Die Meister des Bauwerks
Name Herkunft Text   Tätigkeit von   bis
Peter Thumb (1681–1766) Au Vorarlberg ok   Baumeister-Architekt 1708   1728
Jakob Machoff (oder Machauf) Elsass     Stuckateur 1726   1728
Joseph Matter (oder Mattle) Elsass     Maler, Freskant 1727   1728
Andreas Silbermann (1678–1734) Kleinbobritzsch Sachsen     Orgelbauer 1730   1732
Joseph Mages (1728–1769) Imst Tirol     Maler, Freskant 1759   1759

Ebersmünster (Ebersmunster)

Ehemalige Benediktinerabtei St. Mauritius

Alte linksrheinische Abtei
Die linksrheinische Benediktinerabtei Ebersmünster bei Schlettstadt (Selestat), ehemals im Fürstbistum Strassburg gelegen, ist eine Gründung des 7. Jahrhunderts und wird 817 als karolingisches Reichskloster erwähnt. Im Dreissigjährigen Krieg wird die Abtei von den Schweden als militärischer Stützpunkt benutzt und deshalb 1632 von den Kaiserlichen in Brand gesteckt. Im Gegensatz zum restlichen Elsass wird Strassburg beim Friedensschluss 1648 vorläufig nicht von Frankreich annektiert.
1677 beginnt Louis XIV mit seinen Räubereien im Rheingebiet und setzt das Werk Richelieus zur Ausdehnung Frankreichs fort. Er besetzt 1681 die bis dahin freie Reichsstadt Strassburg mit aktiver Beihilfe des Strassburger Fürstbischofs.

Die Strassburger Fürstbischöfe im 17. und 18. Jahrhundert
Der Strassburger Bischofssitz ist begehrt. Zwar ist die Stadt seit 1530 reformiert, das grosse fürstbischöfliche Herrschaftsgebiet von 1400 Quadratkilometer links und rechts des Rheins ist aber einträglich. Begehrt ist der Sitz auch wegen der Grenzlage zu Frankreich. 1607–1662 sind es die Gegner Frankreichs, die Habsburger, die den Sitz beanspruchen. Nach dem letzten Habsburger, dem Erzherzog und mehrfachen Bischof Leopold Wilhelm von Österreich, folgt 1663 der franzosenfreundliche Franz Egon von Fürstenberg-Heiligenberg,[1] der Louis XVI bei der Annektion Strassburgs hilft. Nächster Strassburger Bischof wird der jüngere Bruder Wilhelm Egon von Fürstenberg-Heiligenberg. Er wird zum völligen Handlanger des von ihm verehrten Louis XIV und zieht 1697 an den französischen Hof. Die nachfolgenden Fürstbischöfe werden bis 1803 ausschliesslich von der Pariser Familie Rohan besetzt. Der letzte Vertreter, Louis de Rohan, verliert 1790 die linksrheinischen Gebiete und residiert bis 1803 in Ettenheim, nahe dem Kloster Ettenheimmünster.

