Wolf Dietrich von Raitenau (1559–1617)

Fürsterzbischof von Salzburg 1587–1612

Rom und Salzburg

Familie
Wolf Dietrich (Wolfgang Theoderich) wird am 26. März 1559 als Sohn von Hans Werner III. von Raitenau[1] und der Helena Gräfin von Hohenems geboren.[2] Geburtsort ist der Vorgängerbau des heutigen Schlosses Hofen bei Lochau am Bodensee.[3] Sein Vater ist kaiserlicher Rat, Oberst und österreichischer Vogt in Burgau. Die Hochzeit der Eltern von 1558 ist für das Kleinadelsgeschlecht von grosser Bedeutung, denn nun sind die Raitenauer nicht nur mit der bedeutenden regionalen Hochadelsfamilie der Hohenems, sondern auch mit der Mailänder Familie Medici, ihrem Papst Pius IV. und mit Carlo Borromeo[4] verwandt. Wolf Dietrich ist Erstgeborner. Ihm folgen 10 weitere Geschwister, die das Erwachsenenalter erreichen.[5]

Jugend in Rom
Die ersten Schuljahre verbringt Wolf Dietrich in Günzburg. Schon 1570 verschafft ihm sein Onkel Mark Sittich von Hohenems eine Domherrenpfründe in Konstanz. Zielstrebig werden die notwendigen weiteren Sitze für eine geistliche Karriere angepeilt. 1574 verhilft ihm der weitere Onkel, Papst Pius IV, zu einem Sitz in Basel.[6] Im gleichen Jahr ist der inzwischen 15-Jährige in Pavia als Student der Rechte eingetragen. Italienisch dürfte er schon früh bei seiner Mutter gelernt haben. Ein Onkel seines Vaters, Johann Ulrich von Raitenau, Fürstabt in Murbach,[7] bestimmt ihn ein Jahr später zum Koadjutor der Abteien Murbach und Lüders. Nachdem sein Onkel Mark Sittich 1576 sein Salzburger Kanonikat dem jungen Neffen überlässt, scheint die Sammlung der Kanonikate vollständig.[8] In diesem Jahr beginnt der jetzt 17-jährige Wolf Dietrich das Studium am Collegium Germanicum[9] in Rom. Der Onkel und Kardinal Mark Sittich, der seine Bischofspflichten in Konstanz zugunsten einer prunkvollen Hofhaltung in Rom völlig vernachlässigt, ist sein Mentor. Er nennt sich in Rom Marco Sittico di Altemps. Dem geschäftigen Kardinal ist humanistische Bildung fremd. In ihm steckt aber eine grosse Baulust. Seine weitere Leidenschaft ist das Kriegswesen.[10] Beide Leidenschaften teilt er mit seinem Neffen. Wolf Dietrich bleibt jetzt fünf Jahre in Rom.

Zum Exkurs: Das römische Umfeld 1576-1581 und die Bauten des Kardinals Mark Sittich

1581 kehrt Wolf Dietrich zurück und besucht erstmals die Kapitel, in denen er Einsitz hat und von deren Pfründe er sein Einkommen bezieht. Die vollen Privilegien werden aber dem 22-jährigen noch nicht gewährt, sodass er schnell aus Murbach abreist und mit dem Basler Kapitel in Arlesheim einen Amtsverzicht gegen ein Jahresgehalt von 200 Talern aushandelt. Die nächsten zwei Jahre ist er auf Reisen in Frankreich, Spanien und Italien. Im September 1583 wird er in der Latereanskirche von Rom zum Subdiakon geweiht. 1584 nimmt er erstmals seinen Sitz im Domchor von Salzburg ein. Nach einem Residenzjahr werden ihm Sitz und Stimme im Salzburger Kapitel zugestanden. Er ist jetzt immer wieder in Salzburg anzutreffen, hält es aber nie lange in der verwinkelten, weitgehend vom Mittelalter geprägten Stadt aus. Er lernt in diesen Jahren die Salzburger Bürgertochter Salome Alt kennen.[11] Sie bleibt während 22 Jahren seine offizielle Lebensgefährtin. Mit ihr hat er 15 Kinder, die er alle legitimiert und für die er wie ein Familienvater sorgt. Für Salome baut er 1606 ausserhalb der Stadtmauern das Schloss Altenau.[12] Die «Love Story» des Wolf Dietrich mit der Salome Alt wäre im damaligen Rom kaum erwähnenswert, im gegenreformatorisch geprägten Norden wird sie ihm angelastet. Sie zeigt aber einen seiner sympathischen Züge.

Fürsterzbischof von Salzburg
Am 2. März 1587 wird Wolf Dietrich überraschend zum neuen Erzbischof von Salzburg gewählt. Er ist jetzt 28 Jahre alt. Ausserhalb der Domkirche trifft man ihn bisher nur mit spanischem Federhut, Wams und Degen an. Er hat lediglich eine niedere Weihe und lebt in eheähnlicher Gemeinschaft mit Salome Alt. Die Wahl verdankt er dem Einfluss seines Onkels in Rom. Zeitgenossen beschreiben Wolf Dietrich als «in weltlichen Schriften ziemlich gelehrt und belesen, mit schneller Auffassungsgabe und hohen Geistes». Am 18. Oktober 1587 weiht ihn der Fürstbischof von Passau zum Bischof. Schnell beginnt er die Hofhaltung und das Militär zu reorganisieren. Im Geiste Machiavellis setzt er den fürstlichen Absolutismus früh durch, indem er Domkapitel und Landstände weitgehend entmachtet. 1588 unternimmt er für zwei Monate eine Romfahrt. Über die Gründe wird gerätselt.[13] Ihm gutgesinnte Chronisten bezeichnen es als Antrittsbesuch bei Papst Sixtus V. und Orientierung über die Massnahmen zur Stärkung der katholischen Konfession. Tatsächlich beginnt sofort nach der Rückkehr ein hartes gegenreformatorisches Regime. Protestanten werden aus dem Staatsdienst entfernt und als Bürger der Stadt nicht mehr geduldet. Viele Reiche und Vornehme verlassen jetzt das Land. Schon um 1595 wird Wolf Dietrich in Religionsangelegenheiten toleranter, vielleicht wegen der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen um die Kardinalswürde, vielleicht auch wegen der Neuorganisation der Staatsverwaltung, die jetzt vermehrt seine Aufmerksamkeit beansprucht. Seine Gegner bezeichnen ihn deswegen später als Freund der Protestanten. In Wirklichkeit lassen aber seine Bemühungen um die Durchsetzung der tridentinischen Reform nicht nach. Sie sind sein echtes Anliegen, auch wenn bei vielem, wie bei der Gründung eines Seminars zum Priesternachwuchs, der Nuntius Ninguarda[14] treibende Kraft ist. Zur Behebung des Priestermangels ruft Wolf Dietrich zudem die Kapuziner und Augustiner-Eremiten nach Salzburg und baut ihnen die notwendigen Konvente.[15]
Speziell ist sein Verhältnis mit den schon seit 1583 in der Stadt wirkenden Franziskaner. Schwierigkeiten mit ihrem Klosterstandort, dem zugunsten der Franziskaner aufgehobenen Kloster der Petersfrauen, können behoben werden. 1592 übergibt Wolf Dietrich die Pfarrkirche, die bis 1605 noch mit dem Kloster zusammengebaut ist, den Franziskanern. Nach dem Dombrand 1598 wird die Kirche, jetzt Franziskanerkirche genannt, bis 1628 auch Domkirche. Umbauten im Chor, vor allem aber der 1605 erfolgten Neubau der Residenz an ihre Nordseite lassen sie zur eigentlichen Hofkirche werden. Wolf Dietrich will mit den Franziskanern auch den Rückstand im Salzburger Bildungsangebot beheben, scheitert aber am Unwillen der Ordensleute für die Übernahme des Schuldienstes.[16]
Er ist zudem ein grosser Freund und Förderer der geistlichen Musik. Die Neuorganisation der «Musica» nimmt er selbst an die Hand. 75 bis 80 Musiker, teilweise an anderen Höfen abgeworben, stehen jetzt in seinen Diensten. Er legt damit den Grundstein für eine bis zur Säkularisation nicht mehr abbrechende Musikkultur am Hof von Salzburg.

