Die Meister des Bauwerks
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Michael Thumb (1640–1690) Au Vorarlberg ok   Baumeister-Architekt 1682   1683
Br. Heinrich Mayer SJ (1636–1692) Altenburg Sachsen ok   Ordensarchitekt, Stuckateur 1683   1690
Maximilian von Welsch (1671–1745) Kronach Franken ok   Baudirektor 1709   1713
Carlo Maria Pozzi (1676–nach 1736) Riva San Vitale Tessin     Stuckateur 1710   1710
Melchior Paulus (1669–1745) Ellwangen     Stuckateur 1710   1734
Melchior Steidl (1657–1727) Innsbruck Tirol     Maler, Freskant 1711   1711

Wallfahrtskirche Maria von Loreto auf dem Schönenberg in Ellwangen

Eine Loretokapelle als erstes Bauwerk
Die Benediktiner-Fürstabtei Ellwangen, eine karolingische Gründung, wird 1460 in ein weltliches, gefürstetes Chorherrenstift umgewandelt. An der Spitze des neuen reichsunmittelbaren geistlichen Fürstentums steht der Fürstpropst. Sein Schloss befindet auf einem Hügelsporn oberhalb der Stadt, die sich um die Benediktinerniederlassung gebildet hat. Im 17. und 18. Jahrhundert wird das Schloss zu einer grosszügigen Barockresidenz ausgebaut und die Stadt erhält ihr barockes Gesicht. Entscheidend geprägt wird Ellwangen vom Wirken der Jesuiten, die von den Fürstpröpsten gefördert werden. Ab 1611 sind Dillinger Jesuiten in einer ständigen Missionsstation in Ellwangen anwesend. 1658 eröffnen sie ein Gymnasium und wandeln die Station in eine Residenz um, die dann 1729 zum Jesuitenkolleg erhoben wird. Noch in die Zeit der Jesuitenstation fällt die Errichtung einer Wallfahrt auf dem Schönenberg, einem parallel zum Schlosshügel verlaufenden Sporn. Hier, an schönster Lage über dem Jagsttal, legt 1639 Fürstpropst Johann Jakob Blarer von Wartensee den Grundstein für eine neue Loretokapelle. Das Heiligtum ist eine genaue Nachbildung des Hauses der Heiligen Familie in Nazareth, das im 13. Jahrhundert wundersam von Engeln nach Loreto bei Ancona getragen wird.[1] Die Gnaden, die im italienischen Original verliehen werden, gelten auch für die Nachbildung. Die von den Jesuiten betreute Wallfahrt blüht nach dem Dreissigjährigen Krieg auf. 1652 werden deshalb dem Bauwerk seitlich zwei weitere Kapellen angefügt. Ein Höhepunkt des jesuitischen Wirkens ist die Missionsarbeit des P. Philipp Jeningen SJ (1642-1704), der noch heute in Ellwangen als «der gute Pater» verehrt wird. Er kann den Fürstpropst Johann Christoph Adelmann von Adelmannshofen dazu bewegen, auf dem Schönenberg eine Wallfahrtskirche über der Loretokapelle zu errichten.

