Die Meister der Stiftskirche Kempten
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Michael Beer (um 1605–1666) Au Vorarlberg ok   Baumeister-Architekt 1652   1653
Giovanni Serro (um 1612–nach 1672) Roveredo Misox ok   Baumeister-Architekt 1654   1670
Giovanni Zuccalli (um 1610–1678) Roveredo Misox     Stuckateur 1660   1670
Andreas Asper (1617–1682/83) Konstanz     Maler, Freskant 1661   1669
Hans Ludwig Ertinger II (1641–1722) Kempten     Bildhauer 1666   1669
Anton Bader (um 1655–nach 1733) Wessobrunn     Stuckateur 1680   1682
Johann Georg Haggenmiller (17. Jh.) Wiggensbach     Stuckateur, Altarbauer 1682   1685
Johann Jakob Herkomer (1652–1717) Füssen Herkomer   Baumeister-Architekt 1706   1715
Abraham Bader (1664–nach 1746) Wessobrunn     Stuckateur 1730   1733
Franz Georg Hermann (1692–1768) Kempten ok   Maler-Architekt 1736   1748
Aegid Verhelst d. Ä. (1696–1749) Antwerpen     Bildhauer 1743   1749
Johann Georg Üblher (1703–1763) Wessobrunn     Stuckateur 1757   1760

Klosteranlage   Der Klosterstaat Kempten und die barocke Klosteranlage
Stiftskirche   Stiftskirche St. Lorenz
Kempten_SG   Die Klosterstaaten Kempten und St. Gallen im Vergleich


Kempten: Ehemalige Stiftskirche St. Lorenz

Über die Geschichte der Fürstabtei siehe: Ehemaliges Benediktiner-Reichsstift und fürstäbtliche Residenz

Erster grosser Kirchenbau nach dem Dreissigjährigen Krieg
1632 besetzen und plündern die Schweden das Fürststift Kempten. Die Bewohner der reformierten Reichsstadt zerstören anschliessend die Gebäude systematisch und gründlich. Das Marienmünster, eine romanische Basilika mit Doppelturmfront im Osten, ungefähr an Stelle des heutigen Osthofes, teilt das Schicksal der Klostergebäude. Die westlich knapp ausserhalb der Klostermauern auf einer Erhebung gelegene Pfarrkirche St. Lorenz, ein spätgotisches Bauwerk, wird 1634 bei der Rückeroberung durch die Kaiserlichen ebenfalls schwer beschädigt. Am 13. April 1652 ist hier die Grundsteinlegung zum Neubau der Stiftskirche, nachdem schon ein volles Jahr an der östlich anschliessenden neuen Residenz gearbeitet wird. Diese liegt an der Stelle der alten Klostergebäude und des Marienmünsters. Die Konzeption der Gesamtanlage stammt von Fürstabt Roman Giel von Gielsberg (reg. 1639−1673), der trotz einer desolaten wirtschaftlichen Lage nach dem Ende des Dreissigjährigen Krieges als kompromissloser, zielstrebiger Bauherr auftritt. Er zieht für die Planung und Ausführung seiner Ideen den Vorarlberger Baumeister Michael Beer (1605–1666) bei. Die neue Stiftskirche soll die Funktion von Pfarr- und Klosterkirche vereinigen. Die Lösung ist ausserordentlich originell und zukunftsweisend: Einem Langhaus mit basilikalem Querschnitt wird nach Osten ein oktogonaler Zentralbau als Mönchschor angeschlossen. Während der Fürstabt die Residenz nach dem ihm gut bekannten Ochsenhausen konzipiert, ist die Lösung für die exzentrisch vorgestellte Stiftskirche mit der Doppelturmfront so einmalig, dass über Vorbilder nur spekuliert werden kann. Im Herbst 1653 überwirft sich der Fürstabt mit Michael Beer und engagiert Giovanni Serro aus Roveredo als Baumeister, mit dem er im März 1654 den ersten Akkordvertrag schliesst. Serro verändert den schon weit gediehenen Bau grundlegend. Selbst das gedrückte Gewölbe wird abgebrochen und mit einem höher gelegten Tonnengewölbe ersetzt. Das Langhaus ist jetzt im Scheitel 170 Zentimeter höher, Serro fügt zudem ein Emporengeschoss ein und erhöht das Choroktogon. Damit ist vom ursprünglichen Bauplan nur noch die Grundrisskonzeption geblieben. Das jetzt vollendete Bauwerk gilt als eigenständige Lösung des Giovanni Serro und seines Bauherren, des Fürstabtes Roman Giel von Gielsberg. Der Kirchenneubau ist 1670 fertig gestellt, nur an der Doppelturmfront wird noch bis 1673 gearbeitet. Die Turmabschlüsse bleiben unvollendet und erhalten ein Walmdach über dem Glockengeschoss. Der Fürstabt muss sich später wegen einer Anklage seiner Kapitulare wegen Verschwendung beim Nuntius in Luzern verteidigen. Er wird 1671 nach Rom abberufen, wo er 1673 stirbt.