Gestalter des neuen Salzburg

Das Neugebäude

In den gleichen Jahren, in denen Papst Sixtus V. und sein Baumeister Domenico Fontana den Umbau der Stadt Rom zur wegweisenden Barockstadt vorbereiten, beginnt Erzbischof Wolf Dietrich mit einem Stadtumbau, der Salzburg im kommenden 17. Jahrhundert ebenfalls zur Barockstadt werden lässt. In den wenigen Jahren seiner Regierung verändert er das Aussehen Salzburgs vollständig. Schon im zweiten Jahr seiner Regierung beginnt er grosse Teile des mittelalterlichen Zentrums niederreissen, um Platz für das Neugebäude[17] der Residenz zu machen. Auch dem Palais seines Bruders, dem Hannibal-Palast,[18] müssen 1594 wieder Häusergruppen weichen. Das Neugebäude verbindet er mit dem alten Bischofshof durch einen Arkadengang über der zurückgesetzten Mauer des Domfriedhofs. 1595 lässt er den Sebastiansfriedhof in der nördlichen Vorstadt bauen, um den nördlich des Doms gelegenen Friedhof völlig aufzuheben. Dies ist 1597 der Fall. Nun lässt Wolf Dietrich den Friedhof mit dem neuen abschliessenden Verbindungsgang entfernen. Der Residenzplatz ist damit im heutigen Umfang geschaffen.

Neue Wegachsen
Südlich des Neugebäudes lässt Wolf Dietrich entlang einer neuen Strassenachse, der Kapitelgasse, viergeschossige Domherren-Palais und Kapitelbauten bauen. Die Kapitelgasse verbindet den Kapitelplatz nördlich des Doms in gerader Linie mit der Kaigasse. Die markante Dompropstei (Kapitelplatz 1), das Kapitelhaus (Kapitelgasse 4) und die Domdechantei (Kaigasse 12) werden nach 1602 als Ersatz für die Räume des ehemaligen Domklosters geschaffen, das Wolf Dietrich zusammen mit dem alten Dom 1606 abbrechen lässt.
Nach dem Bau des Hofmarstalls, dem heutigen Festspielhaus, lässt Wolf Dietrich auch eine direkte Verbindung vom Domplatz zur Hofstallgasse erstellen. Er durchbricht das mit der Franziskanerkirche zusammengebaute Kloster, das er 1605 neu baut und stellt die Verbindung zur Kirche mit einem Schwibbogen über der neuen Franziskanergasse her.

Der neue Dom
Am 11. Dezember 1598 brennt die mittelalterliche Domkirche. Wolf Dietrich plant nach den ersten Sicherungsmassnahmen einen Umbau. Er will das romanische Bauwerk mit seinen grossen Niveaudifferenzen und dem dunkeln Innenraum modernisieren. Bis 1602 wird an der Neugestaltung gearbeitet, dann stürzen Teile des Langhausgewölbes ein. Jetzt beschliesst der Fürsterzbischof trotz bereits dreijähriger Arbeiten am alten Dom einen völligen Neubau. Die Arbeiten werden eingestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt dürfte er zusammen mit dem Stuckateur und Hofbaumeister Elia Castello selbst geplant haben. Für die nun notwendige Neubauplanung zieht er den Venezianer Vincenzo Scamozzi[19] bei, der ihm vermutlich über den Kanoniker in San Marco, Giovanni Stringa, vermittelt wird.[20] Der Architekturtheoretiker Scamozzi hält sich noch Anfang 1604 in Salzburg auf. Er erwähnt später die Berufung nach Salzburg auch als Planungsauftrag für die Verlängerung des Neugebäudes zur Salzach. Die Planungen Scamozzis für die Neugestaltung des Residenzviertels mit Platzräumen und dem Neubau der Domkirche hinterlassen bei den weitern Überlegungen des Fürsterzbischofs deutliche Spuren. Das Domprojekt Scamozzis, das dieser erst 1606/07 in Italien zeichnet, ist Wolf Dietrich dann aber zu aufwendig, oder, was wahrscheinlicher ist, ihm noch gar nicht bekannt. 1606 lässt er die alte Domkirche und das südlich angebaute «Domkloster» des Domkapitels abbrechen.[21] Als er 1611 mit dem Neubau der Domkirche beginnt, basiert dieser auf einer völlig anderen Planung als der später von Scamozzi veröffentlichte Entwurf. Vielleicht ist der Plan sogar vom baubegeisterten Fürsterzbischof selbst verfasst.[22] Dieser hat sich inzwischen zum profunden Sachverständigen in Baukunst weitergebildet und ist im Zusammenhang mit dem Bau einer neuen Salzachbrücke sogar Verfasser eines Architekturtraktates.[23]

Die Residenz
Nach dem Dombrand wird die Stadtpfarrkirche, seit kurzem auch Kirche der Franziskaner, für die Domgottesdienste benutzt. Sie bildet nach dem 1605 durch Wolf Dietrich begonnenen Residenz-Neubau den südlichen Abschluss des neuen Westtraktes, der heute als Toskana-Trakt bezeichnet wird. Der Südflügel des «Dietrichsruh» genannten Südhofes ist direkt an die Franziskanerkirche gebaut. Deren Chor wird in der Folge frühbarock umgestaltet. Schon 1604 hat der Fürsterzbischof, vielleicht sogar nach Planungsideen Scomazzis, den neuen «Hofbogen» als Westabschluss des Domplatzes begonnen und auch den Ostflügel des alten Bischofshofes am Residenzplatz nach Norden verlängert. 1606 beginnt er mit dem völligen Umbau des alten Bischofshofes, der mit den Flügeln um den heutigen Haupthof identisch ist. 1611 sind die Neu- und Umbauten der Residenz im Wesentlichen beendet. Wolf Dietrich ist damit auch Erbauer der heutigen Residenz. Sein Nachfolger Markus Sittikus vollendet nur noch wenige nicht fertiggestellte Bauteile. Erst in klassizistischer Zeit wird 1788–1792 der Residenzbau von Wolf Dietrich im nordwestlichen Eckbereich und entlang der heutigen Sigmund-Haffner-Gasse (der alten Kirchgasse) teilweise zerstört.

