 ist zudem Start für eine erste umfassende Innensanierung der Klostergebäude. Sie soll 2014 beendet sein und über 18 Millionen Euro kosten.

Pius Bieri 2012


Benutzte Einzeldarstellungen:
Weiler, Thomas Rudolph: Versuch einer topographischen Geschichte der Pfarrei Roggenburg. Augsburg 1828.
Habel, Heinrich: Stadt und Landkreis Neu Ulm, Band 24 der Reihe Bayrische Kunstdenkmale. München 1966.
Tuscher, Franz: Das Reichsstift Roggenburg im 18. Jahrhundert. Weissenhorn 1991.
Herrman, Adolf und Konrad, Anton Hubert: Prämonstratenserkloster Roggenburg. Weissenhorn 2006.
 

Links:
http://www.kloster-roggenburg.de/web/de/index.php


Anmerkungen:

[1] Ursberg wird 1125 als erste Gründung auf deutschem Boden direkt von Prémontré besiedelt. Der Ordensgründer Norbert von Xanten (um 1082−1134) nimmt 1126 das Amt des Bischofs von Magdeburg an und soll sich auch in Roggenburg aufgehalten haben.

[2] St. Lucius in Chur. In der Kirche des 8. Jahrhunderts werden seit 1108 die wiederaufgefunden Gebeine des heiligen Lucius verehrt, was eine geistliche Betreuung der Pilger notwendig macht. Das um 1140 von Roggenburg besiedelte Kloster St. Luzi wird nach den Reformationswirren 1621 nochmals von Roggenburg besiedelt und ist seit 1806 Priesterseminar.

[3] Churwalden liegt drei Wegstunden südlich von Chur. Die Roggenburger Filiale Churwalden ist Mutterkloster der Propstei St. Jakob im Prättigau (heute Klosters) und des Klosters Rüti. Churwalden und sein Filiationen gehen bei der Reformation ein. Churwalden wird bis 1803 administrativ von Roggenburg verwaltet.

[4] Adelberg liegt bei Göppingen und wird 1535 aufgehoben.

[5] Zur Zirkarie Schwaben gehören die Männerstifte Ursberg (1125), Rot an der Rot (1126), Roggenburg (1126), Bellelay (1140, seit 1657), Chur St. Luzi (1140), Weissenau (1145), Marchtal (1171), Allerheiligen (1182), Schussenried (1183) sowie die in der Reformation eingegangenen Klöster Churwalden (1149), Cazis bei Chur (1156), Adelberg (1178), Bebenhausen (1187), Rüti (1208), St. Jakob im Prättigau (1208), Himmelspforte bei Basel (1303).

[6] Ende des 18. Jahrhunderts hat die Herrschaft 3261 Einwohner auf ungefähr einer Quadratmeile (56 Quadratkilometer).

[7] Erscheinungsjahr 1736. Der Stich zeigt das Wappen von Abt Caspar Geisler, der 1735−1753 regiert.

[8] «Beatissima Virgo, S. Augustinus et Joannes Baptista». Es sind dies die üblichen Patrozinien der Prämonstratenser, welche die Augustinus-Regel befolgen. Sie gelten noch am Anfang des 19. Jahrhunderts. Heute wird die ehemalige Klosterkirche als Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt bezeichnet.

[9] Das Wappen des Abtes Kaspar Geisler (1735−1753) am Portal des Haupttraktes signalisiert wohl bereits eine erste Umgestaltung. Auf dem Stich zur Kirchweihe 1758 ist noch das alte Brauhaus abgebildet. Der Umbau zur einheitlichen Dreiflügelanlage erfolgt wohl erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

[10] Christian Wiedemann (1678−1739) ist um diese Zeit in Stetten ob Lontal, Ochsenhausen und Obersulmetingen tätig. Er beginnt 1732 mit dem Klosterneubau von Wiblingen.

[11] Generalvikar ist Hermann Vogler, 1711–1739 Abt in Rot an der Rot. Der Barockprälat kennt keine Rücksichten bei der Durchsetzung seiner Reformabsichten und ist auch verantwortlich für die Verbannung des Abtes Didakus Ströbele von Schussenried nach Allerheiligen, wegen zu grosser Toleranz gegenüber den Untertanen und im Konvent.