Die Baumeister Michael Thumb und Br. Heinrich Mayer SJ
Für den Bau der Wallfahrtskirche wird 1682 der Vorarlberger Michael Thumb (1640–1690) berufen. Er ist Schüler von Michael Beer (1605–1666) und setzt dessen Werk fort. Sein erstes grösseres Werk ist die 1670 begonnene Stiftskirche von Wettenhausen. In seinem Trupp arbeitet sein jüngerer Bruder Christian Thumb und sein Neffe Franz Beer II, der Sohn von Michael Beer. Die regen Kontakte seines Meisters zu den Jesuiten pflegt auch Michael Thumb weiter.[2] 1668–1671 kann er deshalb zwei Flügel des Kollegiums Mindelheim bauen. Schon früh hat Michael Tumb auch mit dem Jesuitenbruder Heinrich Mayer (1626–1692) Kontakt. Als er in Landshut in Nachfolge von Michael Beer 1667 das Jesuitenkollegium vollendet, ist Br. Heinrich Mayer dort für den Neubau zuständig. Diese Bekanntschaft bei den Jesuiten verschafft Michael Thumb den Bauauftrag der Wallfahrtskirche in Ellwangen. Die Jesuiten sind Betreuer der Wallfahrt und offensichtlich auch des Neubaus, den sie sich nur als Wandpfeilerhalle nach dem Vorbild neuen Jesuitenkirchen der oberdeutschen Provinz, vor allem von Dillingen und Solothurn,[3] vorstellen können. Michael Thumb beginnt im Frühjahr 1682 auf dem Schönenberg mit dem Bau der ersten Wandpfeilerkirche eines Vorarlberger Baumeisters. Die bestehende Loretokapelle und deren Seitenkapelle bettet er in den durch Schlussjoch und Apsis verlängerten Chor ein, setzt ein Querhaus und versieht die Westfassade mit einer Doppelturmfront nach dem Vorbild des Salzburger Doms. Der dabei entstandene Bautyp, der die Wandpfeilerhalle der Jesuiten weiterentwickelt, soll dann später schlagwortartig und vereinfachend als «Vorarlberger Münsterschema» bezeichnet werden.
Dass die Jesuiten nicht nur die Baumeisterfrage und die Architektur beinflussen, sondern bei Bedarf in Planung und Bau direkt eingreifen, zeigt sich nach zwei Sommern Bautätigkeit auf dem Schönenberg. Ende 1683 kommt Br. Heinrich Mayer nach Ellwangen und übernimmt anstelle des Baumeisters die Leitung der Planung.[4] Weiterhin bleibt Christian Thumb als Leiter des Baumeistertrupps für die Ausführung verantwortlich, während Michael Thumb Anfang 1684 ausbezahlt wird. Der Bau ist schon bis zum Emporengeschoss gewachsen. Heinrich Mayer nimmt jetzt entscheidende Verbesserungen in der Planung vor. Er fügt eine hohe Attikazone über den von Michael Thumb tief angesetzten und weit auskragenden Pfeilergesimsen ein, um dem Raum Höhe zu geben und führt im Emporengeschoss durch Freistellung der Pfeiler eine Lichtrahmenschicht ein. Im wegweisenden Bau von Obermarchtal wird Michael Thumb ab 1686 die Lehren aus Ellwangen ziehen, die Raumproportionen richtig setzen und die Lichtrahmenschicht ins Repertoire der Vorarlberger Baumeister aufnehmen. Der Neubau auf dem Schönenberg kommt noch 1684 unter Dach. 1685 sind auch die Gewölbe erstellt und die Kirche wird dem Gottesdienst übergeben.[5] Nach Entwürfen von Br. Heinrich Mayer entsteht auch eine reiche und raumprägende Stuckierung. Sie wird unter seiner Leitung ab 1686 durch einen Ellwangener Stuckateurtrupp unter Meister Melchior Haudt ausgeführt.[6] Erhalten ist sie noch bis zum Gewölbebeginn und als Deckenstuck in den Nebenkapellen des Chors. Bis 1690 ist Br. Heinrich Mayer für die Ausstattungen zuständig, dann wird er nach Eichstätt abberufen. Die Qualifikation dieses Jesuitenarchitekten in Ellwangen würdigt der Fürstpropst mit den Bezeichnungen «aedilis, delineator, primarius laborator, aliorum opificum instructor».[7]
Tatsächlich hat er aus der von Michael Thumb begonnenen Wandpfeilerhalle während sieben Jahren ein barockes Bauwerk geschaffen, an dem beinahe alles seine Handschrift trägt. Und trotzdem ist es ein Vorarlbergerbauwerk, denn Michael Thumb hat zwar die Wandpfeilerhalle adaptiert, ihr aber im Grundriss und mit der Doppelturmfassade die unverkennbare Form der Vorarlberger Baumeister gegeben. Unverkennbar vorarlbergisch sind auch die Pfeilerköpfe mit ihren weitausladenden Gesimsen, bis auf ihre Höhe ist das Bauwerk noch von Michael Thumb.