Neubau   Residenz   Marstall
Gebäude von Wolf Dietrich von Raitenau, welche Salzburg noch heute prägen
Das Neugebäude, 1589–1604 als östlicher Abschluss des neuen Residenzplatzes gebaut, wird heute als «Neue Residenz» bezeichnet. Die dominierend Domkirche wird in dieser Form erst 1612–1628 gebaut.   Den Residenzneubau beginnt er 1606 und kann den Komplex mit seinen drei Höfen beinahe vollenden. Soeben fährt eine sechsspännige fürsterzbischöfliche Kutsche mit Eskorte aus der Residenz.   Den Hofmarstall für 150 Pferde baut er 1607–1609. Blick von der Pferdeschwemme in die Hofstallgasse. Das Gebäude wird 1956–1960 als Festspielhaus umgebaut.
Bildausschnitte aus dem Stich des Residenzplatzes von Johann Sibylla Küsell um 1690 (Archiv Salzburg Museum, 807-49).   Stich 1800 von Karl Schneeweis in: Salzburger Bauten. UB Salzburg.

 Der Hofmarstall
1607-1609 lässt Wolf Dietrich entlang der Mönchsbergwand den dreizehnachsigen Hofmarstall als repräsentative Unterkunft für 150 Pferde, auch als Ersatz für die nun aus der Residenz verbannten Ställe mit Wagenremise und Speicher bauen.[24] Der zweigeschossige Bau definiert die heutige Hofstallgasse. Die Wegachse zum Dom wird mit der neu geschaffenen Franziskanergasse[25] fortgesetzt. 1956 bis 1960 wir der Hofmarstall von Clemens Holzmeister völlig umgebaut und, auf drei Geschosse aufgestockt, zum Salzburger Festspielhaus.

Bauten in den Vorstädten
Ausserhalb der rechtsufrigen Altstadt zeugen mehrere Bauten vom Wirken des Erzbischofs. Nachdem er die Kapuziner nach Salzburg holt, baut er ihnen 1599–1602 die dominante Klosteranlage auf dem Kapuzinerberg. Den Augustiner-Eremiten stellt er gleichzeitig die Kollegiatskirche in der Vorstadt Mülln zur Verfügung und baut ihnen das neue Kloster. 1606 lässt er für seine Lebenspartnerin das Schloss Altenau, heute Mirabell genannt, nach dem Vorbild römischer «Ville suburbane» errichten. Bei allen diesen Bauten ist er sicher konzeptionell mitplanend, wenn nicht sogar Entwerfer. Die ausführenden Baumeister sind im Kreis der Hofbaumeister zu suchen. Die Oberleitung der höfischen Bauten hat bis 1600 Andrea Bertoletti mit seinem Sohn Giacomo, später ist es Elia Castello.[26]


Das Ende

Salzkrieg mit Bayern
1697 wird Maximilian I. neuer Herzog von Bayern. Die schon immer belasteten Beziehungen zwischen Bayern und Salzburg verschlechtern sich jetzt rapide. Neue Reibungspunkte gesellen sich zusätzlich zu den schon immer vorhandenen Annektionsgelüsten der Wittelsbacher auf das Fürstbistum Salzburg. Die Weigerung von Wolf Dietrich, der vom Bayernherzog 1609 gegründeten Katholischen Liga beizutreten, ist verständlich, wird aber wie alle seine Handlungen von den Gegnern sofort ausgenützt. Er ist kein Diplomat und verscherzt es auch mit dem Kaiser, dem er die salzburgischen Truppenkontingente für den Türkenkrieg kürzt. Wichtigster Reibungspunkt mit Bayern ist das Salz. Die ergiebigste und kostengünstigste Saline für den süddeutschen Raum ist Hallein bei Salzburg. Der Wassertransport und damit der Export des Salzes ist aber nur auf den Grenzflüssen Salzach und Inn möglich. Ein Vertrag von 1594 sichert Bayern den Vertrieb bis zur Donau zu, im Gegenzug erhält Salzburg eine Absatzgarantie von jährlich rund 21'000 Tonnen Salz aus Hallein. Diese Absatzgarantie ist dem hochverschuldeten Bayernherzog Maximilian seit dem Rückgang des Salzhandels mit Böhmen ein Dorn im Auge. Noch mehr von machiavellischem Geist als der Salzburger Erzbischof durchdrungen, versucht er diesen im Herbst 1610 mit einer Verdoppelung des Zolles auf Halleiner Salz zu provozieren. Tatsächlich kündigt Mark Dietrich im Frühjahr 1611 den Salzhandelsvertrag. Bayern blockiert sofort die Ausfuhr aus Hallein und fördert die Produktion der Saline in Reichenhall, die aber niemals die notwendige Kapazität für die Salzversorgung des süddeutschen Gebietes aufweist. Der Salzkrieg eskaliert im Oktober 1611. Mark Dietrich lässt die von Bayern umworbene, aber noch reichsunmittelbare Fürstpropstei Berchtesgaden besetzen. Er will sie als Faustpfand für ein Schiedsgericht nutzen. Herzog Maximilian sieht jetzt sein Ziel erreicht. Er benutzt die Gelegenheit und entsendet unter dem Vorwand der Wahrung des Landfriedens ein bayrisches Heer von 10 000 Mann unter dem Oberbefehl von Tilly, das nach einem kurzen Ultimatum das Fürstbistum einnimmt. Wolf Dietrich flieht nach der Eroberung der Festung Tittmoning in die Berge. Die Truppen haben den Befehl, ihn tot oder lebendig zu ergreifen. Das Salzburger Domkapitel, in dem er wegen des strengen Regiments nur Feinde hat, begrüsst die bayrische Intervention.

