Rupert II. (Johannes Chrysostomus) Ness (1670–1740)

Reichsabt OSB in Ottobeuren 1710–1740

Als drittes von sieben Kindern des Schmiedemeisters Jakob Ness und der Magdalena Waldherr wird Johannes Chrysostomus am 24. November 1670 in der Reichsstadt Wangen im Allgäu geboren. Er besucht die Klosterschule in Ottobeuren, wo er nach dem Abschluss der Studien am 11. Juli 1688 die Ordensgelübde ablegt und den Klosternamen Rupert annimmt.[1] Anschliessend studiert er an der Benediktineruniversität Salzburg und feiert 1695 Primiz. Als erste Aufgabe betreut ihn Abt Gordian mit der Seelsorge in Tisis im Vorarlberg. 1703 beruft in der Abt ins Kloster zurück und betreut ihn mit dem Amt des Stiftsökonomen und Grosskellers. Er übernimmt auch die Seelsorge in Theinselberg.[2] An der Klosterschule unterrichtet er Theologie, Philosophie und Kirchenrecht. Am 8. Mai 1710 wird er als Nachfolger des Abtes Gordian als Rupert II. zum 52. Abt der Reichsabtei gewählt. Abt Rupert II. löst die Abtei noch im gleichen Jahr für eine Summe von 30 000 Gulden aus der Schutzvogtei der Augsburger Bischöfe. Ottobeuren ist nun völlig unabhängig, mit dem Fürstbischof in Augsburg ist die Abtei trotzdem fast traditionell im Dauerkonflikt. Zum Deutschen Kaiser bestehen aber immer gute Beziehungen. Dafür sorgen schon die finanziellen Unterstützungen des unter steter Finanznot leidenden habsburgischen Kaiserhauses. 1712 verleiht Kaiser Karl VI. dem Abt und seinen Nachfolgern den Titel eines wirklichen kaiserlichen Rates und Erbhofkaplans. Abt Rupert hat sich dem Kaiser, der noch immer das nachbarliche Bayern besetzt hält, ein Jahr vorher in Füssen vorgestellt, trifft den Prinzen Eugen in Memmingen und besucht den Herzog von Marlborough in der benachbarten Herrschaft Mindelheim. Während seiner Regierungszeit kann die Reichsabtei nebst den Professoren für die Klosterschule mit 240 Studenten auch Professoren an die Universitäten von Salzburg, an das Lyzeum in Freising und an die Akademie in Fulda delegieren. Ein Ottobeurer Pater ist Rektor der Universität Salzburg. 1718 wird Abt Rupert II. aufgrund der Verdienste der Reichsabtei für die Förderung der Wissenschaften Präses der Salzburger Universitäts-Konföderation.
Seine grösste Leistung ist jedoch der Neubau der Klosteranlage von Ottobeuren. Seit 1704 ist Pater Christoph Vogt, «Architectus praeclarus», wieder im Kloster, nachdem er 1696–1706 den Neubau des Klosters Holzen und 1702–1706 den Neubau der Wallfahrtskirche Eldern[3] geplant und geleitet hat. Mit ihm zusammen befasst sich Abt Rupert II schon seit seinem Amtsantritt intensiv mit dem grossen Bauvorhaben. «Pecunia, Prudentia und Patientia (Geld, Vorsicht und Geduld) seind die drei Elemanta, mit welchen man bauen muss» schreibt Abt Rupert II. am 20. Oktober 1717 ins Tagebuch, und er hält sich daran. Denn inzwischen ist der Klosterbau nach Plänen von Pater Christoph Vogt schon weit fortgeschritten und wird unter Beizug hervorragender Stuckateure und Freskanten bis 1725, dem Todesjahr des Klosterarchitekten, weitgehend fertiggestellt. Das residenzähnliche Bauwerk weckt Aufsehen und hat Neider. Der Abt von Neresheim wirft Abt Ruppert II. vor, dass sein Bau «alles modestiam religiosam weit und unzulässig überschreitet», worauf der Abt antwortet, «Kanns nicht mehr abbrechen und muss ad honorem Dei continuieren, solang Gott will. Wann mir