Brandkatastrophe und Neugestaltung 1709–1712
Im April 1709 schlägt ein Blitz in einen Turm ein, entzündet den Dachstuhl und den Dachreiter. Dieser stürzt, durchbricht das Gewölbe und entzündet auch das Innere. Nur der Chorbereich mit dem Stuckmarmor-Hochaltar wird verschont. Sofort wird der Dachstuhl neu aufgeführt, gedeckt und das teilzerstörte Gewölbe wieder errichtet. Regierender Fürstpropst ist 1694–1732 Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg. Er ist Schwager des Kaisers Leopold, gleichzeitig Inhaber mehrerer Bischofssitze, unter anderem desjenigen von Worms.[8] Damit ist er, auch als Anwärter auf das Amt eines Koadjutor des Reichserzkanzlerstiftes Mainz, im unmittelbaren Bannkreis des Mainzer Kurfürsten und Erzbischofs Lothar Franz von Schönborn. In dessen Dienst steht der bedeutende Barockarchitekt und Oberbaudirektor Johann Maximilian von Welsch (1671–1745), der ihm zu dieser Zeit das Lustschloss Favorite baut.[9] Fürstpropst Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg kann ihn für die Neugestaltung in Ellwangen gewinnen. Welsch bringt 1710 seine Meister der Favorite, den Tessiner Stuckateur Carlo Maria Pozzi und den Tiroler Freskanten Melchior Steidl nach Ellwangen. Carlo Maria Pozzi fertigt die Risse für eine völlig neue Stuckdecke. Der Bandelwerkstuck hat inzwischen den phantasievollen und dichten hochbarocken Stuck des Br. Heinrich Mayer, wie wir ihn in der Nebenkapelle noch sehen können, abgelöst. Dafür werden jetzt Stuckrahmen für Deckenfresken geschaffen. Auch der noch intakte Stuck des Br. Heinrich Mayer wird jetzt abgeschlagen. Die neuen Stuckarbeiten erstellt 1711 nicht Pozzi, sondern der Ellwanger Bildhauer, Altarbauer und Stuckateur Melchior Paulus (1669–1745). Schon für die alte Ausstattung hat Paulus als junger Geselle gearbeitet, sicher auch von Br. Heinrich Mayer profitiert. Melchior Steidl (1657–1727), ein Schüler von Johann Anton Gumpp und einer der ersten grossen Freskanten des süddeutschen Barock, erstellt 1711 parallel zu den Stuckarbeiten die Deckenfresken. Dank diesem Meisterwerk können wir das Verschwinden des hochbarocken Stuckes verschmerzen.

Neue Ausstattungen 1711–1715
Am alten Hochaltar, den wir uns ähnlich dem Solothurner Altar vorstellen dürfen, gefällt dem Fürstpropst die Stuckmarmorfarbe nicht mehr. 1711 wird der Altar abgebrochen. Nach dem Plan von Maximilian von Welsch entsteht der neue Altar, nun mit vollständig gemauertem Kern. Seine kühle Triumphbogenarchitektur ist dem 17. Jahrhundert verpflichtet.[10] Kaspar Buchmüller aus Hochaltingen bei Öttingen führt die Stuckmarmorarbeiten 1713–1714 aus. Der gleiche Meister erstellt auch die Stuckmarmoraltäre im Querschiff und in den Seitennischen. Das Hochaltarbild ist ein Wechselblatt, vorne die «Himmelfahrt Mariä» des Breslauer Hofmalers Johannes Classen, hinten, nur in der Weihnachtszeit sichtbar, die «Geburt Christi» des kurpfälzischen Hofmalers  Antonio Bellucci.[11] Ebenfalls auf einem Entwurf von Welsch basiert die Westempore. Anstelle der ursprünglichen zweigeschossigen Empore entsprechend dem Vorbild Solothurn reduziert er sie zugunsten einer grösseren Orgel auf ein einziges Geschoss. Der Orgelprospekt, nach einem Entwurf von Welsch, wird durch Melchior Paulus ausgeführt, das Werk liefert 1711 der Orgelbauer Allgeyer aus Wasseralfingen im Fürstentum Ellwangen. Es ist nicht mehr erhalten, das heutige Werk ist ein Neubau des Jahres 1975.
Nicht nur der neue Deckenstuck, auch die meisten Bildhauerarbeiten im Innern und an den Fassaden sind Arbeiten des begabten Melchior Paulus. Hervorzuheben sind hier die Kanzel, ein ausserordentlich phantasievolles Werk, das er 1712 nach dem Vorbild der zerstörten Kanzel neu interpretiert, sowie seine figuralplastischen Arbeiten an der West- und Ostfassade. An der Apsisfassade sind die acht Wappenkartuschen von Fürstpröpsten ein auch heraldisch interessantes Zeitdokument.
1715 ist die Wiederherstellung der Wallfahrtskirche weitgehend abgeschlossen, sie hat um die 17 000 Gulden gekostet. Erst 1729, 20 Jahre nach dem Brand und 40 Jahre nach ihrer Fertigstellung, wird sie durch den Augsburger Weihbischof eingeweiht. Grund der Verzögerung sind Rechtsstreitigkeiten der Fürstpropstei mit dem Augsburger Episkopat, an dessen Spitze 1690–1737 interessanterweise der Bruder des Fürstpropsts, Alexander Sigismund von Pfalz-Neuburg steht.