Gefangenschaft und Lebensende
Am 28. Oktober 1611 wird Mark Dietrich kurz vor dem Erreichen der Burg seines Bruders im kärntischen Gmünd von bayrischen Truppen gefangen genommen, vorerst nach der Festung Hohenwerfen und dann, immer mit Einwilligung des Domkapitels, am 23. November auf die Festung Hohensalzburg verbracht. Herzog Maximilian I. lässt jetzt in Rom mit grossem Aufwand mittels Verleumdungen, verbunden mit Drohungen und unter Einbezug des Domkapitels, die Absetzung seines Gegners betreiben. Nicht der Salzkrieg, sondern der Lebenswandel des Fürsterzbischofs, vor allem aber eine erfundene geplante Umwandlung des Erzbistums in eine weltliche Herrschaft unter Beteiligung der Protestanten, werden als Gründe vorgebracht. Obwohl Papst Paul V. durch das bayrische Vorgehen schockiert ist und vielleicht auch die Anschuldigungen durchschaut, kann er dem Führer der Katholischen Liga nicht Paroli bieten und lässt Wolf Dietrich durch seinen Nuntius  als Gefangenen des Papstes bezeichnen. Am 7. März 1612 erreicht der Nuntius die Abdankung von Wolf Dietrich als Fürsterzbischof von Salzburg. Inzwischen hat Herzog Maximilian I. die bayrischen Truppen abgezogen. Aber weder der Herzog noch das Domkapitel denken an die vereinbarten Freilassung und Pension für Mark Dietrich. Beide stellen ihn als für den Religionsfrieden zu gefährlich dar. Auch sein Cousin und Nachfolger als Salzburger Fürsterzbischof, Markus Sittikus von Hohenems, stellt sich gegen die Freilassung. In Salzburg argumentiert Markus Sittikus, dass sein Cousin Gefangener des Papstes sei. Gegenüber dem Papst argumentiert er wegen dessen Gefährlichkeit durch die Verbindungen zu protestantischen Fürsten. So bleibt Wolf Dietrich von Raitenau bis zu seinem Tod am 16. Januar 1617 auf Hohensalzburg in Gefangenschaft. Nach seinem Tod gewährt ihm sogar sein Gegner Markus Sittikus ein prunkvolles öffentliches Begräbnis. Die letzte Ruhestätte findet er in der schon 1603 fertiggestellten Gabrielskapelle auf dem Sebastiansfriedhof.

Die Wappen

WappenRaitenau

1. Stammwappen. Quelle: Wappenbuch Johann Siebmacher 1605.
2. Wappen Fürsterzbischof Wolf Dietrich von Raitenau 1594. Quelle: Bayerische Staatsbibliothek.
3. Vermehrtes Wappen Wolf Dietrich von Raitenau im Tugendensaal des Neugebäudes 1602. Foto: Wikipedia.
4. Das Amstwappen als vermehrte Raitenauer Wappen und dem Wappen des Erstifts Salzburg an der Decke des
    Feldherrensaal im Neugebäude. Foto: WolfD59 2013in Wikipedia. Das Prunkwappen ist ein Werk von Elia
    Castello um 1602. > Foto Wappen im Feldherrensaal.

Das Stammwappen der Raitenauer zeigt in Silber eine schwarze Kugel. Noch der Vater von Wolf Dietrich benutzt es in dieser Einfachheit.[27] Die in der Literatur behauptete Herkunft vom Wappen der Medici kann ausgeschlossen werden. Eine Verwandtschaft mit der Mailänder Familie der Medici besteht erst seit 1558.
Das quadrierte Wappen von Fürsterzbischof Wolf Dietrich, das 1594 anlässlich des Reichstags zu Regensburg gezeichnet wird, zeigt in Feld 2 und 3 das Stammwappen. In Feld 1 und 4 ist das Salzburger Wappen zu sehen. Das Wappen Salzburg ist gespalten und zeigt vorne in Gold einen schwarzen Löwen, hinten in Rot einen silbernen Balken. Auffallend ist an der Regensburger Wappendarstellung das Oberwappen, das keine übliche Helmzier mit Krummstab, Inful und Schwert aufweist, sondern nur mit dem scharlachroten Kardinals-Galero aufwartet, der dem Primas Germaniae, dem Erzbischof von Salzburg zusteht. Die Anzahl der Fiocchi oder der Quasten bedeutet den hierarchischen kirchlichen Rang. Meist sind es sechs Fiocchi in drei Reihen.[28] Derart ist auch das Wappen auf den beiden Porträts von 1589 (Memberger) und 1595 (Custos) zu sehen.[29]
Bedeutend komplizierter sind die nach 1600 geschaffenen Wappen von Wolf Dietrich, wie die beiden Stuckwappen an den Decken des Saals der Tugenden und des Feldherrensaals im Neugebäude der Residenz und auch viele in der Stadt verteilte Steinwappen zeigen.
Wolf Dietrich «verbessert» hier sein Stammwappen mit den Wappen zweier ausgestorbener Geschlechter, die mit seinem Stammbaum kaum Gemeinsamkeiten haben. Von der Dienstadelsfamilie Meier zu Reitnau im aargauischen Zofingen übernimmt er den gespaltenen, rot-silbernen Schild, darin der von zwei Straussenfedern begleitete Meierhut in gewechselten Farben.[30] Das zweite entlehnte Wappen ist der in den Farben verwechselte Schild der Herren zu Eschenz im Thurgau.[31] Er ist gespalten von Silber und Blau, vorn mit einem rotem Löwen, hinten mit einem silbernen Schrägbalken.
Mit diesen beiden Vermehrungen ist der Schild Raitenau jetzt noch immer quadriert, besteht aber nur noch aus den Wappen Meier (Feld 1 und 4) und Eschenz (Feld 2 und 3). Das alte Stammwappen, die schwarze Kugel, ist auf das Herzschild verbannt. Derart gestaltet ist der Schild Raitenau im Saal der Tugenden von 1602 zu sehen.
Im Feldherrensaal halten Engel den Prachtschild des Fürsterzbischofs. In diesem eigentlichen Amtsschild ist das neue quadrierte Raitenauwappen oben mit den beiden Feldern des gespaltenen Wappen des Erzstifts Salzburg ergänzt. Im nun gespaltenen und zweimal geteilten Schild bleibt das Herzschild, die Kugel, aber weiterhin nur im Zentrum des Wappens Raitenau. Diesen Schild finden wir auch an verschiedenen Stellen der Stadt. Diese Marmorschilder sind wegen ihrer ausgeprägten Kugel im Herzschild sofort zu erkennen.[32]

Pius Bieri 2017

Die Porträts

Raitenau1589  

1589 malt der Konstanzer Maler Kaspar Memberger (um 1555–1618) den im Lehnstuhl sitzenden 30-jährigen Wolf Dietrich von Raitenau. Dieser lässt sich in Chorkleidung mit Rochett und Purpurmozetta darstellen. Er blickt etwas abwesend und mit hochgezogenen Augenbrauen zum Betrachter hinüber. Rechts sieht man auf dem Schreibtisch Kreuz, Glocke, Rosenkranz und Brevier. In den Händen hält er eine Pergamentrolle und ein Stofftuch. Nur die herabhängenden scharlachroten zehn «Fiocchi» in je vier Reihen am Wappenschild verraten den Rang des «Primas Germaniae», der dem Erzbischof von Salzburg zusteht.


