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Die Familie Carlone (Carloni) von Scaria

Stuckateuren, Bildhauer und Malerfamilie aus dem Val d'Intelvi

CarloneGB   Giovanni Battista Carlone (um 1642−1721)  
CarloneDF   Diego Francesco Carlone (um 1674–1750)  
CarloneIC   Carlo Innocenzo Carlone (um 1687−1775)  
Karte   Karte des Val d'Intelvi 1800 Stamm

Die Baumeister und Stuckateurenfamilien der Carloni, wie der Name richtig geschrieben werden müsste, sind in zwei Gemeinden des Gebirgszuges zwischen dem Comersee und dem Luganersee beheimatet. Die Carloni von Rovio, am Westhang des Monte Generoso gelegen, ziehen als Baumeister, Stuckateure und Maler in die Lombardei, nach Ligurien, Rom und Spanien. Die Carloni von Scaria im Val d'Intelvi,[1] das im Herzogtum Mailand liegt, ziehen zusammen mit den anderen «Magistri» des Hochtales fast ausschliesslich in die Länder des Deutschen Reiches, vorerst in die österreichische Steiermark, dann über die Fürstbistümer Salzburg und Passau nach Schwaben und in die Eidgenossenschaft. Verschiedene Familienstämme, alle durch bekannte Mitglieder auch im Alten Reich vertreten, haben im 17. Jahrhundert vor allem in Österreich die barocke Baukunst entscheidend geprägt. Die Familien im Val d'Intelvi und in Rovio nennen sich noch heute Carloni und nicht Carlone. Auch die italienische Kunstgeschichte hat den Namen nicht verändert.[2] Im Norden hingegen werden sie Carlon, Karlon oder Carlone geschrieben. Sogar Carlo Innocenzo Carlone übernimmt diese Schreibweise. Der Name Carlone hat sich deshalb in der deutschen Kunstgeschichte eingebürgert.

Giovanni Battista Carlone (um 1642−1721)