[12] Simpert Kramer, auch Kraemer (1679−1753), Allgäuer Baumeister, 1717−1725 Baumeister des Klosterneubaus in Ottobeuren.

[13] Franz Martin Kuen (1719−1771) aus Weissenhorn und Johann Georg Bergmüller (†1753) aus der Türkheimer Altarbauerfamilie, nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Maler aus Türkheim. Der älter Bruder von Franz Martin Kuen, P. Hermann Kuen (1710−1776) ist Konventuale in Roggenburg und sicher treibende Kraft bei der Berufung seines Bruders.

[14] Damit erklärt sich auch die Datierung des Deckenfreskos von Franz Martin Kuen in der Sakristei mit der Jahreszahl 1756.

[15] Johann Martin Kramer (1713−1783), auch Kraemer geschrieben.

[16] So wird sie auch in allen kunsthistorischen Abhandlungen beschrieben, selbst ihr Grundriss wird isoliert dargestellt.

[17] In der Beschreibung der Innenraum-Architektur folge ich Bernhard Schütz in: Die kirchliche Barockarchitektur in Bayern und Oberschwaben, München 2000.

[18] Die Lebensdaten von Gottlieb Finsterwalder aus Wessobrunn sind nicht bekannt. Franz Xaver Feichtmayr (1698−1763), ebenfalls aus Wessobrunn, ist der bedeutendste Stuckateur des Rokoko im Raum Augsburg.

[19] 1845 lösen sich an der Langhausmulde Teile des Deckenputzes. Es ist eine Folge der Verbindung der Gipslatten-Stuckmulden mit dem Dachstuhl. In der Folge werden alle grossen Freskenfelder neu verputzt oder repariert und übertüncht. Die heutigen neubarocken Schöpfungen von Waldemar Kolmsberger sind allerdings von hoher Qualität und bereichern den Raum.

[20] Anton Sturm (1690−1757) aus Füssen.

[21] Ein Bau des ganzen Ostflügels gleichzeitig mit Kirche und Nordflügel (nach Dehio «wohl bis 1758») ist durch keine Anhaltspunkte belegt und trotz aller Wiederholungen unwahrscheinlich. Zu dieser Leistung wäre ein gut dotierter Baumeistertrupp mit funktionierendem Materialnachschub vielleicht noch in der Lage. Es gibt aber keinen Sinn für eine derartige Ressourcenverschleuderung, da das Kloster ja möglichst schnell die Kirche beziehen will und diese absoluten Vorrang hat. Dazu gehört selbstverständlich der Nordostrisalit, der tatsächlich bis 1758 fertig ist und dessen Datierung vermutlich zu dieser Historikerverwirrung beiträgt.

[22] Erhalten sind die klassizistische Bibliothek (1781−1790), der Kapitelsaal im Querflügel (1766), die Treppenhäuser (1733 und 1780), das Refektorium (1766) und  Säle im Mittelrisalit des Westflügels (um 1733).

[23] Ein älteres Torhaus, südöstlich gegenüber dem Amtshaus (siehe Lageplan um 1800 und Vedute 1736), wird im 19. Jahrhundert abgebrochen.

[24] Joseph Dossenberger (1721−1785), Klosterbaumeister in Wettenhausen.

[25] Die Neubauten übernehmen die in drei Flügeln die Lage der Vorgängerbauten, erhöhen aber den Süd- und Westflügel um ein Geschoss und schaffen damit eine unerwünschte Asymmetrie. Mag dies noch eine Forderung des Bauherrn sein, markieren die verantwortlichen Architekten mit modernistisch interpretierten Eckrisalitausbildungen ein falsches Architekturverständnis. (Bauherr: Bistum Augsburg. Architekten: Schwarz-Grözinger-Wagner, Memmingen).

  Ehemalige Prämonstratenser-Reichsabtei Roggenburg  
  Roggenburg1  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Roggenburg Bayern D

Herrschaft Abtei Roggenburg
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Augsburg 1732
Bauherr und Bauträger
ok Abt Dominikus Schwaninger
leer (reg. 1713–1735)

ok Abt Caspar Geisler (reg. 1735–1753)

ok Abt Georg IV. Lienhardt (reg. 1753–1783)

 
  Die Nordwestfassade der Prämonstratenserabtei, fotografiert aus Westen.
Bildquelle: Claudio Klingler in Wikipedia.
  pdf  
   
RoggenburgLageplan
Der Etappenplan mit dem Gebäudebestand um 1800. Für Erläuterung anklicken!  
   