Bild: Fürsterzbischof Wolf Dieter von Raitenau 1589, gemalt von David Memberger.
Standort: Neugebäude am Mozartplatz 1, Salzburg.
Quelle: Wikipedia by David Monniaux.

     
Raitenau2  

Diesem obigen «offiziellen» Porträt steht der bedeutend aussagekräftigere Stich von Dominicus Custos (1560–1612) gegenüber. Er ist mit 1597 datiert, aber auf Grund einer Vorlage von Martin de Vos und Peter Overadt gestochen und stellt demnach Wolf Dietrich von Raitenau im Alter von höchstens 38 Jahren dar. Er ist als Prälat im Brustbild dargestellt. Prüfend blickt er den Betrachter an, mit dem spitz nach oben gebogenen gezwirbelten Schnurrbart und dem kleinen spitzen Kinnbart ein leichtes Lächeln betonend. Das Biret trägt er keck leicht schief. Im Hintergrund gibt die Architektur einen Blick auf Salzburg frei. Darüber ist sein noch nicht vermehrter Wappenschild mit dem Prälatenhut, Schwert und Krummstab zu sehen.





Wolfgangus Theodericus archiepiscopus Salisburgensis
Bildquelle: Universitätsbibliothek Salzburg



Literatur:
Hübner, Lorenz: Beschreibung der hochfürstlich-erzbischöflichen Haupt- und Residenzstadt Salzburg und ihrer Gegenden. Erster Band – Topographie. Salzburg 1792.
Mayr-Deisinger: Wolf Dietrich von Raitenau, in: Allgemeine Deutsche Biographie, 1898. (Eine speziell bösartige Biografie, abzurufen unter http://www.deutsche-biographie.de/pnd118597973.html)
Steinbruck, Josef: Johann Baptist Fickler, in: Reformationsgeschichtliche Studien und Texte, Heft 89, Münster 1964.
Albrecht, Dieter: Maximilian I. von Bayern 1573–1651, München 1998.
Lippmann, Wolfgang: Der Salzburger Dom 1598–1630, Weimar 1999.
Wagner, Franz: Die Salzburger Residenz als Gegenstand kunstgeschichtlicher Forschung, in: Barockberichte, Heft 5 und 6, Salzburg 1992.
Schlegel, Walter: Zur Baugeschichte der Salzburger Residenz, in: Barockberichte, Heft 5 und 6, Salzburg 1992.
Ammerer, Gerhard und Hannesschläger, Ingonda (Hrsg.): Strategien der Macht, Hof und Residenz in Salzburg um 1600. Salzburg 2011.

 

Web:

Kindler von Knobloch, Julius: Oberbadisches Geschlechterbuch (Band 3): M – R.  Heidelberg 1919.
Stiftung Seeau
Wolf Dietrich von Raitenau in Wikipedia, Stand 2017

 

Anmerkungen:

[1] Johann Werner III. von Raitenau (um 1525/30–1593), kaiserlicher Rat, Oberst, österreichischer Vogt in Burgau. Er stirbt auf Kriegszügen in Kroatien und ist in St. Peter zu Salzburg in einem Hochgrab beerdigt. Inschrift: «Hie ligt begraben der Edl und gestreng Herr Herr / Johan Werner von Raithnaw zu Langenstein Ritter und Landsknecht-oberster / Welcher da er starb in Crobaten wider den Erb / feindt. Als man zelt 1593 iar».

[2]Helena Gräfin von Hohenems (um 1537–1586). Ihr Bruder Jakob Hannibal I. ist mit Hortensia Borromeo, der Halbschwester des Carlo Borromeo (Karl Borromäus), verheiratet. Helena von Hohenems ist eine Mailänder Medici. Ihr Bruder, der Onkel Wolf Dietrichs, ist Giovanni Angelo de Medici. Als Pius IV. ist er 1559–1565 Papst. Er setzt den Schwager und weiteren Onkel von Wolf Dietrich, Mark Sittich von Hohenems (1533–1595) auf den Konstanzer Bischofssitz. Der dieses Amtes unwürdige päpstliche Bruder hält sich dann meist in Rom auf und tritt erst unter Druck der Eidgenossen als Konstanzer Fürstbischof zurück. Helena von Hohenems stirbt auf Schloss Langenstein bei Orsingen. Seit 1568 ist das Schloss Familiensitz. Das eindrückliche Epitaph der Helena von Hohenems ist in der Kirche Orsingen zu sehen.

[3] Das heutige Schloss Hofen wird erst 1585–1616 gebaut. Es darf nicht mit dem Benediktinerpriorat Hofen, dem heutigen Schloss Friedrichshafen verwechselt werden.

[4] Carlo Borromeo oder Karl Borromäus (1538–1584), Erzbischof von Mailand und Kardinal. Er führt die tridentinische Kirchenreform in der Lombardei und der Schweiz konsequent durch und wird zum gegenreformatorischen Vorbild (mit entsprechender protestantischer Ablehnung) im süddeutschen Raum. Seine Tätigkeit nördlich der Alpen bedeutet auch ein Einfallstor der italienischen Baukunst.

[5] Davon acht eheliche Geschwister des Johann Werner III. mit Helena von Hohenems: Johann Jakob (1562–1587) / Jakob Hannibal (1563–1611) / Clara (um 1565–1612) / Hans Ulrich II. (1567-1622) / Anna Margareta (*um 1569) / Hans Werner IV. (*1571–nach 1608) / Cäcilie (um 1572–1592) / Hans Rudolf (1575–1633).

[6] Das Domkapitel residiert bis 1679 in Freiburg im Breisgau, nachher in Arlesheim.

[7] Johann Ulrich von Raitenau (1507–1587), wird von Papst Pius IV. 1560 zum Kommendaturabt von St. Maximin in Trier und zum Koadjutor der Abteien Murbach und Lüders eingesetzt. 1564 verzichtet Raitenau gegen hohe Bezahlung des amtierenden Abtes auf St. Maximin und kann 1570–1587 die gefürsteten Abteien Murbach und Lüders übernehmen.

[8] 1576–1578 nimmt stellvertretend der Vater Johann Werner die Pfründe.

[9] Collegium Germanicum, gegründet 1552 im Zuge der deutschen Gegenreformation durch Ignatius von Loyola, als Konvikt mit begleitetem Nachstudium. Unterricht ist am Collegium Romanum. Im 17. Jahrhundert wird es zunehmend zur Versorgungsanstalt der jungen Adeligen auf ihrer Kavalierstour durch Europa. Das Kollegium liegt bis 1798 an der Piazza di S. Apollinare, gegenüber dem Palazzo Altemps.

[10] 1550 beginnt Mark Sittich bei seinem Condottiere-Onkel Gian Giacomo de Medici die Militärkarriere, er ist schon 1556 Hauptmann und beendet die Militärlaufbahn erst nach der Ernennung seines Onkels zum Papst (1559). Zu Mark Sittich von Hohenems oder Marco Sittico di Altemps siehe die Kurzbiografie im Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) oder die ausführliche Biographie von Walter Lippmann (2001).

