Hans Alberthal (Giovanni Albertalli) um 1575–um 1657

Misoxer Baumeister in Dillingen

Sein Vater Pietro (1542–1615) ist in spätestens Ende des 16. Jahrhunderts in Eichstätt sesshaft. Er muss hier beim bischöflichen Hof eine Anstellung gefunden haben. Auf dem Grabstein des ersten Misoxer Meisters in Eichstätt finden sich die Worte: «ehrhafft und fürnehmb Peter Alberthal von Roffle im obern Graubünden». Über seine Bautätigkeit ist nichts bekannt. Erst sein Sohn, vor allem aber nachfolgende Generationen aus den Misoxer Geschlechtern der Barbieri und Gabrieli werden im 17. und 18. Jahrhundert das Gesicht der Bischofsstadt prägen.
Der um 1575 vielleicht noch in Roveredo geborene Sohn Giovanni verbringt seine Lehrjahre beim Vater. Wie sein Vater und der als Gilg Vältin viel bekanntere Misoxer Giulio Valentini verdeutscht er seinen Namen und nennt sich Hans Alberthal. Man nennt ihn später auch den «welschen Hans». Eine Zusammenarbeit mit dem älteren Gilg Vältin, dem Baumeister des Schlosses von Höchstätt (1589) und der Hofkirche von Neuburg an der Donau (1607–1617) ist wahrscheinlich, auch weil Vältin und Alberthal mehrere Bauten auf Plangrundlagen des Malerarchitekten Joseph Heintz des Älteren (1564–1609) erstellen.
Hans Alberthal ist um 1600 Bürger in Dillingen an der Donau. Hier baut er zwischen 1597 und 1629 wichtige und das Stadtbild prägende Bauten. 1607–1709 wird er als Baumeister  für den Neubau der evangelischen Kirche in Haunsheim verpflichtet. Er errichtet sie nach Plänen von Joseph Heintz. Die Kirche ist eines der in Süddeutschland seltenen reinen Renaissancebauwerke. 1609 übernimmt Alberthal die Neubauten der bischöflichen Willibaldsburg in Eichstätt nach den Plänen von Elias Holl. Die Arbeiten dauern bis 1619. Alberthal ist inzwischen Hofbaurat und wird als «Architectis italis» bezeichnet.
Am 5. April 1610 übertragen ihm die Dillinger Jesuiten den Neubau ihrer Kollegiumskirche (heute Studienkirche) im Akkord. Die Kirche, 1617 vollendet, ist das erste barocke Bauwerk nördlich der Alpen und so fortschrittlich, dass es als Vorbild der Vorarlberger Wandpfeilerkirchen dient. Die gelungene Verbindung von italienischer Baukunst mit der spätgotischen Tradition der lichten Hallenkirchen stellt auch die Innenräume zeitgleicher römischer Kirchen wörtlich in den Schatten. Alberthal hat die Jesuitenkirche nicht im Alleingang geplant. Keine Jesuitenkirche wird im 17. Jahrhundert ohne Direktiven der gut geschulten und in italienischer Baukunst unterrichteten Mitglieder der Gesellschaft Jesu gebaut. Als weitere beratende Planer nennen Kunsthistoriker, die sich die Kirche nicht als Entwurf eines geschulten Baumeisters und geschulter Jesuiten vorstellen wollen, die Augsburger Joseph Heintz, Johann Mathias Kager und Elias Holl. Eine Quelle für deren Beteiligung ist nicht vorhanden. Die Wandpfeilerkirche von Dillingen muss deshalb als Gemeinschaftswerk von Hans Alberthal und der Jesuiten gelten.
Mit dem Jesuitenbaumeister Jakob Kurrer (1585–1647), der aber erst 1611 dem Orden beitritt und deshalb für die Dillinger Kirche noch nicht in Frage kommt, baut Alberthal 1617–1620 die Jesuitenkirche von Eichstätt.
1619 übernimmt er den Auftrag für die Stadtpfarrkirche von Dillingen und gleichzeitig für die Jesuitenkirche in Innsbruck. Die Stadtpfarrkirche plant er als Hallenkirche, die Jesuitenkirche in Innsbruck nach dem Vorbild der Dillinger Kirche. Auch wenn die Misoxer Baumeister gut organisiert sind und Alberthal noch für die Willibaldsburg 200 Arbeiter aus «Italien» beschäftigen kann, übernimmt er sich mit diesen zwei neuen Aufträgen. In Innsbruck wird ihm 1621 der Auftrag wegen mangelnder Aufsicht entzogen.[1] Die Stadtkirche von Dillingen ist 1628 vollendet, Mängel zeigen sich hier sofort, und 1630 beschlagnahmt die Stadt alle Güter Alberthals in Dillingen, um sich gegen den drohenden Schaden zu sichern. Im gleichen Jahr stirbt auch seine Gattin Johanna.[2] Er heiratet 1631 Margareta Chororlanza.[3] Noch bis 1632 ist er im Rat der Stadt. In der Zwischenzeit ist ihm die Turmfassade der von Gilg Vältin errichteten Hofkirche von Neuburg an der Donau übertragen worden. Mit Hilfe von Antonio Serro baut er das markante Werk von 1624–1626. Nach 1635 wandert Alberthal nach Pressburg (Bratislava) aus. Die Stadt Dillingen beschliesst 1643, auf seine Kosten die Ausbesserung und Sicherung der Stadtkirche durchzuführen,[4] was den endgültigen Verlust des ganzen erarbeiteten Vermögens bedeutet. Die Spuren Alberthals verlieren sich schon vorher. 1637 sind letzte Arbeiten des inzwischen über 60-jährigen Meisters in Pressburg nachgewiesen. 1658 werden die Erben Hans Alberthals ermittelt. Sein Todesjahr wird deshalb mit 1657 angenommen.