Gott die Gnade gibt, auch die Kirche zu bauen, so werde ich wohl alle Kräfte anwenden, einen raren Tempel SS. Trinitati zu bauen, wogegen das Klostergebäu nichts sein soll!». Vor dem Bau der Stiftskirche muss er aber eine Zwangspause einschalten. Nicht mangelnde Finanzen, sondern ein vorsichtiger Konvent und der Polnische Erbfolgekrieg bremsen den bauwilligen Abt bis 1736. Inzwischen hat die Reichsabtei nicht nur den Konventneubau aus eigenen Mitteln bestritten, sondern baut gleichzeitig neue Pfarrkirchen in Theinselberg, Hawangen, Benningen und Ungerhausen, errichtet die Buschelkapelle als barocken Zentralbau, baut in Attenhausen und Benningen einen neuen Pfarrhof und kann trotzdem noch Erwerbungen tätigen. Ottobeuren verkraftet diese riesigen Aufwendungen dank einer hervorragenden Ökonomie unter der Leitung von Abt Rupert II. problemlos. Der grosse Bauabt beginnt deshalb schon früh mit der Planung des Kirchenneubaus, er ist von der Kollegienkirche in Salzburg und der Stiftskirche Weingarten beeindruckt, lässt aber von mehreren Baumeistern Entwürfe ausarbeiten. Eine Vielzahl von Projekten liegt vor, als Abt Rupert II. im März 1736 in sein Tagebuch schreibt, dass er aus allen etwas gezogen und nun vermeine, das Beste daraus erwählt zu haben. Die Ausführungsplanung überträgt er dem Klosterbaumeister Simpert Kramer. Am 13. Oktober 1736 beschliesst das Kapitel der Reichsabtei, «man solle in nomine Domini pro maiori gloria Jesu auch den Anfang zu der neuen Kirche machen». Ein Jahr später ist Grundsteinlegung. 1739 äussert Abt Rupert II. in seinem Tagebuch plötzlich Zweifel an der lange von ihm favorisierten Tambourkuppel nach dem Vorbild Weingartens und glaubt jetzt, aus Unterhaltsgründen darauf verzichten zu können und anstelle der «offenen cupula» eine «vertruckhte cupula» zu bauen. Als Abt Rupert II. Ness am 20. Oktober 1740 im Alter von 70 Jahren stirbt, ist die Kirche noch kaum über die Fundamente gewachsen und die alte Stiftskirche des Abtes Kaspar Kindelmann aus dem 16. Jahrhundert steht noch immer an der Stelle des projektierten Chores. Dass der Kirchenneubau nach seinem Tod nicht mehr von Simpert Kramer, sondern von Johann Michael Fischer weitergeführt wird, schmälert den Verdienst des grossen Bauabtes nicht. Er ist Schöpfer einer der grössten, eindrücklichsten und am reichsten ausgestatteten barocken Klosteranlagen mit einer Stiftskirche, die einen Höhepunkt des süddeutschen Barock darstellt.
Vom «Zweiten Stifter» Ottobeurens, wie Abt Rupert II. vom Klosterchronisten P. Maurus Feyerabend genannt wir, sind zwei Porträts bekannt. 1723 malt Jacob Carl Stauder den 53-jährigen Abt stehend hinter einem Lehnstuhl, mit Biret und Mozetta, die linke Hand weist auf einen über einem Buch ausgelegten Bauplan der Kirche hin, im Hintergrund ist das neue Kloster zu erahnen. Im Klostermuseum hängt ein bedeutend aussagekräftigeres Bild des Prälaten. Er sitzt jetzt im Lehnstuhl, das Biret hält er jetzt in der linken Hand, seine Gesichtzüge sind leicht väterlicher, aber dem Porträt von 1723 erstaunlich ähnlich. Im Hintergrund ist das neue Kloster in einer Vogelperspektive dargestellt. Die Kirche zeigt noch die von ihm bis 1739 favorisierte Tambourkuppel. Seitlich unten ist sein Wappen, in Blau drei geschmiedete Ringe auf silbernem Balken, zusammen mit dem Stifter- und Klosterwappen zu finden.
Pius Bieri 2010

