Schlossanlage
Gartengebäude

Die Meister der Gartenanlage von Nymphenburg
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Enrico Zuccalli (um 1642–1724) Roveredo, Misox CH ZuccalliE   Hofbaumeister-Architekt 1701   1704
Charles Carbonnet (um 1658–1732) Paris Ile de France F     Wasserbauingenieur, Gartenplaner 1701   1704
Joseph Effner (1687–1745) Dachau, Bayern D Effner   Hofbaumeister-Architekt 1716   1745
Dominique Girard (um 1680–1738) Ile der France F     Wasserbauingenieur, Gartenplaner 1716   1717
Guillielmus de Grof (1676–1742) Antwerpen B     Bildhauer 1716   1722
François Roëttiers (1685–1742) London GB     Maler ? 1717    
Giuseppe Volpini (1670–1729) Oberitalien I     Bildhauer und Stuckateur 1717   1729
Matthias Diesel, Disel, Disl (1675–1752) Bernried, Bayern D     Garteninspektor, Gartenplaner 1718   1722
Charles Claude Dubut (1687–1736) Paris F     Bildhauer und Stuckateur 1725   1725
Giovanni Marchiori (1696–1778) Caviola, Venezien I     Bildhauer 1765   1765
Roman Anton Boos (1733–1810) Bischofswang, Bayern     Bildhauer 1775   1792
Dominikus Auliczek (1734–1804) Polička CZ     Bildhauer 1778   1792
Friedrich Ludwig Sckell (1750–1823) Weilburg, Hessen D     Gartenbauinspetor, Gartenplaner 1804   1823


2.  Der Schlossgarten[1] und das Rondell

2.1 Die barocken Wasser- und Gartenanlagen

Der Garten der Kurfürstin Henriette Adelheid von Savoyen

Der Garten der Kurfürstin Henriette Adelheid von Savoyen
Im bekannten Stich von Michael Wening ist das Lustschloss Nymphenburg im Zustand nach 1684 und vor 1701 dargestellt. Der heutige Mittelpavillon steht isoliert zwischen der nördlich gelegenen Magdalenakapelle und dem südlichen Schwaighaus mit der Schwaige. Hinter dem Schlossbau ist der westlich angefügte Barockgarten dargestellt. Das Bild entspricht nicht der Schlossanlage, wie sie Agostino Barelli[2] 1663–1673 für die Kurfürstin Henriette Adelheid von Savoyen[3] baut. Beidseitig des fünfgeschossigen Mittelpavillons stehen nämlich bis 1684 zwei weitere, dreigeschossige Pavillons, welche mit dem Mittelpavillon durch Galerien verbunden sind. Das Schloss Nymphenburg der Kurfürstin Henriette Adelheid entspricht damit der heutigen Gartenansicht der Gebäude. Michael Wening kennt diese Gebäude nicht mehr, denn sie werden 1684 zur Materialgewinnung für Lustheim abgebrochen.[4] An ihrer Stelle zeichnet er, um die Aussagekraft des Bildes zu erhöhen, die in Wirklichkeit 300 Meter entfernte Schwaige und die 80 Meter entfernte Magdalenakapelle.
Das im Stich dargestellte quadratische und viergeteilte Broderie-Parterre ist halbrund nach Westen erweitert und durch eine hohe Mauer geschützt. Es ist ein Barockgarten des 17. Jahrhunderts mit starken Anklängen an die italienische Renaissance. Das Vorbild ist im Barockgarten des Turiner Jagdschlosses Venaria Reale zu suchen. Seit 1680, dem Jahr der Thronbesteigung von Kurfürst Max II. Emanuel wird der Nymphenburger Garten nicht mehr unterhalten. Schloss und Garten dürften 1701, als Wening den Stich veröffentlicht, einen desolaten Zustand geboten haben.


Der neue Barockgarten von Kurfürst Max II. Emanuel


Das holländische Vorbild in der ersten Phase 1701–1704
1701 kehrt Max II. Emanuel von Bayern[5] nach neun Jahren Abwesenheit als Statthalter der Spanischen Niederlande wieder nach München zurück. Reisen in die damals noch befreundete Republik der vereinigten Niederlande (Holland) des Kurfürsten und seines Oberhofbaumeisters Enrico Zuccalli[6]  bringen ihnen die holländische Gartenbaukunst mit ihren Kanalbauwerken näher. Offensichtlich hinterlassen die Kanal- und Gartenanlagen von Huis ter Nieuburg bei Rijswijk, die Gartenanlage von Huis Honselaarsdijk und von Huis ten Bosch, aber auch das Schloss Het Loo bei Apeldoorn grossen Eindruck.[7] Die Planungen Zuccallis für Schleissheim zeugen davon. Auch das bisher vernachlässigte Nymphenburg soll nun einen grossen Garten nach holländischen Vorbildern erhalten. Mit dem Bau des Paising-Nymphenburger Kanals, der das Wasser von der Würm in der Schlossachse des Fürstenweges nach Nymphenburg führt, wird 1701 der Anfang gesetzt. Beidseitig der Wasserfläche verläuft eine Mail-Allee.[8] Der Kanal gabelt sich 300 Meter vor der Westfront des Schlosses. Dieses erhält gleichzeitig durch Giovanni Antonio Viscardi[9] und seinem Trupp, unter der Leitung von Palier Antonio Andreota, beidseits zwei in der Tiefe gestapelte Pavillons. Die gestaffelte Gruppierung der Gebäudegruppe erinnert an Het Loo, die Fassung des neuen Gartenparterres mit Kanälen an Huis ter Nieuburg. Mit der Gabelung des Kanals wird das Schloss in eine Insellage versetzt, die sich mit ihrer Breite von 300 Meter auch auf der Ehrenhofseite fortsetzt. Der 1702 begonnene  Biedersteiner Kanal leitet das Wasser in die Isar bei Schwabing weiter. Dass auch die Kanalbauten Holland zum Vorbild haben, ergibt sich auch aus den Bezeichnungen der Schleusen. Sie werden 1703 als «holland. canal clusen» beschrieben. Für die Gartenplanungen in Nymphenburg und Schleissheim sind auch die französischen Hofgärtner Charles Carbonnet[10] und Claude Desgots[11] tätig. Carbonnet leitet die Arbeiten am Gartenparterre in Nymphenburg. Wie bei allen barocken Planungen leisten die beiden Franzosen wertvolle  Beiträge, an der Gesamtplanung Zuccallis nach holländischen Vorbildern können sie nichts mehr verändern.[12]
1704 flüchtet Kurfürst Max II. Emanuel in französische Sicherheit und muss zehn Jahre im Exil verbringen. Die begonnene Gartenanlage bleibt während dieser Zeit verwaist.
Fertig gestellt ist das Mittelparterre. Die seitlichen Bosketts sind begonnen. Die Kanal in der Schlossachse, seine beidseitige Umleitung um die Pavillons und auch der Kanal nach Schwabing sind weitgehend gebaut.