Stuckateur und Bildhauer des Hochbarocks

Giovanni Battista Carlone wird um 1642 in Scaria als Sohn des Pietro Francesco und der ersten Ehefrau Marsilia Carloni geboren.[3] Sein Vater ist Baumeister und um diese Zeit in Röthelstein in der Nähe von Graz in der Steiermark tätig.[4] Sein Grossvater Pietro, ebenfalls Baumeister, hat seinen Lebensschwerpunkt 1612 in die Steiermark verlegt.[5] Hier ist auch Vater Pietro Francesco aufgewachsen, der dann später die Besitzungen in Scaria erbt und als einziges der sieben Geschwister im Winter die lange Reise über das Drautal, Brixen und Bozen nach dem Val d’Intelvi unternimmt. Im Verband mit verschwägerten «magistri» aus dem Intelvi-Tal ist der Vater um 1660 wieder in Leoben anzutreffen, wo er den Neubau der Jesuitenkirche übernimmt. Giovanni Battista beendet in diesen Jahren die Lehre und begibt sich wahrscheinlich nach Rom. Jedenfalls deuten seine ersten Hauptwerke auf einen längeren Italien- und Rom-Aufenthalt hin. Ralph Dobler vermutet aufgrund der Stuckaturen in der Jesuitenkirche Passau eine Gesellentätigkeit beim Bernini-Schüler Antonio Raggi, sieht aber auch direkte Einflüsse der Stuckaturarbeiten Borrominis in der Lateransbasilika. Spätestens um 1670 ist er wieder im Norden tätig.
Den Winter verbringt er regelmässig im Scaria. Hier heiratet er 1667 die Taddea Maddalena de Allio aus der im gleichen Dorf beheimateten Stuckateurendynastie.[6] Sie ist die Tochter des Francesco d'Allio.[7] 1668 folgt das erste von acht Kindern, welche das Erwachsenenalter erreichen. Alle werden in Scaria geboren. Einer der drei Söhne studiert Theologie, zwei setzen die Familientradition fort. Es sind der 1674 geborene Diego Francesco und der 1686 geborene Carlo Innocenzo.
Erstmals aktenkundig als selbstständiger Stuckateur wird Giovanni Battista 1677 in Passau. Sein älterer Bruder Carlo Antonio[8] erneuert hier als Baumeister eine Grabkapelle. Er muss aber schon einige Jahre vorher in Passau gewirkt haben, denn 1665−1676 baut der Vater mit Bruder Carlo Antonio in Passau die neue Jesuitenkirche. Im Auftrag sind auch die Stuckaturen enthalten. Sie gelten trotz fehlender Quellen als erstes Hauptwerk von Giovanni Battista. Er vollendet sie 1676. Die Stuckaturen von St. Michael sind der erste direkte Transfer italienischer Stuckplastik in der Tradition Berninis und Borrominis in den Norden. Sie stellen eine faszinierende Neuheit mit grossem Einfluss auf den süddeutschen und österreichischen Stuck des Hochbarocks dar. Nicht verwunderlich ist, dass Giovanni Battista sofort anschliessend den Auftrag für die Stuckarbeiten im Passauer Dom erhält. Carlo Lurago, ein Landsmann aus dem Val d’Intelvi, ist als Baumeister seit 1668 am Wiederaufbau tätig. Schon früh scheint Giovanni Battista, vielleicht auch sein als Palier für Lurago tätige Bruder Carlo Antonio, auf die Architektur Einfluss zu nehmen. Jedenfalls formt er den Passauer Dom derart um, dass nicht mehr von einem Werk Luragos gesprochen werden darf. Carlones Werktrupp umfasst jetzt 16 Stuckateure. Im Dom arbeitet er zum ersten Mal mit seinem ebenso begabten jüngeren Neffen Paolo d’Allio zusammen.[9] Fortan ist Paolo d’Allio sein Stellvertreter und Organisator in Passau, und als sein Sohn Diego Francesco die väterliche Werkstatt übernimmt, ist Paolo d'Allio in der gleichen Funktion noch bis 1715 tätig. Der Stuck, die Stuckplastiken und die Stuckmarmoraltäre der Carlone-Werkstatt im Dom von Passau sind von einer gewaltigen und meisterhaften Plastizität, eine grossartige Demonstration des noch italienisch geprägten Hochbarock. Während Paolo d’Allio in Passau für Fertigstellungsarbeiten bleibt, beginnt Carlone 1682 mit der Stuckierung der Benediktinerabteikirche in Garsten im oberösterreichischen Bezirk Steyr, die sein Vater und sein Bruder seit 1679 baut. Hier spannt er für den ornamentalen Stuck Familienmitglieder ein und fertigt nur die vollplastischen Elemente, um gleichzeitig neue Aufträge in Passau und auch im Stift Schlierbach zu beginnen.[10] Die Stuckierung in Garsten ist 1685 abgeschlossen. Die anschliessenden Jahre arbeitet Carlone wieder vermehrt im Hochstift Passau. 1695 folgt ein weiterer Grossauftrag. Im Zisterzienserstift Waldsassen erhält «der berühmte Hr. Johannes Baptist Carlon von Mayland» den Auftrag für die Stuck- und Altarausstattung in der von Georg Dientzenhofer erbauten Kirche. Gegenüber Passau ist der Stuck jetzt gezähmter, aber noch immer von höchster künstlerischer Qualität, der figürliche Stuck ist reicher als bei gleichzeitigen Wessobrunner Arbeiten.[11] Die Carlone-Werkstatt, zu der wieder Paolo d’Allio und neu auch der 21-jährige Diego Francesco Carlone gehört, fasst mit diesem Auftrag Fuss in der Oberpfalz. 1698 ist die Arbeit in Waldsassen beendet. Gleichzeitig arbeitet die Werkstatt auch in Regensburg und in Amberg, das nun Hauptort der Arbeitstätigkeit ist.[12] 1701 beginnt die Werkstatt mit den Stuckaturen und Stuckmarmorarbeiten der Wallfahrtskirche Maria Hilf vor der Stadt Amberg.[13] Es ist der letzte bekannte Auftrag an Giovanni Battista Carlone. Der Spanische Erbfolgekrieg zwingt 1704 zu einem Unterbruch der Arbeiten. Carlone zieht sich nach Scaria zurück. Hier stirbt er am 6. März 1721 im Alter von 79 Jahren.
Im Altarraum des Domes von Passau malt Carpoforo Tencalla 1679 das grosse Deckenfresko der Steinigung des heiligen Stephanus. Unter den Zuschauern ist links ein jüngerer Mann mit Schleifenjabot zu erkennen. Es ist der ungefähr 38-jährige Giovanni Battista Carlone. Der grosse Künstler Tencalla erweist mit diesem sympathischen Porträt dem für ihn wichtigsten Mann auf dem Bauplatz des Domes die Ehre. Vermutlich ist die erst 1682 nachträglich «al secco» gemalte und deshalb schlecht erhaltene Profildarstellung des älteren Begleiters ein Selbstporträt Tencallas.[14]