Stuck, Fresken und Ausstattung des 17. Jahrhunderts
Den mit Zwischgold gehöhten Stuck hat 1660–1663 Giovanni Zucalli geschaffen. Er stammt wie Giovanni Serro aus Roveredo und ist der Vater des Münchner Baumeisters Enrico Zuccalli. Die Vergoldung der Umrisse, schon während der Bauphase erstellt, nimmt dem Stuck allerdings die plastische Wirkung. Zudem wird das billigere Zwischgold schnell schwarz. Diese Wirkung erklärt die heutige Deutung als eher spätmanieristisches denn als frühbarockes Werk. Die 1681 stuckierten Orgelemporen im Chor sind bereits barocke Wessobrunner Arbeit, vermutlich von Anton Bader.
Eindrücklich ist das Freskenprogramm, das der Konstanzer Maler Andreas Asper von 1661 bis 1669 nach einem Programm des Fürstabtes Roman Giel von Gielsberg ausführt. Andreas Asper (1617−1682/83) ist Schüler von Johann Christoph Storer in Mailand und kehrt 1658 nach Konstanz zurück. Er lernt bei Storer auch die Freskotechnik. Der vielbeschäftigte Storer empfiehlt für den Grossauftrag in Kempten seinen Schüler Asper, der damit der erste deutsche Maler wird, der nördlich der Alpen die vergessene Freskotechnik wieder einführt.[1]
Die meisterhaften Scagliola-Füllungen[2] der abgeschrägten Wandpfeiler im Chor sind 1666 von einer «Frau Stuckhatorin» aus Kempten erstellt worden. Sie hat 1670–1676 auch die Scagliola-Füllungen der Chorgestühl-Dorsalen geschaffen.[3] Dieses Chorgestühl steht bis 1844 frei im Oktogon und bildet im Grundriss ein Oval aus zwei gegenüberliegenden gebogenen Doppelreihen. Die vordere Reihe hat je acht Stallen, die hintere mit den Dorsalen je deren elf. Von diesen 38 Stallen sind seit 1848 nur noch deren 24 an recht ungünstiger Lage im Chor wieder aufgestellt. Als Holzbildhauer dieses ungewöhnlichen Werkes werden der Tiroler Peter Pfaundler und Hans Ludwig Ertinger aus Kempten genannt.[4] Ertinger ist auch der Schöpfer des Ablösealtars im Nordarm des Oktogons.
Die Choraltäre der Erbauungszeit werden bereits 1682 durch Stuckmarmoraltäre ersetzt. Der Hochaltar in rotbraunem Stuckmarmor füllt die ganze Ostwand. Er ist ein Werk des Johann Georg Haggenmiller aus Kempten. Das Altarblatt zeigt die Himmelfahrt Mariens, ursprünglich vom Münchner Hofmaler Kaspar Sing, aber 1780–1784 durch eine Kopie ersetzt.

Rokokoausstattungen und Neuweihe
Obwohl der Konvent 1674 in die Residenz einzieht und die neue Stifts- und Gemeindekirche sicher nicht unbenutzt bleibt, wird gemäss den Historikern die festliche Einweihung erst 1748 gefeiert. Dieser Einweihung geht allerdings eine Umbauphase voraus, nachdem der Füssener Johann Jakob Herkomer (1652–1717) ab 1706 noch Seitenschiffkapellen angefügt und das Schiff eine Rokokoausstattung erhält. Es wird sich deshalb eher um eine Neuweihe handeln.[5]
Chor und Mittelschiff präsentieren sich heute dem Besucher mit Ausnahme der beiden Rokoko-Seitenaltäre im Kleid des 17. Jahrhunderts. Die Umbauten des 18. Jahrhunderts sind in den Seitenschiffen und den Rundkapellen zu finden. Hier haben die Stuckateure Johann Georg Üblher (Grabsteine, Altäre, insbesondere auch die beiden Seitenaltäre) und Abraham Bader, der Bildhauer Aegid Verhelst und der Maler Franz Georg Hermann köstliche Rokoko-Kunstwerke geschaffen, die der Ausstattung in der Residenz in nichts nachstehen.