[11] Salome Alt (1568–1633), Kaufmannstochter aus Salzburg. 1600 erhebt Wolf Dietrich seine Lebensgefährtin in den Adelsstand. Sie und die Nachkommen nennen sich nun Alt von Altenau. Zu Salome Alt siehe den Wikipedia-Beitrag und den Beitrag der Stiftung Seeau.

[12] Altenau wird schon von Erzbischof Markus Sittikus in Mirabell umgetauft. Erzbischof Paris Lodron zieht es in sein neues Bastionensystem ein. Derart ist es auf dem Stich von Merian 1643 (Buchstabe D, unten) zu sehen. Das Schloss wird 1710–1727 von Lucas von Hildebrandt umgebaut.

[13] Er sei «mit Indulgenzen beladen, aber ringerem Sekel» zurückgekehrt, schreibt sein Hofrat und Kanzler Johann Baptist Fickler. Der Grund der Romreise liegt vermutlich im Streben von Wolf Dietrich nach der Kardinalswürde. Er gibt seine Ambitionen aber um 1595 nach drei Anläufen in Rom  auf, was auch seine neue Toleranz in gegenreformatorischen Dingen erklärt. Gegner der Kardinalswürde für Wolf Dietrich sind vor allem die Wittelsbacher und auch der Kaiser in Prag. 1591 beantragt der Bayernherzog Wilhelm V. beim Papst sogar die Absetzung des Raitenauers.

[14] P. Felician Ninguarda OP (1524–1594) aus Morbegno im Veltlin, 1559 Prokurator des Salzburger Erzbischofs am Konzil von Trient, Bischof von Scala bei Amalfi, Apostolischer Nuntius in Süddeutschland 1578–1583. Der Dominikanerpater entspricht dem Ideal eines tridentinischen Reformbischofs.

[15] Den Kapuzinern übergibt Wolf Dietrich das Areal der ehemaligen Schlossanlage auf dem Imberg, dem heutigen Kapuzinerberg. Für die Augustiner-Eremiten lässt der in der Vorstadt Mülln Kloster und Kirche errichten.

[16] Die Schulsituation im Salzburg des 16. Jahrhundert ist prekär. Nur in der Abtei St. Peter wird eine Lateinschule geführt. Aber auch die Mönche dieses Benediktinerklosters studieren an den Jesuitenhochschulen.

[17] Das Neugebäude oder der Neubau wird offiziell, aber irreführend, als «Neue Residenz» bezeichnet. Das mächtige Gebäude mit dem markanten Mittelturm liegt am Residenzplatz, gegenüber der neueren «alten» Residenz, und beherbergt heute das Salzburg-Museum. Entgegen der noch 1986 im Dehio «Salzburg» verbreiteten und damals längst widerlegten Baugeschichte ist das ganze Neugebäude mit seinen zwei Höfen in einer einzigen Bauetappe von 1588–1608 entstanden. Zur «Neuen Residenz» siehe den Wikipedia-Beitrag, dort allerdings noch immer mit der Zuschreibung der Südhofflügel an den Fürsterzbischof Max Gandolf. Zu solch langem Bestand an (fahrlässigen) Irrtümern in der Kunstgeschichte siehe Franz Wagner in «Barockberichte» Heft 5–6 Seite 149.

[18] Hannibal-Palast am Michaelsplatz, dem heutigen Mozartplatz. Er wird schon 1604 abgebrochen und am Hannibalplatz, dem heutigen Markartplatz, neu errichtet.

[19] Vincenzo Scamozzi (1548–1616) aus Vicenza ist ein Landsmann und Schüler von Palladio. Er hält sich 1578/79 und nochmals 1580 in Rom auf (Wolf Dietrich ist 1576–1581 in Rom), um die antiken Monumente aufzunehmen. Scamozzi ist in erster Linie Architekturschriftsteller. Sein 1615 erstmals erschienenes Werk  mit dem anspruchsvollen Titel «L’idea della Architettura universale» ist die versuchte Neufassung der zehn Bücher von Vitruvius mit einer Zusammenfassung der Werke von Serlio und Palladio. Nur die Bücher 1-3 und 6-8 erscheinen. Für das nicht erschienene Buch 5 zeichnet er 1606/07 den Idealentwurf des Salzburger Doms. Wie alle seine Bauten ist auch dieser Entwurf eine klare Absage an den Frühbarock. Mehr zu Vitruvius, Serlio, Palladio und Scamozzi siehe im Beitrag «Wege 1: Traktate» in dieser Webseite. Mehr zum Entwurf Scamozzi 1604 siehe im Beitrag «Salzburg, Domkirche hll. Rupert und Virgil» in dieser Webseite.

[20] Giovanni Stringa, Kanoniker von San Marco, ist mit Scamozzi befreundet. 1603 widmet er die 1604 gedruckte Ausgabe des Werkes von Francesco Sansovino: Venetia, Città nobilissima, an «Volfango Theodorico, Arcivescovo di Salzbvrgo». Im Vorwort erwähnt er den Aufenthalt der Musiker der Cappella di San Marco 1600 am Hof von Salzburg.

[21] Die vorliegenden Ausführungen zum Baugeschehen im Zeitraum 1599–1606 werden hier deshalb so ausführlich beschrieben, weil sie meist zum Nachteil Wolf Dietrichs ausgelegt werden. Allgemein geht die ältere Geschichtsschreibung davon aus, dass Wolf Dietrich nie eine Wiederherstellung des Doms geplant habe, und noch lange behauptet sich die Mär, die Konkubine Salome Alt sei die Verursacherin des Brandes. Die Mär ist 1611 Teil der Anklage des Herzogs Maximilian I. von Bayern im Vatikan. Mehr zum Anteil Wolf Dietrichs am Domneubau siehe in «Domkirche hll. Rupert und Virgil in Salzburg» in dieser Webseite.

[22] Der Planer, die Planung und das Bauvolumen sind unbekannt. Der nachfolgende Erzbischof Markus Sittikus lässt alle begonnenen Bauteile wieder abbrechen. Die Entwurfsplanung durch Wolf Dietrich ist deshalb nicht auszuschliessen, weil er als in Baukunst erfahren gelobt wird.

[23] 1599 wird die Salzachbrücke als Holzbrücke an der heutigen Stelle neu erstellt, wird aber schon 1605 durch Hochwasser weggerissen. Der Neubau einer Steinbrücke beginnt 1609, die 1611 fertiggestellten zwei Joche werden aber vom nachfolgenden Erzbischof Markus Sittikus wieder abgetragen und durch eine neue Holzbrücke ersetzt.