Pius Bieri 2009

Literatur:
Zendralli, Arnoldo Marcelliano: Graubündner Baumeister, Zürich 1930.
Zendralli, Arnoldo Marcelliano: I Magistri Grigioni, Poschiavo 1958.
Pfister, Max: Baumeister aus Graubünden, Chur 1993.

Sehr ausführlich ist folgende, online zugängliche Biographie:
Kessler, Daniel: Der Dillinger Baumeister Hans Alberthal, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen an der Donau Bd. 51. Dillingen 1945.
Link:
Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen an der Donau Bd. 51. Dillingen 1945

 

Anmerkungen:

[1] In Innsbruck ist 1617–1620 der Jesuit Pater Christoph Scheiner (1573–1650), Physiker und Entdecker der Sonnenflecken, Vertreter der Bauherrschaft. Er klagt Hans Alberthal 1621 in einem Memorial wegen Versäumnis der Aufsicht und wegen Baumängel an und sorgt für die Entlassung. Der Bau wird 1622–1624 eingestellt. 1626 stürzt tatsächlich Dachstuhl und Strassenseite ein, angeblich wegen zu schwacher Fundamente. Die bis 1646 fertig gestellte Kirche gilt nicht mehr als Werk Alberthals.

[2] Drei Söhne (Pietro, Giovanni und Enrico) werden 1601, 1611 und 1616 in Dillingen geboren.

[3] Ein Sohn, Giovanni Pietro, wird 1632 geboren.

[4] Mit Einzug von Scheidewänden in den Seitenschiffen der Hallenkirche wird der Mangel behoben. Der Innenraum wirkt heute als schlecht proportionierte Wandpfeilerkirche.


Werkliste Hans Alberthal

Werkliste nach Max Pfister.
Neubauten und wichtige Umbauten.
Die mit * bezeichneten Werke sind Zuschreibungen.

Dillingen*

Fürstbischöfliches Rentamt, Neubau.

1597–1600

Dillingen*

Haus Hafenmarkt 10, Neubau.

1600

Auhausen

Jagdschloss Hirschbrunn, mit Vater Pietro, Neubau.

1600–1607

Dillingen*

Alter Wasserturm, Neubau.

1602

Dillingen

Dominikanerinnenkloster, Um- und Neubau.

1603–1604

Dillingen

Konvikt St. Hieronymus (Später Bischöfliches Priesterseminar), Neubau.

1603–1606

Dinkelscherben

Spital und Spitalkapelle, Neubau.

1604–1606

Dillingen

Tor am Stadtberg (Hofbräuhaus-Tor), Neubau.

1607

Haunsheim

Evangelische Kirche, Neubau nach Planung von Joseph Heintz.

1607–1609

Dillingen*

Haus Weberstrasse 15, Neubau.

1608

Eichstätt

Gemmingentrakt der Willibaldsburg, Neubau nach Plan von Elias Holl.

1609–1619

Dillingen*

Hofdekanei, Neubau Hauptgebäude.

1610

Dillingen

Jesuitenkirche (Studienkirche).