19. und 20. Jahrhundert
Mit der Säkularisierung des Fürststifts 1802 wird St. Lorenz ausschliesslich Pfarrkirche. 1844 entfernt die Kirchgemeinde das wertvolle Chorgestühl, das 1848 stark reduziert  an die Diagonalwände gestellt wird. Die letzte Umbauetappe beginnt 1864. Eine Westempore  mit Orgel wird eingebaut, die westliche Freitreppe verändert, eine Vorhalle angebaut. 1869 wird ein Südzugang mit Freitreppe geschaffen. Die charakteristischen Turmaufbauten über dem Glockengeschoss entstehen 1900 und sind neubarocke Schöpfungen. 1939 erhält die Westorgel ein neubarockes Gehäuse.
1962 bis 1966 erfolgt eine Aussenrestaurierung, 1990 bis 1994 wird der Innenraum restauriert, die Farbfassungen von Langhaus und Chor werden nach Befund auf die Erstfassung des 17. Jahrhunderts zurückgeführt.

Baugeschichtliche Einordnung von St. Lorenz
Das grosse Architekturthema des Barock, die Verbindung von Lang- und Zentralbau, wird in St. Lorenz zu Kempten in ungewohnter und einmaliger Art behandelt, bedingt durch das Zusammenfinden eines anspruchsvollen und fordernden Bauherrn mit zwei Praktikern der Baukunst. Die Kirche ist das erste Beispiel einer grossangelegten Sakralarchitektur in den vom Dreissigjährigen Krieg betroffenen Ländern. Auch wenn der Anteil der beteiligten Planer, nämlich des italienerfahrenen Fürstabtes Roman, des Vorarlbergers Beer und des Misoxer Serro heute eher für Serro spricht, hat der ursprüngliche Planer Michael Beer doch einen wichtigen Anteil. Das Doppelturmmotiv, anknüpfend an die alten Westturmfronten der Romanik und Gotik, wird in Kempten sehr früh wieder aufgegriffen und soll später in der Vorarlberger Schule von grosser Bedeutung sein.[6] Auch das Langhaus von St. Lorenz zeigt eine neue Architektursprache. Es ist einer Wandpfeilerhalle ähnlich. Der Eindruck entsteht, weil die italienische Tradition der durchlaufenden Gebälklinie zugunsten des freien Pfeilergebälks gebrochen wird. Die räumliche Architektur und die Innenraumgestaltung ist das Verdienst von Giovanni Serro. Der vorher in Neuburg an der Donau tätigen Misoxer ist wie seine Landsleute mit dem Wandpfeilerbau vertraut. Die Vorbilder der ersten Vorarlberger Wandpfeilerhallen sind allerdings nicht hier, sondern im frühen Bau der Jesuitenkirche von Dillingen (1617, auch sie ein Werk eines Misoxers), sowie in den Kirchen des Jesuitenbruders Heinrich Mayer in Solothurn und Ellwangen zu suchen. Trotzdem ist St. Lorenz und die Residenz von Kempten vielbeachteter Ausgangspunkt der Vorarlberger Schule, dokumentiert aber auch die scharfe Konkurrenz, in der die frühen Vorarlberger den oberitalienischen und südbündnerischen Meistern gegenüberstanden.

Pius Bieri 2008

Benutzte Einzeldarstellungen:
Naumann, Hugo: Basilika St. Lorenz, Kempten, Kunstführer 1994.
Haus der bayrischen Geschichte (Hrsg.): Bürgerfleiss und Fürstenglanz; Ausstellungskatalog 1998.
Kühlenthal, Michael: St. Lorenz in Kempten, Giovanni Serro und Giovanni Zuccalli, in: Graubündner Baumeister und Stukkateure, Locarno 1997.

Anmerkungen:

[1] Der zweite Maler um 1670 ist Egid Schor (1626−1701) aus Innsbruck. Er ist bis 1665 noch in Italien.

[2] Stuckmarmor-Einlegearbeit.

[3] Die «Frau Stuckhatorin» aus Kempten wird im Kunstführer als Barbara Hackl bezeichnet. Im «Dehio» heisst sie Barbara Fistulator, diese soll aber nicht die Ausführende sein, die Arbeit wird der einheimischen Maria Salome Freismich zugeschrieben.