Französische Gartengestaltung von Joseph Effner, Dominique Girard und Matthias Diesel
Der Friedensschluss von 1714 bedeutet auch die Aufhebung der Reichsacht über Max II. Emanuel. Er wird wieder als Kurfürst von Bayern bestätigt. Erst 1715 kehrt er aus Saint-Cloud nach München zurück. In seinem Gefolge treffen drei in Frankreich geschulte jüngere Fachkräfte ein, die den Schlossgarten von Nymphenburg fertigstellen werden. Es sind Joseph Effner,[13] Dominique Girard,[14] und François Cuvilliés.[15] Der seit 1709 als «garçon fontainier» in Versailles arbeitende Girard wird als Garteninspektor und maître fontainier (Brunnenmeister) in Hofdienste genommen. Girard entwirft für Nymphenburg die zahlreichen Wasserkünste, die Brunnhäuser und die Kaskaden.[16] Er ist vermutlich auch Mitplaner der barocken Gartenanlage, die nun unter der Leitung von Hofbaumeister Effner bis 1722 verwirklicht werden. Effner und Girard müssen sich an die Vorgaben von Zuccalli halten, denn die Kanäle sind gebaut, das Parterre begonnen und die Achsen festgelegt. Ihnen zur Seite steht Matthias Diesel, seit 1718 Ingenieur der Hof- und Lustgärten.[17]
Effner ist aber der eigentliche Schöpfer des Nymphenburger Barockgartens. Selbst als der nachfolgende Kurfürst Karl Albrecht auf das Talent Cuvilliés aufmerksam wird und an Effner keine Neubauten mehr überträgt, bleibt dieser noch bis an sein Lebensende für Nymphenburg verantwortlich.
Die barocke Gartenanlage, 1701 nach holländischem Vorbild begonnen, ist nun, nach der Fertigstellung durch Effner, Girard und Diesel zum französischen Garten geworden. Wie in den neuen französischen Lustgärten wird der Blick vom Parterre durch die Kanalachse zu der entfernten Grossen Kaskade geleitet, und beidseits dieser Hauptsachse sind in einen durch Alleen geometrisch geteilten Wald wieder gestaltete Nischenräume mit Bauwerken, Bassins und Bosketts ausgeschnitten. Dieser gestaltete Waldteil wird als «grand bois» oder «grand parc»[18] bezeichnet.

1. Das Parterre:

Das Gemälde von Canaletto (1761) zeigt das Mittelparterre von der Gartenseite gesehen. Im Vordergrund vergnügen sich Hofgesellschaften mit venezianischen Hofgondolieris auf dem Wasser des Paising-Nymphenburger Kanals, der hier sich in halbrunder Erweiterung vor dem Parterre gabelt. Die Schlossanlage bildet den Hintergrund. Der vergoldete Flora-Fontäne des Bildhauers Guillielmus de Grof[19] bildet den Mittelpunkt des Parterres.[20] Beidseitig des Mittelparterres sind Bosketts angeordnet. Matthias Diesel zeigt in seinen Stichen die streng architektonisch geschnittenen Hecken-Innenräume dieser Bosketts.[21] Hier verstecken sich nebst einer Freiluft-Orangerie vor allem Heckentheater, Irrgärten und Spielplätze, alle Orte zum offenbar lebensnotwendigen Vergnügen der Hofgesellschaften.

2. Der Wald («le grand bois» oder «le grand parc»)
Westlich des Gartenparterres beginnt der durch den Mittelkanal zweigeteilte, streng achsensymmetrisch mit Längs- Quer- und Diagonalalleen gestaltete Wald. Die Grenze bilden die beiden das Parterre umfassenden Kanalarme, welche sich am Bassin teilen. Der Mittelkanal wird an zwei Stellen von Queralleen geschnitten, zuerst an der Grossen Kaskade und ein zweites Mal auf halber Strecke zwischen Grosser Kaskade und Parterre. Entlang dieser mittleren Querachse reihen sich, beidseits des Mittelkanals, präzise in den Wald eingeschnittene Gartenanlagen, nördlich für die Pagodenburg, südlich für die Badenburg. Vor beiden Gartenlustgebäuden[22] sind im Kreuzungspunkt von sechs Alleen «Säle» oder «Salles» ausgeschieden, die durch Hecken in der Form der «pallisades à l’italienne» begrenzt und in der Art eines Parterres mit Wasserspielen im Zentrum gestaltet sind. Sie werden deshalb, allerdings unbegründet, «Parterres d’eau» genannt.[23] Die Wasserspiele sind damit auch Zentrum der in Richtung Osten und Westen ausgehenden Alleen in der von Versailles bekannten Form der «patte d’oie». Von den Waldsälen mit ihren Wasserspielen gelangt man zu den beiden Gartenburgen. Die Badenburg liegt etwas weiter von der Kanalachse entfernt. Man erreicht sie über ein Parterre mit dem Bassin des Neptuns, hinter dem die erhöhte Badenburg mit ihrer nördlichen Schauseite beeindruckt. Anders die Pagodenburg. Sie liegt dicht am nördlichen «Parterre d’eau» in einem mittels geometrisch geschnittenen Hecken gestalteten Freiraum. Als südliches Gegenstück zur Pagodenburg ist ein Amphitheater gestaltet. In nördlicher Verlängerung der Pagodenburg setzt sich eine lange Mailbahn[24] mit beidseitigen Alleen fort.