Süddeutscher Barock im Land der Rohans
Die anschliessende Förderung der Gegenreformation durch Louis XIV kommt der Abtei Ebersmünster zugute. Sie erholt sich schnell von den Kriegsverheerungen. Abt Bernhard Röthlin (reg. 1675–1715), der aus dem vorderösterreichischen Freiburg stammt, erstellt 1675 bis 1680 einen Kirchenneubau anstelle der gebrandschatzten und nur notdürftig wiederhergestellten mittelalterlichen Basilika, wahrscheinlich unter Verwendung des aufgehenden Mauerwerks. Von diesem Neubau ist heute noch der Chor erhalten. 1708 erhält der 27-jährige Peter Thumb den Auftrag, dem Kirchenbau eine Doppelturmfassade vorzublenden. Er führt diese Arbeit parallel zum Kirchenneubau in Lachen um 1709–1710 aus.
1718 beauftragt ihn Abt Candidus Maeder mit dem Neubau der Klostergebäude.[2] Bis 1723 erstellt der Vorarlberger Bautrupp von Peter Thumb die neue Doppelhof-Klosteranlage nördlich der Stiftskirche. Die Klostergebäude werden nach den Zerstörungen während der Französischen Revolution nur noch rudimentär und zudem stark verändert wieder aufgebaut.
1724 beginnt Thumb mit dem Kirchenneubau. Das Schiff von 1680 wird abgerissen. An seiner Stelle, im Ausmass durch die Westfront und den Chor begrenzt, baut der Vorarlberger eine dreijochige Wandpfeilerhalle mit Emporen und Querhaus. Die Distanz der Wandpfeiler über zwei Fensterachsen gibt dem Raum eine fortschrittliche Grosszügigkeit. Vorbilder Thumbs sind eindeutig die Stiftskirche von Weingarten, die sein Lehrmeister Franz Beer 1715 beginnt, und die Stiftskirche des befreundeten Br. Caspar Moosbrugger in Einsiedeln. Die Stiftskirche in Ebersmünster ist im Rohbau um 1726 abgeschlossen, aber noch bis 1728/1730 arbeiten Thumbs Leute am Bau. Parallel erstellen einheimische Meister Stuckaturen und Fresken. Das magere Régence-Bandelwerk von Jakob Machoff wirkt trotz der vermutlich nicht ursprünglichen Vergoldung sehr zahm. Die Fresken von Joseph Matter in den grossen Gewölbefeldern des Langhauses werden in der französischen Revolution übertüncht und müssen mit Ausnahme des Freskos über der Orgel als Neuschöpfungen von 1867 betrachtet werden. Die Ausstattung stammt teilweise von der Vorgängerkirche, so das um 1692–1696 von Philipp Winterhalter erstellte Chorgestühl.[3] Die Kirche wird an Weihnachten 1730 geweiht.
1759 malt der in Augsburg tätige Tiroler Maler Joseph Mages das Deckenbild der Vierungskuppel, Mariä Himmelfahrt darstellend.[4] Dieses Fresko hat weniger gelitten und stellt ein wichtiges Werk der süddeutschen Rokokomalerei dar. Auch die Chorfresken werden Mages zugeschrieben.

Silbermann-Orgel
Der Strassburger Orgelbauer Andreas Silbermann[5] baut 1730–1732 die Orgel und das Brüstungspositiv der Westempore. Das Werk mit 29 Registern und das Naturholzgehäuse ist in dem französischen Hochbarock verpflichtet. Erstaunlicherweise überlebt die Orgel alle Kriege und Restaurationen und ist heute noch vollständig erhalten. Sie gilt im Klang als eines der schönsten Instrumente des barocken Orgelbaus.

Revolution und 19. Jahrhundert
Die Französische Revolution führt 1791 zur Auflösung des Klosters und zur sofortigen Vertreibung der Mönche. 9025 Bände der Bibliothek werden mit fünf Schleppkähnen nach Strassburg transportiert und dort öffentlich verbrannt. Die Gebäude werden als Nationalgut versteigert, was zum schnellen Abbruch vieler Klosterteile führt. Nur die Kirche, die an die örtliche Pfarrei übergeht, bleibt mit Ausnahme der Übertünchung aller barocker Fresken unzerstört erhalten. 1829 übernehmen Marianisten-Brüder die Reste des Klosters. Seit 1889 sind die Gebäude im Besitz der Josephs-Schwestern von Saint Marc. Schon 1864–1867 wird der Innenraum der Kirche einer Restauration unterzogen, die wahrscheinlich viel von der barocken Leichtigkeit auswischt. Leider ist wenig dokumentiert und so sind sich sogar Kunsthistoriker nicht sicher, ob die Steinsichtigkeit der Pilaster, die dem Innenraum einen eher französisch-klassizistischen Eindruck geben, schon aus der Erbauungszeit stammt oder erst 1887 Eingang fand.

Pius Bieri 2010

 

Benutzte Einzeldarstellungen:
Lehni, Roger: Abtei und Pfarreikirche Ebersmünster; Schnell Kunstführer Nr. 821, Regensburg 1965.
Gubler, Hans Martin: Peter Thumb; Sigmaringen 1972.