Das Seminargebäude auf dem Schönenberg 1749–1756
Quer zur Kirchenachse liegt östlich das ehemalige Priesterseminar. Der Kurfürst von Trier und Fürstbischof von Worms, Reichsgraf Franz Georg von Schönborn, ein Neffe des Lothar Franz von Schönborn, ist 1732–1756 auch Fürstpropst von Ellwangen. Er errichtet 1742 ein Seminar und lässt 1749–1756 durch seinen Ellwanger Hofbaumeister Arnold Friedrich Prahl (1709–1758) den stattlichen dreigeschossigen Dreiflügelbau als Seminargebäude errichten. Begutachter ist der Schönborn-Architekt Balthasar Neumann, der 1750, vielleicht auf dem Weg zur Grundsteinlegung von Neresheim, auch anwesend ist. Am Mittelrisalit des Gebäudes prangt allerdings nicht das Schönbornwappen, sondern das des Nachfolgers, Fürstpropst Anton Ignaz von Fugger.

Rosenkranzkapellen am Weg
Der direkte Weg zur Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg ist von 15 achteckigen Stationskapellen aus 1722–1734 gesäumt. Ihr Stuck ist von Melchior Paulus, die Fresken sind nicht mehr original.

Die Wallfahrtskirche nach der Säkularisation
Die Wallfahrt verliert durch die Aufhebung des Jesuitenordens 1773 die Betreuung und kommt Anfang des 19. Jahrhunderts beinahe zum Erliegen. Eine aufgeklärte Geistlichkeit und die Zerstörung der alten kirchlichen Strukturen durch die Säkularisation sind die Ursache. 1802 wird die Fürstpropstei Ellwangen von Württemberg militärisch besetzt und in Besitz genommen. Damit greift der mit Napoleon zusammenarbeitende Herzog Friedrich dem Reichsdeputationshauptschluss von 1803 vor, der ihm Ellwangen als grösstes und wichtigstes Territorium zuweist. Schon am 24. Juli 1803 lässt sich Friedrich, nun Kurfürst, in Ellwangen huldigen und besucht die Schönenbergkirche. Der protestantische Herrscher beschreibt sie als «magnific». Ellwangen, das nach dem Souveränitätsdenken des Württembergers nicht mehr im Bistum Augsburg verbleiben darf, soll Sitz eines neuen katholischen Landesbistums werden. Immerhin hat das bisher rein protestantische Württemberg plötzlich 450 000 neue katholische Einwohner. 1812 richtet der württembergische Herrscher, nun König, in Ellwangen tatsächlich ein Generalvikariat und eine katholisch-theologische Hochschule ein. Das schon 1797 geschlossene Seminar auf dem Schönenberg wird wieder eröffnet, aber dann 1817 mit dem Generalvikariat nach Rottenburg verlegt, wo 1821 das neue Landesbistum entsteht. Die Wallfahrtskirche auf dem Schönenberg steht jetzt auf der Abbruchliste. Ihre Rettung soll sie Katharina von Württemberg verdanken, die mit ihrem Ehemann Jérôme Bonaparte 1815–1816 auf Schloss Ellwangen lebt. 1833 wird die Schönenbergkirche Pfarrkirche einer kleinen Pfarrgemeinde und ist damit wirklich gerettet. Das bischöfliche Ordinariat in Rottenburg erlässt sofort ein Dekret, wonach der «üble Charakter einer Wallfahrtskirche von der Pfarrkirche Schönenberg wegzubringen sei». Aber die Volksfrömmigkeit siegt über die Bevormundung durch die staatliche und geistliche Obrigkeit. Schon 1835 wird ein Ansteigen der Wallfahrt registriert, die dann 1848 wieder offiziell zugelassen wird. 1919 ziehen Redemptoristen als Betreuer der Wallfahrt in die ehemaligen Seminargebäude ein.
Das turbulente 19. Jahrhundert, in dem eine ausgesprochene Barockfeindlichkeit die Wallfahrtsfeindlichkeit ablöst, hat den Baudenkmälern auf dem Schönenberg wenig geschadet. Zwar werden «Restaurationen» vorgenommen, aber seit der grundlegenden Innenrestaurierung 1966–1973 und einer Reinigung 1999 zeigt sich der Innenraum wieder annähernd ursprünglich. Nur die Loretokapelle hat im 19. Jahrhundert die frühbarocke Intimität der genauen Kopie verloren. Wenig zimperlich ist auch mit den Fassaden umgegangen worden. Die letzte Renovation 1990–1991 scheint eher von Fertigputzherstellern und Farbenfabriken, und nicht von der Befundforschung an Ort bestimmt worden zu sein.[12]