Die Gartenburgen und die Eremitage
Die beiden im «Wald» oder «grand bois» liegenden Burgen[25] werden bis 1722 von Hofbaumeister Effner für Kurfürst Max II. Emanuel erstellt. Dieser lässt 1725 nördlich des Schlossparterres, und von diesem durch den Kanal getrennt, durch Effner die Magdalenenklause als Eremitage bauen. Sie nimmt mit ihrer Ruinenarchitektur und der «wilden» Umgebung bereits die Romantik vorweg. Das Gegenstück ist die Amalienburg, die Kurfürst Karl Albrecht[26] 1734 an Cuvilliés in Auftrag gibt. Anstelle einer Menagerie entsteht südlich des Schlossparterres ein geometrisch gestalteter Garten mit einem Lustgebäude zum Zweck der Fasanenjagd. Während die Amalienburg eines der vollkommensten Gebäude vom Typus der in Frankreich liebevoll als «folie» bezeichneten Garten-Lustgebäude ist, zeigen Pagodenburg und Badenburg die Vorliebe des Kurfürsten für Exotismen. Auf diese drei architektonisch einmaligen Gebäude und auf die Eremitage wird in dieser Seite separat eingegangen.


2.2 Das Rondell und der Nymphenburger Stichkanal


Kurfürst Karl Albrecht und die «Carlstadt»
Die der Stadt zugewandte Empfangsfront des Schlosses wird, beginnend mit dem Marstallhof im Süden, ab 1716 zur geplanten Länge von 538 Meter erweitert.[27] Die beiden Hofblöcke, im Süden Marstall und im Norden Orangerie und Kloster, sind der Schlossfront vorgesetzt und bilden einen eindrücklichen Ehrenhof in der Breite des gartenseitigen Parterres. Wie dieses ist auch der Ehrenhof durch die Insellage des Schlosses definiert. Die begrenzenden Kanäle werden in einem Bassin mit Kaskade, von Girard entworfen, wieder zusammengeführt. Diesen Zustand der Empfangsfront hält Franz Joachim Beich 1726 in einer Vogelschauansicht fest. Sie wird später in einem Miniaturgemälde wiederholt.[28] Im Vordergrund der Darstellungen sind Arbeiten für einen Kanal zu sehen. Es ist der heutige Stichkanal nach München, den Kurfürst Karl Albrecht im Rahmen seines städtebaulichen Projektes der «Carlstadt» 1728 beginnt.[29] Das Datum fällt gemäss dem Hofkalender mit der Grundsteinlegung des ersten Hauses am ebenfalls begonnenen Nymphenburger Rondell zusammen. Das Rondell, ein die ganze Schlossanlage einfassender Halbkreisabschluss, ist eine gigantische Vergrösserung des Ehrenhofs. Zwei beidseits des Stichkanals angelegte, mit Linden besäumten Alleen und das Rondell selbst erhalten eine gleichmässige Bebauung mit zweigeschossigen Häusern. Die Häuser dienen als Wohnbauten von Hofangestellten, als Manufakturen und Ateliers oder Werkstätten von Hofkünstlern, aber auch als Gaststätten. Rondell und Häuser stellen den Versuch des Kurfürsten Karl Albrecht dar, ausgehend vom Halbkreis des Rondells eine radiale Idealstadt zu bauen.[30] Ihr Name sollte «Carlstadt» sein. Nach dem Tod von Karl Albrecht wird die offensichtlich nicht auf wirtschaftlichen Überlegungen basierende Idee nicht mehr weiterverfolgt.

Heute
Der Zweite Weltkrieg hat die Zerstörung vieler der noch aus der Barockzeit stammenden Häuser am Rondell zur Folge. Sie werden später im Äussern rekonstruiert, viele auch neu ergänzt. Trotzdem kann man noch heute einen guten Eindruck der barocken städtebaulichen Idee erhalten, zu der auch der noch immer bestehende Stichkanal mit seinen beidseitigen Alleen zählt.


2.3 Die Umwandlung in einen englischen Landschaftsgarten

Abkehr vom barocken Garten
Der barocken Gartenbaukunst, vor allem ihrer strengen Geometrie, wird schon im frühen 18. Jahrhundert in England (Stowe House Garden ab 1718) mit dem malerischen oder poetischen Landschaftsgarten begegnet, der sich vor allem bemüht, den Eindruck einer natürlichen Schöpfung zu erwecken. Die Architekturelemente des Gartens bilden jetzt nur noch Staffage. Mit der beginnenden Aufklärung setzt sich der englische Garten auch in Kontinentaleuropa durch. Nicht nur das neue Naturverständnis oder die Ablehnung der höfischen Etikette, auch die grossen Kosten des Unterhalts von barocken Gärten mit ihren Wasserspielen befördern die schnelle Verbreitung des Landschaftsgartens.  