Pius Bieri 2012

Benutzte Literatur zu Giovanni Battista Carlone:

Röhling, Ursula: Carlone, Giovanni Battista, in: Neue Deutsche Biographie NDB. München 1957. Onlinefassung.
Guldan, Ernst: Quellen zu Leben und Werk italienischer Stukkatoren des Spätbarock in Bayern, in: Arte e Artisti die Laghi Lombardi, II, Como 1964.
Colomba, Silvia A. und Coppa, Simonetta: I Carloni die Scaria. Lugano 1997.
Dobler, Ralph: Italiensicher Stuck in Passau. Giovanni Battista Carlone und die Jesuitenkirche St. Michael, in: Archivium historicum Societatis Iesu, Fasc. 145, 2004.
Höper, Corinne: Das Glück Württembergs. Ausstellungskatalog. Stuttgart 2004.
Weidinger, Wilhelm: Barockbaumeister und –stukkatoren aus den Südalpen in der Oberpfalz, in: Verhandlungen des Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg (VHVO) Nr. 147 Regensburg 2007. 
Spiriti, Andrea: Gli Intelevsi, in: Magistri d’Europa in Sardegna, Cagliari 2009.

Links zu Giovanni Battista Carlone:
Deutsche Biographie (Giovanni Battista)

Links zu Carlone, Carloni
tessinerkuenstler-ineuropa.ch (Carlo Carlone)
de.wikipedia.org/wiki/Carlo_Carlone

Deutsche Biographie (Pietro Francesco)
Historisches Lexikon der Schweiz (Diego Francesco)
uibk.ac.at/aia/carlone (Diego Francesco)
Deutsche Biographie (Diego Francesco)

Anmerkungen:
[1] Scaria im Val d'Intelvi liegt 500 Meter höher als die beiden Seen und ist vom Fischerdorf Osteno am italienischen Ufer des Luganersees in eineinhalb Wegstunde zu erreichen, vom Ufer des Comersees sind es drei Stunden. Von Rovio, wo der andere Stamm der Carlone beheimatet ist, ist Scaria in zwei Wegstunden durch die Schlucht der Mara verbunden. Das Val d’Intelvi liegt im damals österreichischen Herzogtum Mailand. Die wenigen Bergdörfer im Tal sind die Heimat von Stuckateuren, Malern und Baumeister-Architekten, welche den süddeutschen und böhmisch-österreichischen Barock entscheidend prägen. Aus Laino kommen die Alliprandi, Corbellini, Frisoni, Retti und Scotti, aus Ponna die Soldati und Marmori, aus Scaria die Carloni oder Carlone, aus Castiglione die Ferretti und aus Pellio die Lurago. Sie sind, wo sie nicht in Hofdienste treten, immer vom November bis zum Februar in ihrer Heimat anwesend. Siehe dazu die Karte des Val'Intelvi mit den Dörfern des nördlichen Teils.

[2] Vergleiche die Webseite: I Magistri Comacini

[3] Er kann mit den gleichnamigen Carloni (Carlone) aus Rovio verwechselt werden. Giovanni Battista (1603−1683) aus Rovio und Giovanni (1636−1713), ebenfalls aus Rovio, sind aber Maler und Freskanten. Der erstere arbeitet ausschliesslich in Italien. Der zweitgenannte arbeitet auch im Norden, zum Beispiel 1685 zusammen mit den Carlone aus Scaria in Schlierbach, wo er im Akkord für 75 Stück Fresken in der neuen Kirche als «Johann Charlon» bezeichnet wird. Ein weiterer Giovanni Battista Carlone (um 1585−1645) aus Verna arbeitet als Hofbaumeister in Wien. Siehe auch den Stammbaum Carlone.

[4] Pietro Francesco Carlone (um 1606−1681). Er stirbt in Judenburg. Den laufenden Akkordauftrag in Garsten übernimmt Sohn Carlo Antonio. Die Angaben über seine erste und zweite Ehefrau sind widersprüchlich. Ich übernehme hier die Version aus «I Carloni di Scaria». Im deutschsprachigen Gebiet wird er als Peter Franz Carlon bezeichnet. Zu «Peter Franz Carlon» siehe die Masterarbeit von Ulrike Susanne Auerböck in E-Theses.

[5] Pietro (1567−1628) als Peter Carlone seit 1612 in Loeben in der Obersteiermark ansässig, wohin er mit seiner Frau Francesca und seinen Kindern zieht.