[4] Für das Kemptener Chorgestühl siehe die Dissertation von Sybe Wartena: Die Süddeutschen Chorgestühle von der Renaissance bis zum Klassizismus, München 2008.

[5] Das Fehlen von Akten über Altarweihen Ende des 17. Jahrhunderts muss nicht heissen, dass diese nicht stattgefunden haben.

[6] Der Salzburger Dom, eher aber die Vorlagen von Sebastiano Serlio (Basel 1609) dürften Vorbilder gewesen sein.

Weitere Bilder von St. Lorenz in Kempten:
KemptenK4   KemptenK6   KemptenK7
Ein Blick in die Vierungskuppel zeigt den Übergang vom quadratischen zentralen Chorraum des Choroktogons zur oktogonalen Laterne. Sie ist, wie auch das zweite Geschoss, durch indirekt einfallendes Tageslicht hell beleuchtet.   Im mittleren Deckenbild des zweiten Joches im Mittelschiff stellt Andreas Asper in einer noch nicht scheinperspektivischen Balustradenöffnung die auf Wolken schwebende und von Engelchen begleitete Maria dar.   Der Hochaltar, 1682 vom einheimischen Stuckateur Haggenmiller geschaffen, enthält 1780 ein Altarblatt als Kopie des alten Blattes von Kaspar Sing.
  Kempten: Ehemalige Stiftskirche St. Lorenz  
  Kempten GrRissLorenz  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Kempten (Allgäu)
Bayern D
Fürststift Kempten
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Konstanz 1652
Bauherr und Bauträger
ok Roman Bernhard Christoph Giel von Gielsberg (reg. 1639–1673).

ok Anselm Reichlin von Meldegg auf Horn
(reg. 1728–1747).
 
  Grundriss von St. Lorenz in Kempten mit den später angefügten Langhauskapellen und der ursprünglichen Lage des Chorgestühls. Für die Legende bitte anklicken.   pdf  
   
KemptenK1
Die heutige Ansicht der ehemaligen Stiftskirche von Süden.  
   
KemptenFassadeSerro
Die Südfassade, wie sie Giovanni Serro um 1659 zeichnet. Er betont farblich die Tektonik und setzt Pilaster und Einfassungen von den hellen Fassadenflächen ab. Der Plan wird nicht vollständig umgesetzt. So fehlen die geplanten Turm-Obergeschosse ebenso wie die rustizierte und terrassierte Sockelzone.
Original im Hauptstaatsarchiv Stuttgart.
 
Kempten1895
Eine Fotografie von 1895 zeigt den Zustand vor dem Neubau der Turm-Obergeschosse, die dann nicht nach dem Projekt Serro, sondern als frei neubarocke Schöpfung ausgeführt werden. Der Südzugang mit den geschwungenen Treppen entsteht schon 1869. Weiss sind jetzt die tragenden Elemente, die Wandfüllungen dunkel.  
KemptenHildegardplatz
Eine Zeichnung von Eberhard Emminger zeigt den Hildegardplatz mit der erhöht gelegenen Kirche und der Residenz vor 1869.
Bildquelle: Stadt Kempten.
 
Kempten1810
1810 entsteht diese Bauaufnahme der Doppelturmfront. Im späteren 19. Jahrhundert werden nicht nur die Türme erhöht, sondern auch die bereits sehr strenge Fassadengestaltung nochmals lapidarer gestaltet, wie dies im dritten Geschoss deutlich auffällt.
Original im Besitz der Stadt Kempten.
 
KempenK2
Die heutige Doppelturmfront. Vergleiche mit der Bauaufnahme 1810.  
KemptenK3
Das Langhaus hat zwar basilikalen Querschnitt, wirkt aber durch die Freistellung der Pfeilergesimse wie eine Wandpfeilerhalle. Die mit Gold gehöhten, dichten Stuckaturen Zuccallis betonen die Tektonik und vermitteln barockes Empfinden, während die Fresken Aspers noch manieristische Tendenzen zeigen. Die Farbigkeit des frühbarocken Raumes ist durch Befunde gesichert.  
KemptenK5
Überraschend ist der Blick ins Choroktogon. Im Hintergrund sieht man die südliche Orgelempore mit den Stuckaturen des Wessobrunners Anton Bader (um 1682) und mit der Orgel von 1740. Die Pilaster der mittleren Freipfeiler (vorne) sind mit einer frühbarocken Ornamentik bemalt, während die schräggestellten Lisenen (hinten) Scagliola-Einlagen der «Frau Stuckathorin» um 1670 enthalten.