Kurfürst Karl Theodor und der «Englische Garten»
Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz[31] ist ein früher Liebhaber und Verfechter des malerischen Landschaftsgartens. Seinem Gartendirektor Nicolas de Pigage stellt er 1777 den jungen, aus einem Bildungsaufenthalt in England zurückgerufenen Sohn seines Hofgärtners, Friedrich Ludwig Sckell[32] zur Seite. Die Erweiterung des Schwetzinger Gartens zu einem klassischen Landschaftsgarten ist zum grossen Teil ein Werk von Sckell, der nach dem Tod von Pigage 1796 auch dessen Amt übernimmt. Der Schwetzinger Schlossgarten ist auch der erste Garten eines Barockfürsten, der von Beginn weg für die Bevölkerung geöffnet ist.
1777 muss Karl Theodor seinen Hof nach München verlegen, um auch hier die Kurfürstenwürde antreten zu können. Sein Hofstaat ist pfälzisch. Als er 1789 beschliesst, im Norden der Münchner Residenz entlang der Isarauen einen englischen Landschaftsgarten zu erstellen, überträgt er die Planung dem von ihm geförderten Friedrich Ludwig Sckell. Auch dieser Landschaftsgarten, noch heute «Englischer Garten» genannt, ist für die Münchner Bevölkerung zugänglich.
Am Nymphenburger Barockgarten ändert der Kurfürst wenig, macht ihn aber ebenfalls der Öffentlichkeit zugänglich. Mit seiner Förderung des talentierten Sckell als kurpfälzischen Hofgärtner legt er zudem den Grundstein zur Umgestaltung des Nymphenburger Barockgartens in einen öffentlichen Schlosspark im englischen Stil.

Umbau des Barockgartens durch Friedrich Ludwig Sckell
1804 folgt Friedrich Ludwig Sckell der Berufung als Hofgarten-Intendant nach München. Kurfürst Maximilian IV. Joseph,[33] der 1803 als grosser Gewinner der Säkularisation und der Mediation das alte Bayern um fast das Doppelte vergrössern kann, ist zeitgemäss kein Freund barocker Baukunst und lehnt den steifen Prunk barocker Alleen ab. Schon 1801 plant Sckell auch für Nymphenburg. Mit dem Antritt seines Amtes in München beginnt er mit der dem Umbau der barocken Anlage. Erst 1824, ein Jahr nach seinem Tod, ist der Umbau abgeschlossen. Man darf dem barocken Garten und seinen Wasserkünsten nicht nachtrauern, denn Sckell erstellt in Nymphenburg eine gleichwertige, jetzt als Park bezeichnete Anlage. Er belässt die Grundstruktur mit der Kanalachse, auch die Kaskade, und vereinfacht das Parterre.[34] Anstelle der früheren Diagonalachsen baut er weite Wiesenlichtungen als natürlich wirkende Schneisen, die zu den Seen der Badenburg und der Pagodenburg führen. Diese neuen Seen legt er mit Landschaftsbezug zu den beiden Burgen an. Die Burgen sind nun natürlich wirkende Staffagen, die jetzt freigestellte Pagodenburg gewinnt, die Badenburg verliert an Bedeutung. Anstelle der Querachsen entstehen romantische «Täler». Grosse Gewinner der Umgestaltung sind die Amalienburg und die Eremitage, die nun in den Landschaftsgarten einbezogen sind.

Heute
Der Nymphenburger Schlosspark von Friedrich Ludwig Sckell hat auch nach über 200 Jahren sein Gesicht bewahrt. Nur wenig wird nach 1824 verändert. So lässt 1865 König Ludwig I. eine Replik des von Leo von Klenze im Englischen Garten gebauten Monopteros am See der Badenburg aufrichten. Der klassizistische Rundtempel fügt sich gut in den Park ein. Noch heute ist der gut unterhaltene Park, trotz hoher Aufwände der bayrischen Schlösserverwaltung für seinen Unterhalt, dem Besucher mit freiem Eintritt zugänglich. In einer ausführlichen und übersichtlichen Wikipedia-Seite (siehe Literatur) ist der heutige Nymphenburger Schlosspark vorbildlich dargestellt.

Pius Bieri 2016

Literatur (Garten und Rondell):
Bretagne, (Frère CanA) Pierre de: Réjouissances et fêtes magnifiques qui se sont faites en Bavière l’an 1722 au mariage de S. A. S. Monseigneur le Prince Electoral... Munique 1723.
Paulus, Richard Adolf Luitpold: Der Baumeister Henrico Zuccalli am kurbayrischen Hofe zu München. Strassburg 1912.
Hager, Luisa: Nymphenburg. Schloss, Park und Burgen. München 1955.
Hojer, Gerhard: Die Münchner Residenzen des Kurfürsten Max Emanuel, in: Kurfürst Max Emanuel. Ausstellungskatalog Band I. München 1976.
Hojer, Gerhard: Die Amalienburg. München und Zürich 1986.
Bauer-Wild, Anna: Die erste Bau- und Ausstattungsphase des Schlosses Nymphenburg 1663–1680, Bd. 7 der Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte der Universität München. München 1986.
Dessen, Gesche von: Die Badenburg im Park von Nymphenburg. Bd. 9 der Schriften aus dem Institut für Kunstgeschichte der Universität München. München 1986.
Kiby, Ulrika: Die Exotismen des Kurfürsten Max Emanuel in Nymphenburg. Hildesheim 1990.
Merzenich, Hildegard: Das Nymphenburger Schlossrondell, in: Schönere Heimat, Jg. 79, Nr. 4, München 1990.
Zech, Heike Juliane: Kaskaden in der deutschen Gartenkunst des 18. Jahrhunderts. Diss. Bamberg 2008.
Sehr gute Wiki-Beiträge sind:
de.wikipedia.org/wiki/Nordmünchner Kanalsystem
de.wikipedia.org/wiki/SchlossparkNymphenburg
www.wikiwand.com/de/Schlosspark Nymphenburg

 

Fotos:
Viele Fotos dieser Seite sind aus den Wikipedia-Commons übernommen. Vor allem dem Autoren «Rufus46» danke ich für seine qualitativ hochwertigen Aufnahmen und der Genehmigung zur Weiterverwendung.


Anmerkungen:

[1] Der Nymphenburger Schlossgarten wird seit der Mitte des 19. Jahrhunderts als Park bezeichnet. Zur Wortherkunft siehe das Glossar Baukunst in dieser Webseite. Siehe dort auch die Erläuterungen zum Begriff des Barockgartens (französischer oder italienischer Garten) und des englischen Gartens.

