Ulrich V. Rothheusler (1653–1699)

Abt OSB in Zwiefalten 1692–1699, auch Rothheisler oder Rothenheusler geschrieben.

Nur aus den kurzen Bemerkungen in der Totenrote[1] ist eine Rekonstruktion der Lebensdaten des am 17. März 1692 neu gewählten Abtes Ulrich V.[2] möglich. Er wird 1653 in der Herrschaft Weingarten geboren, legt 1672 Profess ab und wird 1681 zum Priester geweiht. Er studiert in Dillingen und lehrt nach seiner Rückkehr an der Klosterschule Philosophie und Theologie. Er ist Novizenmeister, Ökonom, vor seiner Wahl Prior, auch Sekretär der Oberschwäbischen Benediktinerkongregation. In der kurzen Amtszeit sorgt der dritte barocke Bauabt für die Fertigstellung des Klosters. Für den noch fehlenden Südflügel und den Zwischentrakt, der die Verbindung zum Chor erhält, zieht er den Baumeister der Kirche von Marienberg und des nahen Klosters Obermarchtal, Franz Beer II bei. 1698 überträgt er dem Vorarlberger auch den Neubau des Kollegiums in Ehingen. Hier erwirbt Abt Ulrich V. die vormalige Stadtburg und nun österreichische Statthalterei als Baugelände. Er erweitert das Gymnasium mit einem Lyzeum und zieht den letzten Zwiefalter Professor aus Salzburg zugunsten der nun eigenen Bildungsstätte in Ehingen ab. Ein wichtiger Teil der Zwiefalter Patres ist nun an der Klosterschule oder am Kolleg Ehingen als Lehrer beschäftigt. Ebenfalls 1698 erwirbt er vom Hochstift Chur für 90 000 Gulden die fünf Wegstunden nördlich gelegene Herrschaft Gross-Engstingen.[3] Gleichzeitig kann er vom Herzog von Württemberg die oberste Gerichtsbarkeit und die Jagdgerechtigkeit in der Zwiefalter Herrschaft erreichen. Zwiefalten kann sich mit rund 100 000 Gulden Jahreseinnahmen und einer zahlenmässig kleinen und kostengünstigen Verwaltung solche Ausgaben leisten.
Dem vorzüglichen Abt ist keine lange Regierung vergönnt. Er stirbt am 24. April 1699 im Alter von 46 Jahren an einer kolikartigen Krankheit.

Pius Bieri 20101

Benutzte Literatur:
Lindner, Pirmin: Fünf Professbücher süddeutscher Benediktinerabteien. Band III. Kempten und München 1910.[4]
Holzherr, Karl: Geschichte der ehemaligen Benediktiner- und Reichs-Abtei Zwiefalten. Stuttgart 1887.

[1] Die Totenrotel (von Rotel=Pergamentrolle aus lat. rotulus «Rolle», «Rädchen») ist ursprünglich eine schriftliche Todesbotschaft im mittelalterlichen Klosterwesen und wird in der Barockzeit im Sinne einer Memorialkultur weitergepflegt und oft auch in gedruckter Form an andere Klöster weitergeleitet.

[2] So nennt er sich nach dem Klostereintritt. Der bürgerliche Vorname wird bei Holzherr und Lindner nicht genannt.

[3] Gross-Engstingen wird 1750 wieder an Württemberg abgetreten, zusammen mit weiteren Dörfern und einer Zusatzzahlung von 210 000 Gulden, als sich Zwiefalten die Reichsfreiheit erwirbt.

[4] Kurztext Pirmin Lindner:
43.) Ulrich V. Rothheisler aus Weingarten, zum Abt erwählt 17. März 1692. Vor seiner Erwählung war er Professor Philosophiae peripateticae et Theologiae im Kloster, und (wie sich der Rotel darüber ausdrückt) inusitata claritate et doctrina excellens; Novizenmeister, Oekonom, Secretär der schwäbischen Benediktiner-Congregation sub titulo S. Josephi; Prior 1688–1691. Er setzte den angefangenen Umbau des Klosters wieder fort, errichtete das Mausoleum für die Stifter des Klosters (deren Gruft er hatte öffnen lassen), begann den Bau des Collegiums zu Ehingen, und erwarb 1698 für 90,000 fl. vom Bistume Chur die Herrschaft Gross-Engstingen. Für die Disciplin und Beförderung der Studien war er eifrig tätig und erwarb das Haupt der hl. Agnes (ehem. im Stifte Alpirsbach) und einen Arm des hl. Laurentius. Im Hungersjahre 1692 hatte er allein an Brodspenden für Arme 12,000 fl. aufgewendet. Abt Ulrich starb an einer im Kloster grassierenden Kolik 24. April 1699. Sein Portraet in Kupfer steht als Titel-Vignette in den Annales Zwifaltensis von Sulger. Die Rotel spendet ihm folgenden Nachruf: «Admirabili quadam comitate in sui desiderium et amorem rapuit, quotquot illius alloquio et consuetudine uti volebaut. Obiit colica convulsiva aet. anno 46, religionis 27, sacerdotii 18.»
(Holzherr, Geschichte von Zwiefalten, S.143–144).

Das Kloster Zwiefalten nach der Vollendung der Neubauten zur Regierungszeit des Abtes Ulrich V.

Anmerkung: Alle Porträt-Gemälde der Äbte von Zwiefalten sind seit 1803 verschollen oder zerstört. Auch die Epitaphien der ersten Barockäbte sind seit dem Münsterneubau zerstört. Abt Ulrich V. wird in dieser Äbtegruft unter der runden Benediktuskapelle (oben rechts) begraben.
  Abt OSB Ulrich V. Rothheusler (1653–1699) von Zwiefalten  
  Biografische Daten     Zurück zum Bauwerk  
  Geburtsdatum Geburtsort       Land 18. Jahrhundert  
  1653 Weingarten (D)   Abtei Weingarten  
  Titel und Stellung         Regierungszeit  
  Abt OSB   1653–1699  
  Sterbedatum Sterbeort       Land 18. Jahrhundert  
  24. April 1699 Zwiefalten (D)   Abtei Zwiefalten  
  Kurzbiografie              
 
Dem Abt Ulrich V. Rothheusler ist nur eine kurze Regierungszeit vergönnt. Seine Hauptleistung als Bauabt ist die Fertigstellung des Klosterneubaus mit dem Vorarlberger Baumeister Franz Beer. Er ist auch treibende Kraft für den Kolleg-Neubau in Ehingen, den er noch beginnen kann, aber dann vom Nachfolger fertig gebaut wird. Der Erwerb der Herrschaft Gross-Engstringen zeigt die wirtschaftliche Potenz der Abtei gegen Ende des Jahrhunderts.
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