Pius Bieri 2010

Benutzte Einzeldarstellungen:
Schnell, Hugo: Wallfahrtskirche Unsere Liebe Frau auf dem Schönenberg / Ellwangen, Kunstführer, Regensburg 2002.
Seckler, Alois: Vollständige Beschreibung der gefürsteten Reichs-Propstei Ellwangen, Stuttgart 1864.
Naab, Friedrich und Sauermost, Hans Jürgen: Die Entwicklung der Vorarlberger Wandpfeilerräume, in: Die Vorarlberger Barockbaumeister, Einsiedeln 1973.
Pfeifer, Hans: Getreue und gute Untertanen in den Ellwangern ..., in: Alte Klöster - Neue Herren, Ausstellungskatalog Band 2.1, Ostfildern 2003.
Pfeifer, Hans: Fürstpropstei St. Vitus Ellwangen - Geschichte, in: Klöster in Baden-Württemberg
Kaps, Wolfgang: Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (1664–1732), Neuburg 2009, unter Link:
http://www.franzludwig.de/

Anmerkungen:

[1] Die «Casa Santa» von Loreto soll 1291 von Engeln zum Schutz vor dem Islam nach Dalmatien auf den Berg Tsrat verbracht, 1294 nach Recanati und 1295 nach Loreto transloziert worden sein. Detail- und massgetreue Kopien des Innenraums von Loreto entstehen im Zuge der Gegenreformation vor allem im deutschsprachigen Gebiet. Die zwei wahrscheinlich schönsten frühen Beispiele sind in der Schweiz zu finden. In Hergiswald bei Luzern wird die «Casa Santa» 1651–1662 von einer frühbarocken Wallfahrtskirche umhüllt, während in Freiburg für prominent freistehende Loretokapelle 1648 auch die Spätrenaissance-Fassade der «Casa Santa» kopiert wird. Die Grundmasse des Originals in Loreto betragen 955 cm auf 409 cm und sind in Ellwangen mit 950 cm auf 425 cm praktisch gleich.

[2] Michael Beer ist 1661–1665 in Rottenburg, 1665–1666 in Landshut, 1666 in Ebersberg für die Jesuiten tätig. Bei allen Bauten ist auch Michael Thumb tätig. Michael Beer und Michael Thumb werden auch für die ersten Planungen der Jesuiten in Luzern vermutet. Br. Heinrich Mayer SJ arbeit mit Beer in Rottenburg, Landshut und übernimmt nach 1666 Ebersberg.

[3] Die Jesuitenkirche in Solothurn plant Br. Heinrich Mayer 1679–1680, sie wird 1680 begonnen.