[2] Agostino Barelli (1627–1697) aus Bologna, Baumeister der Theatiner. Siehe die Biografie in dieser Webseite.

[3] Henriette Maria Adelaide von Savoyen (1636–1676), Kurfürstin 1652–1676. Siehe die Biografie in dieser Webseite.

[4] Zur Baugeschichte der Schlossanlage Nymphenburg und ihren Erbauern siehe: «Die barocke Schlossanlage».

[5] Maximilian II. Emanuel von Bayern (1662–1726), Kurfürst 1679–1706 und 1714–1726, Generalstatthalter der Spanischen Niederlande 1691–1701, in französischem Exil 1704–1715 und unter Reichsacht 1706–1714. Zu ihm siehe die Biografie von Ludwig Hüttl «Der blaue Kurfürst» (München 1976) und die Biografie des gleichen Autors in der NDB (Online-Fassung, 1990).

[6] Enrico Zuccalli (1642–1724) aus Roveredo. Siehe die Biografie und das Werkverzeichnis in dieser Webseite.

[7] Es sind meist Sitze der niederländischen Statthalter. Siehe dazu die Vogelschauperspektiven der Gartenanlagen:
Huis Honselaarsdijk von Jacob_van_Campen und Pieter_Post 1620.
Huis ter Nieuburg in Rijswijk, 1633–1636 von Jacques de la Vallée gebaut, heute nicht mehr vorhanden.
Huis ten Bosch bei Den Haag 1645-1650 von Pieter Post und Jakob van Campen.
Seit 1686 wirkt der aus Frankreich vertriebene Hugenotte Daniel Marot in Holland und ist auch Planer des Schlosses Het Loo bei Apeldoorn. 1685–1692 für den Statthalter Wilhelm III. von Nassau-Oranien erbaut, ist Het Loo das neueste Schloss dieser Zeit. Die Staffelung der Baukörper entspricht Nymphenburg. Die Gartenplanung stammt von Claude Desgots.

[8] Mailallee, besandeter Weg mit beidseitigen Alleebäumen. Zur Ableitung des Wortes siehe «Mailbahn» im Glossar in dieser Webseite.

[9] Giovanni Antoni Viscardi (1645–1713) aus San Vittore. Siehe die Biografie und das Werkverzeichnis in dieser Webseite.

[10] Charles Carbonnet (v.1660–n.1730), von Saint-Roch, auch Carbonet geschrieben, Mitarbeiter des «Jardinier du Roi» André Le Nôtre, wechselt 1701 auf Empfehlung des französischen Hofes an den kurfürstlichen Hof in München.

[11] Claude Desgots (v. 1658–1732), von Paris, Neffe und 1700 Nachfolger des «Jardinier du Roi» André Le Nôtre, ist kurzfristig als Planer für Schleissheim tätig. Eine Mitarbeit an Nymphenburg, vielleicht für die Kaskaden, wird vermutet.

[12] «Fast zwangshaft tief verwurzelt scheint der Wille, in den Gartenanlagen, die in der Zeit nach Versailles entstehen und für die man zusätzlich den Beleg für die Mitarbeit französischer «garçons fontainiers» hat, unbedingt auch den Typus französischer Barockgärten aufzuspüren» (Ulrika Kiby 1990 in: Die Exotismen des Kurfürsten Max Emanuel in Nymphenburg).

[13] Joseph Effner (1687–1745) aus Dachau. Hofbaumeister 1715–1745. Siehe die Biografie und das Werkverzeichnis in dieser Webseite.

[14] Dominique Girard (um 1680–1738). Gesuchter französischer Wasserbautechniker. Garteninspektor und maître fontainier ab 1715. Für den Nymphenburger Garten ist er als Planer der Wasserwerke, von Kaskaden (mit Effner) und der Gestaltung der Bassins gesichert. Die Gesamtplanung des Gartens mit Einbezug der Kanäle stammt nicht von ihm, denn der Bau der Nymphenburger Kanäle ist um 1715 weitgehend abgeschlossen (Planung und Bau 1701–1704). Trotzdem wird er vielfach, auch im sonst guten Wikipedia-Beitrag (Stand 06-2016), als Planer des Nymphenburger Kanalnetzes bezeichnet. 1717 plant er mit Johann Lucas von Hildebrandt die Wasserwerke für den Belvedere-Garten des Prinzen Eugen. 1728 ist er zusammen mit François Cuvilliés für die Gärten des Schlosses Augustusburg in Brühl tätig. Die Bedeutung Girards als Gartenplaner wird überschätzt. Die barocke Art der Kollektivplanung bei grossen Vorhaben ist auch in Nymphenburg Tatsache. Die Überhöhung des französischen Garteninspektors ist auf den ebenfalls französischen Beichtvater des Kurfürsten, Pierre de Bretagne, zurückzuführen, der 1723 Girard als Planer der Gärten von Schleissheim, Fürstenried und Nymphenburg bezeichnet. Die grosse damalige Wertschätzung der Wasserkünste (allein in Nymphenburg 600 «laufende und springende» Wasser) und die vorherrschende Frankophonie des Adels mag mag der Grund für diese Zuschreibung sein.

[15] François Cuvilliés (1695–1768) aus Soignies bei Mons. Wegbereiter des süddeutschen Rokokos. Siehe die Biografie und das Werkverzeichnis in dieser Webseite.

[16] Die Planung der Grossen Kaskade am Paisinger Mittelkanal wird auch dem Maler François Roëttiers (1685–1742) zugeschrieben, der sich 1717–1718 am Münchner Hof aufhält und offensichtlich auch einen Entwurf abliefert. Dies ergänzt die obige Bemerkung über die barocken Kollektivplanungen und ist ein weiterer Beleg für die realitätsferne Überhöhung französischer Künstler durch bayrische Kunshistoriker.