Benutzte Literatur:
Lindner, Pirmin: Album Ottoburanum, in: Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben und Neuburg, Band 30–31, Augsburg 1903 und 1904.
Bernhard, P. Magnus OSB: Beschreibung des Klosters und der Kirche zu Ottobeuren. Ottobeuren 1864.
Schaber, Johannes: Ness, Rupert OSB, in: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL), Band XIV, Herzberg 1998.

Anmerkungen:

[1] Im Oktober des gleichen Jahres wird Gordian Scherrich, ebenfalls aus Wangen stammend, zum 51. Abt von Ottobeuren gewählt.

[2] Die Seelsorge erfolgt «ex currendo», das heisst er ist nur an Sonn- und Feiertagen in Theinselberg.

[3] Sie wird am 10. Mai 1710, einen Tag nach der Wahl von Abt Rupert II, vom Augsburger Weihbischof Johann Kasimir Röls eingeweiht, der am 11. Mai auch Rupert II. als Abt weiht.

 

1723 malt Jacob Carl Stauder ein Porträt des 53-jährigen Prälaten. Das Bild hängt in den Klausurräumen des Klosters (Bildquelle: Onken 1973). Abt Ruppert II steht hinter einem Lehnstuhl, mit Biret und Mozetta, die linke Hand weist auf einen über einem Buch ausgelegten Bauplan der Kirche hin, im Hintergrund ist das neue Kloster zu erahnen. Am Lehnstuhlrücken ist der Wappenschild des Abtes zu sehen. Die Wappen sind auch am Klostergebäude angebracht.
> Wappen (Bildquelle Johannes Böckh & Thomas Mirtsch, Wikipedia). Oben befinden sich die Klosterwappen, in Rot ein halber silberner Adler und in Schwarz eine goldene Rosette, unten das Wappen von Abt Rupert, in Blau ein silberner Balken mit drei schwarzen Ringen.
  Abt OSB Rupert II. Ness (1670–1740) in Ottobeuren  
  Biografische Daten     Zurück zum Bauwerk  
  Geburtsdatum Geburtsort       Land 18. Jahrhundert  
  24. November 1670 Wangen i. Allgäu Baden Württemberg D   Reichsstadt Wangen  
  Titel und Stellung         Regierungszeit  
  Abt der Benediktiner-Reichsabtei Ottobeuren   1710–1740  
  Sterbedatum Sterbeort       Land 18. Jahrhundert  
  20. Oktober 1740 Ottobeuren Unterallgäu Bayern D   Herrschaft Abtei Ottobeuren  
  Kurzbiografie              
 

Abt Rupert Ness regiert Ottobeuren während 30 Jahren. Hervorragend gebildet und um Bildung des Nachwuchses besorgt, steht er einer ungemein finanzkräftigen Abtei und einem starken Konvent vor. Seine grosse Leistung ist der Neubau der Klosteranlage Ottobeuren, deren Planung er sofort nach seiner Wahl an den Klosterökonom und Liebhaberarchitekt Pater Christoph Vogt überträgt. Er beruft für die Ausstattung hervorragende Künstler nach Ottobeuren. Kritik am residenzähnlichen Neubau kontert er mit dem Hinweis, dass die geplante Kirche das Klostergebäude noch in den Schatten stellen werde. Er kann die Kirche noch beginnen, aber erst 20 Jahre nach seinem Tod ist sie fertig. Tatsächlich wird es eines der grossartigsten Bauwerke des 18. Jahrhunderts.

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