[4] Er wird «vom Provinzial auf Ansuchen des Papstes an Johann Christoph Adelmann nach Ellwangen geschickt», schreibt der Jesuitenhistoriker Joseph Braun SJ. Demnach hat der Ordensgeneral in Rom, der alle Planungen der Jesuiten genehmigt und auch den Planer von Luzern und Solothurn kennt, die Ablösung Michael Thumbs beordert. Da aber Fürstpropst Johann Christoph Adelmann von Adelmannshofen Bauherr ist, wird der Umweg über den Papst gewählt.

[5] Auch im Gewölbebau mit Leichtziegeln ist Br. Heinrich Meyer einer der damals besten Fachleute. Für die neuen Gewölbe des Konstanzer Münsters und für die Ursulinenkirche Maria-Hilf in Luzern wendet er dieses System an.

[6] Meister Melchior Haudt, Gehilfen Nikolaus Nübel, Balthasar Schömele, Balthasar Lauter, Peter und Caspar Mackh, Melchior Wagner, sowie Vater Hans Georg Haudt und zeitweise Michael Sturm. Es scheint, dass Meister Haudt bei Br. Heinrich Mayer auch die Stuckmarmortechnik lernt.

[7] Bauleiter, Zeichner und Entwerfer, erster und wichtigster Arbeiter, Ausbildner für die Stuckmarmor- und Scagliolakunst.

[8] Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg ist, ohne je höhere Weihen empfangen zu haben, Fürstbischof von Breslau, Hochmeister des Deutschen Ordens, Bischof von Worms, 1716–1729 Erzbischof und Kurfürst von Trier, ab 1729 in der Nachfolge von Lothar Franz von Schönborn Erzbischof und Kurfürst von Mainz sowie Reichserzkanzler. Ellwangen ist für die absolutistisch regierenden Fürstpröpste des 18. Jahrhunderts nur eine Nebenpfründe, die ihnen allerdings ein Privateinkommen von 80 000-120 000 Gulden garantiert. Die vielfachen Würdenträger halten sich hier nur zu besonderen Anlässen auf, sind aber dank einer hervorragenden Verwaltungsorganisation gute Landesväter. Ellwangen verdankt dem finanziell potenten und gebildeten Fürstpropst Franz Ludwig viele Bauwerke, wie das Spital (1699–1702), die Wiederherstellung der Schönenbergkirche (1709–1715), die Kustorie (1720), das Treppenhaus und die Innenausstattung des Schlosses (1720–1727), das Kloster und die Kirche der Kapuziner (1729–1732). Mehr dazu in in der Biographie «Franz Ludwig von Neuburg-Pfalz» von Wolfgang Kaps.

[9] Lothar Franz von Schönborn baut 1702–1722 das Lustschloss und den Lustpark Favorite am Mainzer Rheinufer nach dem französischen Vorbild Marly-le-Roi des Louis XIV. Die prachtvolle Anlage wird 1793 von der französischen Revolutionsarmee vollständig zerstört. Über die Favorite siehe den umfangreichen Wikipedia-Artikel.

[10] Ein Vergleich mit früheren oder gleichzeitigen Stuckmarmoraltären, zum Beispiel mit Fischingen (1708 von Dominikus Zimmermann) oder mit Waldsassen (1696 von Giovanni Battista Carlone) zeigt den Unterschied von Altären begnadeter Stuckateure zum Architektenentwurf in Ellwangen. Dank dem Verharren im klassischen Architekturkanon ist er aber trotz seiner Dominanz eine Bereicherung der hochbarocken Umgebung aus dem 17. Jahrhundert.

[11] Antonio Bellucci (1654–1726) malt auch das Altarblatt des nördlichen Querschiffaltars mit der Darstellung Johannes des Täufers. Das Original wird 1810 vom württembergischen König nach Friedrichshafen verbracht und durch eine Kopie ersetzt.

[12] Quelle: «Stuck Putz Trockenbau» (früher: «Der Stukkateur»), 1993, ISSN: 0941-7583.