Roggenburg1734
Verglichen mit dem obigen Lageplan zeigt der Stich von 1736 die Abtei noch vor den grossen Eingriffen von 1752–1766. Erst der Südwestflügel ist bis zur alten doppeltürmigen Stiftskirche (1160) erstellt. Detailliert sind alle Gebäude beschrieben und in der Erläuterung übersetzt. (Für Erläuterung anklicken!). Der Stich von Johann Heinrich Störcklin (1687–1737, Augsburg) ist mit dem Wappen des Abtes Caspar Geisler bekrönt.  
Roggenburg2
1732–1733 baut Christian Wiedemann die Südwestfassade mit dem südlichen Eckrisalit bis zur alten Kirche. Der nördliche Eckrisalit kann erst nach dem Abbruch der alten Doppelturmfont 1750 durch Jakob Jehle begonnen werden.  
Roggenburg3
1752–1758 wird von Simpert Kramer und seinem Sohn Johann Martin die Stiftskirche gebaut. Auch wenn die äussere Einbindung in den Nordwestflügel nicht überzeugt, ist der gestaffelte, helle Saalraum wie geschaffen für die überwältigende Wirkung der Rokoko-Ausstattung.  
Roggenburg4
Der schlanke, machtvoll aufragende Hochaltar von Johann Georg Bergmüller füllt den ganzen Chorabschluss. Das  Kruzifix hinter dem modernen Volksaltar (1985) ist ein um 1500 von Niklaus Weckmann geschaffenes Werk.  
Roggenburg5
Ein Blick zur südöstlichen Wandfolge mit dem Altar der Skapulierbruderschaft am abgerundeten Choreinzug, der Kanzel und dem Altar der Ordensheiligen. Alle Altäre sind von Dominikus Bergmüller, die Blätter von Franz Martin Kuen. Die Kanzel, ebenfalls ein Werk von 1755/58, ist eine Stuckmarmorarbeit von Wessobrunner Stuckateuren, für deren Werke in Roggenburg Ignaz Finsterwalder, aber auch Gottlieb Finsterwalder und sogar Franz Xaver Feichtmayr vermutet werden.  
Roggenburg6
Der Rokokoprospekt der Hauptorgel wird bis 1761 fertig gestellt. Auch bei diesem Werk kann, wie leider bei den meisten in Roggenburg tätigen Kunsthandwerkern, der Meister nur vermutet werden. Das ursprüngliche Orgelwerk des Ulmer Orgelbauers Schmahl ist nicht mehr vorhanden, die heutige Orgel ist ein Werk von 1986.  
Roggenburg9
Der Conversbruder Gerlach Weingand (1727-1794) ist Schöpfer der um 1760 eingebauten farbenprächtigen Gitter der Turmeingangstüren.  
RoggenburgKonventbild
1768, nach der Vollendung des Klosterneubaus, lässt Abt Georg IV. Lienhardt von Franz Martin Kuen ein Votivbild malen. Der Abt stellt darin den Konvent und den abgeschlossenen Klosterneubau den Patronen des Klosters vor. Das Bild, hier ein Ausschnitt, ist vier Meter lang und zweieinhalb Meter hoch. Es ist seit 2011 wieder in Roggenburg zu besichtigen.  
Roggenburg8
1845 werden die Deckenfresken von Franz Martin Kuen wegen Schäden an der Decke zerstört. Die heutigen Fresken (1900–1901) sind eine freie neubarocke Schöpfung des Münchner Malers Waldemar Kolmsperger (1852–1943).  
Roggenburg10
Das Eingangstor ist der einzige Gebäudeteil des grossen Wirtschaftshofes, der um 1775–1780 vielleicht von Joseph Dossenberger aus Wettenhausen gebaut wird. Dossenberger ist um diese Zeit Vertrauensarchitekt des Abtes. Teile des Wirtschaftshofes fallen 1952 und 1957 Bränden zum Opfer und werden 1998–2001 durch modernistische und volumenverfälschende Neubauten ersetzt.