[6] Die Allio, auch Aglio, dell'Allio oder d'Allio, sind eine weitverzweigte und vor allem in Wien und Böhmen tätige Familie von Baumeistern und Stuckateuren. Siehe die gute Webseite «On the Trace of Domenico dell'Allio» unter: <http://dominico.joanneum.at/dom_wa/projekt/dellAllio.html>

[7] Sohn eines Francesco ist Giovanni Battista, Vater von Paolo d'Allio (1655−1729). Paolo d'Allio wird deshalb aufgrund der Heirat von Taddea Maddalena d'Allio (Tochter des Francesco) mit Giovanni Battista Carlone als Neffe von Giovanni Battista C. und Onkel von Diego Francesco und Carlo Innocenzo Carlone betrachtet.

[8] Carlo Antonio Carlone (1635−1708) ist erfolgreicher Baumeister-Architekt. Seine Werke liegen fast ausschliesslich in Österreich. Am bekanntesten sind Stiftskirche und Kloster von St. Florian, das Kloster Kremsmünster und die Wallfahrtskirche von Christkindl. Die Klosterkirchen von Carlo Antonio und seines Vaters Pietro Francesco sind Wandpfeiler-Emporenkirchen, ähnlich wie sie die gleichzeitigen Misoxer Baumeister und dann später die Vorarlberger Baumeister bauen. Zu Carlo Antonio siehe die ausführliche Biografie in AIA.

[9] Paolo d'Allio (1655−1729), von Scaria, heiratet 1679 Domenica Carlone (di Sebastiano).

[10] Ehemalige Benediktinerabtei Garsten, heute Gefängnis, sowie Zisterzienserstift Schlierbach, beide südlich Linz, Oberösterreich.

[11] Vilgertshofen, Obermarchtal, Hofen (Friedrichshafen).

[12] In Regensburg die Stuckierung der von Antonio Riva erstellten neuen Domkuppel, in Amberg die Klosterkirche der Salesianerinnen und die Deutsche Schulkirche. Alle Arbeiten sind heute zerstört.

[13] Vertrag erst 1702.

[14] Während das «al fresco» gemalte Porträt des jüngeren Mannes im Original erhalten und eindeutig zugeordnet werden kann, ist die Profildarstellung eine Annahme. Tencalla ist 1682 im 59 Altersjahr, der Baumeister Carlo Lurago ist hingegen schon 67 und zur Ausführungszeit der Fresken nicht mehr an Ort.

  Giovanni Battista Carlone (um 1642−1721)  
  Biografische Daten        
  Geburtsdatum Geburtsort     Land  
  um 1642 Scaria Val d'Intelvi   Prov. Como I  
    Land 18.Jh.     Bistum 18.Jh.  
    Herzogtum Mailand   Como  
  Sterbedatum Sterbeort     Land  
  6. März 1721 Scaria Val d'Intelvi   Prov. Como I  
    Land 18. Jh.     Bistum 18. Jh.  
    Herzogtum Mailand   Como  
  Kurzbiografie        
  Vater und Grossvater des Giovanni Battista Carlone sind in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts gesuchte Baumeister in der Steiermark. Sein Bruder Carlo Antonio setzt die Baumeistertradition fort, während Giovanni Battista zum Stuckateur ausgebildet wird. Die Familie Carlone arbeitet spätestens 1665 auch in Passau. Bis 1676 erstellt Giovanni Battista die aufsehenerregenden Stuckplastiken der Jesuitenkirche, anschliessend diejenigen des Doms. Seine Stuckaturen sind eine grossartige Demonstration des plastischen, italienisch geprägten Hochbarocks. Mit dem nächsten Grossauftrag, der Stiftskirche in Waldsassen, fasst die Familie Fuss in der Oberpfalz. 1704 zieht sich Carlone in die Heimat zurück und überlässt die Aufträge seinem Sohn Diego Francesco und dem verschwägerten Paolo d'Allio.     CarloneGB  
    pdf       legende  
1679 malt Carpoforo Tencalla im Chor des Passauer Domes das grosse Deckenfresko der Steinigung des hl. Stephanus. Unter den Zuschauern am Rand malt er den Stuckateur des Domes, den damals ungefähr 37-jährigen Giovanni Battista Carlone. 1682 ergänzt Tencalla, nun «al secco», das Bild um den weiteren Zuschauer im Profil. Es ist vermutlich ein Selbstporträt, das allerdings wegen der Secco-Technik die Farben verloren hat.

{{Bild-PD-alt-Vervielfältigung}} aus Restaurierungsbericht 1982.