[17] Matthias Diesel oder Disl, Disel (1675–1752) aus Bernried ist ursprünglich Gärtner, wird nach der Rückkehr von einem Studienaufenthalt in Paris 1713 Garteninspektor beim Salzburger Fürstbischof, 1718 Ingenieur der Hof- und Lustgärten am Münchner Hof, berühmt wird er aber vor allem durch seine Kupferstiche über die Gärten Europas, die er 1717 bei Jeremias Wolff in Augsburg verlegt. Sein Beitrag an der Gartenplanung von Nymphenburg dürfte ungleich höher sein als derjenige des hochgelobten Dominique Girard.

[18] Zum Wortstamm Park siehe das Glossar in dieser Webseite. Die französische Bezeichnung für den gestalteten Wald «grand parc» ist seit Versailles üblich. Er beginnt dort beim Apollobrunnen, nach dem Parterre mit den Bosketts, die als «petit parc» bezeichnet werden

[19] Guillielmus de Grof (1676–1742) aus Antwerpen. Hofbildhauer.
Siehe Wikipedia-Beitrag: https://de.wikipedia.org/wiki/Guillielmus_de_Grof.

[20] Der Flora-Brunnen ist eine barocke Meisterleistung. Aus einem vergoldeten Blumenkorb schiesst die Fontäne 12 Meter hoch. Der Brunnen verschwindet mit der klassizistischen Umgestaltung des Parterres nach 1804. Die im Gemälde von Canaletto abgebildeten vergoldeten Vasen und Plastiken weichen in den Jahren 1765 bis 1792 den heute noch vorhandenen Parterre-Plastiken des Frühklassizismus. (Roman Anton Boos, Dominikus Auliczek, Giovanni Marchiori).

[21] Matthias Diesel in: Erlustierender Augen-Weyde zweyte Fortsetzung, Augsburg 1705–1730.

[22] Sie werden in der Literatur vorwiegend als «Maisons de plaisance» bezeichnet. Für Gartenlustgebäude dieser Grösse und Nutzung ist aber in Frankreich der Begriff «Folie» üblich. «Les Folies» bezeichnet liebevoll «nutzlose» Gebäude in einem Garten, wie zum Beispiel die Folies im Parc de la Villette (1982) von Bernard Tschumi oder die Folie Rohan von Germain Boffrand in Saint-Ouen. Zur Folie Rohan siehe die Biografie Germain Boffrand in dieser Webseite.

[23] Die Bezeichnung Saal oder Salle ist ein bedeutend aussagekräftigerer Ausdruck für diese in den Wald geschnittenen Räume als das die Bezeichnung «Parterre d’eau», welche für die Salles von Nymphenburg (in Verwechslung mit dem Parterre d’eau vor der Badenburg?) verwendet wird.

[24] Mailbahn: Siehe das Glossar in dieser Webseite.

[25] Die Bezeichnung der Gartenlustgebäude als Burgen dürfte vom Namen des Hauptschlosses abgeleitet sein, der 1663 durch Kurfürstin Henriette Adelheid gegeben wird.

[26] Karl Albrecht von Bayern (1697–1745), Kurfürst 1726–1745, Kaiser 1742–1745. Zum Leben des Kurfürsten Karl Albrecht von Bayern siehe die Wikipedia-Biografie.

[27] Planung Effner mit zweigeschossigen Vierflügelanlagen. Die Fertigstellung dauert bis ins späte 20. Jahrhundert. 1739 sind erst die Flügel der Schaufront Richtung Stadt fertig. Siehe zu diesen Bauten die Seite «Die Schlossanlage».

[28] Maximilian von Geer (1680–1768) erstellt nach diesem Gemälde um 1730 die bekannte Miniaturdarstellung (146 x 203,2 Millimeter).

[29] Der Kanal wird dem Kurfürsten Karl Albrecht zugeschrieben, mit Baubeginn 1728. Offensichtlich ist aber der Plan 1726 schon bekannt.

[30] Ein Plandokument dieser Idealstadt ist allerdings nicht bekannt. Hager (1955) und Merzenich (1990) verweisen auf das Vorbild Karlsruhe.

[31] Karl Theodor von der Pfalz (1724–1799), 1742–1799 Kurfürst von der Pfalz und 1777–1799 auch Kurfürst von Bayern. Siehe auch die Wikipedia-Biografie.

[32] Friedrich Ludwig Sckell (1750–1823), aus Weilburg an der Lahn, Sohn des Schwetzinger Hofgärtners Wilhelm Sckell, kann sich 1773–1777 mit einem Stipendium des Kurfürsten Karl Theodor in England weiterbilden, 1789 wird er nach München berufen, um für Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz und Bayern unter der Oberleitung des Pfälzischen Generalmajors Benjamin Thomson, Reichsgraf von Rumford den Englischen Garten zu planen. 1799 Gartenbaudirektor in Mannheim, 1804–1823 Hofgarten-Intendant in München.

[33] Maximilian IV. Joseph (1756–1825), Kurfürst 1799–1806, als Max I. Joseph 1806–1825 König von Bayern. Die Königskrone verdankt er seinem Koalitionspartner Napoleon I. 1803 kann er Bayern durch Aneignung der Fürstbistümer Augsburg, Freising, Passau, Eichstätt, Würzburg und Bamberg, von 12 Reichsabteien und der Mediatisierung von 14 Reichsstädten von 756 Quadratmeilen auf 1400 Quadratmeilen (von 42 000 Quadratkilometer auf 77 500 Quadratkilometer) vergrössern. sieh auch die Wikipedia-Biografie.

[34] Das südliche Boskett wird zu Gunsten des Landschaftsgarten mit der Amalienburg entfernt, anstelle des nördlichen Bosketts erstellt Sckell Gewächshäuser in klassizistischer Architektursprache.