[24] Inschrift über dem Hauptportal:
Raitenavius Princeps hoc tantae molis equile / Exiguo primus tempore constituit. / Atque ut non desit cum largo copia cornu, / Frugibus omnigenis horrea plena dedit.
«Der Raitenauer Fürst erbaute diesen ersten Riesenbau des Rosses in knapper Zeit, und zugleich, auf dass das reichliche Füllhorn der Copia nicht fehle, fügte er mit alle Arten von Feldfrüchten gefüllte Speicher an».

[25] Siehe oben: Neue Strassenachsen. Erst die Schwibbogenverbindung vom Franziskanerkloster zur Kirche und entsprechende Abbrüche der direkt angebauten Klosterteile ermöglicht die Franziskanergasse.

[26] Andrea Bertoletti und Elia Castello sind Hofbaumeister. Bertoletti stirbt schon 1596. Castello stirbt 1608. Nachher ist die Hofbaumeisterstelle verwaist. Siehe dazu die Biografie Elia Castello in dieser Webseite.

[27] Die Genealogie der Raitenauer unter «Grafen und Edle Herren von Reitenau» in Kindler von Knobloch, Oberbadisches Geschlechterbuch M–R (1919), Seite 455 und 485–491.

[28] Die Anzahl der Reihen und damit der Fiocchi schwankt. Meist sind es sechs. Im Gemälde von Kaspar Memberger 1589 sind es zehn Fiocchi in vier Reihen. Immerhin sind es nicht die fünfzehn, die einem Kardinal zustehen würden.

[29] Auch am Eingang zur ehemaligen Dietrichsruh, einer zerstörten Gartenanlage der Alten Residenz, findet man einen Wappenstein von Wolf Dietrich mit der Bekrönung durch einen Kardinals-Galero. Siehe dazu die Wikipediaseite zu den Steinwappen der Fürsterzbischöfe, Bild 2.

[30] Zu Meier (Reitnau) siehe Kindler von Knobloch, Oberbadisches Geschlechterbuch M–R (1919), Seite 490.

[31] Die Beziehungsgeschichte der Raitenauer mit den Eschenzern ist undurchsichtig. Nach Kindler von Knobloch, Seite 485, verbindet sich Hermann von Raitenau durch Heirat mit den Eschenzern. Die letzten Zweige der Eschenzer fallen 1386 in der Schlacht bei Sempach. Ihr Erbe geht an eine Margreth von Wittenheim. Der Schild der Eschenzer ist im österreichischen Fürstenspiegel von Conrad Dezius 1621 (Seite 135) und in der Schlachtkapelle von Sempach dargestellt. Im Unterschied zur Wappenübernahme von Wolf Dietrich zeigt der Eschenzer Schild in Sempach verwechselte Spaltfarben und zwei Schrägbalken («von Silber und Blau dreifach schräggeteilt». So stellt ihn auch Kindler von Knobloch dar.

[32] Siehe dazu sechs Beispiele in der Wikipedia-Seite der Steinwappen der Fürsterzbischöfe von Salzburg.


Wolfgangus Theodericus archiepiscopus Salisburgensis
(Wolf Dietrich von Raitenau, Erzbischof von Salzburg),
Kupferstich; 1597
Stecher: Dominicus Custos; (1560–1612) nach Vorlage von Martin de Vos und Peter Overadt.
Bildbeschrieb im Text unten.
Quelle Universitätsbibliothek Salzburg, G 1548 I.
  Wolf Dietrich von Raitenau (1559–1617)  
  Biografische Daten     Zurück zum Bauwerk  
  Geburtsdatum Geburtsort       Land 18. Jahrhundert  
  26. März 1559 Hofen bei Lochau, Vorarlberg A   Vorderösterreich  
  Titel und Stellung         Regierungszeit  
  Fürsterzbischof von Salzburg   1587–1612  
  Sterbedatum Sterbeort       Land 18. Jahrhundert  
  16. Januar 1617 Salzburg A   Fürsterzbistum Salzburg  
  Kurzbiografie              
 

Wolf Dietrich von Raitenau ist selbst für das ausgehende 16. Jahrhundert ein aussergewöhnlicher Kirchenfürst. Am Vorabend des Barocks sammelt er bei seinem Onkel in Rom, dem Kardinal Mark Sittich von Hohenems, Erfahrungen in der römischen Lebensart und in der Baukunst. 1587 wird er als 28-Jähriger zum Fürsterzbischof von Salzburg und damit zum Primas Germaniae gewählt. Er modernisiert den Herrschaftsbereich und beginnt in Salzburg mit einem gewaltigen Stadtumbau, der in der Bischofsstadt das spätere barocke Stadtbild prägt. Eine ausgeprägte absolutistische Staatsauffassung und sein undiplomatisches Verhalten schaffen ihm zahlreiche Feinde, die mit Hilfe des bayrischen Herzogs Maximilian I. schliesslich seinen Sturz und seine Gefangenschaft bewirken.

    Raitenau1697  
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Exkurs

Das römische Umfeld und die Bauten des Kardinals Mark Sittich
Das Rom des Papstes Gregor XIII. ist der ausklingenden Renaissance verhaftet. Noch sind die Baumeister Fontana und Maderno wenig bekannt. Weder Kuppel noch Langhaus der Peterskirche sind begonnen. Aktiv sind vor allem die Jesuiten. Ihre Kirche Il Gesù des Baumeisters Vignola[33]  ist gebaut, deren von Giacomo della Porta geplante Fassade ist soeben vollendet. Bei einigen der eindrücklichen Römer Neubauten lässt sich der kommende Barock schon ahnen. In den Jahren des Aufenthalts von Wolf Dietrich in Rom ist sein Onkel Mark Sittich einer der aktivsten Bauherren. Der deutsche Kardinal, vermutlich inzwischen reichster Römer, geniesst auch die Protektion von Papst Gregor VIII. In Rom baut er den grossen Palazzo Altemps mit einem schönen manieristischen Innenhof direkt gegenüber dem Collegium Germanicum.[34] In den Bergen von Frascati kauft Mark Sittich 1567 von Kardinal Alessandro Farnese eine Villa Suburbana. Er nennt sie Villa Tusculana und lässt ihren Umbau vom Farnese-Architekten Vignola planen. Die Ausführung leitet Martino Longhi, der zum eigentlichen Architekten des Kardinals wird.[35] Longhi baut ihm auch den Familienpalast in Hohenems. 1573 beginnt Mark Sittich mit dem Bau eines weitaus grösseren Palastkomplexes oberhalb der Villa Tusculana. Er nennt den neuen Palast Villa Mondragone, bezugnehmend auf das Wappentier Gregors XIII.[36] Der Kardinal widmet das Gebäude und die Gärten dem Papst, der sie für den Sommeraufenthalt nutzt. Als Hochzeitsgeschenk an seinen legitimierten Sohn Roberto lässt Mark Sittich 1576–1579 am Südende des Gartens der Villa Mondragone einen dreigeschossigen, langgezogenen Palazzetto bauen, der Retirata genannt wird.[37]
Dass diese Bauvorhaben des Onkels mit ihren Baumeistern und Künstlern dem jungen Romaufenthalter Wolf Dietrich bekannt sind, zeigt der spätere Beizug einzelner in Mondragone wirkender Künstler für die Residenz Salzburg.[38] Auch die Villa Farnese in Caprarola mit ihrem grossartigen Treppenhaus dürfte ihm bekannt sein.[39] Wolf Dietrich kennt ihren Bauherrn, zudem liegt die Villa Farnese nahe der 1579 durch Mark Sittich neuerworbenen Herrschaft Gallese bei Viterbo. Obwohl das Hauptinteresse von Wolf Dietrich während dieser römischen Zeit eher der Lebensart des römischen Adels und der Kunst gilt, wird hier der Kern für sein späteres städtebauliches und baukünstlerisches Engagement in Salzburg gelegt.
Als Fürsterzbischof reist er 1588 nochmals nach Rom. Papst Sixtus V. und sein Baumeister Domenico Fontana beginnen um diese Zeit mit der urbanistischen Erneuerung Roms. Schon beim ersten Romaufenthalt Wolf Dietrichs hat Sixtus V., damals noch Kardinal Peretti, mit Fontana seine Villa in den Weingärten des Esquilin an der Aurelianischen Mauer gebaut, die auch Wolf Dietrich kennen muss.Vielleicht besucht Wolf Dietrich auch die soeben fertiggestellte Cappella Sistina in Santa Maria Maggiore, die Sixtus V. zu seiner Grabstätte bestimmt. Das schon vorher klar römisch orientierte Architekturverständnis des Salzburger Fürsterzbischofs dürfte bei diesem Aufenthalt eine Bestätigung erhalten haben.