Ellwangen12
 
  Wallfahrtskirche Maria von Loreto auf dem Schönenberg in Ellwangen  
  EllwangenGrRiss  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Ellwangen. Baden-Württemberg D Fürstpropstei Ellwangen
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Augsburg 1682
Bauherr und Bauträger

ok Fürstpropst Johann Christoph Adelmann von Adelmannsfelden (reg. 1674–1687).

okFürstpropst Franz Ludwig von Pfalz-Neuburg (reg. 1694–1732).
 
  Kopie des Grundrissplanes (Ausschnitt), 1693 durch Br. Johannes Hörmann SJ nach dem Ausführungsplan gezeichnet. Original im Hauptstaatsarchiv München.   pdf  
   
Ellwangen1
Die Wallfahrtskirche von Süden.
Bild: Wikipedia by Andreas Praefcke.
 
   
EllwangenSchnitt
Längsschnitt durch die Kirche (B 39 cm, H 20 cm), 1693 nach einem Riss von Br. Heinrich Mayer SJ von Br. Johannes Hörmann für Band II der Delineationes variae gezeichnet. Im gleichen Band ist auch der obige Grundriss, als Teil eines grösseren Blattes, zu finden. Das Original mit weiteren Plänen ist heute in der Bayrischen Staatsbibliothek München. Bildquellen: Ausstellung Vorarlberger Barockbaumeister Einsiedeln 1973.  
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Die Wandpfeiler-Emporen treten im Querhaus zurück. Die hier von Michael Thumb begonnene Konzeption ist Vorbild für die weiteren Vorarlberger Bauten. Durch das Einfügen einer Attikazone über den Pfeilergesimsen gibt Br. Heinrich Mayer dem Raum die notwendige Höhe und verhilft dem Emporengeschoss zu dem reichen Lichteinfall.  
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Die Stuckaturen, die Br. Heinrich Mayer in der Kirche erstellt, sind phantasievolle hochplastische Stuckbildhauer-Arbeiten, wie hier an der Decke des südlichen Chordurchganges.  
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Der mächtige Hochaltar ist ein Werk von Maximilian von Welsch. Er ersetzt 1711 das ebenso mächtige Werk des Br. Heinrich Mayer, das dem Fürstpropst wegen der Farbe nicht mehr genehm ist.
Ellwangen6
Vor 1711 ist die Empore wie in Solothurn zweigeschossig. Maximilian von Welsch entfernt zu Gunsten der neuen Westorgel die obere Empore.  
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Die Gewölbe von Schiff und Chor werden 1711 neu gestaltet. Der Stuck ist jetzt gezähmter. Der Ellwanger Melchior Paulus erstellt ihn nach Entwürfen von Carlo Maria Pozzi. In die 22 Deckenspiegel malt Melchior Steidl einen Marienzyklus. Die Fresken zählen zu seinen besten Werken. Im Hauptfresko des Mittelschiffes stellt er die Himmelfahrt Mariä dar.  
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Das Hauptfresko Steidls im Chor ist der Maria Immaculata gewidmet. Im Zentrum schwebt die Jungfrau Maria auf dem Halbmond über der Weltkugel, die Schlange zertretend. In der Hand hält sie die Lilie, das Symbol der Reinheit. Über ihr der Himmel mit Engeln und Gottvater. Im unteren Teil des Bildes fliehen Adam und Eva aus dem Paradies. Kompositorisch, zeichnerisch und im Kolorit ist dieses Gemälde eines der frühen grossen Meisterwerke deutscher Monumentalmalerei.  
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1712 erstellt Melchior Paulus die ausserordentlich phantasievolle Kanzel nach dem Vorbild der alten zerstörten Kanzel aus der Bauzeit.  
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1722–1734 entstehen am Aufgang zur Wallfahrtskirche, wie auch auf dem obersten Bild sichtbar, 15 achteckige Rosenkranzkapellen. Stuckateur ist hier noch immer Melchior Paulus.  
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1738 werden zum 100-Jahr-Jubiläum der Wallfahrt an der Ostapside, beidseitig des Erzengels Michael, die Wappen der acht seither regierenden Fürstpröpste angebracht.
Bild: Wikipedia author Reinhardhauke. Für Erläuterung bitte vergrössern.