Götterstatuen um die Grosse Kaskade
Nur wenige der vielen Marmorskulpturen im heutigen Gartenparterre und bei der Grossen Kaskade stammen aus der Erstellungszeit des Barockgartens. Es sind Arbeiten von Giuseppe Volpini und Charles Dubut. Selbst sie werden teilweise erst später aus Schleissheim nach Nymphenburg gebracht. Kurfürst Max III. Joseph beginnt nach 1760 mit dem Ersatz der vergoldeten Vasen im Mittelparterre durch Götterstatuen. Die ersten zwei Skulpturen liefert 1765 Giovanni Marchiori. Am Übergang vom Barock in den Klassizismus entstehen zwischen 1775 und 1792 die Skulpturen von Roman Anton Boos und Dominik Auliczek.
Unten werden einzelne Skulpturen der Grossen Kaskade vorgestellt.

Garten17Herkules   Garten16MinervaBoos   Nymphenburg18Aeolus   Garten14Neptun   Garten15Minerva

Die Statue des Herkules wird 1718–1721 von Giuseppe Volpini für Schleissheim geschaffen, dort zusammen mit der Minerva 1723 aufgestellt und schon um 1730 nach Nymphenburg versetzt, wo sie inzwischen auch einer Kopie gewichen ist.
Foto: Bieri 2016.
 
Die 1722–1723 von Giuseppe Volpini geschaffene Minerva . Amtliche Führer bezeichnen die Statue in Nymphenburg als Minerva und ihre moderne Kopie in Schleissheim als Athena.
Foto: Rufus46 (2006) in Wikipedia.
 
Die Statue des Äolus wird 1725 von Charles Dubut geschaffen. Von ihm stammt auch die Statue der Flora. <
Foto: Usien (2008) in Wikipedia.
 
Der Neptun mit Seepferd ist eine 1737 entstandene Arbeit von Guillielmus de Grof. Foto: Rufus46 (2008) in Wikipedia
 
Der zweiten Athena (oder Minerva) fehlt die Lanze. Ihre Eule versteckt sich hinter dem Schild). Die Statue wird um 1777, zusammen mit der Thetis, von Roman Anton Boos geschaffen.
Foto: Rufus46 (2008) in Wikipedia.


  Der Schlossgarten von Nymphenburg  
  Canaletto  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
München
Bayern D
Kurfürstentum Bayern
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Freising   1701
Bauherr und Bauträger
Die Kurfürsten:
Max II. Emanuel von Bayern (1679–1726)
Karl Albrecht von Bayern (1726–1745) 
Max IV. Joseph von Bayern (1799–1806)
 
  Das Gartenparterre des Schlosses Nymphenburg 1761. Gemälde von Bernardo Bellotto, genannt Canaletto. Zum Bildbeschrieb. Quelle: NGA Washington.   pdf  
   
BeichDeGeer
Nymphenburg 1726. Vogelschau mit Rondell aus Osten. Zum Bildbeschrieb.  
   
Wening 1701
Nymphenburg im Zustand 1701. Vogelschauansicht aus Nordost. Michael Wening stellt nicht das Schloss der Henriette Adelheid dar, sondern den Zustand nach den Vereinfachungen durch Zuccalli und nach dem Abbruch der beiden seitlichen Pavillongebäude 1684. Der dargestellte Barockgarten des 17. Jahrhunderts fällt nach 1701 dem neuen Mittelparterre zum Opfer.
Quelle: Michael Wening. Historico-Topographica Descriptio 1701. Bildschirmfoto aus «bavarikon».
 
Cuvillies1762
Der Gesamtplan 1772 von François Cuvilliés d. J. ist ein eindrückliches Dokument barocker Gartengestaltung. In einer detaillierten Legende beschreibt Cuvilliés Rondell und Garten. Er beginnt mit der Nummer 1 für die Zufahrtsstrasse durch das Dorf Neuhausen (unten links, Ost) und endet mit der Nummer 52 bei der «schönsten Partie des Gartens», wie er das Mittelparterre bezeichnet. Die Legende des Planes (Quelle: Universitätsbibliothek Heidelberg) ist französisch.
Zur separaten deutschen Legende.
 
Garten1
Der Blick von der Grossen Kaskade über den Mittelkanal zum Schloss ist noch immer der gleiche wie im 18. Jahrhundert. Nur die Mailalleen beidseits des Kanals fehlen heute. Beidseits der Mittelkaskade ruhen die Flussgöttin Isar und der Flussgott Neptun seit 1717. Foto: Bieri 2016.   
Garten2
Die Grosse Kaskade am Übergang des Paisinger Kanals zum mittleren Schlosskanal ist ein Werk von Joseph Effner. Er baut die Kaskade 1717. Die Zusammenarbeit mit dem Wasserbau-Fachmann Dominique Girard ist wahrscheinlich, dass aber die Kaskade von einem Maler geplant sei (Dehio 2006) ist nicht nachvollziehbar.
Foto: Rufus46, 2008 in Wikipedia
 
Garten11
Der Flussgott Neptun auf der Grossen Kaskade. Er wird, wie auch die auf der anderen Seite ruhende Isar, 1715–1717 vom Hofbildhauer Giuseppe Volpini geschaffen. Die beiden Figuren sind vermutliche noch immer am ursprünglichen Ort, was für alle anderen Bildhauerwerke Volpinis nicht zutrifft.
Foto: Usien (2008) in Wikipedia.
 