Pius Bieri 2017

  RomAltemps
  Palazzo Altemps in Rom, von Martino Lungho il Vecchio 1576–1578 umgebaut.
Schnitt durch den Innenhof, aus Ferrerio/de Rossi: Palazzi di Roma 1655.
Quelle:
Universitätsbibliothek Heidelberg
  RomGermanicum
  «Chiesa di S. Apollinare, e Collegio Germanico, Palazzo Altemps» in Vasi:
Raccolta delle più belle vedute antiche e moderne di Roma, (Band 2) 1786.
Links der Palazzo Altemps, rechts die Kirche S. Apollinare und das Collegium Germanicum.
Quelle:
Universitätsbibliothek Heidelberg
  Mondragone
  Die beiden «ville suburbane» des Kardinals Mark Sittich in Frascati.
Unten links die Villa Tusculana, heute als Villa Vechia bezeichnet, umgebaut durch Vignola und Longhi 1568. Darüber die Villa Mondragone, 1573 von Longhi begonnen.
Ausschnitt aus der Vogelschauansicht von Matthäus Greuter 1620.
Quelle: Wikipedia.
  Mondregone
  Die Terrasse der Villa Mondragone bei Frascati (Longhi 1573).
Quelle: ETH Bibliothek.
Montalto   MonaltoRom2   Sixtina1 Sixtina2
1576–1581 baut Domenico Fontana für den Kardinal Felice Peretti di Montalto, der 1585–1590 unter dem Namen Sixtus V. Papst ist, ein Lusthaus mit Gärten, das nach seinem Tod Villa Peretti-Montalta genannt wird. Die Villa und ihre Gärten in den Weinbergen am Rande des antiken Roms sind zur Zeit des Romaufenthaltes von Wolf Dietrich schon gebaut.   Um 1670 wird der Garten der Villa Peretti-Montalta von Giovanni Giacomo de Rossi veröffentlicht. Der Stich von Giovanni Battista Falda trägt den Titel «Veduta del giardino del cardinale Paolo Savelli Peretti verso Santa Maria Maggiore. Architettura del caval.[ie]r Domenico Fontana». 1860 fällt die Anlage dem Bau der Stazione Termini zum Opfer..   1585/86 baut Domenico Fontana die Grabkapelle von Papst Sixtus V. in Santa Maria Maggiore. Sie ist das neueste fertiggestellte Sakralbauwerk Roms. 1588 wird Wolf Dietrich bei seinem Antrittsbesuch beim bis 1590 regierenden Papst kaum auf einen Besuch dieses Bauwerks verzichtet haben.
Schnitt und Fassade aus «Della trasportatione dell'obelisco vaticano....dal cavallier Domenico Fontana», Rom 1589.
Quellen:
Bild 1 und Bilder 3 aus «Della trasportatione dell'obelisco vaticano et delle fabriche di nostro signore papa Sisto V / fatte dal cavallier Domenico Fontana...: libro primo; Romae 1589». ETH-Bibliothek.
Bild 2 aus «Li giardini di Roma con le loro piante alzate e vedute in prospettiva. Disegnate ed intagliate da Gio. Battista Falda» (Rom 1670). Washington University in St. Louis.

 

Anmerkungen:
[33] Giacomo Barozzi da Vignola (1507–1573), Baumeister und wichtiger Architekturtheoretiker. Die dem römischen Manierismus der Spätrenaissance verpflichtete Jesuitenkirche Il Gesù wird zum Prototyp vieler frühbarocken Kirchen des 17. Jahrhunderts.

[34] Palazzo Altemps, 1576–1578, als Umbau von Martino Longhi il Vecchio, nördlich der Piazza Navone.

[35] Martino Longhi (um 1530 –1591) aus Viggù (Varese I), zu ihm siehe «Longo, Martino» in A.I.A. Die Villa Tusculana, erbaut 1561 und umgebaut 1568 durch Vignola und Longhi, wird heute als Villa Vecchia an der Via Frascati 49 in Monteporzio Catone bezeichnet. Sie wird deshalb auch in der Wikipedia mit der Villa Tusculana bei der Villa Aldobrandini verwechselt.

[36] Mondragone kommt von Monte Dragone, Berg des Drachen. Gregor XIII. führt den Drachen im Wappen. Für die Subkonstruktion der grossen Villenanlage benutzt Baumeister Martino Longhi die Ruinen einer römisch-antiken Villa der Quintiler. Zur Villa siehe die Dissertation von Daniel Christoph Benjamin Buggert (Aachen 2015). Die Villa liegt oberhalb der Villa Tusculana (Villa Vecchia) in der Gemeinde Monteporzio Catone.

[37] Der Sohn Roberto (1566–1686) verlobt sich im November 1576, 10 Jährig, mit Cornelia Orsini. Er wird im November 1686 beim Regierungsantritt von Sixtus V. wegen Ehebruchs hingerichtet.

[38] Der Maler Kaspar Memberger (1555–1618) aus Konstanz wirkt in der Villa Mondragone und ist 1593–1618 für Wolf Dietrich in Salzburg tätig.

[39] Der noch von Vignola geplante Bau ist 1575 beendet.


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