 

Anmerkungen:
[1] Das Haus Fürstenberg-Heiligenberg stirbt 1716 aus. Der Titel und die Grafschaft geht 1744 an die Linie Fürstenberg-Messkirch, mit Residenz in Donaueschingen. Das Haus Fürstenberg residiert noch heute in Donaueschingen. «Seine Durchlaucht Fürst Heinrich zu Fürstenberg» ist Familienoberhaupt. Zum Haus Fürstenberg und der Eidgenossenschaft siehe auch : Historisches Lexikon der Schweiz, Buchstabe F.

[2] Die Geschichte der Abtei Ebersmünster ist derart schlecht dokumentiert, das selbst die Regierungszeit der Äbte unbekannt ist.

[3] Philipp Winterhalder (1667–1727) in Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Philipp_Winterhalder.

[4] Joseph Mages, geboren 1728 in Imst und gestorben 1769 in Augsburg.

[5] Andreas Silbermann (1678–1734), in Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Silbermann.

 

 

 

 

 
  Ehemalige Benediktinerabtei Ebersmünster (Ebersmunster)  
  EbermunsterGrRiss  
Ort, Land (heute) Herrschaft (18. Jh.)
Ebersmunster Dep. Bas Rhin (Elsass, F) Fürstbistum Strassburg
Bistum (18.Jh.) Baubeginn
Strassburg 1709 (1718)
Bauherr und Bauträger

Abt Bernhard Röthlin (reg. 1675–1715)

Abt Candidus Maeder (Lebensdaten unbekannt)
 
  Die Bauetappen des Kirchenneubaus.
Die Bauten von Peter Thumb sind blau hervorgehoben..
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Ebermunster1
Die Westfassade der Kirche St. Mauritius (Türme um 1709, Westfassde nach 1725)  
   
Ebersmunster2
Der innenraummit der völlig ungewohnten, Naturstein-Pilasterverkledung der weit vorspringenden Wandpfeier.  
Ebersmunster3
Die Wandpfeiler des Langhauses haben eine Distanz von zwei Fensterachsen. Der Innenraum wirkt damit grosszügig, die Distanz der Gurtbögen im Tonnengewölbe lässt Raum für grosse Fresken. Thumbs Lehrmeister Franz Beer plant dies 1715 für Weingarten. Caspar Moosbrugger baut es 1720 in Einsiedeln. Mit beiden ist Peter Thumb immer im engen Kontakt, dies erklärt die Architektur. Weniger glücklich als die beiden genannten Meister löst Thumb die flachbogig gespannten Wandpfeileremporen.  
Ebersmunster4
Das Chorgestühl stammt noch aus dem Vorgängerbau. Es könnte ein Werk der Brüder Winterhalter sein, die um 1690–1696 in Ebersmünster arbeiten. Allerdings sind alle Figuren der Dorsalnischen Werke des 19. Jahrhunderts.  
Ebersmunster5
Die Orgel, die Andreas Silbermann aus der Strassburger Orgelbaudynastie 1730–1732 erstellt, ist noch im Original erhalten und gilt eines der schönsten Orgelwerke des französischen Barocks.  
Ebersmunster6
Das Fresko der Vierungskuppel stellt die Himmelfahrt Mariä dar. Es wird erst 1759 von Joseph Mages gemalt. Der Tiroler malt auch die Deckenfresken des Chors. Die Fresken im Schiff sind Nachschöpfungen von 1864. Der Régence-Stuck der Kirche stammt vom nur in Ebersmünster erwähnten und sonst unbekannten Jakob Machoff. Der Stuck zeigt Verwandtschaft mit dem Werk des gleichzeitig in St. Peter im Schwarzwald arbeitenden Giovanni Battista Clerici.  
Grundriss der barocken Anlage (grau hinterlegt) mit der mittelalterlichen Kirchenfamilie:
Schwarz   um 700   Oratorium St. Maria I.
Blau   8. Jh.   Pfeilerbasilika St. Maria II mit Taufbecken (oben).
        St. Martin I mit Placidus-Krypta (Unten).
Gelb   um 800   Karolingische Dreiapsidenkirchen St. Maria III (oben), Petruskapelle und St. Martin II (unten).
Rot   Ende 10. Jh.   St. Maria IV.
    Ende 12. Jh.   Glockenturm.
         
Nicht hinterlegt sind die im 19. und 20. Jahrhundert im Norden und Westen vervollständigten Flügel.