Fontaene
Das heutige nüchterne Gartenparterre ist nur noch ein kleiner Abglanz des barocken Parterres. Im Gemälde von Canaletto sind nebst den Broderiebeeten auch die 16 über zwei Meter hohen vergoldeten Vasen des Bildhauers Guillielmus de Grof zu sehen. Absoluter Höhepunkt ist die Florafontäne aus vergoldetem Bleiguss im Mittelpunkt des Gartenparterres. Die vielfigurige Gruppe, aus der ein Wasserstrahl über zehn Meter hoch schiesst, ist nur noch im Gemälde von Franz Joachim Beich erhalten. Er malt um 1723 die vollendete Fontäne. Sie muss 1804 einer einfachen Neugestaltung weichen. Foto: Bieri 2016.  
RondellDiesel
1726 hat Joseph Effner auch das grosse Rondell als riesiger Ehrenhof an der Empfangsseite errichtet. Wieder plant er die Kaskaden mit Dominique Girard. Der Zustand kurz nach der Fertigstellung ist in der Miniatur-Vogelschau von Maximilian de Geer (oberstes Bild) festgehalten. Erst 1728 beginnen auch die Arbeiten am Stichkanal Richtung Schwabing, der hier auf dem Stich in «Erlustierender Augen-Weyde zweyte Fortsetzung» von Matthias Diesel schon festgehalten ist. Quelle: ETH Zürich.
Garten3
Das Parterre des Rondells mit den anschliessenden Bassins und die städtebaulich prägende Verlängerung durch den imposanten Stichkanal sind heute, wenn auch im Parterrebereich vereinfacht und ohne Kaskaden, noch immer weitgehend erhalten.
Foto: Rufus46 (2008) in Wikipedia..
 
Garten10
Im Hintergrund der Fontäne des Parterres sind die 1701 bis 1704 gebauten, heute als Kronprinzenbau und Kapellenbau bezeichneten Pavillons zu sehen.
Foto: Rufus 46 in Wikipedia.
 
Garten9
Die von Effner und Girard gestaltete Kaskade, wie sie 1730 von De Geer festgehalten wird, ist schon 1760 nur noch als Damm mit einer mittleren Kaskade erhalten, die dann gegen Ende des 18. Jahrhunderts  vollständig durch die heutige Schleuse ersetzt wird.
Foto: Rufus46 (2008) in Wikipedia.
 
GoogleEarth
In der georeferenzierten Luftaufnahme ist der geniale städtebauliche Eingriff mit der Gestaltung des Rondells und der Fortsetzung durch den Nymphenburger Stichkanal (amtlich hat er keinen Namen oder wird einmal als Schlossgartenkanal und dann wieder als Schlosskanal bezeichnet) gut zu sehen.
Quelle: GoogleEarth.
 
1838Ausschnitt
   
1772Ausschnitt
1804 wird der barocke Garten zu Gunsten eines englischen Landschaftsgartens umgebaut. Der direkte und massstäblich korrekte Vergleich zeigt, wie stark sich das Erscheinungsbild jetzt ändert. Oben ist der Ausschnitt aus der Planlithographie 1838 (Gravur Joseph Pötzenhammer) und unten der gleiche Ausschnitt aus dem Plan Cuvilliés 1772 für das vergrösserte Vergleichen anzuklicken.
Quellen: British Library London und Universitätsbibliothek Heidelberg.
 
Zum Gesamtplan Pötzenhammer, erschienen 1838.  
Zum Gesamtplan Cuvilliés 1772 (in Originalorientierung West oben).  
Garten4
Die Badenburg im heutigen Landschaftsgarten, dem Nymphenburger Park, gesehen aus Süden.
Fot:o Rufus46 (2008) in Wikipedia.
Garten5
Der Grosse See, heute Badenburger See, in malerischer Naturkulisse. An solchen Stellen ist aus der Umgestaltung zum Landschaftsgarten ein grosser Gewinn geworden. Foto: Bieri 2016.
Garten6
Der Monopteros des Leo von Klenze, gebaut 1862/65 anstelle des im Plan 1838 noch mit Apollotempel bezeichneten Vorgängerbaus. Foto Bieri 2016.  
Garten7
Blick von der Brücke bei der Amalienburg Richtung Ost. Solche romantischen Bilder sind erst mit der Umwandlung zum Landschaftsgarten entstanden.  
Garten8
Eine Idylle am Kanal bei den Brunnhäusern. Sie sind als «Dörfchen» im Barockgarten schon vorhanden sind und besitzen  bereits Pumpwerke für die Wasserspiele (Nr. 40 im Plan Cuvilliés, in der Legende als Turm mit Pumpwerk und Wohnung der Brunnmeister bezeichnet).
Foto: Bieri 2016.
 
Garten12
Skulptur der Thetis mit Delphin (wird auch mit Amphitrite verwechselt) von Roman Anton Boos 1775, nach einem Modell von Charles de Grof um 1765. Die Statue wird auch direkt an Charles de Grof zugeschrieben. Standort Grosse Kaskade. Foto Bieri 2016.
Die Erläuterung zu weiteren Götterskulpturen der Grossen Kaskade siehe nebenan.
 
Bernardo Bellotto, bekannt als Canaletto, malt während seines Münchner Aufenthaltes 1761 auch zwei Ansichten von Nymphenburg. Der Venezianer ist geschätzt wegen seiner detailgetreuen Darstellungen von Venedig, Dresden und Wien. Er ist auch hervorragender Zeitzeuge des gesellschaftlichen Lebens.
Das Gemälde zeigt das barocke Parterre mit Springbrunnen, zwei Broderiebeeten und zwei Rasenstücken. Die Schlossanlage ist im damaligen Farbkleid dargestellt. Der Mittelpavillon trägt noch das barocke Dach mit dem Frontispiz. Auch die Ziegelfarben der seitlichen Pavillons sind noch nicht dem heutigen unnatürlichen Rot gewichen. Im Vordergrund vergnügt sich eine Hofgesellschaft. Mit den vergoldeten venezianischen Gondeln bricht sie zu einer Fahrt Richtung Grosser Kaskade auf. Die Gondolieri sind vom Hof angestellte Venezianer.

Nur dank der National Gallery of Art in Washington ist das Bild überhaupt derart detailgetreu allgemein im Netz zugänglich. Das zweite derartige Gemälde, ein Doppel, befindet sich in der Residenz München.

Die Miniatur von Maximilian de Geer (nach dem Gemälde von Franz Joachim Beich) zeigt die Vogelschauansicht von Osten im Zustand 1726, mit den beginnenden Arbeiten des Stichkanals und des Rondells. Deutlich ist die heute nicht mehr existierende Kaskade zu sehen.

Quelle: Luisa Hager 1955, nach dem Original im Miniaturkabinett der Residenz.