1610–1617

Dillingen

Haus Heinrich-Roth-Platz (heute Apotheke), Neubau.

1612

Dillingen*

Haus Königstrasse 45, Neubau.

1614–1616

Dillingen

Gasthaus «Stern», heute Sparkasse, Neubau.

1615

Dillingen*

Haus Hafenmarkt 15, Neubau.

1617

Eichstätt

Benediktinerinnenkloster St. Walburga, Konventneubau.

1617

Binswangen*

Bruderschaftskapelle Maria vom Skapulier, Neubau.

1617

Eichstätt

Jesuitenkirche (Schutzengelkirche), Neubau mit P. Jakob Kurrer SJ.

1617–1620

Regensburg

Mittelschiff-Gewölbe im gotischen Dom.

1618

Aufkirch

Pfarrkirche St. Peter und Paul, Neubau.

1618–1626

Dillingen

Haus Königstrasse 41 (Haus Alberthals, heute umgebaut), Neubau.

1619

Dillingen

Regentiebau des Konvikts St. Hieronymus, Königstrasse 7

1619–1621

Innsbruck

Jesuitenkirche, Neubau, ohne Bauvollendung (Entlassung 1621 wegen Unstimmigkeiten mit P. Christoph Scheiner). Einsturz noch vor der Schiffswölbung 1626 wegen Mauermängel und falsch konstruiertem Dachstuhl. Neubau 1627–1635 durch nach Schema Il Gesù durch einheimischen Meister.

1619–1621

Dillingen

Stadtpfarrkirche St. Peter, Neubau als Freipfeilerkirche. Wegen Dachstuhlschub Schäden an Aussenmauern. 1643 als Wandpfeilerkirche zu Lasten des Vermögens von Alberthal verändert.

1619–1628

Neuburg an der Donau

Hofkirche, Turm und Westfassade, mit Antonio Serro, Neubau.

1624–1627

Steppach

Pfarrkirche St. Gallus, Neubau.

1626

Sigmaringen

Schloss, Neubau Portaltrakt und Josephskapelle sowie Umbauten.

1627–1630

Dillingen

Neubau des Universitätsgebäudes. Baubeginn nach Plänen Alberthals nördlich bei Kolleg-Nordflügel. Unterbruch nach zwei Stockwerken wegen Dreissigjährigem Krieg. Abbruch 1688.

1628

Langenenslingen

«Schlössle», Umbau (zerstört 1633).

1630

Bratislava (Pressburg)

Schlossumbau, Arbeiten im Klarissinnenkloster und in der Franziskanerkirche.

1635–1637

 

  Hans Alberthal (Giovanni Albertalli) um 1575–um 1657  
  Biografische Daten        
  Geburtsdatum Geburtsort     Land  
  um 1575 Roveredo?   Graubünden (CH)  
    Land 18.Jh.     Bistum 18.Jh.  
    Freistaat Graubünden   Chur  
  Sterbedatum Sterbeort     Land  
  um 1657 Unbekannt   Unbekannt  
    Land 18. Jh.     Bistum 18. Jh.  
    Unbekannt   Unbekannt  
  Kurzbiografie        
  Hans Alberthal ist einer der frühen Misoxer Baumeister, die am Ende des 16. Jahrhunderts im Norden der Alpen sesshaft werden. Seine wichtigsten Werke sind die frühbarocken Wandpfeilerkirchen für die Jesuiten in Dillingen und Eichstätt. Sein Name ist mit der Jesuiten- oder Studienkirche in Dillingen verbunden. Er baut diese erste eigentliche Barockkirche süddeutscher Prägung 1610–1617, zeitgleich mit den ersten römischen Barockbauten, in der Planung allerdings stark beeinflusst durch die baukundigen Jesuiten. Das tektonische Schema der Studienkirche von Dillingen wirkt noch bis zu den 150 Jahre jüngeren Kirchenbauten von Zwiefalten und Ottobeuren nach.     AlberthalNeuburg  
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Die Turmfassade der Hofkirche von Neuburg an der Donau ist ein Gemeinschaftswerk der beiden Landsleute Hans Alberthal und Giovanni Serro aus Roveredo im Misox. Sie vollenden damit 1624–1627 ein Bauwerk, an dem seit 1607 Gilg Vältin (Egidio Valentini) baut. Auch er ist ein Landsmann aus Roveredo.

Bild: Patrick Huebgen in Wikipedia.